Es geschah buchstäblich im letzten Augenblick. Rund neunzig Minuten bevor sein eigenes Ultimatum ablief, verkündete US-Präsident Donald Trump auf Truth Social eine „beidseitige Waffenruhe“ mit dem Iran. Noch am selben Morgen hatte er gewarnt, „eine ganze Zivilisation“ werde „heute Abend sterben“.
Am Montag zuvor hatte er angekündigt, den Iran „in die Steinzeit zu bomben“. Und nun also: Ein kurzes Innehalten, eine Atempause, ein fragiles Zeitfenster. Die Welt reagierte erleichtert, die Ölpreise gaben nach, und in Teheran sowie anderen iranischen Städten gingen Menschen auf die Strasse, um den Waffenstillstand zu feiern. Doch der genauere Blick zeigt: Frieden ist das nicht. Es ist eine befristete Unterbrechung in einem Konflikt, dessen eigentliche Ursachen weiter ungelöst sind.
Wie es dazu kam
Der Iran-Krieg begann am 28. Februar 2026 mit Angriffen der USA und Israels auf die Islamische Republik. Dabei wurde unter anderem der Oberste Führer Ajatollah Ali Khamenei getötet. Teheran antwortete mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Israel sowie auf mehrere Golfstaaten und US-Einrichtungen in der Region.
Sechs Wochen lang eskalierte ein Krieg, der den Nahen Osten an den Rand des Abgrunds brachte. Im Iran kamen nach Zählungen von Regierungsquellen und Menschenrechtsgruppen mehr als 5000 Menschen ums Leben, darunter über 1600 Zivilisten. Im Libanon wurden seit Kriegsbeginn mehr als 1.500 Menschen getötet, in Israel starben 24 Menschen.
Schliesslich einigten sich der Iran und die USA kurz vor Ablauf des Ultimatums auf eine zweiwöchige Waffenruhe sowie auf die Öffnung der Strasse von Hormuz. Der pakistanische Premier Shehbaz Sharif habe Trump gebeten, von Angriffen auf Irans Kraftwerke abzusehen. Pakistan übernahm dabei eine vermittelnde Rolle; Premierminister und Armeechef pendelten in den Wochen zuvor diskret zwischen den Fronten. Auch Saudi-Arabien, Ägypten und die Türkei wirkten als Vermittler zwischen Washington und Teheran. Trump erklärte zudem, er glaube, dass auch China den Iran zu einer Einigung gedrängt habe – ein Hinweis darauf, wie eng die geopolitischen Interessen hinter dem Deal verflochten sind.
Zwei Versionen eines Plans
Im Zentrum der Einigung steht ein vom Iran vorgelegter Zehn-Punkte-Plan. Trump bezeichnete ihn als „praktikable Grundlage für Verhandlungen“. Auffällig ist allerdings, dass der Plan in zwei Fassungen kursiert: einer englischen, die stärker auf internationale Erwartungen zugeschnitten ist, und einer persischen, die sich klar an die iranische Öffentlichkeit richtet und die Unterbrechung der Kämpfe als Erfolg deutet. Das ist mehr als eine sprachliche Nuance. Teheran verhandelt nicht nur mit Washington, sondern zugleich mit der eigenen Bevölkerung, die nach Wochen des Krieges ein Narrativ des Durchhaltens und des Sieges verlangt.
Nach Angaben des Iranischen Nationalen Sicherheitsrats fordert der Plan iranische Dominanz und Kontrolle über die Strasse von Hormus, den Abzug aller US-Kampftruppen aus Stützpunkten im Nahen Osten, ein Ende der Militäroperationen gegen verbündete bewaffnete Gruppen, vollständige Kriegsentschädigungen sowie die Aufhebung aller Sanktionen durch die USA, den UN-Sicherheitsrat und die IAEA. Gleichzeitig berichtet die den Revolutionsgarden nahestehende Nachrichtenagentur Fars, Iran verpflichte sich laut Plan dazu, niemals Atomwaffen herzustellen; ausserdem solle die Urananreicherung nach Verhandlungen eingeschränkt werden. Zwischen diesen Punkten klafft ein deutlicher Widerspruch. Genau darin zeigt sich, wie viel Deutungsspielraum diese Vereinbarung lässt.
