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«Manifesta 16» im Ruhrgebiet

«Das ist keine Kirche»

18. August 2026
Niklaus Oberholzer
Liebfrauenkirche Duisburg
Die Klanginstallation aus Orgelfragmenten des Briten Abbas Zahidi in der Liebfrauenkirche Duisburg.

Im Ruhrgebiet gibt es Hunderte Kirchen, die nicht mehr ihrer ursprünglichen Bestimmung dienen. Was tun mit den architektonisch teils höchst bedeutenden Bauten? Die «Manifesta 16 Ruhr» sucht nach Antworten.

In den mittleren 1990er Jahren war ich in Bristol und besuchte wegen einer Auskunft das Tourismusbüro. Es befand sich in einer nicht mehr religiösen Zwecken dienenden Kirche, wo auch das berühmte Triptychon von William Hogarth zur Oster- und Himmelfahrtsthematik (1755-57) zu bestaunen war. Tourismus-Informationsbüro in einer Kirche? In London wollte ich eine Kirche des Barock-Architekten Nicholas Hawksmoor (1661-1736) anschauen. Unmöglich: Sie sei in das Büro einer Versicherung umfunktioniert worden. Eine andere Kirche in London war ein Kletterpark und ein Fitnesscenter.

Was tun mit nicht mehr benötigten Kirchen? Die Frage stellt sich auch hierzulande. St. Josef im Luzerner Maihof zum Beispiel dient als Saal allgemeinen kulturellen Zwecken. Dank guter Akustik eignet sich der Raum bestens für Konzerte. Im deutschen Ruhrgebiet, dem dicht besiedelten einstigen Kohle- und Stahl-Industriegebiet zwischen Duisburg und Hamm, ist die Frage besonders brennend. Im Dom von Essen sieht man wohl Gläubige, die vor der Goldenen Madonna Kerzen anzünden, doch die viele Kirchen in den Quartieren sind leer und geschlossen oder verkauft. St. Bonifatius in Gelsenkirchen hat ein benachbarter Bäcker erworben. Die nicht sehr grosse Kirche, 1963 erbaut vom Architekten Ernst von Rudloff, dient ihm als Lagerraum. 

Die Liebfrauenkirche in Duisburg, in den späten 1950er Jahren erbaut, wurde bereits 2011 dank ihrer besten Lage mitten in der Stadt zum Kulturzentrum umgestaltet. Christ König in Bochum, 1932 von Franz Schneider entworfen, dient seit 1998 als Kulturraum. Und St. Gertrud im Stadtzentrum von Essen stellt den Studenten der  Kunstakademie Atelier-Räum zur Verfügung. 

St. Gertrud in Essen
Der deutsche Künstler Nasan Tur rückt die normalerweise horizontal ausgerichteten Kirchenbänke in St. Gertrud in Essen in die Vertikale.

Die «Manifesta 16 Ruhr», aktiv in den vier Ruhrgebiet-Städten Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum, will unter dem Titel «Das ist keine Kirche» zeigen, wie zwölf wenig genutzte Kirchen in gemeinschaftliche Räume umgewandelt werden können, die den sozialen Zusammenhalt und künstlerische Innovation fördern.
 

Die «Manifesta» ist eine alle zwei Jahre an einem anderen europäischen Ort stattfindende Biennale, die nicht Kunst um ihrer selbst willen zeigen, sondern in Zusammenarbeit mit lokal aktiven kreativen Kräften nach soziokultureller Relevanz künstlerischer Interventionen fragen will. Mit dabei ist seit den Anfängen die Niederländerin Hedwig Fijn, Gründungsdirektorin. First Mediator und damit Leiter der 16. «Manifesta»-Ausgabe ist der spanische Architekt und Stadtplaner Josep Bohigas, Barcelona. Er und andere Mediatoren zeichnen für die konkrete Durchführung und die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler verantwortlich. Einige wenige sind international prominent (z.B. Katharina Frisch, Luc, Tuymans, Mona Hatoum, Małgorzata Mirga-Tas), den meisten war bisher in internationalem Kontext nicht zu begegnen. Das zeigt: Die «Manifesta» will nicht im Markt mitmischen, sondern sich mit grundlegenden Fragen der Kunst auseinandersetzen.

Die nächste «Manifesta» finden in zwei Jahren im portugiesischen Coimbra statt.


