Die Insel Capri bei Neapel, der Sandstrand von Skagen an der Nordspitze der dänischen Halbinsel Jütland und dazwischen der Monte Verità bei Ascona: Diesen drei Sehnsuchtsorten mancher Künstler widmet das Kunstmuseum Bern eine Ausstellung. Man begegnet Werken teils hoher Qualität, doch das Konzept erfüllt die Erwartungen, die der Titel weckt, nur teilweise.
Am Anfang steht das Bild «Der Liebe Macht» (1898–99) von Gustav Graeser, das sich heute in der Casa Anatta auf dem Monte Verità in Ascona befindet. Gustav Graeser (1879–1958) war der Bruder Karl Graesers (1875–1916), der bei der Gründung der Lebensreform-Siedlung auf dem «Berg der Wahrheit» eine wichtige Rolle spielte. Gustav Graeser geriet in Wien in den Dunstkreis des exzentrischen, esoterischen und despotischen Malers Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1931). Das Gemälde «Der Liebe Macht» zeigt ein nacktes Paar, das aus der brennenden industriellen Zivilisation in die intakte Freiheit der Natur flieht.
Damit ist ein ganzes Konglomerat von Ideen angesprochen: Zivilisationsüberdruss, Naturschwärmerei, die Theosophie Helena Blavaskys, die Anthroposophie Rudolf Steiners, Naturheilmethoden, Mystizismus, die Lebensreform der Jahrhundertwende mit Freikörperkultur und Veganismus, dazu der expressionistische Aufbruch der Kunst. Alles in allem ist das eine kulturelle Gemengelage, welche die Aufbruchsstimmung an vielen Orten Europas und in manchen Künsten von Malerei und Skulptur bis zu Literatur, Tanz, Theater und Musik prägte und förderte.
Vom Thema überfordert
Das ist ein ganzes Bündel von Themen. Hinzu kommt noch Verkehrstechnisches wie die leichtere Erreichbarkeit ländlicher Idyllen dank der neuen Eisenbahnlinien. Da bietet sich Material für gleich mehrere grosse Ausstellungen an. Damit ist selbst ein für Schweizer Verhältnisse einigermassen grosses Museum wie das Berner Kunstmuseum wohl überfordert. Es vermag die notwenige Recherche-Arbeit kaum zu leisten und verfügt auch nicht über das nötige Angebot an Räumen und Infrastruktur. Es bleiben da nur Andeutungen, die notgedrungen ein Nachfragen nach Kontextualisierung, Querbezügen und Vielfalt der kulturellen Äusserungen vermissen lassen und deshalb an der Oberfläche bleiben. Die knappen Saaltexte bieten wohl Informationen, aber kaum genug.
Vielleicht ist diese Knappheit an Ressourcen der Grund, weshalb man zum Beispiel Elisar von Kupffer (1872–1942) in Bern nicht begegnet, und dass ihn die Kuratoren im Wissen um die schwierige Vermittelbarkeit seines Werks nicht zeigen wollten. Von Kupffer ist aber als Maler der Region Locarno/Ascona ein Inbegriff der Paradies-Sehnsucht. Sein Hauptwerk jedoch, «Die Klarwelt der Seligen» (für von Kupffers Anwesen in Minusio um 1925 konzipiert, heute aber auf dem Monte Verità zu besichtigen), bleibt ohne tiefere Beschäftigung im Bereich oberflächlicher oder gar peinlicher Missverständnisse. Das gilt auch von den Malereien Diefenbachs, von denen ein nur schwer verständliches Beispiel aus Capri, wo der Maler zeitweise lebte und schliesslich auch starb, in die Ausstellung aufgenommen wurde.
Man mag sich auch fragen, ob die Auswahl der drei Lokalitäten – Skagen, Monte Verità und Capri – einen geeigneten Fundus abgibt für eine Ausstellung zur Lebensreform-Kunst der Jahrhundertwende, oder ob nicht andere Brennpunkte wie zum Beispiel Dresden (mit Hellerau und den Malern Kokoschka und Nolde), Sizilien und Taormina (mit Wilhelm von Gloeden) oder die Ostsee-Insel Fehmarn (wo, um 1912, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller und Erich Heckel malten und ein naturnahes Gemeinschaftsleben pflegten) sich ebenso, wenn nicht gar besser eignen würden. Monte Verità ist für Malerei wenig ergiebig, Capri wäre wohl ergiebiger, geht man über Louis Léopold Roberts schöne Zigeunerinnen am idyllischen Meer und die unvermeidlichen, für kaufkräftige Touristen fabrizierten Ansichten des Grotto Azzurro hinaus.
Salonmalerei von hoher professioneller Qualität
Was dennoch bleibt und den Besuch der Ausstellung lohnt, ist die hohe Qualität einzelner Werke. Sie haben auch ohne tiefschürfende Suche nach Kontexten Bestand, wenn es sich auch teilweise um – als allerdings hoch professionelle – Salonmalerei handelt. Von Edmond-Jean de Pury aus Neuenburg ist ein virtuoses Gemälde zu sehen, das Fischer bei ihrer harten Arbeit – und nicht als Idylle – zeigt. Von Louis-Léopold Robert sind es Orangenpflückerinnen aus Capri, von Emmanuel Benner ist es ein Mädchen aus Capri, in der Rechten einen Tonkrug haltend, die linke Brust kokett halb entblösst – ein Bild des Typs, wie er einst die grossbürgerlichen Salons zieren mochte.
Peder Severin Krøyer und Michael Ancher schufen zauberhafte Strandstimmungen in Skagen an der Nordspitze Jütlands. Christian Krohg aus Oslo, der 1879 in Skagen weilte, vertritt in der Berner Ausstellung einen sozialkritischen Realismus. Michael Anchers «Der ertrunkene Fischer» zeigt, dass die paradiesisch schöne Strandlandschaft keineswegs nur ein Paradies ist: Den Toten, aufgebahrt in der düstern Stube, betrauern seine Kollegen sowie seine Frau und Kinder. Malereien von Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky, die beide in Ascona tätig waren, zeigen, dass die Künstlerkolonie am Fusse des «Berges der Wahrheit» auch nach der Grossen Zeit des Monte Verità zukunftsweisend war.
Zwei Entdeckungen sind zu vermelden: Das Kunstmuseum Bern erweist der Berner Malerin und Gestalterin Susanne Schwob (1888–1967) die Reverenz: Schwob schuf in den 1920er Jahren in Capri auf Anregung von Louis Moilliet Landschaftsaquarelle von intensiver expressionistischer Farbigkeit.
Erfreulich ist vor allem, dass das Berner Museum dem Publikum endlich die Begegnung mit Werken des Tessiners Filippo Franzoni (1857–1911) ermöglicht. Der Maler, geistig verwandt mit einem Symbolismus hodler‘scher Prägung, schuf Portraits und vor allem Landschaften von eigentümlicher und feinsinniger Poesie. Er ist präsent in den Tessiner Museen (im MASI in Lugano und in der Städtischen Kunstsammlung von Locarno), schaffte aber bisher – wegen mangelnden Interesses oder wegen fehlender Kenntnisse der Kuratoren in der Deutschschweiz? – den Sprung über den Gotthard nicht. Nur: In eine Ausstellung mit dem Titel «Reise in die Freiheit» fügt sich sein Werk schwerlich, da Franzoni seine engere Heimat selten verliess, sich aber der Bewegung um den Monte Verità und der Theosophie annäherte.
Kunstmuseum Bern
bis 31. Januar 2027
kuratiert von Livia Wermuth und Andreas Schwab