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Libanon

«Ein Land in Panik und Chaos»

10. April 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Hungernde
Vertriebene, die im Süden Libanons in Zelten hausen, hoffen auf Nahrung. (Keystone/AP Photo/Emilio Morenatti)

Mitte Woche attackierte Israel den Libanon so heftig wie nie zuvor seit Beginn seines Krieges gegen den Iran und die Hisbollah. Über 100 Luftangriffe innert zehn Minuten auf Ziele in Beirut sowie im Süden und Osten des Landes töteten mehr als 250 Menschen. Derweil dementieren Israeli und Amerikaner, dass der Libanon Teil der mit dem Regime in Teheran vereinbarten Waffenruhe ist. Trotzdem kündigt Israel Gespräche mit dem Libanon an.

Hatten sich die Angriffe der israelischen Armee (IDF) bisher weitgehend auf den Südlibanon und das Bekka-Tal konzentriert, so trafen sie am Mittwochnachmittag ohne Vorwarnung auch das Zentrum der Hauptstadt Beirut mit ihren dicht bevölkerten Wohngegenden und Geschäftszonen. Augenzeugen berichteten von apokalyptischen Bildern: schwarzer Rauch, zerbombte Wohnhäuser, ausgebrannte Autos, verkohlte Leichen. Spitäler richteten dringende Aufrufe an die Bevölkerung, Blut zu spenden.  

An einem sonnigen Nachmittag unterbrachen in Beirut Explosionen den geschäftigen Strassenverkehr; Krankenwagen und Rettungskräfte rasten mit heulenden Sirenen zu Brandherden und zertrümmerten Häusern. Die Geschosse der IDF schlugen auch in Gegenden ein, in denen viele der 1,1 Millionen Vertriebenen Zuflucht gesucht haben, die seit dem Beginn des Krieges gegen den Iran am 28. Februar aus dem Süden des Libanons hatten fliehen müssen und seither vor allem in Zelten und Notunterkünften in der Innenstadt, etwa entlang der Corniche, oder in Sidon gelebt haben.

Ausserhalb Beiruts wurden in der Stadt Shmustar während einer Beerdigung mindestens zehn Menschen getötet. In Adloun, einem Küstengebiet im Süden Beiruts, starben drei Mädchen. Eine vierköpfige Familie wurde im Dorf Mansoura im Nordosten des Landes getötet; vier Menschen starben bei einem Angriff auf die südöstliche Stadt Majdal. 

«Ein fragiler Friede»  

Gemäss dem libanesischen Gesundheitsministerium töteten die Attacken Israels am vergangenen Mittwoch mehr als 250 Menschen und verwundeten über Tausend. Der Blutzoll des Kriegs gegen den Libanon stieg damit auf über 1’700 Tote und mehr als 5’800 Verwundete. Derweil hat die Hisbollah in Israel zwei Zivilisten und zehn Armee-Angehörige getötet. 

Der IDF zufolge galten die jüngsten Angriffe Zielen der Hisbollah, die ihre Kommandoposten angeblich von den schiitischen Vororten im Süden Beiruts ins Stadtzentrum verlegt hat. So soll Ali Yusef Harshi, Sekretär von Hisbollah-Führer Naim Qassem, getötet worden sein. 

«Wo kann ich hingehen? Der ganze Libanon wird getroffen», sagte ein anonym bleiben wollender Bewohner im Stadtteil Barbour im Zentrum Beiruts: «Israel ist mit dem Iran durch und jetzt wollen sie mit uns anfangen.» Volker Türk, Uno-Hochkommissar für Menschenrechte, nannte Israels Luftangriffe «barbarisch»: «Ein solches Blutbad, nur Stunden nach der Einigung auf eine Waffenruhe mit dem Iran, widerspricht jedem Glauben. Es übt enormen Druck auf einen fragilen Frieden aus, der für die Zivilisten so dringend nötig ist.» Das Rote Kreuz zeigte sich empört ob des «niederschmetternden Tods und der Zerstörung» in dicht besiedelten Gebieten des Libanon und fügte bei, das Land sei einmal mehr «in Panik und Chaos» gestürzt worden. 

«Ein separates Gefecht»

Hinter dem ganzen Geschehen blieb die Frage offen, ob der Libanon Teil der Waffenruhe Amerikas und Israels mit dem Iran ist. Shehbaz Sharif, der pakistanische Premier und Unterhändler, sowie Teherans Aussenminister Abbas Araghchi sagen «ja», Donald Trump und Benjamin Netanjahu entgegnen «nein». 

