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Kino

Es gilt nur eine Regel: Keine!

16. März 2026
Michael Lang
Nouvelle Vague Filmstill
Filmstill aus «Nouvelle Vague»: Aubry Dullin als Jean-Paul Belmondo, Zoey Deutch als Jean Seberg

«Nouvelle Vague», der herb-charmante, vielstimmige und -sinnige neue Spielfilm des US-Amerikaners Richard Linklater, ist eine Ode an Jean-Luc Godard und dessen wegweisenden ersten Kinofilm «À Bout de souffle». – Die Ode eines persönlich berührten Kritikers.

Jean-Luc Godards «À Bout de souffle» (1960) hat produktionell, narrativ, inszenatorisch nicht nur die «Histoire du cinéma français», sondern die globale Filmgeschichte revolutioniert und inspiriert Filmschaffende bis in die Gegenwart. So auch Richard Linklater, Regisseur von «Nouvelle Vague»: «Als ich ‹À bout de souffle› und andere Filme der Stilrichtung Nouvelle Vague sah, dachte ich: So etwas ist also möglich? Diese Freiheit faszinierte mich. Diese Ära des Kinos ist für mich nach wie vor von grundlegender Bedeutung. Und niemand verkörpert sie besser als Godard.»

Geboren wurde Linklater 1960 in Houston, Texas, also im Jahr der «À Bout de souffle»-Lancierung. Er ist ein wertgeschätzter Filmkünstler im US-Independent-Cinema. Zu seinen bekanntesten Werken zählen «Dazed and Confused» oder die «Before…»-Filmtrilogie. Werke, die sich qualitativ dank ihrer eigenständigen Handschrift vom Gros dessen unterscheiden, was ab und an mit einem herablassenden Unterton als Mainstream-Kino benannt wird. Vielleicht, weil sie für nostalgisch-akademische Bildungsbürger etwas leger anmuten und kommerziell erfolgreich sind? 

Linklaters «Nouvelle Vague» wurde am letzten Festival von Cannes uraufgeführt und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten – darunter vier Césars (2026). Der Film ist auf seine Art noch verblüffender als erwartet: Linklater präsentiert eine mit reichlich Aufwand recherchierte, fiktional originelle und dabei plausible Mélange aus Remake- und Making-of-Elementen, wie man das in dieser Art kaum je zu sehen bekam.

Godard, der Autorenfilmer

Jean-Luc Godard wurde 1930 als Sohn eines Schweizer Arztes und späteren Klinikbesitzers und einer Französin aus wohlhabenden Verhältnissen geboren. Er wuchs vorrangig in der welschen Schweiz auf, familiär allerdings in einem Umfeld, das von schwierigen bis tragisch-fatalen Ereignissen überschattet wurde. Mit 19 begann er ein Studium in Paris, das er wenig ernst nahm – mit der Folge, dass er in ernsthafte Schwierigkeiten geriet, da ihm der Vater die finanzielle Unterstützung strich. 1950/1951 unternahm Godard eine Amerikareise und machte sich vor Ort mit der dortigen Filmkultur vertraut, die er fortan bewunderte. 

Nouvelle Vague Filmstill
Filmstill aus «Nouvelle Vague»: Guillaume Marbeck als Jean-Luc Godard, Aubry Dullin als Jean-Paul Belmondo

Godard hat sein Spielfilm-Regiedebüt «À Bout de souffle» 1959 inmitten der nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1945 endlich wieder aufgeblühten Weltstadt Paris gedreht, und zwar im Stil eines Autorenfilmers, wobei seinerzeit wohl kaum jemand wusste, was das sein sollte. 

Die Handlung von Linklaters Godard-Hommage «Nouvelle Vague» setzt 1959 ein. Der 29-jährige Godard gehörte zum inneren Kreis der Autoren der 1951 gegründeten Monatszeitschrift «Cahiers du cinéma». Das Magazin (es existiert bis heute) stand im Ruf, in Sachen cineastischer Meinungsbildung führend zu sein, bis hin ins Sakrosankte! So vordenkerisch halt, wie es dem Selbstverständnis der Pariser-Bohème generell und deren Umgang mit klassischen wie populären Kulturphänomenen entsprach. 

