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Briefwechsel

Goethe und Zelter – eine erstaunliche Freundschaft

24. Mai 2026
Urs Meier
Goethe und Zelter
Johann Wolfgang von Goethe (Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, 1828, Ausschnitt) und Karl Friedrich Zelter (Gemälde von Carl Joseph Begas, 1827, Ausschnitt)

Zwei Männer von ganz unterschiedlicher öffentlicher Statur werden Freunde fürs Leben. Ihre Verbindung vollzieht sich in Briefform. Die Korrespondenz berührt alles, was ihnen wichtig ist: Kunst, Zeitgeschehen, Privates und die Art, die Welt zu sehen.

Von 1799 bis 1832 reicht die Korrespondenz. 871 Briefe, oft mehreren Druckseiten lang, umfasst sie. Auf der einen Seite der Dichter, Theaterintendant, Naturforscher und Staatsdiener in Weimar, auf der anderen der zum Dirigenten, Komponisten, Musikpädagogen und -professor avancierte einstige Maurer und Bauunternehmer in Berlin: Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) und Karl Friedrich Zelter (1758–1832).

Zelter, der sich nebenberuflich zum Musiker ausgebildet hat, ist 1791 in die eben von seinem Theorielehrer und Förderer Carl Friedrich Christian Fasch gegründete Sing-Akademie zu Berlin eingetreten. Die berühmte Institution existiert bis heute. Als acht Jahre später der Briefwechsel beginnt, ist Zelter bereits zu Faschs Nachfolger aufgerückt und zu einer zentralen Figur in Berlins Musik- und Kulturleben geworden. Doch selbst in dieser respektablen Position in der preussischen Metropole muss er den längst in ganz Europa berühmten Goethe auf einem für ihn unerreichbaren Level der Bedeutung gesehen haben. 

Trotzdem funkt es zwischen den beiden. Zelter hat einige Gedichte Goethes in Musik gesetzt und damit beim Verfasser warme Zustimmung gefunden. Über Jahre hinweg pflegen die beiden auf dem Korrespondenzweg diese Art der Zusammenarbeit: Oft überrascht Zelter den Dichter mit Vertonungen; ebenso häufig regt Goethe den Musiker zum Komponieren an. Die Goethe-Lieder gehören zum Beständigsten, was Zelter musikalisch hinterlassen hat.

Schon nach kurzer Zeit nehmen die Briefe der beiden Korrespondenzpartner einen eng vertrauten Ton an, ja, sie versichern sich immer wieder ihrer Freundschaft und Anhänglichkeit. Vor allem Zelter hält sich nicht zurück, seine Liebe zu Goethe, den er in den drei Jahrzehnten nur wenige Male persönlich trifft, emphatisch kundzutun. Für heutige Leser kann dieser Gefühlsüberschwang im Austausch zwischen Männern, die in ihrer Lebensmitte stehen, befremdlich wirken. Begreift man die Texte jedoch aus ihrer Zeit heraus, so findet man sich wieder in einem Milieu, das die aus der Aufklärung hervorgehende Hochschätzung der Individualität mit einem Kult der Freundschaft zelebriert. In Beziehungsnetzen dieser Art haben Männer und Frauen vor allem im späten 18. Jahrhundert den starren Ordnungen der Gesellschaft einen Raum der Freiheit und Selbstverwirklichung abgetrotzt.

Auch wenn man den zeittypischen Hang zur Emphase in Rechnung stellt, sticht dieser Briefwechsel vor allem mit Zelters emotionaler Intensität heraus. Aber auch der abgeklärtere Goethe gibt zu erkennen, wie sehr er an diesem Freund und dem Austausch mit ihm hängt. Schweigt Zelter ein paar Wochen, so sendet ihm Goethe dringliche Aufforderungen, doch ja zur Feder zu greifen und sich nicht knapp zu halten.

