Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Iran / USA / Israel

Ein Krieg, der Zukunft frisst

16. März 2026
Reinhard Schulze
Drohnenangriff Dubai
Ein Drohnenangriff auf Treibstofftanks nahe dem internationalen Flughafen von Dubai erzwingt am frühen Montagmorgen, 16. März 2026, erneut die temporäre Einstellung des Flugbetriebs. (Keystone/AP Photo)

Iran steckt in einem Abnutzungskrieg mit Israel und den USA – und dieser Krieg frisst sich tief in die inneren Machtverhältnisse der Islamischen Republik wie in die Ordnung des Persischen Golfs hinein.

Seit Ende Februar 2026 führen Israel und die USA koordiniert Krieg gegen den Iran, offiziell begründet als Antwort auf eine existenzielle Bedrohung durch Teheran. Was auf den Lagekarten wie eine Serie von Luftschlägen, Raketenwellen und Drohnensalven aussieht, ist in Wirklichkeit ein Strukturkrieg um die künftige Rolle Irans in der Region – und um die Frage, wer am Golf die Regeln festschreibt.

Israel setzt inzwischen gezielt auf Angriffe gegen die iranische Energie‑ und Ölinfrastruktur, während Washington damit ringt, genau diese Anlagen nicht irreparabel zu zerstören, um sie für eine mögliche «Nach‑Islamische‑Republik‑Zeit» zu erhalten. Teheran antwortet mit massierten Raketen- und Drohnenangriffen auf Israel sowie auf US‑Stützpunkte und Energieanlagen in der Golfregion – ein klares Signal: Wer Iran angreift, riskiert, dass der ganze regionale Energiekreislauf mit in die Luft fliegt.

Die Strasse von Hormus: Irans grösster Hebel

Das eigentliche Machtpfand Irans ist die Strasse von Hormus, diese schmale, verwundbare Engstelle, durch die ein erheblicher Teil der weltweiten Öl- und LNG-Lieferungen fliesst. Schon vor Kriegsbeginn liess Teheran während Manövern die Passage zeitweise sperren und demonstrativ Raketen sowie Drohnen auf Ziele in der Meerenge feuern. Inzwischen ist die Androhung einer weitgehenden Blockade Realität geworden. Versicherer springen ab, viele Reedereien meiden die Route, der Schiffsverkehr ist massiv eingebrochen.

In Teheran wird das nicht mehr nur als kurzfristige Drohgebärde gesehen, sondern als Einstieg in eine strategische Neuordnung. Im iranischen Diskurs ist die Rede von konditionierten Durchfahrtsrechten, von einem neuen Rechts- und Sicherheitsregime, das festlegt, welche Staaten zu welchen Bedingungen passieren dürfen. Es geht um nicht weniger als die Botschaft, dass der freie Welthandel durch Hormus für Iran kein Naturgesetz ist, sondern ein politisch kontrollierbares Privileg. 

Die USA haben darauf mit der Entsendung von Marines in die Küstenregion reagiert. Die bisher mobilisierten gut 2’500 Soldaten reichen jedoch kaum, um dauerhaft Landbrücken und Schlüsselpunkte an der Meerenge zu sichern. Militärstrategen veranschlagen eher 6’000 bis 8’000 Mann – und selbst die stünden überlegenen Revolutionsgardisten und regulären iranischen Bodentruppen gegenüber. Dazu kommt das Gelände: Von den Höhenzügen des südlichen Zagros, deren erste Gipfel nur rund dreissig Kilometer von Meer und Hafenstadt Bandar Abbas entfernt liegen, liessen sich US‑Stellungen mit Drohnen, Artillerie und Kurzstreckenraketen permanent bedrohen.

Neue Frontlinien: Nato, Golfstaaten, Russland, China

Donald Trump drängt in dieser Lage die Nato, bei der Sicherung der Meerenge mitzuziehen – als Gegengeschäft für die US‑Unterstützung der Ukraine und mit dem Hinweis, dass gerade Europa bei einer vollständigen Sperrung von Hormus wirtschaftlich ins Mark getroffen würde. Parallel dazu denken Golfstaaten offen darüber nach, den UN‑Sicherheitsrat anzurufen, sich auf Kapitel VII der UN-Charta zu berufen und eine militärische Operation nach Artikel 42 zu mandatieren, um den Schiffsverkehr wiederherzustellen.