Renaissance der Grande Nation

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der demütigenden nazideutschen Besetzung erholte sich die Metropole an der Seine nach und nach von der Stagnation und erlebte eine Renaissance, die der einstigen Grande Nation würdig war. Auch im Kulturellen: 1958 wurde in Frankreich eine neue Verfassung installiert und die Fünfte Republik, die bis heute andauert, ausgerufen. Mit dem erstmals vom Volk gewählten Staatspräsidenten Charles de Gaulle (er galt im Rang eines Generals zu Kriegszeiten als Verbündeter der Westalliierten, den Befreiern seines Heimatlandes) übernahm eine schillernde Polit-Persönlichkeit die Regentschaft in Frankreich und arbeitete einer europäisch angedachten Allianz zu.

Ein Anliegen der Fünften Republik war auch, die Exzellenz der französischen Kultur wieder sichtbarer zu machen. In Philosophie und Literatur entwickelte die Existenzialismus-Bewegung mit Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus eine grosse Strahlkraft weit über Frankreichs Grenzen hinaus. Nicht anders im renommierten Cinéma Français, welches ab den 1930er-Jahren in Zeiten der Wirtschaftskrise vom Poetischen Realismus mit Regisseuren wie Marcel Carné oder Jean Renoir geprägt war. In sensiblen Dramen fokussierte es auf die sozial Abgehängten. 

Kleines Budget, gestalterische Freiheit

Im Schlüsseljahr 1959 blühte dann das verspieltere, anarchische Autorenkino der Nouvelle Vague auf: produktionell mit kleinen Budgets ausgestattet, dafür mit mehr Gestaltungsfreiheiten für neue Kreative wie François Truffaut, Claude Chabrol, Jean-Pierre Mélville. Oder eben Jean-Luc Godard, der als Person das Image eines «bestbekannten Unbekannten» hatte: rätselhaft, couragiert, sperrig, in der Aussendarstellung supercool bis hin zur Arroganz, auf unzähligen Fotos als kettenrauchender Intellektueller mit Sonnenbrille zu sehen.

Nouvelle Vague Filmstill
Filmstill aus «Nouvelle Vague»: Zoey Deutch als Jean Seberg, Guillaume Marbeck als Jean-Luc Godard

In Richard Linklaters Bijou «Nouvelle Vague» spiegelt sich das vortrefflich: Godard ist eigentlich immer im Bild, als Denker, Lenker, Coach auf dem Dreh zu «À Bout de souffle». Das geneigte Kinopublikum ist mittendrin dabei, wenn Monsieur Godard beispielsweise sein Team wieder nach Hause schickt, weil er selber noch nicht weiss, was er überhaupt drehen soll. Warum? Weil kein verbindliches Drehbuch existiert. Was seinen Produzenten an den Rand des Wahnsinns treibt und die Schauspieler je nach Temperament irritiert. 

Doch man lernt auch den anderen Godard kennen, den talentierten Freidenker, den schrulligen Motivator, den Menschenkenner, der spürt, wem er vertrauen kann, etwa seinem Kameramann Raoul Coutard, der sich nie zu schade war, nach improvisierten, spontanen Lösungen zu suchen. Wohlgemerkt nicht im gut ausgestatten, isolierten Studioambiente, sondern in belebter Pariser Szenerie auf Strassen, in Bistros, Absteigen.

Ein Kinofilm, gedreht in zwanzig Tagen

In diesem Milieu ist auch Linklater mit seiner erfahrenen Crew im Einsatz und hält bildlich fest, was sein Held, der chaotische, nervige, verbissene, fokussiert-optimistische Godard alles anstellt, um sein Ziel zu erreichen. Er wollte schlicht beweisen (wohl auch sich selber), dass es möglich ist, seinen Kinofilm in nur zwanzig Tagen zu drehen. Linklater: «Es ging nicht darum, ‹À bout de souffle› neu zu verfilmen, sondern den Filmklassiker aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ich wollte mit meiner Kamera in das Jahr 1959 eintauchen und diese Zeit, die Menschen und die Atmosphäre nachstellen.»