In Briefen Halt geben und Halt finden

1806 stirbt Zelters Frau Julie, eine ausgezeichnete Sängerin und wichtige Mitarbeiterin in der Sing-Akademie. Elf Jahre vorher hat Zelter seine erste Frau verloren; sie hat ihn mit neun Kindern zurückgelassen. Nun da die sehr geliebte Julie die Geburt des dritten gemeinsamen Kindes nicht überlebt, fällt er in tiefe Verzweiflung, die er in einem Brief an den Freund ohne grosse Worte zu erkennen gibt. In seiner tröstenden Antwort geht Goethe umstandslos zum Du über – was er etwa bei Schiller, dem er ja sehr nahe war, niemals getan hat. Zelter bleibt einer seiner ganz wenigen Duzfreunde.

Überhaupt die Todesfälle: Zelter verliert nach beiden Ehefrauen über die Zeit des Briefwechsels ausser der Tochter Doris alle seine Kinder und zahlreiche nahe Verwandte. Goethe beklagt den Tod seiner Frau Christiane, dann jenen seines engen Freundes und Landesherrn, des Grossherzogs Carl August. Besonders schmerzlich ist ihm der Verlust Augusts, des einzigen Sohnes. Die alternden Freunde empfinden sich zusehends als Übriggebliebene, und ihr beständiges Korrespondieren wird unter der Hand zur Vergewisserung ihres Bleibens im Leben. 

«Hat man die Feder in der Hand, so muss man denken, wozu man im Leben nicht mehr geneigt ist.» Dieser Seufzer Zelters in seinem Brief vom 1. August 1820 spricht von seiner permanenten Überlastung. Die unablässigen Kämpfe um Bestand und Finanzierung seiner Sing-Akademie, das Konzertprogramm mit riesig besetzten Chören und Orchestern und meist einer einzigen Probe, die intensive Tätigkeit als Gesangslehrer, Chorleiter und Musikprofessor, ferner die häufigen Kompositionsaufträge, das Führen eines offenen Hauses mit unzähligen Besuchen, Gesellschaften und Festivitäten, die Sorge um seine weit verstreute Familie, die er, obschon selber notorisch knapp bei Kasse, immer wieder unterstützt.

Auch Goethe führt nicht das beschauliche Leben, das man bei einem Dichter vermuten könnte. Neben seiner immensen literarischen Produktion steht er als Geheimrat im Staatsdienst des Grossherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, eines Mini-Staates zwar, aber Goethes Aufgaben sind vielfältig und anspruchsvoll. Als Intendant des Hoftheaters leitet er zudem ein anspruchsvolles und dichtes Kulturprogramm – eine Aufgabe, die ihm als Dramatiker die Gelegenheit bietet, seine Vorstellungen vom klassischen Drama in enger Zusammenarbeit mit Schiller zu entwickeln und zu erproben.

In den Zeiten der Napoleonischen Kriege kommen Mangel und Unsicherheit als Erschwernisse hinzu. Berlin und Weimar sind von französischen Truppen besetzt, die unzimperlich Häuser und Vorräte in Beschlag nehmen. Goethe am 26. Juni 1806: «Die Briefe gehen ungewiss auf diesen Strassen.» Zelter berichtet, das Archiv der Akademie sei geplündert, und Goethe schreibt: «In den schlimmsten Stunden, wo wir um alles besorgt sein mussten, war mir die Furcht, meine Papiere zu verlieren, die peinlichste, und von der Zeit an schicke ich zum Drucke fort, was nur gehen will.»

Die Zeit bei den Ohren fassen

Mehrmals berichtet Zelter in zusammenhängenden Briefen ausführlich von seinen Reisen. Es geht unter anderem nach Wien, nach Dresden, nach Holland, nach Wiesbaden und Köln. Goethe schätzt diese lebhaften und anschaulichen Reiseberichte, lässt sie abschreiben und als Hefte in seinem Bekanntenkreis zirkulieren. Möglicherweise sind sie der erste Anstoss zum späteren Entschluss, die ganze Korrespondenz zu veröffentlichen.