Teheran versucht diese Frontbildung zu kontern, indem es den Golfmonarchien eine alternative Sicherheitsarchitektur anbietet: «Am Golf sitzen wir alle im selben Boot» – sprich, alle sind von US- und israelischen Aktionen bedroht. Iran will Sicherheitsgarantien aushandeln und ist bereit, Tabus zu brechen: Die Zulassung einer russischen Militärbasis am Golf ist plötzlich kein undenkbares Szenario mehr, sondern Verhandlungsmasse.

Gleichzeitig tritt China zunehmend aus dem Schatten. Peking hat ein elementares Interesse an verlässlichen Energiezuflüssen aus der Region und baut seine wirtschaftliche und – in vorsichtigen Schritten – auch militärische Präsenz aus. Es hilft Iran, die Versorgung unter Sanktions- und Kriegsbedingungen zu sichern und signalisiert zugleich den Golfstaaten, dass es bereit sei, als Sicherheitsakteur mitzuspielen, wenn die USA die Lage eskalieren lassen.

Machtverschiebungen im Inneren: Die neue Sicherheitsjunta

Nach den schweren Schlägen der letzten Jahre gegen die iranische Sicherheitselite hat sich die Machtarchitektur der Islamischen Republik stark verschoben. Mit Mojtaba Khamenei ist ein Mann an die Spitze gerückt, der das «Büro» des Revolutionsführers bereits zuvor geleitet hatte – eine Schaltstelle, die de facto wie die Exekutive des Schattenstaats der Revolutionsgarden funktioniert. Gerüchte, er sei beim US‑Angriff Ende Februar schwer verwundet worden und werde in Moskau behandelt, nähren zwar Spekulationen über ein Machtvakuum – doch auf der strukturellen Ebene konsolidiert sich vor allem die Stellung des IRGC (Korps der Islamischen Revolutionsgarden).

Rund um das Büro des Revolutionsführers hat sich eine informelle Junta gebildet. Zu diesem Kreis zählen unter anderem der Parlamentssprecher (Mohammad Bagher Ghalibaf), der Chef der Justiz (Gholam-Hossein Mohseni-Eje’i), der Stabschef der Revolutionsgarden (Ahmad Vahidi), der Generalstabschef der Streitkräfte (Abdolrahim Mousavi), der Sicherheitschef (Ali Larijani) sowie vermutlich auch der Präsident (Masoud Pezeshkian). Das traditionelle Klerikertum ist in dieser Formation deutlich zurückgedrängt; der theologisch legitimierte Führer bleibt symbolischer Kern, aber sein Amt ist funktional militarisiert.

Typisch für diesen Machtzirkel ist ein rhizomartiges Kommandonetz: Fast jede Schlüsselposition ist doppelt und dreifach besetzt – mit Stellvertretern und designierten Nachfolgern, die ihrerseits wieder abgesichert sind. Das reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Figuren und macht das System widerstandsfähiger gegen gezielte Enthauptungsschläge. Die nationalreligiöse Identität des Regimes und ihre Ausformulierung als «Islamische Revolution» bleibt intakt, aber die operative Kontrolle liegt immer deutlicher bei den Institutionen der Revolutionsgarden.

Erschöpfung und Repression: Gesellschaft unter Kriegsregime

Nach innen nutzt das Regime den Krieg, um eine ohnehin erschütterte Gesellschaft weiter zu polarisieren. Die Behörden melden Hunderte Festnahmen unter dem Vorwurf der Spionage oder der Zusammenarbeit mit Israel; viele der Beschuldigten sollen angeblich Angriffsziele gefilmt oder Informationen über militärische Standorte weitergegeben haben. Diese Kampagnen dienen weniger der Aufdeckung tatsächlicher Spionage als der Einschüchterung – vor allem jener Milieus, die in den vergangenen Jahren die Proteste getragen haben.

Gleichzeitig stösst der Sicherheitsapparat an Grenzen. Die Mobilisierung der Reservisten der Revolutionsgarden gestaltet sich schwieriger als erwartet, während die reguläre Armee unter Versorgungsengpässen, Desertionen und einer toxischen Rivalität mit dem IRGC leidet. Berichte über verweigerte Hilfe für Verwundete machen die Runde und untergraben den ohnehin brüchigen Korpsgeist. Das Regime versucht, diese Schwächen durch mehr Repression und mehr Ideologie zu überdecken. Angst vor Chaos, Bürgerkrieg und staatlicher Gewalt wird gezielt geschürt, während nationalistische Reflexe und anti-interventionistische Stimmungen hochgezogen werden.

