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Industriegeschichte

Getippte Spur der Gedanken

12. September 2026 , Oldenburg
Oliver Schulz
Oliver Schulz
Sammlung Schulze
Eine Olympia SF aus der Sammlung von Oliver Schulze

Die Schreibmaschine war ein Jahrhundert lang unverzichtbar für die Kommunikation. Längst aus den Büros und Amtsstuben verschwunden, löst das Klappern der Typenhebel bei vielen noch immer ein wohliges Gefühl aus. Eine Liebeserklärung eines Sammlers. 

Was fühlt eine Schreibmaschine, wenn sie für immer verlassen wurde? 

Das habe ich mich gefragt, als Paul Auster am 30. April 2024 gestorben ist. Zeitlebens hat der US-amerikanische Schriftsteller («Die New-York-Trilogie», «Leviathan») seine Texte auf einer mechanischen Schreibmaschine der Marke Olympia getippt, und er hat ihr ein literarisches Denkmal gesetzt. 

In seinem Werk «Das Buch meiner Schreibmaschine» (The Story of My Typewriter/2002) heisst es: «Es war eine Olympia-Reiseschreibmaschine, hergestellt in Westdeutschland. Dieses Land gibt es nicht mehr, aber seit jenem Tag im Jahre 1974 ist jedes Wort, das ich geschrieben habe, auf dieser Maschine getippt worden.» Sein Tod liess nicht allein seine Familie traurig zurück, sondern auch seine treue Begleiterin. Was ist wohl seither mit dieser Olympia SM 9 geschehen? Ist das Farbband inzwischen eingetrocknet; haben die Typenhebel ihre Funktionalität eingestellt; hat sie sich einem anderen Benutzer verweigert; kann sie nur noch melancholische Texte verfassen?

Siegeszug des Computers

Mit einer mechanischen Schreibmaschine ist wohl jeder vor 1975 geborene Mensch irgendwann konfrontiert worden. Auf dem Amt, im Büro, an der Universität: Es gab keine andere Form der formellen Schriftkommunikation. Nachfolgend Geborene mögen vielleicht auf dem Dachboden oder im Keller schon mal eines dieser sperrigen Geräte entdeckt haben. Man weiss nun nicht so recht weiter mit der altertümlichen Fundsache: Soll man sie aufheben, vielleicht als Deko fürs Regal, mal zum Spass darauf tippen – oder am besten gleich zum Sperrmüll?

Die Schreibmaschine erledigte zuverlässig jeglichen Schriftverkehr von Hand: Rechnungen, Mahnungen, Doktorarbeiten, Propaganda, Memos, Einkaufslisten oder Liebesbriefe. Spätestens mit dem Aufkommen der digitalen Schreibarbeit war der Siegeszug des Computers nicht mehr aufzuhalten; die Maschinen verschwanden nach und nach aus Amtsstuben, Schreibzimmern und Redaktionen. 

Kommunikative Steinzeit

Die fortschreitende Digitalisierung durch Personal Computer und Smartphone hat die Schrift- und Arbeitswelt komplett verändert. Es wird zwar immer noch auf einer Tastatur getippt, deren Anordnung von Buchstaben und Schriftzeichen übrigens seit 1875 patentiert (QWERTY) und kaum verändert ist (QWERTZ-Belegung für Deutschland, Österreich und die Schweiz; letztere ohne ß/scharfes S). 

Als analoge Kulturtechnik gehört die mechanische Schreibmaschine allerdings in die kommunikative Steinzeit. 2003 wurde das Gerät aus dem Verbraucherpreisindex gestrichen, nachdem es fast vollständig durch computer­gesteuerte Drucker verdrängt worden war. 

Ein Wunderwerk der Feinmechanik

Die neue Kulturtechnik veränderte auch deren Nutzer. Das Maschineschreiben, idealerweise gelernt mit 10 Fingern, verlangt höchste Disziplin und Konzentration. Ist die Type erst mal durch das schwarze oder rote Farbband auf einem weissen Blatt Papier gelandet, bleibt dieser Abdruck auf ewig sichtbar. Es gibt kein Reset, keinen Schritt zurück, jeder Tastendruck löst eine Aktion aus und hinterlässt Spuren der Gedanken. Man mag sich daran erinnern oder es nicht glauben: Die Weiterverarbeitung der Texte war ausschliesslich mit Kopierpapier und die Fehlerkorrektur nur unter Verwendung von Tipp-Ex möglich. Das sogenannte Blindschreiben für angehende Büromitarbeiterinnen und Büromitarbeiter war unerlässlich: denn Zeit ist Geld.

In ihrer Konstruktion ist die Schreibmaschine ein Wunderwerk der Feinmechanik: Ganz gleich, ob eine Hermes Baby, eine Olivetti Lettera 22 oder eine Olympia Monica - das Konzept hat sich nicht wesentlich verändert, mehr als 2000 Einzelteile sind filigran verbaut, an der Tastenaufschlagstelle vor dem Papier verläuft ein in Spezialtinte getränktes Textilband. 