Im damaligen so verlockenden wie experimentell herausfordernden Kulturambiente galt nicht nur für Godard, sondern für etliche der zumeist jüngeren «Cahiers du cinéma»-Autoren die Devise, dass der nächste Karriereschritt nur sein konnte, so bald wie möglich selber Filme zu drehen. So wie es in Linklaters «Nouvelle Vague» oft pointiert aufscheint, etwa am Beispiel von realen Personen wie Agnès Varda, Eric Rohmer, Claude Chabrol, Jacques Rivette oder François Truffaut. Letzterer feierte mit «Les Quatre Cents Coups» 1959 seine Premiere als Filmautor am renommiertesten Filmfestival weltweit. 

Frech und keck und klug 

Und so erlebt man in einer frühen «Nouvelle Vague»-Szene mit, wie Redaktionsmitglieder (Godard inklusive) an die Côte d’Azur reisen, um das Werk ihres Kollegen ins Visier zu nehmen. Es ist ein gelungenes Entrée für Truffaut, der zu einem Fixstern des modernen europäischen Films französischer Provenienz wurde. Zu seinem engen Freundeskreis zählt Godard, der lediglich im Kurzfilmbereich etwas vorzuweisen hatte – und, ambitiös, ehrgeizig, wohl auch etwas neidisch, befürchtete, dass er die eigene angestrebte cineastischen Karriere verpassen könnte. 

Es kam anders: Als François Truffaut dem Genossen im Geiste eines seiner Film-Treatments zur Weiterbearbeitung überliess, erwies sich die Geste als Türöffner. Godard stürzte sich in die Arbeit zu «À Bout de souffle», entwickelte willensstark ein Projekt nach seiner Manier, das frech und keck und klug die geltenden Filmproduktions-Sitten in Frage stellte. Gemäss seinem vielzitierten Credo, dass für ihn nur eine Regel gelte: keine! 

Dreharbeiten zu Nouvelle Vague
Dreharbeiten zu «Nouvelle Vague»

Der Plot fusst auf einer Zeitungsmeldung. Ein Ganove (Jean-Paul Belmondo) gerät mit einem geklauten Auto auf dem Weg nach Paris in eine Polizeikontrolle, durchbricht diese, wird verfolgt und erschiesst dabei einen Beamten. Der in der Folge Vielgejagte erreicht die Hauptstadt und sucht ein sicheres Logis. Das klappt, als er die selbstbewusste, burschikose US-Studentin Patricia (Jean Seberg) trifft, die auf den Champs Elysees Zeitungen verkauft. Und wie geht es weiter? Steht eine Love-Story mit Amour-fou-Momenten und Happy End an? Der Rest sei Schweigen. Hier wird nicht gespoilert! (Zumindest fast.)

Kino leben, in sich aufnehmen, atmen

Und noch einmal Richard Linklater: «Aus heutiger Sicht steht ‹À bout de souffle› in der Mitte der Filmgeschichte. Es schien jetzt der perfekte Moment, um die Radikalität und den Wagemut dieses Films wieder zu erleben. Um daran zu erinnern, dass sich das Kino immer wieder neu erfinden kann. Ein verspieltes Porträt einer eng verbundenen Gemeinschaft von Filmfanatikern zu zeichnen, die Kino leben, in sich aufnehmen und atmen. Um zu erforschen, wie eine neue Art des persönlichen Filmemachens entstand. Und um zu zeigen, dass das Kino ein innovatives Medium ist – und immer sein wird.»

Richard Linklater schafft es, den Originalplot von «À Bout de souffle» – der Film wird übrigens in diverse Kinos parallel zu «Nouvelle Vague» gezeigt – verblüffend unangestrengt auf die Leinwand zu bringen. Indem er den Magier, Monsieur Jean-Luc Godard, mitspielen lässt und als omnipräsenten Dirigenten als Dompteur von der Leine lässt. 

Freuen Sie sich also auf einen tollen Herzblut-Film, formal im originalen schwarzweissen Retrolook an etlichen Originalschauplätzen gedreht, raffiniert unkonventionell geschnitten, rhythmisch choreografiert. Und getragen von einem enthusiastisch-verschworenen, begeisternd aufspielenden, grossen Ensemble rund um das Trio infernal mit Zoey Deutch als Jean Seberg, Aubry Dullin als Jean Paul Belmondo und dem fantastisch disponierten Guillaume Marbeck als Jean-Luc Godard.

Kinos und Spielzeiten:
Nouvelle Vague
À Bout de soffle

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