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Schreiben in Zeiten von KI

Einfach die richtigen Wörter in der richtigen Reihenfolge anordnen

31. Oktober 2026
Eduard Kaeser
Chatbots
Die Chatbots Claude, ChatGPT, Llama, Gemini, Perplexity, Copilot und Meta AI auf einem Smartphone (Keystone, Christian Beutler)

Immer öfter haben das Gefühl, eine Maschine würde ebenso gut schreiben wie sie selbst – vielleicht sogar besser. Wie ist es dazu gekommen, dass Sprache zunehmend aus maschineller Perspektive betrachtet wird?

Die Frage führt zu den Anfängen der Kybernetik und der Informatik, zu einem einfach klingenden Problem: Wie kann ein Akteur in einer Welt voller Lärm und Chaos eine Nachricht möglichst effizient an einen anderen übermitteln? Die Geschichte der Kybernetik und Informatik nahm von dieser Anfangsfrage an einen verschlungenen Weg. Hier seien nur zwei Pioniere genannt. Norbert Wiener studierte Steuerungssysteme, die ein automatisches Verhalten ermöglichen – sowohl bei Organismen wie bei Mechanismen. Sprache wurde dabei rein instrumentell konzipiert: als Mittel der Verhaltensbeeinflussung – etwa im Befehl oder in der Werbung.

 

Parallel zur Kybernetik entwarf Claude Shannon eine Theorie der Kommunikation, die auf der Übermittlung von Informationseinheiten beruht. Die in einer Nachricht enthaltene Information lässt sich wahrscheinlichkeitstheoretisch berechnen. Dafür wurde ein quantitatives Mass eingeführt, das völlig unabhängig von der Bedeutung einer Nachricht ist: das Bit. 

Das kybernetisch-informationstheoretische (KI) Paradigma

Kybernetik und Informatik sind wichtige theoretische Fundamente der digitalen Technologie. Ihre Modelle prägten auch die Kognitionsforschung. Die Grundidee: Geist und Gehirn des Menschen lassen sich als informationsverarbeitende Systeme verstehen. Dabei trat eine Perspektive in den Vordergrund, die sich von der traditionellen Frage nach Sinn und Bedeutung unterschied: Im Fokus standen nun die Verarbeitung von Informationen und das regelgeleitete Operieren mit Symbolen. Mensch und Maschine konnten über den gleichen begrifflichen Leisten geschlagen werden. Es ist naheliegend, von einem kybernetisch-informationstheoretischen Paradigma zu sprechen.

Interessant ist, wie dieses Paradigma auch das Denken über Literatur beeinflusste. Eine gewisse Affinität zeigte der Strukturalismus der 1960er Jahre, zum Beispiel Roland Barthes’ Aufsatz über den «Tod des Autors». Damit entthronte er den Autor als souveräne Quelle des Textsinns. An seine Stelle trat der «Skriptor», gewissermassen ein Ausführender des linguistischen Apparats Sprache. Der Text erschien damit weniger als Ausdruck eines schöpferischen Individuums denn als ein Gefüge sprachlicher Beziehungen. 

Italo Calvino ging in seinem Vortrag «Kybernetik und Gespenster» noch weiter. Er zeichnete darin – nicht ohne Koketterie - den Computer als theoretisches Modell für unsere mentalen Prozesse. Forscher beginnen, so Calvino, zu verstehen, wie man Sprache – Kunst überhaupt - als kombinatorisches Spiel interpretieren kann und wie man dieses Spiel in Maschinen implementiert. Auf diese Weise würden Maschinen bald fähig sein, Gedichte und Romane zu entwerfen und zu verfassen. Die Pointe lag nahe: Wozu das Genie, wenn Literatur bloss bedeutet, ein Wort hinter das andere zu setzen?

Die «Symbiose» von Mensch und Sprachmodell

Wie gesagt: Das kybernetisch-informationstheoretische Paradigma erlaubt, die Elemente der Sprache von ihrer Bedeutung zu lösen. Die Sprachmodelle sind sozusagen der letzte Schrei dieses Paradigmas. Sie operieren mit sprachähnlichen Einheiten – Tokens –, die nicht in einem menschlichen Sinn bedeutungsvoll sind. Dabei entsteht eine typische Schwierigkeit. Wir verwenden nach wie vor Begriffe aus unserer Lebenswelt, wir sagen ständig, ChatGPT «schreibe», «übersetze», «beurteile», «verstehe». Aber eigentlich «tut» die Maschine etwas völlig anderes – und wir sind unfähig, dieses «Andere» anders als in menschlicher Sprache auszudrücken. 