Auf der Wien-Reise berichtet Zelter von einer dortigen Aufführung von Haydns Oratorium «Die Schöpfung» mit den Worten: «Die Ouvertüre in Haydns ‘Schöpfung’ ist das Wunderbarste aller Welt, indem durch ordentliche, methodische, ausgemachte Kunstmittel ein – Chaos hervorgebracht ist, das die Empfindung einer bodenlosen Unordnung zu einer Empfindung des Vergnügens macht.» (Brief vom 16. Mai 1820). Bedenkt man, was Haydn seinem Publikum in dieser «Vorstellung des Chaos» an harmonischen Dissonanzen und motivischen Kontrasten zugemutet hat, so gibt Zelters Begeisterung Zeugnis von souveränem Kunstsinn. Dieser bewährt sich nicht nur im sicheren musikalischen Geschmack – Zelter richtet seine Massstäbe vornehmlich an Bach, Händel und Haydn aus – sondern auch in seinem Erkennen grosser Talente. Er fördert und begleitet seinen besten Schüler bis zu dessen glanzvollem internationalen Durchbruch: Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Als der 17jährige Felix seine fünfte Oper zur Aufführung bringt, schreibt Zelter über dessen eingängigen und eigenständigen Stil: «Er fasst seine Zeit bei den Ohren und führt sie mit sich, und so könnte man’s gelten lassen.» Man darf da sicher eine Paraphrase heraushören zu Hegels berühmtem Diktum: «Die Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken gefasst.» Hegel ist ja ein Nachbar Zelters, er kommt öfters zu diesem zum Essen und zu einer Partie Whist.

Die Letzten einer Epoche

Mitte 1825 folgt ein weiterer Schritt, der zur Veröffentlichung der Korrespondenz führen wird. Goethe arbeitet an seinen Annalen und verlangt zu diesem Zweck seine Briefe von Zelter. Daraus ergibt sich die Idee, beider Briefe abschreiben und chronologisch zusammenstellen zu lassen. «Es werden Codices, an denen wir unsere Freude haben wollen.» (Goethe am 7. Juni 1825)

Und worin soll die Freude bestehen? Goethe holt etwas aus: «Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wornach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in Mittelmässigkeit zu verharren. (…) Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für leichtfassende praktische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich selbst nicht zum Höchsten begabt sind. Lass uns soviel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir herankamen; wir werden, mit vielleicht noch wenigen, die Letzten sein einer Epoche, die sobald nicht wiederkehrt.»

Goethe ist 76 Jahre alt, als er dies seinem 67jährigen Freund schreibt. Sie beide sind alte Männer geworden und fühlen sich auch so. Die neu anbrechende Zeit ist nicht mehr die ihre. Goethe kann nichts anfangen mit den Literaten der Romantik. Er will die Welt nicht erspüren, sondern erforschen und begreifen. In der Geschäftigkeit der umfassend technisierten Zivilisation sieht er nur die Herrschaft des Mittelmasses. Seine Vorstellung eines Kontinuums von Natur und Geist, das für ihn gleichermassen Gegenstand von Dichtung und Naturforschung ist, kennzeichnet eine vergehende Epoche. Goethe sieht sich als Übriggebliebenen.

Historischer Paukenschlag: Bach wiederentdeckt

Auch Zelter kennt nostalgische Anwandlungen, doch er bleibt rastlos tätig und gewinnt aus dem Festhalten an seinen künstlerischen Leitideen Kraft zu Neuem. Am 9. März 1829 schreibt er nach Weimar, er werde «die Passion» von Bach aufführen lassen: «Felix hat die Musik unter mir eingeübt und wird sie dirigieren, wozu ich ihm meinen Stuhl überlasse.» Drei Tage später berichtet Zelter über die Aufführung in Berlin. Es handelt sich um eins der entscheidenden Ereignisse der Musikgeschichte: die Wiederaufführung von Bachs Matthäuspassion, die den fast vergessenen, nur bei Musikern noch präsenten Thomaskantor mit einem Paukenschlag in die Musikwelt zurückbringt. Erst mit diesem Datum wird Bach zu dem Fixstern der Musik, der er bis heute ist. Mendelssohns (gekürzte und romantisierte) Aufführung vom 11. März 1829 mit der Berliner Sing-Akademie löst eine Bach-Renaissance von kaum vorstellbarem Ausmass aus. 

