Der Architekt Horst Eisterer von der Arbeitsgruppe Städtebau+Architektur Zürich (asaz) reagiert kritisch auf den Beitrag Fabrizio Brentinis vom 10. Januar «Hochhäuser – Problemlöser oder Problemverursacher?» Hier seine Replik, die speziell auf die Situation in Zürich Bezug nimmt.
Der informative Artikel «Hochhäuser – Problemlöser oder Problemverursacher?» soll hier kritisch ergänzt werden. Es ist nämlich zu klären, ob und wie hoch mit Hochhäusern verdichtet werden kann oder soll. Der erste Satz dieses Artikels stellt fest, «wegen Bevölkerungswachstum und der Forderung nach Verdichtung» müsse «vermehrt in die Höhe gebaut werden». Diese Aussage kann zum Schluss führen, Hochhäuser seien zur Verdichtung notwendig.
Dieser Schluss ist aber voreilig und nicht haltbar, zumindest wenn wir von einer Verdichtung sprechen, die umwelt- und menschenverträglich ist, mit ausreichend Freiflächen für Erwachsene wie für die Kinder. Die Vorstellung, es müsse mit Hochhäusern verdichtet werden, ist schon dadurch widerlegt, dass «horizontale» Städte oder Stadtgebiete viel dichter sind als beispielsweise unsere Hochhausgebiete in Zürich. Dies betrifft z.B. Paris, Barcelona, Genf – oder unsere Altstädte. Das weit verbreitete Narrativ, wegen des knappen Bodens müsse man in die Höhe verdichten, ist so plausibel wie falsch – sofern wir uns kein Overcrowding wie in Singapur, Hongkong oder Wuhan zumuten wollen.
Dass es für umwelt- und menschenverträgliche Dichte, wie beispielsweise in der «15-Minutenstadt» mit ausreichender Freifläche, keine Hochhäuser braucht, ist seit über hundert Jahren immer wieder wissenschaftlich bewiesen worden. Dies, weil die Freiflächen – von der Dichte unabhängig – mit zunehmender Geschosszahl überproportional abnehmen. Ab vier bis fünf Geschossen werden durch weitere Geschosse hinzu gewonnenen Freiflächen unerheblich. Dieser Zusammenhang ist allerdings selbst in Fachkreisen leider nicht ausreichend bekannt.
In Hochhausgebieten sind die mangelhaften stadträumlichen Qualitäten zu kritisieren mit ihren unwirtlichen und ungemütlichen Resträumen zwischen den banal und erdrückend wirkenden Hochhausriesen mit ihren Fallwinden. Dies im Gegensatz zu Städten mit liegender, preisgünstiger und einfacher vier- bis sechsgeschossiger Bauweise. Hier entstehen zum Aufenthalt einladende Strassen und Plätze, die heute zunehmend vom lärmigen und gefährlichen Durchgangsverkehr befreit werden. Schöne Städte, in denen wir uns gerne aufhalten, sind Städte mit einzelnen Häusern in Häuserzeilen, mit vielen Bäumen als Alleen oder Gruppen, welche vor allem Hitzeinseln vermeiden, Südfassaden beschatten und uns zum Flanieren oder Verweilen einladen.
Demgegenüber entwickeln sich derzeit in Zürich immer mehr Quartiere mit willkürlich eingestreuten Hochhäusern, die das von Gletschern geformte Tal mit den sanften Erhebungen der Umgebung (Uetliberg, Zürichberg, Käferberg) verunstalten. Die Hässlichkeit wird von oben betrachtet deutlich sichtbar und erinnert an karzinogene Strukturen. Das ist alles andere als geordnete Stadtplanung und befriedigt vor allem Interessen von Investoren. Der Mangel an Rücksicht auf die Eigenheiten und die Massstäblichkeit der Nachbarschaft ist offensichtlich.
Zwei Beispiele: Die Hochhäuser beim Tramdepot Hard beeinträchtigen die sonst reizvolle Uferlandschaft an der Limmat und den nördlich gelegenen Freizeitpark («Riviera») erheblich. Noch rücksichtsloser wären die geplanten, 137 Meter hohen und enorm breiten Riesen des Projekts «Ensemble», welche ihre Nachbarschaft in mehrfacher Hinsicht ignorieren.
Gelegentlich und in seltenen Fällen lässt sich dennoch ein sensibel eingefügte Hochhaus, zentrumsbildend an gut erschlossener Lage – z.B. an einem Bahnhof –, städtebaulich und stadtmorphologisch begründen. Doch solche Bauten eignen sich eher nicht fürs Wohnen, sondern für Arbeitsplätze oder eine andere öffentliche Nutzung.
Warum aber gibt es angeblich ein Bedürfnis, Hochhäuser zu bauen? Die tatsächlichen Gründe dafür:
- In den oberen Geschossen lassen sich mit Kleinwohnungen oder grosszügigen Loftwohnungen enorme Renditen resp. beim Verkauf Gewinne erzielen.
- Die attraktive Aussicht für Privilegierte, aber nur dann, wenn nicht andere Hochhauscluster diese versperren.
- Die emotionale Verführung, etwas Grosses, Imposantes – ein Denkmal – zu schaffen, gepaart mit der fragwürdigen Überzeugung, Hochhäuser seien besonders urban.
Weitere Nachteile der Hochhausbauweise sind bekannt: Die Isolierung der Bewohner durch die vertikale Distanz zum Boden; die weitaus höhere Umweltbelastung durch Hochhäuser im Bau, Betrieb und Unterhalt; die hohen Kaufpreise resp. Mieten wegen der teuerstmöglichen Bauweise. Letzteres fördert die Gentrifizierung, d.h. die Verdrängung sozial schwacher Gruppen aus unserer Stadt. Der enorme Mangel an preisgünstigen Wohnungen wird in Zürich durch noch mehr Hochhäuser verstärkt.
Die neuen Hochhausrichtlinien, die deren Bau fördern wollen und die demnächst im Zürcher Gemeinderat behandelt werden, würden auf den dafür vorgesehenen Gebieten preiswerten Wohnungbau verhindern, die Stadt dadurch weiter gentrifizieren und verunstalten, sowie die Umwelt und Klima enorm belasten – und dies auf Jahrzehnte hinaus.