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Iran-Krieg

Eine Unterbrechung der Gewalt, keine Überwindung

8. April 2026
Reinhard Schulze
Hegseth, Pressekonferenz
Der amerikanische Kriegsminister Pete Hegseth feierte den vereinbarten Waffenstillstand mit Iran am Mittwoch vor der Presse als «historischen und überwältigenden Sieg» für Amerika. (Foto: Keystone/AP Photo/Manuel Balce Ceneta)

Es war eine Waffenruhe im letzten Augenblick, verkündet in jenem schrillen Tonfall, in dem Donald Trump seit Jahren Politik macht: Drohung, Übertreibung, Selbstinszenierung, dann plötzlich der grosse Gestus der Beruhigung. Rund neunzig Minuten vor Ablauf seines eigenen Ultimatums erklärte der US-Präsident auf Truth Social eine «beidseitige Waffenruhe» mit dem Iran.

Noch am selben Morgen hatte er geschrieben, «eine ganze Zivilisation» werde «heute Abend sterben». Am Montag zuvor hatte er angekündigt, den Iran «in die Steinzeit zu bomben». Und nun also Frieden? Keineswegs. Eher ein taktisches Innehalten, eine Pause mit eingebauter Sollbruchstelle.

Wer diese Entwicklung als Durchbruch feiert, verwechselt die Unterbrechung der Gewalt mit ihrer Überwindung. Die Waffen mögen vorerst schweigen; der Konflikt selbst ist damit nicht entschärft. Im Gegenteil: Was hier als diplomatischer Erfolg verkauft wird, ist in Wahrheit das vorläufige Ergebnis einer Eskalationslogik, die von Beginn an wenig mit Verteidigung und viel mit Machtprojektion zu tun hatte. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran war nicht das notwendige Mittel zur Gefahrenabwehr, als das er rhetorisch ausgegeben wurde. Er war Ausdruck eines politischen Willens, der Sicherheitsargumente benutzt, um einen offensiven Zugriff zu legitimieren.

Behauptete Verteidigungslogik wird zur Offensivstrategie

Das Grundanliegen des Krieges war es, Israels Sicherheit gegenüber den Angriffen iranischer Verbündeter dauerhaft zu gewährleisten und den Vernichtungsdrohungen der iranischen Führung mit militärischer Entschlossenheit zu begegnen. Doch die Verknüpfung dieser defensiv formulierten Ziele mit der dramatischen inneriranischen Entwicklung, die schliesslich in den Massakern vom 8. und 9. Januar kulminierte, hatte folgenreiche Konsequenzen: Aus einer behaupteten Verteidigungslogik wurde faktisch eine Offensivstrategie. Wer von Prävention spricht, muss Plausibilität liefern; wer von Selbstverteidigung spricht, muss Verhältnismässigkeit wahren. 

Beides ist hier nur schwer zu erkennen. Die eingesetzte Gewalt ging weit über das hinaus, was sich als defensive Massnahme rechtfertigen liesse. Die Zerstörung militärischer und ziviler Infrastruktur, die gezielte Tötung von Führungspersonal und die bewusste Ausweitung des Konflikts auf regionale Schauplätze ergeben kein schlüssiges Bild einer Abwehroperation, sondern das einer strategischen Offensive, die ihre Sprache der Sicherheit im Nachhinein moralisch auflädt.

Dass dieser Krieg überhaupt so weit eskalieren konnte, hat auch mit der ideologischen Aufladung zu tun, die ihn begleitet. In Washington wirkt eine politische Kultur fort, die nationalistische Härte mit wirtschaftlichem Oligarchismus und antiinstitutioneller Verachtung verbindet. In Jerusalem verschärft sich dieselbe Tendenz durch rechtsextreme und religiös-nationalistische Kräfte, die Sicherheit nicht als Aufgabe politischer Vermittlung, sondern als quasi heilsgeschichtlichen Auftrag verstehen. So entsteht ein Weltbild, in dem nicht mehr Diplomatie, sondern Sendungsbewusstsein regiert; nicht mehr Kompromiss, sondern Erlösung; nicht mehr begrenzte Interessenpolitik, sondern moralisch überhöhte Konfrontation.

Die Logik der Eskalation

Das ist kein Zufall, sondern die innere Logik dieser Koalition. Die politische Rechte in den USA und die nationalreligiöse Hardliner-Fraktion in Israel brauchen den Konflikt nicht nur als Sicherheitsproblem, sondern als Erzählung zur Selbstbestätigung. Der Iran dient dabei als Projektionsfläche für alles, was man bekämpfen, disziplinieren oder symbolisch demütigen will. Je grösser die Drohung, desto grösser die eigene Legitimation. Je apokalyptischer die Sprache, desto leichter lässt sich Gewalt als Notwendigkeit verkaufen.

