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Energieversorgung

Blick in die Stromzukunft der Schweiz

31. Oktober 2026
Jürg Hofstetter
Jörg Hofstetter
Photovoltaik Grosser St. Bernhard
Francois Pignat, Direktor des Tunnels Grosser St. Bernhard, posiert am 9. Oktober 2026 vor einer im Bau befindlichen Photovoltaikanlage, deren Solarmodule derzeit die Hälfte der Dachfläche des Tunneleingangs bedecken. (Keystone, Jean-Christophe Bott)

Nächstes Jahr wird über Aufhebung des AKW-Neubauverbots abgestimmt. Es stehen leidenschaftliche Diskussionen bevor: Wie sieht eine sichere und nachhaltige Energieversorgung aus? – Ein fiktiver Blick in die nähere Zukunft zeigt, wie es gehen könnte.

Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft: ein eisiger Januarmorgen im Schweizer Mittelland. Dunkelheit, dichter Nebel und Schnee auf den Dächern. Millionen Lichter gehen an, Kaffeemaschinen brühen, Wärmepumpen schnurren, Fabriken laufen an. Das Stromnetz knirscht – aber es hält!

Bereits wurden einige der alten AKWs abgeschaltet und die Photovoltaik wurde zusammen mit der Wasserkraft zur tragenden Säule der Schweizer Stromproduktion. An diesem Januarmorgen scheint zwar noch keine Sonne, doch Batteriespeicher und Pumpspeicherwerke fangen die Produktionslücke auf. Bleibt der Nebel im Mittelland auch tagsüber liegen und reichen die übrigen Energiequellen nicht aus, springen die im Sommer und Herbst aus natürlichen Wasserzuläufen gefüllten Speicherseen ein. Wie seit jeher üblich, hilft man sich bei Bedarf auch im europäischen Verbund gegenseitig aus und für ausserordentliche Notfälle stehen Reservekraftwerke bereit, deren Treibstoff in inländischen Tanks gespeichert ist.

Dass dieses Zusammenspiel funktioniert, ist dem massiven Ausbau der Photovoltaik in den vergangenen Jahren zu verdanken. Obwohl der Bau privater Dachanlagen Ende der 2020er-Jahre ins Stocken geriet – bedroht von sommerlichen Stromüberschüssen und unklaren Vergütungsmodellen –, setzte sich das Konzept durch. Der Schlüssel zum Erfolg lag im steigenden Eigenverbrauch: Der Strom wird zunehmend direkt vor Ort genutzt und gespeichert, nicht mehr ins Netz eingespeist. Dennoch bleibt die Schweiz vorerst auf ihre letzten verbleibenden AKWs angewiesen, da der winterliche Strombedarf durch den vermehrten Einsatz von Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen weiter ansteigt.

Der lange Weg der Ungewissheit

Lange Zeit war es ungewiss, wie es mit der Stromproduktion der Schweiz weitergeht. Jahre zuvor drohte die Energiewende im emotionalen Dauerstreit zu enden. Über allem schwebte die eine Frage: Wie soll das Land die drohende Winterlücke nach Abschalten der letzten AKWs schliessen?

Die politischen Fronten waren verhärtet: Während das eine Lager trotz hoher Sicherheits- und Kostenrisiken auf den Bau neuer Kernkraftwerke pochte, setzte die Gegenseite konsequent auf die Erneuerbaren wie Sonne, Wind und Wasser. Parallel wurden Stimmen laut, im Winter verstärkt auf den Import von norddeutschem Windstrom zu setzen. Als Notlösung drohte der Einsatz von Gaskraftwerken, die allerdings entweder das Klima belasten oder bei fossilfreien Brennstoffen unrentabel sind. Erschwerend kommt hinzu, dass in der Schweiz kaum grössere Gaslager denkbar sind.

Der erneuerbare Weg wurde lange als unrealistisch hingestellt. Dabei zeigten schon frühere Berichte (1), dass ein rein nachhaltiger Weg mit Photovoltaik, Wind und Wasserkraft durchaus möglich ist. Es wurde aber auch klar, dass die Dächer im Mittelland allein im Winter nicht reichen würden. Es braucht Photovoltaik-Anlagen hoch über der Nebelgrenze, ergänzt durch Windräder, die im Winter zur Höchstform auflaufen. 

Aber ausgerechnet um die Windkraft und alpine Photovoltaik entbrannte ein erbitterter Kampf. Einsprachen blockierten die meisten Projekte. Dabei standen den Argumenten für Klimaschutz und Versorgungssicherheit die Bedenken hinsichtlich des Landschafts-, Vogel- und Lärmschutzes gegenüber.

