Die Strategie der USA und Israels gegenüber Iran beruhte auf der Annahme, dass militärisch-technologische Überlegenheit ausreiche, um das Regime der Islamischen Republik strategisch zu brechen. Doch trotz massiver Luftangriffe, wirtschaftlichen Drucks und internationaler Isolation ist das Gegenteil eingetreten: Das Regime hat überlebt, seine innenpolitische Kontrolle behauptet und seine ideologische Erzählung sogar stärken können.
Der Krieg offenbart damit ein grundlegendes Problem westlicher Interventionspolitik: die Verwechslung operativer militärischer Erfolge mit politisch-strategischem Erfolg.
Die Operationslogik und ihre Grenzen
Die Kriegsstrategie der USA und Israels folgte einer klaren operativen Logik: Enthauptungsschläge gegen die politische und militärische Führung sollten das Regime destabilisieren. Gezielte Luftangriffe auf Kommandostellen, Raketenabschussrampen, Flughäfen und Marineziele sollten die iranische Schlagkraft «entwaffnen». Gleichzeitig sollten bewaffnete Verbände ethnischer Minderheiten von den Rändern her Territorien übernehmen, während Dissidente innerhalb des Systems – unterstützt von Massenprotesten – die alte Ordnung zu stürzen versuchen sollten.
Kommandounternehmen, die bereits im Sommer 2025 begannen, damals um Raketenproduktionsanlagen zu sabotieren, sollten Lager mit angereichertem Uran besetzen und temporäre Brückenköpfe im Land errichten. Als letzte Eskalationsstufe war eine Seeblockade vorgesehen, um die iranische Wirtschaft zu strangulieren.
Riesiger militärischer Aufwand, gewaltige Schäden
Allein der logistische Aufwand ist beeindruckend: Für die Angriffe auf 1’250 Ziele wurden Dutzende Kampfflugzeuge der Typen F-15, F-16, F/A-18, F-22 und F-35 eingesetzt, unterstützt von Tankflugzeugen, AWACS-Maschinen und Aufklärern. Von U-Booten aus wurden Tomahawk-Marschflugkörper abgefeuert, grosse Mengen an Präzisionsbomben und Stand-off-Munition kamen zum Einsatz. Mindestens ein bis zwei Trägerverbände sowie mehrere Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse wurden im Persischen Golf und im östlichen Mittelmeer stationiert. Defensiv wurden über 100 THAAD-Abfangraketen sowie Patriot- und SM-2/SM-3/SM-6-Systeme der US-Navy und etwa 21 israelische Arrow-2- sowie rund 80 Arrow-3-Systeme eingesetzt.
Der iranische Aufwand war demgegenüber deutlich geringer: Die Revolutionsgarden feuerten schätzungsweise 550 bis 600 ballistische Raketen ab und setzten rund 1’000 Drohnen ein. Die Kostenasymmetrie ist signifikant: Die USA haben bislang geschätzte 50 bis 72 Milliarden Dollar aufgewendet, Israel rund 10 bis 12 Milliarden. Iran musste direkte Militärkosten von 5 bis 15 Milliarden Dollar sowie massive Infrastrukturschäden tragen – insgesamt schätzungsweise 100 bis 300 Milliarden Dollar.
Die kurzfristigen wirtschaftlichen Kollateralschäden für die Golfstaaten werden auf 50 bis 150 Milliarden Dollar, für Israel auf 15 Milliarden Dollar beziffert. Der globale Gesamtschaden dürfte zwischen 300 und 1’000 Milliarden Dollar liegen, was einem weltweiten Wachstumsminus von 0,3 bis 1,0 Prozentpunkten des Welt-BIP entspricht.