Geburt der Olympia-Schreibmaschinen

Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Massenmarkt entdeckt. Als in den Vereinigten Staaten die Schreibmaschinenwerke schon länger nach den von F. X. Wagner gefundenen Prinzipien fabrizierten, steckte die Fertigung im Kaiserreich noch in bescheidenen Anfängen. Die eingeführten amerikanischen Fabrikate waren sehr teuer, und es galt daher, eine preislich vorteilhafte und einfach zu handhabende Maschine auf den Markt zu bringen. Verwirklicht wurde diese Idee mit der von Friedrich von Hefner-Alteneck konstruierten Mignon, eine Typenzylinder- und Zeigermaschine, die 1903 von der AEG in Berlin hergestellt und einer Vertriebsgesellschaft anvertraut wurde, aus der Mitte der 1930er Jahre die Olympia Werke hervorgingen.

Diese preisgünstige Zeigermaschine fand nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt starken Absatz; auf die Dauer konnte sie aber den grösser gewordenen Ansprüchen der Büroarbeit nicht mehr genügen. Der Wunsch nach einer Maschine mit Klaviertastatur führte deshalb zur Entwicklung der Olympia Standardschreibmaschine, deren Fabrikation kurz nach dem Ersten Weltkrieg in den 1920er Jahren begann. Vorher wurde sie schon als AEG Schreibmaschine in geringen Stückzahlen gefertigt. 

Woody Allen und seine Olympia SM 3

Ob das Modell SM 9, die Monica, ob Splendid oder Traveller: Olympia Schreibmaschinen geniessen einen Ruf von Welt – für Sammler, Fans und Nutzer sind sie immer noch das Nonplusultra. Autor, Regisseur und Schauspieler Woody Allen zum Beispiel verfasste auf einer Olympia Typ SM 3 alle Drehbücher; 14 wurden für den Oscar nominiert, für «Annie Hall» (Der Stadtneurotiker/1977) erhielt er die begehrte Trophäe. Mit dem Modell Olympia SM 9 schrieb Don DeLillo, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Amerikas, seine prämierten Romane «Weißes Rauschen» und «Mao II»; die britische Schriftstellerin Daphne DuMaurier erfand ihren besten Romanthriller «Rebecca» und die beängstigende Kurzgeschichte «Die Vögel» auf einer Olympia SM 4. 

Eine Hauptrolle spielt die Schreibmaschine Olympia im liebevoll erzählten Dokumentarfilm «California Typewriter» (verfügbar im Streamingdienst Amazon Prime) von 2016 über einen kleinen Reparaturladen für Schreibmaschinen in Berkeley, Kalifornien. Neben Musiker John Mayer und dem 2017 verstorbenen Schauspieler und Autor Sam Shepard («Homo Faber») ist Hollywood-Grösse Tom Hanks («Forrest Gump») als exzessiver Sammler alter Schreibmaschinen zu sehen, darunter eine Olympia SM 8. «Man arbeitet auf etwas, was exakt das tut, was es schon vor vielen Jahrzehnten getan hat», schwärmt Hanks. Als cleverer Geschäftsmann hat er eine Digital-App namens «Hanx Writer» entwickeln lassen, die beim Tippen auf dem Smartphone den fast vergessenen Anschlag einer mechanischen Schreibmaschine hören lässt – inklusive der Schlussglocke für das Zeilenende. 

In Europa die Nummer eins

Die Olympia Werke AG Wilhelmshaven sind ein wichtiger Teil westdeutscher Industriegeschichte. Zwischen den 1950er und 1970er Jahren war das Unternehmen aus Nordwestdeutschland der erfolgreichste Hersteller von Büromaschinen. Zwischenzeitlich war Olympia bei den Schreibmaschinen auch in Europa die Nummer eins. In der Spitze 1970 waren mehr als 20'000 Mitarbeitende für das Unternehmen mit Sitz tätig. Missmanagement und strategische Fehlentscheidungen - auch bei der Digitalisierung - sorgten für den Niedergang. Am 15. September 1992 lief die letzte Schreibmaschine des Typs «ES 200» vom Band in Roffhausen, Ende desselben Jahres wurde die gesamte Produktion eingestellt. Ein Schicksal, das ebenso die berühmten Hersteller Paillard in Yverdon-les-Bains (Kanton Waadt), Olivetti in Ivrea (Region Piemont), Royal, Smith Corona oder Underwood aus den USA, teilen.

Die «Olympianer», die Mitarbeitenden der Olympia Werke AG Wilhelmshaven, sind ihrem Unternehmen noch lange dem Ausscheiden aus dem Betrieb verbunden - viele Menschen haben dort ihr gesamtes Berufsleben verbracht. Der Niedergang bis Ende 1980er/Anfang der 1990er Jahre hinterlässt tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Region in Nordwestdeutschland. Die eigene Arbeitsbiografie bleibt länger im Gedächtnis als Bilanzen. Wer schreibt, der bleibt. 

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