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Kunstmuseum Basel

«The First Homosexuals»

7. März 2026
Niklaus Oberholzer
Irène Zurkinden: Freundinnen
Irène Zurkinden: Freundinnen, 1937, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Basel

Vielleicht ist der Titel Etikettenschwindel. Es sind mit Sicherheit nicht die «ersten Homosexuellen», von denen die Bilder dieser Ausstellung handeln. Auch sonst scheint das Unternehmen im Untergeschoss des Basler Kunstmuseums Neubau fragwürdig.

Vielleicht ist der Titel Etikettenschwindel. Es sind mit Sicherheit nicht die «ersten Homosexuellen», von denen die Bilder dieser Ausstellung handeln. Auch sonst scheint das Unternehmen im Untergeschoss des Basler Kunstmuseums Neubau fragwürdig.

Die ersten Homosexuellen sind es nicht, denen im Untergeschoss des Neubaus des Kunstmuseums Basel zu begegnen ist. In der Weltkunstgeschichte gibt es sie, seit es Kunst gibt, wenn auch mehr oder weniger offen: ab der griechischen und römischen Antike, aber auch in der italienischen Frührenaissance des 15. Jahrhunderts, zum Beispiel im Palazzo Schifanoia in Ferrara, wie es Peter Bell in der Publikation «Queerness in der Kunst der frühen Neuzeit?» 2023 thematisiert hat. Im 16. Jahrhundert und in der Zeit Caravaggios gab es sie ohnehin, ebenso im Klassizismus. 

Johann Heinrich Füssli: Zwei sich liebkosende junge Mädchen
Johann Heinrich Füssli: Zwei sich liebkosende junge Mädchen, 1775, Feder und Bleistift auf Velin, Kupferstichkabinett des Kunstmuseums Basel

Das Begehren nach Menschen des gleichen Geschlechts ist, unterschwellig oder direkt angesprochen, immer wieder Thema der Kunst – oft selbst der Sakralkunst. (Der heilige Sebastian ist die seltene, aber seit dem 15. Jahrhundert eifrig genutzte Gelegenheit zur Darstellung eines Männeraktes.) 

All das wissen sicher auch die Autorinnen und Autoren der Basler Ausstellung. Sie (und die Autoren der ursprünglich in den USA entstandenen Ausstellung) nehmen zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit, dass in den 1860er Jahren erstmals im deutschen Sprachraum das Wort «homosexuell» auftauchte und ab da Anlass bot zu vertiefter, über den direkten sexuellen Kontakt hinaus reichender und allgemeine Fragen sexueller Identität streifender Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Ausstellung «The First Homosexuals» vereinigt denn auch Werke, die meist zwischen dieser Zeit und bis in den 1940er Jahre entstanden sind. Sie stammen aus fast allen Ländern Europas sowie aus Nord- und Südamerika. 

Warum diese Ausstellung?

Der (amerikanische)  Kurator Jonathan D. Katz, der (gemäss Wikipedia) als Experte im Bereich «queer postwar US-amerikanischer Kunst»gilt, erklärt dazu im Begleitheft zur Ausstellung: «Dank des schier grenzenlosen Ausdrucksvermögens der Kunst – vom Realismus über den Symbolismus bis hin zur Abstraktion – konnte sich die Sexualität in ihrem ganzen Facettenreichtum aus dem Schwarz-Weiss oder vielmehr dem Grau des zeitgenössischen sexualwissenschaftlichen Diskurses lösen und in leuchtenden Farben hervortreten. Zum ersten Mal in der Geschichte bildete sich eine Welt der visuellen Erotik heraus, die jener neuen sozialen Figur – die:der Homosexuelle – auf eine Weise Farbe und Gestalt verlieht,  wie es der Sprache nicht möglich war.» Das Museum kündigte die Ausstellung mit folgenden Worten an: «Die Ausstellung The First Homosexuals widmet sich der frühen Sichtbarkeit gleichgeschlechtlichen Begehrens und der Geschlechtervielfalt in der Kunst». 