Trump, Eagle Claw und die Logik der Demütigung

Donald Trumps Umgang mit Iran ist ohne ein historisches Trauma kaum zu verstehen: die Operation «Eagle Claw» von 1980. Die missglückte Geiselbefreiung, die in der iranischen Erinnerung als Sieg über den «Grossen Satan» fortlebt, war ein spektakuläres Scheitern, das Carter politisch ruinierte und die US‑Militärdoktrin grundlegend veränderte. Für Trump ist dieser Krieg auch der Versuch, die Demütigung von damals symbolisch zu tilgen – zu zeigen, dass die USA nicht mehr in der Wüste stecken bleiben, wenn sie in Iran zuschlagen.

Damit verbindet sich eine zweite Ebene: Trumps Irankrieg ist tief in seinen innenpolitischen Kalkülen verankert. Er fügt sich nahtlos in einen neuen illiberalen Autoritarismus, in dem aussenpolitische Gewalt zum Instrument innenpolitischer Mobilisierung wird. Und genau das stärkt paradoxerweise das Regime in Teheran: Es kann sich als Frontstaat gegen eine autoritär geführte US‑Koalition inszenieren und Opposition im Inneren als fünfte Kolonne eines feindlichen Blocks diffamieren.

Die tragische Rolle der Exilopposition

In dieser Konstellation wirkt die iranische Exilopposition orientierungslos. Seit Jahren verstrickt sie sich in Modelle personalisierter «Führerschaft» mit hoch umstrittener Legitimität und präsentiert ausgerechnet im Namen der Freiheit Varianten eines neuen illiberalen Autoritarismus. Die Fixierung weiter Teile der Diaspora auf Reza Pahlavi als «natürlichen Führer der Nation» blockiert den Prozess, der im Inneren des Landes eigentlich nötig wäre: die mühsame Herausbildung einer pluralen, handlungsfähigen, konsensfähigen Führung.

Es ist eine doppelte Tragödie: Die politischen Szenen im Exil und die sozialen Protestmilieus im Iran selbst haben kaum Berührungspunkte. Während im Land horizontale, dezentrale Netzwerke entstanden sind – feministische Kollektive, Arbeiterkomitees, Studierendengruppen, Initiativen ethnischer Minderheiten –, bleibt die Diaspora einer Lagerpolitik verhaftet, die sich an starren ideologischen Mustern orientiert. Und der von Trump geführte Krieg, der selbst aus einem autoritären Geist gespeist ist, erhöht zwar die internationale Sichtbarkeit des Themas Iran, erschwert aber gleichzeitig jede ernsthafte, völkerrechtlich legitimierte Intervention zugunsten von Demokratie und Menschenrechten.

Ein Krieg, der Zukunft frisst

Was sich im Moment zwischen der amerikanisch‑israelischen Koalition und Iran abspielt, ist kein «begrenzter Schlagabtausch» mit Luftschlägen und Raketen, der sich in ein paar Wochen saldieren liesse. Es ist ein Strukturkrieg, der die Ordnung am Persischen Golf, die Regeln für die Strasse von Hormus und die Machtverhältnisse in Teheran selbst neu schreibt und dabei systematisch die Räume für demokratische Alternativen verkleinert.

Teheran instrumentalisiert die Blockadedrohung, Washington zieht Verbündete in einen hoch riskanten See- und Luftkrieg, Golfstaaten spielen mit dem Gedanken an UN-mandatierte Gewalt, Russland und China nutzen das Vakuum, um sich als unverzichtbare Garanten zu positionieren. In diesem Gefüge wird nicht nur der Status quo verteidigt oder verschoben. Es wird ein politischer Möglichkeitsraum zerstört: die Option, dass ein tief krisengeschütteltes Land wie Iran einen eigenen, nicht-autoritären Ausweg aus der Sackgasse findet – ohne dass dieser Weg von aussen entweder bombardiert oder vereinnahmt wird.

Letzte Artikel

Ziviler Alltag und kulturelles Erbe im Visier

Ali Sadrzadeh 16. März 2026

Es gilt nur eine Regel: Keine!

Michael Lang 16. März 2026

Zwanghaftes Horten – Diagnose einer Diagnose

Eduard Kaeser 15. März 2026

In den USA liegen die Nerven blank

Erich Gysling 15. März 2026

Der Denker des Westens

Urs Meier 15. März 2026

Ungesüsste Kunsthochschul-Kunst

Urs Meier 15. März 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.