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Kunst auf der Briefmarke

Faktor 22'707 – eine ästhetische Erfahrung

20. August 2026
Urs Meier
Briefmarke Höhenfeuer
Foto: Die Schweizerische Post AG

Wie andere Künstler vor ihm hat Andriu Deplazes eine Schweizer Briefmarke gestaltet. Das Besondere: Sie ist ausgerechnet von einem Monumentalgemälde abgeleitet. Die Gegenüberstellung beider Arbeiten gibt Aufschlüsse über künstlerische Grundhaltungen.

Die Post legt bei ihren Briefmarken seit jeher Wert auf gute Grafik. Seit über hundert Jahren pflegt sie ausserdem die Tradition, Sonderserien durch Schweizer Künstlerinnen und Künstler gestalten zu lassen. Ab dem 3. September können A-Post-Briefe mit der neuen Kunst-Briefmarke «Höhenfeuer» frankiert werden. Geschaffen hat sie der 1993 in Zürich geborene Bündner Maler und Zeichner Andriu Deplazes. 

Von Deplazes kennt man Bilder, die an naive Malerei erinnern: Androgyne und puppenhafte Figuren verlieren sich in traumartig verfremdeten Landschaften. Es scheint, als wollten die Szenerien Geschichten erzählen. Man ahnt mythische und aktuelle Andeutungen, die jedoch nicht zu entschlüsseln sind.

Es scheint, als wollten die Szenerien Geschichten erzählen. Man ahnt mythische und aktuelle Andeutungen, die jedoch nicht zu entschlüsseln sind. 

Von solcher Art ist die monumentale Malerei des Künstlers, von der das Sujet der Briefmarke abgeleitet ist: «Körper umkreisen Feuer», ein über acht Meter breites Ölbild, das an der Art Basel Unlimited 2025 gezeigt wurde.

Körper umkreisen Feuer
Körper umkreisen Feuer (Bodies circling fire), 2025, Oil on canvas, 5 parts, each 360 x 164 cm, Overall dimensions: 360 x 820 cm; Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zurich/Paris; Photo: Sebastian Schaub, © 2026, ProLitteris, Zurich

Was die beiden Arbeiten verbindet, ist das zentrale Element des Höhenfeuers; was sie trennt, sind die Dimensionen von Makro und Mikro. Das Gemälde hat eine Bildfläche von fast dreissig Quadratmetern. Sie ist exakt 22'707 Mal so gross wie die 13 Quadratzentimeter messende Briefmarke. Da würde man von einem Vergleich der schon grössenmässig so unterschiedlichen Arbeiten wohl absehen, hätte nicht der Künstler selbst auf die motivische Herkunft der Markengestaltung hingewiesen.

Die Differenzen sind zunächst ganz vordergründig. Die Briefmarkengestaltung verzichtet auf alles, was sich auf dem grossen Bild um das Lodern herum gruppiert und abspielt. Damit fällt alles weg, das dort surreal und irritierend schillert. Selbstverständlich wäre es völlig unmöglich gewesen, auf dem winzigen Markenformat das Bildprogramm von «Körper umkreisen Feuer» auch nur annähernd umzusetzen. Dieses umfasst nämlich ganze 29 Menschengestalten und einen Hund, zudem ein fliegendes Menschenpaar über dem Feuer, eine panoramisch ausformulierte Phantasielandschaft (die jedoch erkennbar auf den Vierwaldstättersee verweist) und schliesslich ein Heer von Luftgeistern über dem Horizont.

Das grosse Bild will buchstabiert werden: Die Szene zeigt Innerschweiz, wo Höhenfeuer ja auch hingehören. Fredi M. Murers epochaler Spielfilm dieses Titels hat das Motiv in dieser Landschaft und in der Welt der Kunst verankert. Doch statt der Intimität von Murers Bergbauernkindern beleuchten die Flammen bei Deplazes die Perplexität eines tumben Völkchens, bei dem ausser einem kleinen Anlehnen da und dort keine menschlichen Gesten und Regungen zu finden sind. Dem Redner links im Bild hören sie nicht zu, und auch die drei militärischen Musikanten am rechten Rand blasen ins Leere. Die Bestandteile einer 1. August-Feier sind da, aber sie bleiben stumm und beziehungslos. Mit dem in der Lohe schwebenden Paar und der Geisterparade über den Bergen wird das Bild als Nationalfeier vollends unlesbar. 

Bei Deplazes beleuchten die Flammen die Perplexität eines tumben Völkchens, bei dem ausser einem kleinen Anlehnen da und dort keine menschlichen Gesten und Regungen zu finden sind.

Das figurenreiche Gemälde stiftet Verwirrung. Mit dem Bildtitel «Körper umkreisen Feuer» geht der Maler zur Suggestion des patriotischen Anlasses, die ja von den Bildelementen zunächst ausgeht, auf maximale Distanz. Menschen und Luftgeister sind als blosse «Körper» deklariert; da ist also eigentlich niemand, der feiern könnte. Das Umkreisen des Feuers verweist auf viele Bräuche, aber gewiss nicht auf die Nationalfeier. Auch die pseudo-realistische Landschaftsdarstellung trägt zur Irritation bei. Da man die Szenerie verorten zu können glaubt, nimmt man Topographie und Morphologie der Berge und Täler als «falsch» wahr, wodurch das Wiedererkennen und die Identifikation mit Heimatlichem brüsk zurückgewiesen sind.