Mehr noch: Wir neigen dazu, unser eigenes Sprachverhalten dem maschinellen anzupassen. Wir trainieren nicht bloss die Sprachmodelle, sie trainieren auch uns. In dieser «Symbiose» zeichnet sich eine tendenziell bedenkliche Anpassung menschlicher Vermögen an maschinelle ab. Man spricht bereits von einer eingemitteten Sprachbrühe, dem KI-Slop, der sich im Netz ausbreitet. 

Die Ära vor und nach 2022

Sprachmodelle haben sich mit beispielloser Rasanz verbreitet. Sie demonstrieren uns ziemlich brutal, dass ein zentrales menschliches Vermögen auch maschinell ausgeführt werden kann. Muss man jetzt die Geschichte des Schreibens und Lesens unterteilen in eine Zeit vor und eine nach 2022? Stellen ChatGPT und Konsorten eine weitere «Kränkung» unserer Exzeptionalität dar? 

Die Klagen über den Schwund an Schreib- und Lesekompetenz sind ernst zu nehmen. Ob wir auf eine Ära der Postschriftlichkeit zusteuern, mag einstweilen als Frage im Raum stehen bleiben. Zwischen Panik und Euphorie empfiehlt sich jedenfalls ein genealogischer Blick auf die Sprachmodelle. Er kann uns eines lehren: Die Entwicklung ist nicht zwangsläufig. In den Sprachmodellen manifestiert sich die Herrschaft eines Paradigmas, das auch die gewaltige wirtschaftliche – und politische – Macht seiner industriellen Nutzniesser stützt. Die heute beschworene «Krise» der Literatur und der Geisteswissenschaften ist Symptom für ein Versäumnis, das erwähnte Paradigma nicht kritisch genug geprüft zu haben. 

Eine anthropologische Neuausrichtung

Dieses Versäumnis nachzuholen bedeutet nicht, die «gute alte» geisteswissenschaftliche Tradition gegen die neuen «digital humanities» zu verteidigen. Es gilt vielmehr, die Debatte über Sprachmodelle anthropologisch neu auszurichten: Was bedeutet es für den Menschen, zu schreiben?

Die Verunsicherung, die Textgeneratoren unter Schreibenden in letzter Zeit stiften, betrifft ja primär die Erzeugnisse literarischen Schaffens, nicht das Schaffen selbst. Und in der Ära nach 2022 befördern die Sprachmodelle ein wettbewerbsorientiertes Ideal der Literalität, ja, sie drängen es uns auf: Wer schreibt besser, und mit welchem KI-System? 

Mit der anthropologischen Frage steht dagegen mehr auf dem Tapet als Erwerb und Verlust sprachlicher Kompetenzen. Schreiben ist nicht bloss die Verschriftlichung bereits vorhandener Gedanken. Es ist eine Tätigkeit, in der Gedanken erst verfertigt werden, Urteile entstehen, der Schreibende kultiviert ein Verhältnis zu sich selbst und zur Welt. Wird Schreiben zunehmend als automatisierbare Produktion von Texten verstanden, gerät diese Dimension aus dem Blick. Und mit ihr, was man einst Bildung nannte.

Scribere aude – wage selber zu schreiben!

Man hört inzwischen den Einwand, die Diskussion versteife sich zu sehr auf die Herkunft eines Textes, statt auf seine Qualität zu achten. Ja, fürwahr. Aber das ist zu kurz gedacht. Woraus erwächst denn das Vermögen, Qualität zu beurteilen, wenn nicht aus der eigenen Arbeit an der Sprache, aus dem Wortwerk? Wie will man einen Sprachsinn entwickeln, wenn man nicht die Mühe dieser Arbeit auf sich nehmen will? Ja, sie besteht auch darin, die richtigen Wörter in der richtigen Reihenfolge anzuordnen. Aber erst durch die Reibung am Wort entsteht der Gedankenfunke – die Lust am Text (auch dies ein Ausdruck von Barthes).

Vielleicht müsste man deshalb Schreiben als offensiven Anachronismus in der Ära des Schreibenlassens begreifen. Man schreibt, obwohl man schreiben lassen könnte. Das ist kein Trotz auf verlorenem Posten, sondern eine emanzipatorische Geste der Selbstentdeckung: Das habe ich geschrieben. Und sie erinnert an Kants «Sapere aude» – wage selber zu denken! Nun in aktueller Form: Scribere aude – wage selber zu schreiben!

Nur so lernst du – wie es in Gotthold Ephraim Lessings «Nathan der Weise» heisst – das verdriessliche Geschäft des Denkens.

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