Manche Kirchen wurden im 19. Jahrhunderte noch in neuromanischem Stil oder in der Zwischenkriegszeit im Sinn der damaligen Moderne erbaut, viele nach Kriegsende, als, wegen der enormen Kriegszerstörungen und auch wegen der Umsiedlungen und der Flüchtlingsströme, ein besonderer Nachholbedarf bestand.  Diese  Kirchen sind meist einfach und bescheiden, zum Teil aber trotzdem von hoher architektonischer Qualität. Vor allem sind ihre Innenräume oft von markanter gemeinschaftsfördernder Wirkung. Sie bereiten ihren Eigentümern aber wegen des Unterhalts oft grosse finanzielle Sorgen, sind jedoch siedlungspolitisch und soziokulturell von Bedeutung als «Pantoffelkirchen»: Das Wort prägte Franz Hengsbach, der erste Bischof des 1958 gegründeten katholischen Ruhrbistums Essen und spätere Kardinal. Er entwickelte das Konzept einer besonderen Nähe der Quartierkirche zum Alltag der Menschen. Diese Nähe zeichnet sich dadurch aus, dass die Menschen in den Pantoffeln zur Kirche gehen könnten, und dass die Kirche Heimat bietet. Sie wirkt identitätstiftend.

Die Pantoffelkirche

Was Franz Hengsbach eher metaphorisch meinte, ist in der Kirche St. Bonifatius in Gelsenkirchen direkt und sinnfällig umgesetzt. Ein weicher und wohnlicher Spannteppich bedeckt den Altarraum, auf dessen Stufen ein Paar Pantoffeln liegt. 

St. Bonifatius in Gelsenkirchen
Der Altarraum der  «Pantoffelkirche» St. Bonifatius in Gelsenkirchen mit Spannteppich im Altarbereich und einem Pantoffel-Paar.

In dieser versteckt in einem Aussenquartier liegenden Kirche ist in weiterem Sinne der Wunsch der zahlreichen Gastarbeiter nach Heimat thematisiert, indem zum Beispiel Amateurkünstler ihrer Befindlichkeit als Gast- oder eben Fremdarbeiter Ausdruck geben. In ähnliche Richtung tendiert die Aktion «Teegarten». In ihren Schrebergärten, die sie bepflanzen konnten, gaben sich frühe Gastarbeiterinnen ein Stück Heimat und ein Stück eigenen Grund und Boden. Sie zogen Kräuter, die sich zu Tees verarbeiten liessen. Im Hof von St. Bonifatius wird dieser Prozess wiederholt – bis zum gemeinsamen Kräutertee-Trinken: Ein Angebot, das von den Kirchen ausgehen mag, aber ebenso von der Gemeinde oder von Künstlerinnen und Künstlern. St. Bonifatius ist als katholische Kirche aufgegeben. Nicht aufgegeben ist die um die 100 Meter entfernte evangelische Kirche. Auf die Idee, dass eine dieser Kirchen den Bedürfnissen beider Konfessionen dienen könnte – analog den paritätischen Kirchen, wie die Schweiz sie noch vor 50 Jahren kannte (Beispiele: Glarus, Wattwil, Lichtensteig) – ist wohl niemand gekommen.

Profaniert seit den 1990er Jahren

1932 erbaut, seit 1998 Jahren profaniert,  wird die Kirche Christ König  südlich des Bochumer Hauptbahnhofes als Kulturzentrum betrieben. Im Rahmen der «Manifesta» reagieren hier 15 Künstlerinnen und Künstler mit Skulpturen, Malereien, Installationen und Videos auf räumliche Situationen, auf die Geschichte der Örtlichkeit und ihre Veränderungen. Vor dem Zugang zur Kirche steht eine Skulptur des mehrfachen documenta- und Biennale-Teilnehmers Mirosław Bałka.  Aus Steinkohlebrocken – als Hommage ans Ruhrgebiet oder als Tribut an die im Ruhrpott besonders zahlreichen Arbeitskräfte aus Polen? – schuf der Bildhauer eine in den Konturen einer Madonna ähnelnde monumentale Skulptur. Die polnisch Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas schuf 2011 in ihrer Heimat ein Denkmal aus Holz in Erinnerung an ein Massaker an Roma-Frauen und Kindern im Jahr 1942. Das Denkmal wurde einige Jahre später in einem Vandalenakt zerstört, was die Künstlerin zu einer Paraffin-Skulptur in Erinnerung an die Ermordung der Roma und an den Vandalenakt veranlasste. Die Versatzstücke des zerstörten Denkmals stehen nun auf dem Altar. Der Belgier Luc Tuymans setzt sich in einem gemalten, 36 Meter langen Vorhang auf verfremdende und subversive Weise mit Bildern aus Leni Riefenstahls Film «Triumph des Willens»  von 1935 auseinander. Erbaut wurde die Kirche, deren Architektur auf das zeitliche Umfeld von Tuymans‘ Malerei verweist, kurz vor Hitlers «Machtergreifung». In der Sakristei wird es gemütlicher.  Da kann man staunen über die Vielfalt kirchlicher Bekleidung, kirchlicher Wäsche und liturgischer Gerätschaften.

