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Zwischenruf

Euronationalismus?

22. Juni 2026
Gret Haller
EU-Flagge
(Keystone/DPA/Monika Skolimowska)

In der Neuen Zürcher Zeitung vom 20. Juni 2026 lese ich zum ersten Mal das Wort «Euronationalismus». Wie? Wenn es «Euronationalismus» geben würde, wäre die Europäische Union obsolet. So war sie nie gedacht und so wird sie auch nie werden.

«Euronationalismus»? Ich lese nochmals nach, weil ich wissen möchte, ob sich das Wort auf die europäische Währung «Euro» bezieht. Könnte ja sein, dann würde es sich um eine Art finanzpolitischer Analyse handeln. Dem ist aber nicht so. Mit dem Begriff ist gemeint, wie die Europäische Union (EU) einerseits mit ihrer eigenen Erweiterung und andererseits mit der Schweiz umgeht. Zunächst einmal ist angesagt, sich einen so verstandenen «Euronationalismus» auf der Zunge zergehen zu lassen. Der Übergang zur rationalen Analyse ist nicht so einfach. Einige Versuche mögen hier genügen. 

Zunächst einmal zum Begriff des Nationalismus: Nationalismus in seiner übersteigerten Bedeutung hat im vergangenen Jahrhundert in Europa zu zwei so zerstörerischen Kriegen geführt, dass die Gründerväter – Mütter sind erst später hinzugekommen – der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) übereingekommen sind, ihre sechs Nationalstaaten in eine supranationale Struktur einzubinden, welche Kriege zwischen ihnen ein für alle Mal verunmöglichen würden. Diese Konstruktion hat sich bewährt und bildet den Ausgangspunkt zur heutigen EU.

Dann aber setzt der in der NZZ verwendete Begriff des Euronationalismus voraus, dass die EU sich irgendwann einmal als «Nation» verstehen könnte. Die EU wird jedoch nie zu einer «Nation» werden, sie ist bekanntlich auch kein «Staat». Sie ist ein Zusammenwirken von Nationalstaaten mit supranationalen Elementen, basierend auf völkerrechtlichen Verträgen. Das entscheidende Verdienst der EU besteht darin, die Mitgliedstaaten eingebunden zu haben in eine Zusammenarbeit, die gerade den erwähnten übersteigerten Nationalismus verhindern soll.[1] 

Wie müssen Gedankenabläufe konstruiert sein, die einen solchen Begriff des Euronationalismus hervorbringen können, wie er in der NZZ zutage getretenen ist? Dazu abschliessend zwei Gedanken. Zum einen wird Europa ausschliesslich vor dem Hintergrund einer schweizerischen Blaupause gesehen. Zum anderen liegt ein abgrundtiefes Missverständnis zur Bedeutung Europas vor.

[1] Dazu https://eizpublishing.ch/publikationen/europas-eigener-weg/

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