«Ich habe darauf bestanden, dass die Waffenruhe mit dem Iran die Hisbollah nicht einschliesst und wir werden weiterhin hart auf sie einprügeln», sagte der israelische Premier am Mittwoch in einer Fernsehansprache. Der US-Präsident, in einem TV-Interview auf Israels Angriffe auf den Libanon angesprochen, erwiderte: «Das ist ein separates Gefecht.» 

Israel ignoriert bis jüngst wiederholt Angebote der libanesischen Regierung, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Doch am Donnertag kündigte Premier Netanjahu an, er habe direkte Gespräche mit dem Libanon angeordnet. Deren Ziel: die Entwaffnung der Hisbollah und «eine Normalisierung friedlicher Beziehungen» zwischen beiden Ländern. Noch aber gibt es Offiziellen zufolge keine vollständige Waffenruhe. Laut dem US-Fernsehsender NBC hatte Donald Trump den israelischen Ministerpräsidenten zuvor aufgefordert, die Angriffe auf den Libanon zu reduzieren, um die Waffenruhe mit dem Iran nicht zu gefährden.

«Der Iran muss aufhören, Israel durch die Hisbollah zu terrorisieren», sagte derweil der französische Aussenminister Jean-Noel Barrot am Radio, fügte aber bei, das Land dürfe nicht zum «Sündenbock» der israelischen Regierung werden, die frustriert sei, weil es zu einer Waffenruhe mit dem Iran gekommen ist. Der Iran selbst hat angeblich gedroht, die Meerenge von Hormuz erneut zu sperren und seine Angriffe fortzusetzen, sollte Israel den Libanon weiterhin attackieren. 

Auch Christen angegriffen

Die IDF hatten bereits am vergangenen Wochenende ihre Angriffe auf den Libanon intensiviert und dabei 39 Menschen, unter ihnen ein vierjähriges Mädchen, getötet. Die Attacken trafen auch Ain Saadeh eine überwiegend christliche Stadt in den Hügeln östlich von Beirut, die, da nicht schiitisch, lange Zeit als sicher gegolten hatte und wo mindestens drei Menschen starben. 

Die Bewohner Ain Saadehs zeigten sich entsprechend verwirrt, da sie sich nicht vorstellen konnten, wer oder was das Ziel des Luftangriffs gewesen war. Eines der Opfer war Pierre Mouawad, Mitglied der «Force Libanaises», einer christlichen Partei, die als politische Gegnerin der Hisbollah gilt. Auch Mouawads Frau und eine Besucherin der Familie wurden getötet. 

Gefahr eines Bürgerkriegs? 

Ein Sprecher der IDF liess verlauten, die Armee habe ein «Terrorziel» getroffen, überprüfe aber Berichte, wonach «mehrere unbeteiligte Personen als Folge des Luftschlags zu Schaden» gekommen seien. Nach wie vor, stellte er fest, mische sich die Hisbollah unter die libanesische Zivilbevölkerung. Auf Perre Mouawad angesprochen, antwortete der Sprecher, er sei «definitiv nicht ein Ziel» gewesen. Die Armee versuche nach wie vor, die Umstände zu ergründen, die zu seinem Tod geführt hätten. Laut unbestätigten Berichten könnte sich ein Vertreter der «Quds Force», des ausländischen Arms der iranischen Revolutionsgarden (IRGC), in Ain Saadeh aufgehalten oder versteckt haben.

Währenddessen wächst im Libanon die Besorgnis, dass die schiitische Hisbollah das ganze Land erneut in einen Konflikt mit Israel verwickeln könnte – einen Konflikt, der nicht nur zu Kämpfen mit den übrigen Religionsgemeinschaften des Landes führen, sondern auch die politische Krise vertiefen und die wirtschaftliche Lage zusätzlich verschlimmern könnte. Wobei die Zivilbevölkerung erneut die Hauptlast tragen würde. Bereits steigt in Gebieten, wo mehrheitlich Christen, Sunniten und Drusen leben, das Misstrauen gegenüber den schiitischen Flüchtlingen, denen sie Zuflucht gewährt haben.

Unschöne Erinnerungen an den Bürgerkrieg, der von 1975 bis 1990 das Land heimgesucht hat, werden wach. «Er war ein Opfer der Hisbollah», sagte ein Parteikollege Pierre Mouawads bei dessen Beerdigung in der Kirche St. Simon in der Stadt Yahchouch: «Der Krieg wird erst zu Ende sein, wenn auch die Hisbollah am Ende ist.»

Quellen: AP, The New York Times, The Guardian, Zeteo

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