Doch genau darin liegt die politische Blindheit dieses Krieges. Ein militärischer Schlag kann Anlagen zerstören, Kommandostrukturen schwächen, Bewegungsfreiheit einschränken. Er kann Einflusszonen verschieben und eine kurzfristige Erleichterung erzeugen. Aber er schafft keine Ordnung, die Bestand hätte. Er erzeugt vor allem: Abhängigkeit, Ressentiment und Ruinen. Für die iranische Gesellschaft sind die Folgen verheerend. Infrastruktur wird beschädigt, wirtschaftliche Grundlagen werden weiter ausgehöhlt, soziale Sicherheiten verschwinden und mit ihnen jene Freiräume, die eine innere politische Entwicklung überhaupt erst ermöglichen würden. Wer auf diese Weise eingreift, öffnet nicht den Raum für Emanzipation, sondern schliesst ihn.

Keine Freiheit aus Trümmern

Gerade deshalb ist die Vorstellung absurd, ein solcher Krieg könne am Ende demokratische Erneuerung befördern. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher. Je stärker ein Land von aussen zertrümmert wird, desto leichter erstarkt im Inneren das autoritäre Lager. Je existenzieller die Bedrohung, desto glaubwürdiger kann sich das Regime als letzte Bastion nationaler Selbstbehauptung inszenieren. Wer das iranische System schwächen will, aber seine militärische und zivile Substanz zerstört, stärkt am Ende jene Kräfte, die aus dem Ausnahmezustand politisches Kapital schlagen.

Der eigentliche Skandal liegt jedoch tiefer: Auch die Gegner des iranischen Regimes handeln nicht aus einem nüchternen politischen Projekt heraus. Sie bekämpfen nicht nur ein repressives System, sondern greifen selbst auf eine Denkform zurück, die kaum weniger gefährlich ist. Das iranische Regime definiert sich seit Jahrzehnten in messianisch-religiösen Kategorien, als Träger eines historischen Auftrags, als Gemeinschaft im Schatten eines andauernden Endkampfs. Doch seine Gegner spiegeln diese Struktur, wenn auch in anderem Vokabular. Auch sie denken in Freund-Feind-Schemata, in Zivilisationskampf, in moralischer Reinheit, in geschichtsmetaphysischen Zuspitzungen. Der Unterschied liegt eher in der Symbolik als in der Form.

Die ideologische Spiegelung

Damit wird der politische Realismus auf beiden Seiten beschädigt. Wo Ideologie den Platz der Analyse einnimmt, wird jeder Schritt zum Glaubensakt. Wo Sicherheit religiös oder moralisch überhöht wird, verliert sie ihre Begrenzung. Und wo der Gegner nicht mehr als politischer Akteur, sondern als metaphysische Bedrohung erscheint, ist die Eskalation nur noch eine Frage der Zeit. In diesem Sinn ist der Krieg nicht bloss ein Mittel, sondern selbst Ausdruck einer geistigen Verarmung: einer Unfähigkeit, Macht, Interesse und Begrenzung noch voneinander zu unterscheiden.

Die jetzt verkündete Waffenruhe ändert an diesem Grundproblem nichts. Sie mag die Börsen beruhigen, die Ölpreise senken und den Eindruck erwecken, die Lage sei unter Kontrolle. Doch Kontrolle ist nicht gleich Lösung. Zwei Wochen, vielleicht mehr, vielleicht weniger, sind kein politischer Horizont, sondern eine Frist. Eine Frist, in der alle Seiten versuchen werden, ihre Position zu verbessern, ihre Erzählung zu schärfen und die nächste Eskalation vorzubereiten. Wenn aus dieser Pause kein echter Verhandlungsprozess entsteht, bleibt sie nichts als ein Intervall zwischen zwei Gewaltakten.

Die Frist ohne Ausweg

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob diese Waffenruhe hält, sondern ob irgendjemand überhaupt ein Interesse daran hat, den ideologischen Rahmen zu verlassen, der diesen Krieg möglich gemacht hat. Solange in Washington und Jerusalem Sicherheit als moralische Überwältigung verstanden wird und Teheran seine eigene Macht weiterhin in apokalyptischen Kategorien deutet, bleibt jeder Waffenstillstand prekär. Dann wird aus dem Konflikt keine politische Ordnung, sondern bloss eine Serie von Unterbrechungen.

Stabilität entsteht nicht aus der Ästhetik harter Entscheidungen, nicht aus der Pose des entschlossenen Führers und schon gar nicht aus der Apotheose militärischer Gewalt. Sie entsteht aus Verhandlung, Begrenzung, wirtschaftlicher Einbindung und der Bereitschaft, Macht nicht mit Erlösung zu verwechseln. Genau daran fehlt es hier. Deshalb ist diese Waffenruhe kein Ausweg, sondern nur ein Moment der Erschöpfung. Und Erschöpfung ist noch kein Frieden.

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