Andriu Deplazes entwickelt mit dem Monumentalgemälde eine Ästhetik der Negation: Es ist nicht-realistisch, nicht-naturalistisch, nicht-symbolistisch, nicht-mythisch, nicht-narrativ. Genauer gesagt: All diese negierten Attribute sind in Spuren vorhanden, doch beherrscht wird das Bild durch deren Verwerfung. Das gibt dem Werk eine innere Gespanntheit, die es fast zerreisst. Sie ist es, die das Bild so interessant macht, dass es die dreissig Quadratmeter Leinwand zu bespielen vermag.

Dass Deplazes auch anders kann, zeigt er als Zeichner. Auf den Ersttagsumschlag für die neue Briefmarke hat die Post eine Lithographie gedruckt, die mit fünf in die Flucht gejagten Figuren seine Meisterschaft des raschen Strichs zeigt. 

Ersttagsumschlag
Foto: Die Schweizerische Post AG

Es ist dieser zeichnerische Gestus, mit dem Deplazes die Höhenfeuer-Briefmarke entwickelt hat, allerdings mit einem aufwendigen Verfahren: In einer Mischtechnik von Öl und Tusche auf Papier ausgeführt, wurde das Blatt nachträglich mit einer Monotypie überdruckt. Das fertige Bild wurde fotografiert und die Bilddatei für den Sechsfarben-Offsetdruck aufbereitet, in welchem die Marke von der Gutenberg AG in Schaan (Fürstentum Lichtenstein) produziert wurde.

Der Gestalter der Briefmarke scheint ein anderer Künstler zu sein als der Maler des Monumentalbildes.

Die Briefmarke von Andriu Deplazes ist beides: die Transformation eines bestehenden Werks in ein neues Medium und die völlige Neukreation eines bereits entwickelten Sujets. Die Verkleinerung um den Faktor 22'707 hat sicherlich dazu beigetragen, die neue Arbeit nicht nur hinsichtlich Bildprogramm und Stilistik, sondern auch bei der künstlerischen Position vom Ausgangswerk ganz und gar abzulösen. Dabei ist vor allem das Zweite interessant. Der Gestalter der Briefmarke scheint ein anderer Künstler zu sein als der Maler des Monumentalbildes.

Es mag paradox erscheinen, dass Deplazes nicht beim übergrossen, sondern beim kleinen Format zu einer gestischen und damit aus der Körperbewegung heraus erwachsenden Gestaltung findet. Auch wenn die Vorlage, nach der die Marke gedruckt wurde, zweifellos einiges grösser als die Letztere ist, so hatte Deplazes im Arbeitsprozess eben doch das Format des Endprodukts vor Augen. 

Das Ergebnis resultiert sichtlich aus einem Schaffensvorgang, der sich auch von der negativen Ästhetik des Ursprungsbildes verabschiedet hat. Im gestischen Malen kann es keinen in sich gebrochenen Schaffensvorgang geben, wie er bei Deplazes’ sich selber konterkarierender Malerei bei «Körper umkreisen Feuer» zutage tritt. Lebt jenes Bild von vielfacher innerer Spannung, so drücken sich in der Briefmarkengestaltung Kraft und Schwung künstlerischer Kreativität aus, die hier nicht von Reflexion und Berechnung gebrochen werden.

Das kleine Werk «Höhenfeuer» erlaubt sich jene Art von «Naivität» im Sinn von emotionaler Direktheit, die sich Deplazes beim grossen Bild nicht nur nicht gestattet, sondern die er dort gar nicht im Blick gehabt hat. So entstand eine Vorlage für die neue Briefmarke, bei der selbst im Mikroformat freie Pinsel-Handschrift und koloristische Schönheit wunderschön zur Geltung kommen.

Das kleine Werk «Höhenfeuer» erlaubt sich jene Art von emotionaler Direktheit, die Deplazes beim grossen Bild gar nicht im Blick gehabt hat.

«Höhenfeuer» vermag auf 40 mal 32,5 Millimetern an Koloristik und Pinselduktus später Bilder von Giovanni Segantini und Giovanni Giacometti zu erinnern, wenn auch in modernerer, radikalerer Fasson. Auf jeden Fall wird man den Briefmarken-Entwurf zu den wichtigen Arbeiten Deplazes’ zählen dürfen. Vielleicht schliesst er mit ihr an die Tradition einer «Engadiner Moderne» an.

 

Andriu Deplazes

Zu den aktuellen Ausstellungen des Künstlers zählen Höhenfieber im Musée d’art du Valais, Sion (bis Februar 2027) und die 7. Ausgabe von Kunstwege in Pontresina (bis zum 22. Oktober) sowie seine bevorstehende Einzelausstellung im Kunsthaus Grenchen (Dezember 2026). 

Zu Deplazes’ früheren Einzelausstellungen zählen die Galerie Peter Kilchmann, Zürich (2025); Burning Green in der Collezione Maramotti, Reggio Emilia (2023); die Galerie Peter Kilchmann, Paris (2023); das Künstlerhaus S11, Solothurn (2020); das Bündner Kunstmuseum, Chur (2020); der Kunstverein Friedrichshafen (2018). Seine Arbeiten wurden zudem in bedeutenden Gruppenausstellungen gezeigt, darunter Unlimited an der Art Basel (2025), «Apropos Hodler» im Kunsthaus Zürich (2024), «Perspectives: La Collection d’art Helvetia» im Musée de Pully (2020), «Werkschau» im Haus Konstruktiv, Zürich (2020) und «The Land of the Sun» im Zentrum für zeitgenössische Kunst FUTURA, Prag (2020).

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