Festgefahrene Diplomatie
Der aktuelle Waffenstillstand ist keine ausgehandelte Einigung, sondern eine stille Vereinbarung, vorerst auf weitere Eskalation zu verzichten. Die Verhandlungen stagnieren. Iran besteht auf einem Paket nicht verhandelbarer Forderungen: dauerhaftes Ende der Kampfhandlungen auf allen Fronten einschliesslich des Libanon, Aufhebung der US-Seeblockade, freie Schifffahrt durch die Strasse von Hormuz und die Anerkennung iranischer Souveränität über diese Wasserstrasse, Freigabe eingefrorener Auslandsvermögen, Aufhebung von Sanktionen, Entschädigung für Kriegsschäden sowie das Ende des Verbots iranischer Ölexporte. Das Atomprogramm, so Teheran, könne separat und zu einem späteren Zeitpunkt verhandelt werden.
Washington besteht dagegen auf seinen vier Kernforderungen: vollständige Begrenzung oder Aufgabe des iranischen Atomprogramms, Einschränkung des Raketenprogramms, Ende der Unterstützung regionaler Milizen und Proxys sowie Sicherung der freien Schifffahrt in der Strasse von Hormuz. Diese Positionen sind strukturell unvereinbar. Der Ausgang des Konflikts bleibt offen.
Das strategische Versagen: Operative Gewinne ohne politisches Ziel
Sieben Jahre nach Beginn der heissen und kalten Konfliktphasen ist die Bilanz eindeutig: Die Strategie ist gescheitert. Aufwand und Ertrag stehen in einem krassen Missverhältnis. Der entscheidende Fehler lag in der Annahme, operative Gewinne würden automatisch strategischen Erfolg nach sich ziehen.
Dieses Muster hatte bereits den israelischen Krieg gegen die Hamas bestimmt und wiederholt sich im Krieg gegen die Hizbollah. Militärisches Vorgehen ohne politische Perspektivierung kann katastrophale Konsequenzen haben. Im Falle Irans wurde dies besonders deutlich: Trumps vollmundige Ankündigung vom 13. Januar 2026 – «Keep protesting. HELP IS ON ITS WAY» – wurde als Parteinahme der USA für den iranischen Aufstand gewertet. Doch schon bald war klar: Der Krieg wurde nicht mit dem politischen Ziel geführt, der iranischen Opposition den Weg zum Sturz des Regimes zu ebnen
Das Ausblenden der politischen Strategie entwertete das gesamte militärische Vorgehen. Für das iranische Regime war es vergleichsweise einfach, sich auf die operativen Schläge einzustellen und nach aussen Resilienz zu demonstrieren. Tatsächlich nutzte die Führung in Teheran den Krieg, um ihre strategische Position auszubauen: Wie unter dem Schah in den frühen 1970er Jahren reklamiert Iran nun explizit die Souveränität über die Strasse von Hormuz – und implizit eine Hegemonie über den gesamten Persischen Golf. Sollten in künftigen Atomverhandlungen Bedingungen ausgehandelt werden, die dem Abkommen von 2015 ähneln, wird das Regime dies als Sieg feiern. Auch die inzwischen auf das Niveau einer «umfassenden strategischen Partnerschaft» gehobenen Beziehungen zu China kann Teheran als Kriegsgewinn verbuchen.
Imperiale Tiefenstruktur
Ein weiterer Grund für das strategische Scheitern liegt in der analytischen Grundlage, auf der die Strategie aufgebaut wurde. Das Bild des Iran wurde massgeblich durch die Brille der Exilopposition gezeichnet – einer Perspektive, in der sich politische Programmatik und analytische Expertise untrennbar vermischten. Heraus kam ein Iranbild, das mit der politischen Realität im Land kaum etwas gemein hatte.
Der entscheidende blinde Fleck: Das Regime der Islamischen Republik ist tief in die imperiale Geschichte Persiens eingebettet. Es beruft sich – wie seine Vorgänger – auf eine 2’500-jährige mythische Staatstradition. Der revolutionäre Schiismus der Islamischen Republik hat diese imperiale Idee nicht lediglich adaptiert, sondern ihr eine religiöse, heilsgeschichtliche Legitimität verliehen, die historisch tiefe Wurzeln hat:
Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts trug die safawidische Herrschaft zur Konsolidierung eines schiitisch geprägten persischen Reichsgedankens bei. Diese Einbettung in eine imperiale Grundordnung ist so tiefgreifend, dass sie das strategische Denken der gesamten politischen und militärischen Elite prägt. Bemerkenswert ist dabei, dass selbst ethnische Minderheiten an dieser Imperialität partizipieren – was die westliche Annahme, diese Gruppen würden das Regime destabilisieren, als Wunschdenken entlarvt.