Warum diese Ausstellung jetzt in Basel? Weil das Thema im Trend liegt? Weil das «Diverse» thematisiert sein muss, wenn man im heutigen Gender-Disput ernstgenommen werden will? Weil Jonathan D. Katz zu glauben ist? Einfach weil die Ausstellung dem Basler Kunstmuseum angeboten wurde? Offenkundig kann es sich auch ein Institut respektabler Grösse wie das Kunstmuseum Basel kaum leisten, das breit gefächerte Thema vertieft zu behandeln, sei es, weil entscheidende Werke nicht erhältlich sind, weil der Raum im Neubau-Untergeschoss begrenzt ist – und weil die Kuratorinnen und Kuratoren wohl überfordert sind mit dem Thema, das sie auf die ganze «Queerness» und alles, was sich damit verbinden lässt, ausweiten, und über das es ganze Bibliotheken voller Abhandlungen von Spezialisten gibt.

Die Frage nach der Qualität

Da musste manch Wichtiges unter den Tisch fallen. So fehlen die Werke der bedeutenden schwedisch-deutschen Malerin Lotte Laserstein (1898–1993) oder Egon Schieles (1890–1918). Beide haben mit ihrer Kunst Wesentliches zur Debatte um sexuelle Identität beigetragen. Auch Wilhelm von Gloedens (1856–1931) Fotografien der jungen Männer von Taormina werden nicht gezeigt, ebenso jene des amerikanischen Fotografen George Platt Lynes (1907–1955). 

Dann stellt sich die Frage der Qualität der Exponate, um die sich ein Kunstmuseum kümmern muss, und die Katz in seinem Beitrag ausklammert. Manche Kunstwerke der Basler Ausstellung verdienen diese Bezeichnung kaum und sind höchstens thematisch von Interesse. Vieles ist geschönte, geschmäcklerische Salonmalerei zum Beispiel des Amerikaners Andreas Andersen (1869–1903) und des Franzosen  Gustave Courtois (1852–1923) und von Louise Abbéma (1853–1927). Anderes lässt sich wohl schlicht als Kitsch bezeichnen, wie ein Bild des heiligen Sebastian (hier wohl stellvertretend für die zahlreichen Belege dieses Genres einer oft homoerotisch kodierten Sakralmalerei). 

Ludwig von Hofmann: Nackte Fischer und Knaben
Ludwig von Hofmann: Nackte Fischer und Knaben am grünen Gestade, 1900, Öl auf Leinwand, Museum der bildenden Künste Leipzig

Manches wirkt (unfreiwillig) komisch und wendet sich wohl vor allem an die Community selber wie Sascha Schneiders (1870–1927) «Werdende Kraft». Oft haben die gezeigten Werke mit dem Thema wenig zu tun – wie das vorzügliche Selbstportrait der aus Zürich stammenden Malerin Ottilie Roederstein (1859–1937). Sie war eine angesehene und erfolgreiche Portraitmalerin in der Frankfurter Gesellschaft, virtuos im Umgang mit den künstlerischen Mitteln, im Stil jedoch «akademischer» Malweise verpflichtet und kaum innovativ. Sie ging mit der Gynäkologin und Chirurgin Elisabeth Winterhalter eine Lebensgemeinschaft ein. Auch Ludwig von Hofmann (1861–1945) ist eher im allgemeinen Lebensreform-Umfeld von Leipzig und Dresden der Zeit um 1900 und im Jugendstil zu verorten als in der Problematik der sexuellen Identität. Romaine Brooks‘ (1874–1970) theatralisches Bild der Marchesa Casati, zeitweise Geliebte von Gabriele D’Annunzio, gilt weniger der Grundthematik der Ausstellung als vielmehr der Salonlöwin und exzentrischen Selbstdarstellerin Casati.