Bemerkenswert ist auch die iranische Verhandlungsführung. Aussenminister Araghchi tritt inzwischen als Sprecher des Obersten Nationalen Sicherheitsrats auf, während Mohammed Bagher Ghalibaf, eine der stärksten Figuren des Regimes, persönlich nach Islamabad reisen will, um mit US-Vizepräsident JD Vance zu konferieren. Der Sicherheitsrat beschreibt die Gespräche intern als Fortsetzung des Kampfes mit anderen Mitteln und droht, den Krieg bei ausbleibender Einigung wieder aufzunehmen. Iran behauptet dabei weiterhin, militärisch die Oberhand zu behalten – eine Darstellung, die angesichts der Verluste kaum glaubwürdig ist, innenpolitisch aber unverzichtbar erscheint.
Die offenen Brüche
Schon die ersten Stunden nach der Verkündung der Waffenruhe legten offen, wie brüchig das Fundament ist. Trotz der Vereinbarung meldeten mehrere Golfstaaten und Israel weitere Angriffe. Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar berichteten von Raketen- und Drohnenattacken, die sie abfangen mussten. Ob die Feuerpause die iranischen Streitkräfte schlicht noch nicht erreicht hatte oder ob Teheran bewusst weiter Druck ausüben wollte, blieb zunächst offen. Beides wäre beunruhigend. Es könnte auch darauf hindeuten, dass das Geflecht der 32 in den Provinzen verteilten Hauptquartiere der Revolutionsgarden nicht mehr einheitlich geführt wird.
Hinzu kommt die Frage des räumlichen Geltungsbereichs. Pakistans Premierminister Sharif schrieb, die Feuerpause solle im gesamten Nahen Osten gelten, einschliesslich des Libanon. Genau dort liegt jedoch einer der ersten Konfliktpunkte. Israel lehnte diese Ausweitung klar ab. Die zweiwöchige Waffenruhe gelte nicht für den Libanon, erklärte Netanjahu laut einer Mitteilung seines Büros. Damit steht schon zu Beginn eine der zentralen Forderungen des iranischen Plans infrage.
Israels heikle Lage
Israel befindet sich in einer strategisch unangenehmen Zwischenposition. Einerseits hat Tel Aviv der Waffenruhe formal zugestimmt und Trumps Entscheidung begrüsst. Netanjahu erklärte, Israel stehe hinter den Bemühungen der USA, sicherzustellen, dass der Iran keine Atom-, Raketen- und Terrorbedrohung mehr für Amerika, Israel, die arabischen Nachbarn und die Welt darstelle. Die USA hätten Israel mitgeteilt, dass sie sich in den kommenden Verhandlungen für diese Ziele einsetzen würden.
Andererseits macht Jerusalem unmissverständlich deutlich, dass es sich seine Handlungsfreiheit nicht nehmen lässt. Die Fortsetzung der Operationen im Libanon ist nicht nur eine militärische Frage, sondern auch ein politisches Signal: Israel will nicht Teil einer Vereinbarung sein, über die es selbst kaum Kontrolle hat.
Die „Times of Israel“ zitierte einen ranghohen israelischen Beamten mit der Aussage, der Iran öffne die Strasse von Hormuz, ohne dass zuvor eine seiner Forderungen erfüllt worden sei. Demnach hatte Israel die Waffenruhe mit den USA im Voraus abgestimmt. Aus israelischer Sicht ist das ein taktischer Erfolg: Der Druck auf den Iran bleibt bestehen, ohne dass Washington sichtbare Zugeständnisse gemacht hätte. Die eigentliche Sorge in Jerusalem liegt jedoch tiefer. Jede Vereinbarung, die Iran wirtschaftlich entlastet und ihm regionale Legitimität verschafft, wird dort als strategischer Rückschritt gesehen – unabhängig davon, was formal im Text steht.
Am unmittelbarsten ist in diesem Zusammenhang die Hizbullah-Frage. Sollte die Feuerpause tatsächlich auf den Libanon ausgedehnt werden, würde das Israels laufende Militäroperation gegen die Miliz einfrieren – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die israelische Armee nach eigenen Angaben kurz vor einer entscheidenden Schwächung der Organisation steht. Für Netanjahu, der innenpolitisch unter enormem Druck steht, ist das kaum akzeptabel. Entsprechend ist zu erwarten, dass Israel die Libanon-Front in den kommenden Wochen weiterhin als Druckmittel nutzen wird.
Was in Islamabad verhandelt wird
Die Gespräche, die am 10. und 11. April in Islamabad beginnen sollen, sind der erste direkte Kontakt zwischen beiden Seiten seit Kriegsbeginn. An ihnen sollen Vizepräsident JD Vance, der Sondergesandte Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner teilnehmen. Das ist eine hochrangige Delegation – und zugleich ein deutliches Zeichen dafür, dass Trump diesen Moment innenpolitisch als Erfolg verkaufen will.