Die strukturelle Ähnlichkeit mit der politischen Ordnung Russlands ist auffällig: In beiden Fällen legitimiert sich der Staat über eine imperiale Kontinuität, die äusserem Druck trotzt und innere Fragmentierung integriert. Der Krieg hat dem iranischen Regime ermöglicht, sich zum Sachwalter einer Souveränität zu stilisieren, die Iran seit 2’500 Jahren konstituiere. Damit macht sich das Regime unersetzlich: Es verkörpert diese Souveränität und verteidigt sie – wie die Generationen zuvor – mit zäher Beharrlichkeit. Ein Iran «von Trumps Gnaden» dürfe es daher niemals geben, weil dies kein «Iran» mehr wäre. Diese Logik bestimmt sowohl die iranische Kriegs- als auch die Verhandlungsstrategie.
Imperiale Muster auf beiden Seiten
Das eigentliche Paradox liegt darin, dass die Politik der USA und Israels selbst imperiale Muster reproduziert – und damit genau jene Logik stärkt, die sie zu überwinden vorgibt. Wer ein ideologisches Bollwerk von aussen wegbomben will, stärkt es. Das iranische Regime hat dies verstanden und instrumentalisiert es meisterhaft.
Die gesellschaftliche Emanzipation, die der Krieg angeblich ermöglichen sollte, wird durch ihn blockiert. Die Möglichkeit breiter gesellschaftlicher Mobilisierung besteht zwar weiterhin, doch die blosse Überzeugung, das Regime sei nicht länger unbesiegbar, trägt gegenwärtig nicht mehr aus sich heraus. Eine offene Spaltung innerhalb der Machtelite ist bislang ausgeblieben.
Der wirtschaftliche Druck durch Sanktionen und Blockaden wird durch kriegswirtschaftliche Organisation und Rationierungen abgefedert. Weder Reformen noch Massenproteste noch Elitenbrüche sind derzeit absehbar. Ebenso fehlt ein politisches Programm für den «Tag danach» – eines, das nicht erneut auf personale Führerschaft setzt, sondern eine gesellschaftliche Umwälzung von unten ermöglicht.
Fazit: Die Grenzen militärischer Macht
Der Krieg gegen den Iran ist ein Lehrstück über die Grenzen militärischer Macht, wenn sie ohne politische Strategie eingesetzt wird. Das iranische Regime hat den Angriff nicht nur überlebt – es hat ihn genutzt, um seine Legitimation zu festigen, seine regionale Stellung auszubauen und seine Souveränitätsansprüche zu radikalisieren. Die operativen Verluste sind real, aber strategisch irrelevant geblieben.
Wer das iranische Regime verändern will, stösst nicht auf ein militärisches Problem, sondern auf ein ideologisches Bollwerk, das sich nicht von aussen wegbomben lässt. Es kann nur von innen aufgebrochen werden – durch eine Gesellschaft, die bereit ist, Iran jenseits seiner imperialen Selbstdeutung neu zu denken. Doch genau das verhindert der Krieg.
Dennoch dürfte er dem Regime nur eine Atempause verschaffen. Sinkende Legitimität, gesellschaftliche Erosion, demografischer Wandel und die wachsende Entfremdung zwischen Staat und Bevölkerung werden die Islamische Republik mittelfristig weiter unter Druck setzen – insbesondere dann, wenn sich ein landesweit tragfähiges politisches Feld von unten heraus etabliert, das Teile des Machtapparats neutralisieren und eine glaubwürdige politische Nachordnung anbieten kann. Bis dahin bleibt die Lage eingefroren: teuer, instabil und ohne absehbaren Ausweg.