«Der Schweizer Narziss» und Elisàr von Kupffer

Selbst Paul Camenischs (1893-1970) Selbstakt «Schweizer Narziss» von 1944, eines seiner besten Werke, interessiert nicht vor allem wegen des Themas des männlichen Aktes, das sich allenfalls mit Homosexualität in Verbindung bringen liesse. Brisant ist die ikonographische Konzeption des Gemäldes: Der junge Mann sieht sich in der Isolation seines Badezimmers dem eigenen Spiegelbild gegenüber. Die Badezimmerkacheln aber zeigen Bilder der Grausamkeiten des Nazi-Terrors und des Zweiten Weltkrieg und sprengen die Idylle. Der Mann wendet sich von den verstörenden Kachel-Bildern ab und seinem eigenen Spiegelbild zu: Eine bitter-ironische Schilderung der Schweizer Situation im Zweiten Weltkrieg.

Paul Camenisch: Schweizer Narziss
Paul Camenisch (1893–1970): Schweizer Narziss, 1944, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Basel

Eine umfangreiche Präsentation erfährt in der Basler Ausstellung «The First Homosexuals» der baltische Adelige Elisàr von Kupffer (1872–1942), der mit dem Kunsthistoriker und Philosophen Eduard von Mayer in Minusio das «Sanctuarium Artis Elisàrion» als Kultstätte der religiösen Bewegung des «Klarismus» errichtete. Das malerische Hauptwerk Elisàr von Kupffer, das Rundgemälde «Die Klarwelt der Seligen», ursprünglich für die Rotunde des Elisàrion gemalt, von Harald Szeemann in der Monte-Verità-Ausstellung gezeigt, befindet sich heute auf dem Monte Verità. Zu sehen ist denn in Basel nicht das riesige Rundbild; gezeigt werden aber einige grosse und farblich dominierende Malereien aus dem Elisàrion. 

Die Emazipationsbewegung der Homosexuellen spielte für Elisàr von Kupffer eine eher untergeordnete Rolle, denn sein «Klarismus» war sehr viel weiter und umfassender gedacht und bezog auch andere Themen und Künste ein wie zum Beispiel Literatur. Ebenso zeigte sich im «Klarismus» eine enge Beziehung zur Theosophie Helena Blavatskys und allenfalls zu Gesamtkunstwerk-Visionen Rudolf Steiners oder Richard Wagners. Magnus Hirschfelds Konzept vom «Dritten Geschlecht» lehnte er ab. Gemessen am thematischen Bezug Elisàr von Kupffers zu «The First Homosexuals» ist seine Präsenz mit einer Vielzahl von Werken in der Ausstellung eher zu gross. 

«The First Homosexuals» wirkt wie ein eher zufällig zustandegekommener und im Detail kaum überzeugender Beitrag zu einem unüberblickbaren und an den Rändern unscharfen, seit einiger Zeit aber trendigen Thema der Kunstgeschichte. Da sei ein kurzer Hinweis auf Schweizer Ausstellungsgeschichte gestattet: Die Schau «Transformer – Aspekte der Travestie», die Jean-Christophe Ammann 1974 im Kunstmuseum Luzern mit Urs Lüthi, Luciano Castelli, Walter Pfeiffer, Alex Silber und anderen veranstaltete, sprach eine ähnliche Thematik schon damals sehr viel direkter und sinnlicher an – allerdings aus der unmittelbaren Gegenwart schöpfend und ohne historische Bezüge. Ammann konfrontierte als Leiter der Kunsthalle Basel sein Publikum aber 1979 mit Werken Otto Meyer-Amdens, Wilhelm von Gloedens und Elisàr von Kupffers – und führte die zuvor in Luzern begonnene Diskussion auf einem Niveau weiter, welches das Kunstmuseum Basel fünfzig Jahre später mit «The First Homosexuals» nicht  zu erreichen vermag.

Kunstmuseum Basel Neubau: The First Homosexuals 
bis 2. August 2026 
Begleitheft mit erläuternden Texten 
Übernahme der gleichnamigen Ausstellung von Alphawood Exhibitions, Chicago 
vom Kunsthistoriker Jonathan D. Katz kuratiert, fürs Basler Kunstmuseum von den Kuratorinnen Rahel Müller und Len Schaller adaptiert

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