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Buch

Ein Mann stürzt ab

21. August 2026
Rolf App
Micha Lewinsky
Micha Lewinsky (Foto: Diogenes Verlag)

In «Freunde von früher» lässt Micha Lewinsky einen fünfzigjährigen, noch stark den Träumen von einst verhafteten Mann in eine tiefe Krise schlittern. Origineller Auslöser des an Überraschungen reichen Romans ist ein kühner Plan seiner früheren Wohngemeinschafts-Freunde. 

Béla Tóth ist auf dem Weg zu einer rätselhaften Verabredung, als ihn in Zürich der Erste Mai aufhält, den er ganz vergessen hat. Drohend postieren sich Einsatzfahrzeuge und Wasserwerfer, «Kapitalismus überwinden» liest er auf einem Banner, Polizisten stellen sich in den Weg. Aber Béla hat keine Zeit. Rasch noch will er die Strasse überqueren, was natürlich schiefgehen muss. 

Die Flasche Prosecco im Rucksack geht zu Bruch, die Hose ist nass, und mit einstündiger Verspätung trifft er beim Kunsthaus ein, wo Freundin Kaja auf ihn wartet. Mit ihr zusammen macht er sich auf den Weg, zu «Freunden von früher», wie Micha Lewinsky seinen zweiten Roman überschrieben hat.

Warum nicht zusammen ein Haus kaufen?

Diese Freunde haben einen Plan. Vor drei Jahrzehnten haben sie einmal zusammengewohnt im schon damals von extremer Wohnungsnot geprägten Zürich: Serdar, Simone, Kim, später dann noch Antonio, und Esther, Serdars Frau. Und Lexi, ihr unangemeldeter, aber freundlich geduldeter Gast, der sich aber dann umgebracht hat. Als sich die Wohngemeinschaft an der Zederstrasse aufgelöst hat, sind Serdar und Esther geblieben mit ihren zwei Kindern. 

Jetzt verkünden sie, dass das Haus zum Verkauf steht. Warum es also nicht gemeinsam erwerben und bewohnen, was aber natürlich bedeuten würde, dass die freundlichen Somalier vom Erdgeschoss, weiter eine WG junger Leute und der Herr Pfister, ein Messie, ausziehen müssten. Was diesen Progressiven von einst denn doch noch ein wenig auf dem Gewissen liegt.

Doch bildet all dies nur den Rahmen, obschon das Zusammentreffen ganz unterschiedlicher Charaktere und auch Lebensentwürfe einiges vom Reiz des Buches ausmacht. Micha Lewinsky ist ein guter Beobachter. Seine Figuren sind Menschen aus Fleisch und Blut, die nun in wechselnder Konstellation aufeinandertreffen, bis sich zum Ende hin auch noch Bélas Mutter, eine kühl und resolut rechnende, 1956 zusammen mit ihrem Mann in die Schweiz geflüchtete Ungarin, in die lebhafte Debatte um das Haus mischt. Höhepunkte sind eine Hausbesichtigung und eine nächtliche Party mit groteskem Ende, mit der Bélas Krise ihren Höhepunkt erreicht.

Will Béla das? Was will er überhaupt?  

Denn um diesen Béla Tóth geht es, der sein berufliches Leben eher lustlos als Aushilfslehrer fristet. Es geht um jenes verpasste Leben, das den Fünfzigjährigen mit dem Projekt des Hauskaufs einholt, und um die Zukunft. Denn Kaja ist schwanger, und ein Schreck fährt Béla in die Glieder: Soll er sich tatsächlich von einem Kind das Leben verbauen lassen? Sich einzementieren lassen in unabsehbare Pflichten? Will er das denn? Was will er überhaupt?

Zweifelnd, unentschlossen, stolpert Béla durch seinen Alltag und erinnert sich. An das konfliktreiche Zusammenleben in der WG von einst. An eine frühe Karriere als Gitarrist einer zeitweise angesagten Band. «Mit zwanzig, als ich noch regelmässig Konzerte gab, war ich noch jemand.» An Erfolge und Misserfolge als Dokumentarfilmer. An die vielen Liebschaften, mit denen er seine inneren Defizite überdeckt hat, immer auf der Suche nach der einen, grossen Liebe. An Begegnungen mit dem Vater. An den stillen Lexi, mit dem er viel Zeit verbracht, aber über den er fast nichts gewusst hat. 

«Doch steht alles auf tönernen Füssen»

«Ein halbes Jahrhundert habe ich bewiesen, dass ich ein anständiger Mensch bin», zieht Béla Bilanz. «Meine Freunde vertrauen mir. Kaja kennt mich, und sie hat mich trotzdem nicht verlassen. Dreissigtausend Zuschauer haben einen Film von mir geschaut. Und doch steht alles auf tönernen Füssen.» Denn, stellt er ernüchtert fest, er hat «für die Blicke anderer gelebt». Und was auf ihn persönlich zutrifft, das gilt auch für seine von den Neunzigerjahren geprägte Generation: «Wir haben den Kapitalismus nicht überwunden und auch sonst sehr wenig bewegt.»

Das könnte ein deprimierendes Schlusswort sein. Ist es aber nicht. In einer überraschenden Wendung findet Micha Lewisky einen Ausgang ins Positive, der allerdings nicht restlos zu überzeugen vermag. Was aber der Qualität seines Romans und seiner menschlichen Tiefe keinen Abbruch tut. Wir reden heute ja viel über defizitäre Männlichkeit. Hier findet man reichlich Anschauungsmaterial.

Micha Lewinsky: Freunde von früher. Diogenes-Verlag, Zürich 2026, 272 Seiten

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