Transparenter Beichtstuhl

In St. Gertrud im nördlichen Rand von Essens Altstadt steht eine Art transparenter Beichtstuhl von Ayşe Erkmen. Mona Hatoum stellt das Video ihrer Mutter auf den Altar einer Seitenkapelle und unter Strom gesetztes Küchenuntensil auf die Empore.  Nasan Tur stellt die Bänke der Kirche senkrecht in den Chorraum und handelte sich mit dem «Elevation» genannten Werk prompt den Vorwurf einer Kollegin ein, die sagte, Ähnliches schon getan zu haben. Auch Augustas Serapinas nimmt sich der Kirchenbänke  an – diesmal in der  Markuskirche in Essen. Sie werden, da im Mai dieses Jahres letztmals Gottesdienst gehalten wurde, kaum mehr gebraucht. Also zerlegte sie der Künstler aus Litauen und schichtete die Teile zu einem begehbaren Turm auf. Wiederverwendung und Transformation von kirchlicher Ausstattung gibt es auch anderswo – zum Beispiel in der Liebfrauenkirche in Duisburg, wo der britische Künstler Abbas Zahedi mit Fragmenten der nicht mehr funktionstüchtigen Orgel dieser Kirche und von Orgeln anderer europäischer Kirchen eine skulpturale Klanginstallation schuf, die weite Teile des Kirchenraumes einnimmt. Zahedi thematisiert mit seiner Arbeit den ständigen Wandel, dem alles – auch die Kirchen – unterworfen ist; Erneuerung als Daueraufgabe – nicht nur der Kirche.

Der Besuch der 16. Ausgabe der Wanderbiennale «Manifesta» ist anregend. Sie stellt Fragen zu Sinn und Auftrag kirchlicher Architektur und der Kunst, ohne sie vorschnell zu beantworten, und sie führt zu interessanten Begegnungen – mit Mitbesucherinnen und Mitbesuchern, aber auch mit den Betreuungspersonen vor Ort, die Auskunft über dieses und jenes zu geben wissen. Der Besuch ist jedoch, verfügt man nicht über ein eigenes Fahrzeug, Auto oder Velo, und ist auf den öffentlichen Verkehr angewiesen, mühselig und zeitraubend, da sich die Kirchen meist nicht in den Zentren befinden.

Das Musiktheater im Revier

Eine Anregung: Das 1959 in Betrieb genommene Musiktheater im Revier (MiR) am Kennedy-Platz beim Gelsenkirchen Hauptbahnhof, ist einer der bedeutendsten Theaterbauten im Deutschland der Nachkriegszeit. Federführend war der Architekt Werner Ruhnau. Imposant ist die Glasfassade gegen den Platz hin, welche die Grenze zwischen Innen und Aussen aufhebt und Einblick gibt in die mehrgeschossigen Foyers und ihre architektonische Struktur. Sie lässt die gigantischen blauen Malereien von Yves Klein (1928-1962) – die bedeutendste Werkgruppe des Künstlers –  in den Stadtraum hinaus wirken. Während der «Manifesta» stehen  die Foyers für Interessenten offen.

Gelsenkrichen
Yves Kleins blaue Malereien in einem Foyer des Musiktheaters im Revier in Gelsenkirchen.

Manifesta 16 Ruhr.  Das ist keine Kirche. An zwölf Standorten in Essen, Duisburg, Gelsenkirchen und Bochum. Bis 4. Oktober. Täglich ausser Montag von 11 bis 18 Uhr. Freitag und Samstag bis 19 Uhr.

Informationen über Veranstaltungen und organisierte Rundgänge: www.manifesta16.org

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