Inhaltlich liegen die Positionen dennoch weit auseinander. Washington verlangt im Kern die vollständige strategische Abrüstung Irans: keine Urananreicherung, Ende aller Stellvertreterkriege, Abbau des ballistischen Raketenprogramms. Iran fordert seinerseits Sicherheitsgarantien, Sanktionserleichterungen, Kriegsentschädigungen und die offizielle Anerkennung seiner regionalen Machtstellung – Forderungen, die erst durch den Krieg auf den Tisch gekommen sind. Vor dem 28. Februar wären sie in Washington nicht einmal als ernsthafte Gesprächsbasis betrachtet worden.
Ein realistisches Ergebnis könnte deshalb nur schrittweise und in eng geknüpften Paketen entstehen: Iran stoppt die hohe Urananreicherung und akzeptiert robuste IAEA-Kontrollen; die USA lockern Sanktionen etappenweise, sobald Verifikation greift; Iran begrenzt Raketenreichweiten und Waffenlieferungen an aktive Angriffskapazitäten; beide Seiten sichern die Strasse von Hormus durch ein internationales Deeskalationsregime. Für die regionalen Milizen gäbe es keine vollständige Auflösung, wohl aber einen verbindlichen Stopp offensiver Operationen. Jede iranische Konzession müsste sofort, aber reversibel, mit einer amerikanischen Gegenleistung beantwortet werden. Kein Schritt ohne Kontrolle, kein Vertrauen ohne Mechanismus.
Hat die Waffenruhe Bestand?
Die ehrliche Antwort lautet: ja, sie hat eine Chance – aber eine wesentlich kleinere, als die öffentliche Inszenierung beider Seiten vermuten lässt. Die strukturellen Hindernisse sind enorm, die Zeit knapp, und die Zahl der Akteure, die ein Scheitern bevorzugen, ist gross.
Auf der Habenseite steht zunächst die Erschöpfung. Sechs Wochen Krieg haben auf beiden Seiten Spuren hinterlassen. Iran hat massive wirtschaftliche und militärische Verluste erlitten; die Führung des Landes steht nach dem Tod Ali Khameneis ohnehin in einer fragilen Übergangsphase und unter erheblichem Legitimationsdruck. Auch Washington kennt innenpolitische Grenzen. Trump kann den Krieg nur dann als Sieg darstellen, wenn er konkrete Resultate vorweisen kann. Ein Deal, der das Nuklearprogramm begrenzt und die Strasse von Hormuz dauerhaft offenhält, wäre politisch verkaufbar – selbst wenn die eigentlichen Maximalforderungen nicht erfüllt würden.
Dagegen spricht das tiefe Misstrauen zwischen zwei Systemen, die seit 1979 keinen gemeinsamen Referenzrahmen entwickelt haben. Der JCPOA von 2015 hat gezeigt, dass Abkommen möglich sind – aber auch, wie zerbrechlich sie bleiben, wenn der innenpolitische Rückhalt fehlt. Trump selbst hat dieses Abkommen 2018 aufgekündigt. Warum sollte Teheran darauf vertrauen, dass ein neuer Deal verlässlicher wäre?
Kein grosser Frieden
Hinzu kommen die Hardliner auf beiden Seiten. Im Iran werden die Revolutionsgarden jede Vereinbarung sabotieren, die ihre regionale Machtstellung spürbar einschränkt. In Washington gibt es eine Fraktion, für die jede Einigung, die Iran als regionalen Akteur bestehen lässt, einem Verrat an Israel und den Golfstaaten gleichkäme. Und Israel selbst wird – mit oder ohne formelle Zustimmung – seinen eigenen Zeitplan verfolgen.
Der wahrscheinlichste Ausgang ist deshalb kein grosser Frieden, sondern das, was Diplomaten eine kontrollierte Deeskalation nennen: eine Vereinbarung, die keiner Seite ihre Maximalziele verschafft, aber genug bietet, um den Krieg zu beenden und das Gesicht zu wahren.
Zwei Wochen sind sehr wenig, um Jahrzehnte der Feindschaft zu überbrücken. Wahrscheinlicher ist, dass Islamabad nicht das Ende markiert, sondern den Beginn eines langen, indirekten und mühsamen Prozesses: über Geheimkanäle, mit langen Übergangsfristen und gegenseitigen Teilzugeständnissen. Weit entfernt vom grossen Schlussakt, aber möglicherweise nah genug an einem tragfähigen Ergebnis. Die Waffenruhe hat die Waffen zum Schweigen gebracht. Ob sie auch die Logik des Krieges durchbricht, wird sich nicht in Islamabad entscheiden, sondern in den Monaten danach.