Der Wendepunkt: Durchbruch am Runden Tisch

Angesichts der drohenden Stromknappheit im Winter wurden die Diskussionen zunehmend emotionaler und verloren an Faktenorientierung. Den Befreiungsschlag brachte ein Runder Tisch. Nach langem Ringen einigten sich die Hauptakteure verbindlich auf eine konkrete Anzahl an Windkraft- und alpinen Photovoltaik-Anlagen. Zentrale Punkte waren eine pragmatische Regelung für die Behandlung von Einsprachen und klare Regeln für ökologische Ausgleichsmassnahmen. Zudem wurde für Windkraftanlagen und alpine Photovoltaik-Anlagen ein finanzielles Beteiligungsmodell für die Lokalbevölkerung vereinbart – ein Instrument, das sich historisch bereits beim Bau der Stauseen bewährt hatte. Parlament und Bundesrat folgten diesem Plan.

Obwohl dieser Kompromiss erst kürzlich umgesetzt wurde, sind erste Auswirkungen bereits spürbar. Durch die neuen Bewilligungsverfahren konnten erste, bereits gebaute, aber durch Einsprachen blockierte Anlagen in Betrieb genommen werden. Sie liefern genau an diesem kalten Januarmorgen zusätzliche Energie.

Flankierende Massnahmen

Trotz dieses Erfolgs haben sich Bundesrat und Parlament auf weitere flankierende Massnahmen geeinigt, um gegen zukünftige Risiken gewappnet zu sein.

In den vergangenen Jahren hat die Schweiz ihre starke Einbindung in das europäische Stromnetz weiter gefestigt und vertraglich abgesichert. Davon profitiert sie direkt: Im europäischen Netz weht auch im Winter meist irgendwo Wind oder scheint tagsüber die Sonne. Die europäischen Nachbarn nutzen im Gegenzug die flexibel steuerbare Wasserkraft aus Schweizer Speicher- und Pumpspeicherkraftwerken zur Netzstabilisierung. 

Dieser Stromexport zu Spitzenzeiten ist für unsere Elektrizitätsunternehmen zwar lukrativ, birgt jedoch auch Risiken. Um die heimische Versorgungssicherheit im Winter nicht zu gefährden, wurde der Markt transparenter gestaltet – mit klaren Regeln, die ausreichend gefüllte Speicherseen garantieren. «Versorgungssicherheit macht an unseren Landesgrenzen nicht halt», betonte die Aussenministerin vor den Medien. «Ein isolierter Schweizer Strommarkt ist eine Fiktion, die wir uns im Winter schlicht nicht leisten können.»

Steuerung auf Verbraucherseite

Auch auf der Verbraucherseite wurde angesetzt. Früher hatte man nachts zu viel Strom und schuf mittels günstiger Tarife Anreize, damit Haushalte grosse Stromfresser – wie Elektroboiler zum Wasseraufheizen oder Waschmaschinen – gezielt in den Nachtstunden laufen liessen. Mit dem Ausbau der Photovoltaik haben wir inzwischen tagsüber Stromüberschüsse. Daher wurden finanzielle Anreize und intelligente Steuerungssysteme für entsprechende Lastverschiebungen beschlossen. Automatisiert zugeschaltete Grossverbraucher und Haushaltsgeräte sollen künftig genau dann anspringen, wenn die Photovoltaikanlagen auf den Dächern auf Hochtouren laufen.

Für den Winter will die Schweiz zudem vermehrt auf eine Technik setzen, die sich im Norden bereits bewährt hat. Nach dänischem Vorbild sollen saisonale Wärmespeicher zum Einsatz kommen. Mit Stromüberschüssen aufgeheizte riesige Wasserbehälter konservieren Wärme bis in die frostigen Monate. Integriert in einen Wärmeverbund, können sie bei fallenden Temperaturen die Wärmepumpen entlasten und dadurch helfen, Strom zu sparen. Anders als in Dänemark hat man in der Schweiz aber kaum Platz für grosse oberirdische Wasserbecken. Vielmehr will man auf unterirdische Speicher setzen.

Gleichzeitig wird gezielt in die Erforschung weiterer saisonaler Ausgleichsmassnahmen investiert, um auch bei künftig zunehmendem Verbrauch noch besser gewappnet zu sein und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz zu stärken.

Der Energieminister fasste die Pragmatik des Bundesrats so zusammen: «Wir stellen die Weichen voll auf Erneuerbare, sichern das System aber für den Notfall auf allen Ebenen ab».

(1) Hofstetter, Suter, Versorgungssicherheit durch erneuerbare Stromversorgung, 25.9.2026, https://co2nettonull.com/versorgungssicherheit-durch-erneuerbare-stromversorgung/

Swissolar, ETH-Studie: Erneuerbare für Versorgungssicherheit und tiefere Kosten, 12.03.2023, https://www.swissolar.ch/de/news/detail/eth-studie-erneuerbare-fuer-versorgungssicherheit-und-tiefere-kosten-44541

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