Dass Zelter dahintersteckt, ist nur wenig bekannt. Schon am 8. Juni 1827 schreibt er in einem Brief, der im Zusammenhang einer Diskussion mit Goethe über die Einflüsse von Vorläufern Bachs steht: «Alles erwogen, was gegen ihn zeugen könnte, ist dieser Leipziger Kantor eine Erscheinung Gottes, klar, doch unerklärbar.» 

In seinem Residenzstädtchen Weimar hat Goethe wenig Gelegenheit, grosse musikalische Aufführungen zu erleben. Einmal bekennt er, zwei Jahre ohne jede Musik gelebt zu haben. Mit zunehmendem Alter erträgt er musikalische Überwältigungen immer weniger. Was er hingegen liebt, ist die Formation des Streichquartetts, von der er sagt, «… man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennenzulernen.» (Goethe an Zelter, 9. November 1829)

Das Haus bestellen

Rückzug auf’s Wesentliche ist auch Goethes Devise bei seiner Lektüre. Nachdem er jahrelang regelmässig deutsche und französische Zeitungen gelesen hat, «… werd ich veranlasst, Dir etwas Wunderliches zu vermelden und zu vertrauen: dass ich nämlich nach einer schnellen strengen Resolution alles Zeitungslesen abgeschafft habe…» (29. April 1830 an Zelter)

Goethe «bestellt sein Haus», wie er Zelter am 6. Dezember 1830 schreibt, er «traut dem Landfrieden nicht». Er ist 81jährig und krank, hat keine Nachkommen und regelt deshalb seinen Nachlass. Die Veröffentlichung der Korrespondenz mit Zelter ist mittlerweile beschlossen. Er schlägt Zelter vor, dass der Bucherlös nach Zelters Ableben dessen einzig verbliebener Tochter Doris zukommen solle.

Am 20. August 1831 meint Goethe zu Zelter: «Je älter ich werde, seh’ ich mein Leben immer lückenhafter, indem es andere als ein Ganzes zu behandeln lieben und sich daran ergötzen.» Man denkt da natürlich an Rüdiger Safranskis Goethe-Buch, welches das Leben des Porträtierten explizit als «ein Kunstwerk» darstellen will.

Immerhin: Das Riesenprojekt «Faust», mit dem Goethe fast sein ganzes Leben lang gekämpft hat, kommt zum Abschluss. Freunde, namentlich Schiller und ebenso auch Zelter, haben ihn immer wieder gedrängt, den Stoff nicht aufzugeben. In Goethes Todesjahr 1832 kann endlich «Faust II» erscheinen. Zelter berichtet aus Berlin von einem regelrechten Faust-Hype. Vornehme Familien schaffen sich Spinnräder an. «In einem gräflichen Hause, wo ich die Ehre hatte, gratis zu unterrichten, musste ich stets gemeldet werden: dann fand ich meine hohe Schülerin in völligem Putze vom Spinnrad aufstehend, mich zu empfangen. Ich merkte mir die Stärke des Rockens und der Spule, fand aber immer alles, wie ich’s gelassen.» (Zelter an Goethe, 28. Oktober 1831)

Am Schluss des letzten Briefs Zelters vom 22. März 1832 heisst es: «Nun les’ ich im 33. Bande die Sammlung Deiner Rezensionen zum ersten Male und bin zufrieden mit – mir, indem ich es mit Dir bin.» Es ist der Tag, an dem Goethe im Weimar stirbt. Zelters Brief erreicht ihn nicht mehr. Damit ist geschehen, was Zelter in einem Brief vom 5. November 1825 für sich selbst befürchtet hat: «Ich möchte mich im Grabe umwenden, wenn ein Brief von Dir nach meinem Tode käme.»

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