Alle Alterswerke von Verdi sind Meisterleistungen, die ihm vor allem durch einen Mann abgerungen wurden: seinen Freund und Ratgeber – und selbst Komponist – Arrigo Boito. Auch Verdis Verleger gehörte zu den Ungeduldigen, die immer nach mehr verlangten.
Zu Verdis Alterswerken zählen seine beiden Opern «Otello» und «Fastaff» sowie Umarbeitungen von «Don Carlos» und «Simone Boccanegra». Wir sind heute dankbar dafür, dass Verdi im Alter weitergearbeitet und nicht resigniert hat. Selbstzweifel sind im Alter das grösste Hindernis für die eigene Produktivität.
Wir werfen hier einen Blick auf ein Werk, das ich zu den Alterswundern Verdis zähle: seine vier Stücke, die er als «pezzi sacri» betitelte: also Stücke, die mit «heiligen Dingen» zu tun hatten. Sie stammen aus unterschiedlichen Zeiten. Verdi hat die meisten erst im Alter komponiert und zur Veröffentlichung freigegeben.
Das erste Stück ist ein «Ave Maria» aus dem Jahr 1889, das auf einer «scala enigmatica» beruht, also einer «rätselhaften Tonfolge». Verdi hat das Werk im Jahr 1897 noch einmal revidiert und nannte dieses Muttergottesgebet einmal «eine harmonische Kuriosität». Es ist ein Stück ohne Begleitung von Instrumenten.
Das zweite Stück ist ein «Stabat mater», der bekannte Hymnus über die Muttergottes unter dem Kreuz Christi. Verdi besetzte es mit grossem Orchester und gemischtem Chor. Es zeichnet sich durch eine arienhafte Melodik aus und grosse Dramatik in bemerkenswerten Ausbrüchen. Am Schluss, wenn es um die Glorie des Paradieses geht, steht ein hymnischer Aufschwung, der in den tiefen Streichern aber gleichsam zu sterben scheint.
Als drittes Stück vertont Verdi wiederum a capella für vier Frauenstimmen einen Text aus dem «Paradiso» von Dante, im Grunde ein Gebet, das die Kontrapunktik der Renaissancemusik aufgreift. Es übernimmt eine bekannte Sentenz Verdis: «Torniamo all’ antico e sará un progresso» – kehren wir zum Antiken zurück und es wird ein Fortschritt sein!
Das Schlussstück ist ein «Te Deum» mit Orchester, Doppelchor und einem Sopransolo im letzten Teil. Gregorianischer Gesang wechselt mit Tutti-Stellen. Das Sopransolo am Ende des Werkes verstand Verdi als «Stimme der Menschheit». Das Stück endet besinnlich, im Grunde vergleichbar mit dem Verklingen seines berühmten Requiems.
Meine bevorzugte Aufnahme des Werkes ist die von Ricardo Muti, dem schwedischen Rundfunkchor und den Berliner Philharmonikern aus dem Jahr1983.