Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Tullio Zanovello

Eine App für die Oper

24. September 2026
Annette Freitag
Tullio Zanovello
Tullio Zanovello – hier in seinem Atelier, das nun zum temporären Opernhaus
mutiert ist... Foto©Annette Freitag

Eigentlich kann man Tullio Zanovello als Universalkünstler bezeichnen. Vielleicht sogar als Tausendsassa. Alles andere würde ihm nicht gerecht. Er schreibt, er malt, er komponiert, er inszeniert.... und all diese Talente fliessen nun in eine Oper: «Die App». Da gibt sich Zanovello ganz zeitgenössisch. Ohne App geht heutzutage schliesslich gar nichts mehr.

Eigentlich kann man Tullio Zanovello als Universalkünstler bezeichnen. Vielleicht sogar als Tausendsassa. Alles andere würde ihm nicht gerecht. Er schreibt, er malt, er komponiert, er inszeniert.... und all diese Talente fliessen nun in eine Oper: «Die App». Da gibt sich Zanovello ganz zeitgenössisch. Ohne App geht heutzutage schliesslich gar nichts mehr.

Ein bisschen verwuselt ist er nach einer der letzten Proben vor der Uraufführung seines neuesten Werkes, aber strahlend und zuversichtlich. Hier in einer grauen Industrie-Halle im Gaswerk Schlieren, einem imposanten, historischen Werks-Gebäude, das heute unter Denkmalschutz steht, hat Zanovello sein Atelier, das jetzt auch als Theater dient. 

«Raus aus dem Plüsch – rein ins Leben» 

Opernprobe Die App
Opernprobe Die App

Dieses, sozusagen persönliche «Opernhaus», in dem die Uraufführung der «App» stattfindet, hat weder rote Samtpolster, noch Kronleuchter oder goldverschnörkelte Logen. Ganz nach Zanovellos Motto: Raus aus dem Plüsch – rein ins Leben. Und in der Halle gleich nebenan ist das Kletterzentrum, dort wird mit voller Energie gekraxelt. 

Ebenfalls mit voller Energie hat Tullio Zanovello so manche Hürde genommen, um seine «App» auf die Bühne zu bringen. Ein Gesamtkunstwerk, in dem er alles unterbringen konnte, was er im Laufe seines Lebens gelernt hat.

Von der Musik zur Malerei

«Ich wollte schon mit 16 Jahren Opernkomponist werden», erzählt er. «Ich habe alles darauf angelegt: ich habe Geige gelernt, Klavier, und Grundlagen der Kompositionskunst, aber als ich in den 80er Jahren ins Konservatorium gehen sollte, habe ich beim Fach ‘Komponieren’ festgestellt, dass ich dort all’ diese neutönerischen Sachen erlernen sollte. Und das wollte ich nicht. Diese Musik gefiel mir überhaupt nicht, aber andererseits waren die Partituren fast schon geometrisch schön, und damit verführerisch. Aber genau das wollte ich nicht.» Also hat er sich dem Geschichten-Schreiben zugewandt und dem Malen. «Ich habe viel Klassisches gespielt, Geschichten geschrieben und gemalt. Aber nicht mehr komponiert.»

Er fing an Triptychen zu malen, grosse Gemälde mit drei Flügeln. Spektakulär wurde seine Bildmaschine «Reduit», die er 2018 tief im Gotthard aufgestellt hat. Eine Art Multimedia-Schau um Mythen und Mühsal, um Überlebenskampf und auch um Kunst. Drei Jahre hatte er daran gearbeitet, an diesem Museum «Sasso San Gottardo».

Von der Malerei zurück zur Musik

Probe Die App
Szene mit Bild zur Oper Die App

Aber etwas fehlte in seiner Entwicklung noch... «Als ich angefangen habe, meine grossen Triptychen zu malen, habe ich gemerkt, dass Musik dazu gehört. Zuerst hatte ich jemanden engagiert, weil ich mir das Komponieren nicht mehr zugetraut habe.» Das hat aber nicht so recht geklappt. Stattdessen hat er gelernt, auf dem Computer zu komponieren. «Da bin ich wieder voll eingestiegen», erzählt er und strahlt, wenn er daran zurückdenkt. Er kombinierte Triptychon und Musik und merkte: «Das sind ja Opern!» Er war wieder auf der Spur zu seinem Lebensziel: Oper.

«Dann habe ich tatsächlich angefangen Opern zu schreiben. Erst zwei Experimentalopern. Viele Orchesterwerke, Lieder und alles Mögliche, um wieder in Schwung zu kommen. Es war eine Explosion!» Dann kam die Pandemie. «Covid hat mir eine Zäsur gebracht und auch die nötige Ruhe, eine Oper zu schreiben». Herausgekommen ist «Requiem Burlesque» und einige Opernhäuser wurden auf Zanovello aufmerksam. «Ich habe gemerkt, es gibt eine Nische für solche Produktionen.» 

