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Afrika

Ein Staat, der kein Staat ist und einer sein möchte

15. Mai 2026
Heiner Hug
Berbera
Somaliland: Der Hafen von Berbera am Golf von Aden (Keystone/AP/Sayyid Azim)

Eigentlich seltsam: Da gibt es in Afrika ein Land, das besser funktioniert als die meisten anderen afrikanischen Staaten. Doch weder die EU noch die USA, noch die Uno noch die Afrikanische Union wollen das Land anerkennen. Jüngste Hoffnungen, dass die USA dem Land helfen würden, haben sich nach dem Besuch von Donald Trump in Peking zerschlagen.

«Gibt es wirklich Leute, die wissen, was Somaliland ist?», hatte Trump einst gesagt. Der De-facto-Staat im Nordosten von Somalia ist gut dreimal so gross wie die Schweiz, zählt sechs Millionen Einwohner, hat ein eigenes Parlament, einen eigenen Präsidenten und eine eigene Währung. Vor 35 Jahren, am 18. Mai 1991, spaltete sich Somaliland vom zerfallenden und vom Terror erschütterten Somalia ab und erklärte sich für unabhängig – was international nicht anerkannt wurde.

Inzwischen hatte sich auch Puntland und der Khatumo State (Nordost-Staat) von Somalia gelöst. Der Khatumo-Staat neigt jedoch Somalia zu und wird von Mogadischu anerkannt. Auch Puntland sieht sich nicht als unabhängigen Staat, sondern als Teil des föderalen Somalia. 

Somaliland
Karte: Journal21/stepmap.de

Wie kam es überhaupt zu diesem innersomalischen Konflikt? Somaliland war 76 Jahre lang ein britisches Protektorat: «Britisch-Somaliland». Das südöstlich davon gelegene Somalia war seit 1908 eine italienische Kolonie. 1960 wurden sowohl Britisch-Somaliland als auch Italienisch-Somalia unabhängig. Im Zuge der Unabhängigkeitseuphorie schloss sich damals Somaliland freiwillig Somalia an. Warum?

Pan-somalischer Nationalismus 

Schon in den Fünfzigerjahren keimte am Horn von Afrika der Traum von einem starken «Gross-Somalia», einem somalischen Nationalstaat mit eigener Kultur, Sprache und Religion. Dieses «Greater Somalia» würde – so der Traum – fünf Gebiete umfassen: Italienisch-Somalia, Britisch-Somaliland, Französisch-Somaliland (Dschibuti), Teile von Äthiopien (Ogaden) und den Nordosten von Kenia. Mit «Gross-Somalia» hoffte man, politisch, wirtschaftlich und international stark zu werden.

Im Zuge dieses pan-somalischen Nationalismus schloss sich Somaliland sofort nach der Unabhängigkeit freiwillig – sozusagen als ersten Schritt im Hinblick auf die Bildung eines Gross-Somalia – dem südlichen Nachbarn Somalia an.

Die bombardierte Hauptstadt

Doch die Euphorie dauerte nicht lange. Die Regierung in Mogadischu, der Hauptstadt von (ehemals italienisch) Somalia, behandelte die Menschen von (ehemals britisch) Somaliland herabwürdigend, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Investitionen flossen fast ausschliesslich nach Somalia, und in der Zentralregierung in Mogadischu hatte der Norden keinen Einfluss. Deshalb machte Somaliland schon ein Jahr nach der Unabhängigkeit den damals freiwilligen Anschluss an Somalia rückgängig und erklärte sich für unabhängig.

Nach einem Aufstand in Somaliland liess der somalische Diktator Siad Barre die Hauptstadt Hargeisa und andere somaliländische Städte bombardieren. Dabei starben mindestens 50'000 Menschen. 800'000 Menschen flohen in den äthiopischen Ogaden oder nach Dschibuti. In Hargeisa legten Forensiker 2014 Massengräber mit Zehntausenden Skeletten frei. 

Somalia, ein «failed state»

Somalia entwickelte sich dann zu dem «failed state», der es heute ist. Der damalige Präsident Siad Barre errichtete ein Terrorregime; das Land zerfiel, die islamistische Terrororganisation Al-Shabaab, die mit Al-Kaida und dem «Islamischen Staat» verbunden ist, fasste Fuss. Al-Shabaab kämpft für einen streng islamistischen Staat Somalia, eine Art somalisches Kalifat. Mogadischu ist heute eine der gefährlichsten Städte der Welt.

Somalia gehört laut dem Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen zu den ärmsten Ländern der Welt. Mit einem HDI von etwa 0,40 liegt Somalia aktuell auf einem der letzten Plätze von 190 Ländern.

Somaliland, eher friedlich und stabil

Im Gegensatz zu Somalia entwickelte sich das wieder abgespaltene Somaliland eher friedlich und stabil. Auch wirtschaftlich geht es dem Land am Golf von Aden weit besser als Somalia. Zwar ist auch in Somaliland nicht das Paradies ausgebrochen, doch der Staat ist eine funktionierende Demokratie mit festen Strukturen. Allerdings werden auch den Behörden von Somaliland ab und zu Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Belastet ist das Land von hoher Jugendarbeitslosigkeit, immer häufiger auftretenden Dürren, mangelnder industrieller Entwicklung, fehlenden internationalen Investitionen und Grenzstreitigkeiten mit dem östlich gelegenen Khatumo-Staat. In der Hafenstadt Berbera, der einstigen Hauptstadt von Britisch-Somaliland, und in der jetzigen Hauptstadt Hargeisa ist ein ganz zaghafter, fragiler Aufschwung zu beobachten.