Eine Nische für moderne Opern mit sanglicher Musik, mit Melodien. «Ich finde, heutzutage darf man die Melodien nicht dem Musical oder dem Pop überlassen. Die Melodie muss in die moderne Oper zurückkehren», so Zanovello. Allzu weichgespült will er es allerdings auch nicht haben. «Ich habe extrem melodiöse Passagen in meiner Oper, aber auch ein paar kratzbürstige Sachen. Das ist nun die Nische, die ich für mich gefunden habe. Für meine Oper: Nicht allzu lang, etwa anderthalb oder maximal zwei Stunden.» Das Publikum soll sich – auch mit einem modernen Werk - wieder angesprochen fühlen.

Am Anfang war die Bäckerei

Dabei gehe die Idee dieser Oper auf eine Lebenskrise zurück, erzählt Zanovello. «Ich habe damals gemerkt, die Kunst bringt mich nicht weiter. Nach Covid mussten die Museen ihre Budgets kürzen und ich konnte keine Bildmaschinen mehr bauen. Literatur wäre zwar hübsch, aber brotlos und bei der Musik hatte ich auch meine Zweifel, ob das was bringt. 

Da bin ich zu meiner Tochter nach Wien gefahren, sie ist Sopranistin. Und während sie übte, bin ich draussen im Regen herumgelaufen und in eine Bäckerei gegangen, um etwas zu essen. Kaum war ich dort, sind andere Leute gekommen. Leute locken Leute an! Wenn ich noch Student gewesen wär’, hätte ich dem Bäcker vorgeschlagen, mich ins Schaufenster zu setzen und sein altbackenes Brot aufzuessen, um neue Kunden anzulocken. Daraus ist der Opern-Grundgedanke entstanden: von einem der dasitzt und programmiert. 

Und was programmiert er? Eine App. Und auf einmal hatte ich die Idee der Oper und habe noch in der Bäckerei angefangen zu schreiben. Da hat mich das Thema so gepackt, dass ich die Oper in einem halben Jahr geschrieben habe, mit Text und Musik. Dann hätte ich wieder bei Opernhäusern anklopfen müssen... bitte, bitte... aber meine Frau sagte: Schluss, fertig, das machen wir jetzt selbst.»

Der kleine Dingsbums auf der Bühne

Als Maler hatte er auch sofort Ideen, wie die «App»-Oper optisch aussehen soll. «Mich hat die Verquickung von Virtualität und analoger Welt interessiert. Manchmal kann man das gar nicht richtig unterscheiden. Ich habe auch schnell gesehen, dass es musikalisch ein Miteinander sein muss zwischen analoger Musik, Sängern und Instrumentalisten und virtueller Musik, die ich mischen kann. Und die App ist das kleine Dingsbums auf dem Computer.»

Das mag alles ganz kompliziert erscheinen, wenn man Zanovellos Gedankengängen folgt. Aber das ist ja auch das Schöne am Theater, das es flüchtige Gedanken ganz bodenständig auf die Bühne bringt.

Und nun funktioniert Zanovellos App auf der Bühne statt nur auf dem Computer. Alles hat er fast allein gemacht, von der Idee bis zur Aufführung. Fast! Denn auf der Bühne braucht es Schauspielert, Sänger, Musiker und einen Regisseur... plötzlich ein ganzes Ensemble, die sich erst mit Zanovellos Gedankengängen vertraut machen mussten. 

Wie hat Zanovello dies denn selbst während der Proben erlebt? «Ich musste wahnsinnig viel Geduld haben...!» sagt er und lacht. «Aber meine Frau hat immer gesagt: Tullio, du musst dich zurückhalten, du musst die anderen jetzt ihre Arbeit machen lassen!» Und zähneknirschend meint er: «Das mach’ ich ja auch... zu 80 Prozent»

«Die App»
25.-27. September Oper Gaswerk, Zürich/Schlieren
Kohlestrasse 12, 8952 Schlieren

Letzte Artikel

Der Kriegsverbrecher und der Prahlhans

Heiner Hug 24. September 2026

Ein grosses Welttheater

Erich Gysling 23. September 2026

Die kühle «Kunst des Deals»

Rudolf Hermann 23. September 2026

Freihandelsabkommen der Schweiz, speziell mit China

Daniel Woker 22. September 2026

Die Frau gegen Blau sieht rot

Oliver Schulz 21. September 2026

Mit Friedrich Merz taumelt die CDU in Richtung Bedeutungslosigkeit

Thomas Burmeister 21. September 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.