Kampf um Anerkennung

Trotzdem wird Somaliland international geächtet. Warum ist das so? Afrika ist ein Flickenteppich von Ethnien. In vielen afrikanischen Staaten gibt es Gebiete und Völker, die sich vom Zentralstaat abspalten möchten. Die afrikanischen Staaten fürchten, dass eine völkerrechtlich legitimierte Abspaltung eines Gebiets, in diesem Fall Somaliland, Schule machen und eine Sezessionsbewegung in Afrika auslösen könnte. Deshalb kämpft man um die Beibehaltung der Grenzen – auch wenn Somalia und Somaliland während der Kolonialzeit zwei verschiedene Staaten waren.

Fast verzweifelt kämpft Somaliland heute um internationale Anerkennung und damit um Zugang zu Investitionen und Entwicklungsprogrammen. Ohne Aufnahme in die internationale Staatengemeinschaft bleibt das Land zur Armut verdammt.

Anerkennung durch Taiwan

Im Jahr 2020 hat Taiwan als erstes Land der Welt Somaliland offiziell anerkannt, was Peking gar nicht gefiel. Vor drei Jahren kam erneut Hoffnung auf. Äthiopien, das riesige westliche Binnen- und Nachbarland, schlug Somaliland einen Deal vor. Der ging so: Somaliland schafft einen von Äthiopien kontrollierten Landkorridor von Äthiopien durch somaliländisches Gebiet zum Meer. Damit wäre Äthiopien kein Binnenland mehr. Das Abkommen würde Äthiopien ein zwanzig Kilometer langes Band am Golf von Aden für die Einrichtung eines Marinestützpunktes garantieren. Dort könnte Äthiopien einen Handelshafen bauen.

Im Gegenzug würde Äthiopien als erster afrikanischer Staat Somaliland als unabhängigen, souveränen Staat anerkennen. So würde die internationale Isolation Somalilands erstmals durchbrochen. Doch bisher machte Äthiopien keine Anstalten, Somaliland politisch anzuerkennen. Und auch die Pläne für einen äthiopischen Hafen an der somaliländischen Küste liegen nach heftigen Protesten im In- und Ausland brach.

Anerkennung durch Israel

Und dann kam Israel. Im vergangenen Dezember nahm Jerusalem offiziell diplomatische Beziehungen zu Somaliland auf. In der Hauptstadt Hargeisa wurden israelische Fahnen aufgezogen. Jetzt ernannte Israel einen Botschafter, der zwar nicht in Somaliland residiert, aber für das Land zuständig ist. Israel will nun in Somaliland eine Militärbasis errichten – direkt am Golf von Aden, direkt gegenüber dem vom Iran unterstützten Huthi-Staat Jemen. Gerade das könnte für Somaliland gefährlich sein. Einige Beobachter fürchten jetzt Huthi-Angriffe auf Somaliland.

Doch die somaliländische Regierung ködert nun auch Donald Trump und bot ihm an, eine amerikanische Militärbasis zu errichten – im Gegenzug zu einer diplomatischen Anerkennung. Die USA verfügen bereits über eine Militärbasis in Dschibuti. Dschibuti und Somaliland liegen strategisch hervorragend am Eingang der Strasse von Bab el-Mandeb zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden. Dies ist eine der verkehrsreichsten Handelsrouten der Welt, die den Indischen Ozean mit dem Suezkanal verbindet. Auch der Hafen von Berbera, von dem einst Myrrhe verschifft wurde, würde den USA zur Verfügung gestellt. Zudem liegt hier eine von den Sowjets gebaute 4,2 Kilometer lange Flugzeugpiste – die längste in Afrika.

Seltene Erden, Ölvorräte

Somaliland hat zwei weitere Trümpfe, die Trump interessieren: Das Land verfügt über seltene Erden wie Lithium, Tantal, Niob und Coltan. Nicht genug: Vor der Küste von Somaliland liegen offenbar riesige Ölvorräte.

Werden also die USA bald Somaliland anerkennen? In den USA gibt es mehrere Stimmen, die dies fordern. Senator Ted Cruz und andere Republikaner setzen sich vehement für eine Anerkennung des De-facto-Staates ein. In Somaliland selbst setzen die Menschen grosse Hoffnung auf Trump. Nach seiner zweiten Wahl brachen in der Hauptstadt Hargeisa Freudenkundgebungen aus.

Doch es gibt ein Problem. Und das Problem heisst China.

Trump will China nicht verärgern

China unterhält enge diplomatische, wirtschaftliche und strategische Beziehungen zu Somalia. Peking unterstützt die somalische Regierung in Mogadischu «bei der Wahrung ihrer Souveränität und territorialen Integrität», wie es offiziell heisst. Also: Somaliland wird weiterhin als Teil Somalias betrachtet. Somalia war 1960 das erste Land in Ostafrika, das diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik China aufnahm. Hu Changchun, der chinesische Sondergesandte für das Horn von Afrika, besuchte Somalia im letzten Monat und traf den somalischen Präsidenten Hassan Sheikh Mohamud in Mogadischu.

Die Taiwan-Frage stand weit oben auf der Agenda beim jetzigen amerikanisch-chinesischen Gipfeltreffen. China drängte die USA, Taiwan keine Waffen mehr zu liefern. Trump, der auf chinesisches Entgegenkommen in Handelsfragen und im Irankonflikt hofft, wird die chinesische Führung wohl kaum verärgert haben, indem die USA das von Taiwan unterstützte Somaliland anerkennen. «Es würde für China als erheblicher Rückschlag angesehen», zitiert die New York Times den Journalisten und China-Spezialisten Eric Olander, «wenn die Vereinigten Staaten Somaliland anerkennen würden.»

Das frühere britische Protektorat am Horn von Afrika muss also wohl – die Geopolitik will es – weiter auf internationale Anerkennung warten.

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