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Gaza

«Ein filmischer Eid des Hippokrates»

29. August 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Al Sheikh Radwan
Nach einem israelischen Angriff auf den Vorort Al Sheikh Radwan nordwestlich von Gaza City (Keystone/EPA/Mphammed Saber)

Weil Israel internationalen Medien den Zutritt zu Gaza nach wie vor verwehrt, bleiben Angehörige des medizinischen Personals die einzigen ausländischen Augenzeugen der schrecklichen Folgen des Kriegs im palästinensischen Küstenstreifen. Zwei neue Dokumentarfilme, «American Doctor» und «Life Support», dokumentieren eindrücklich, was israelische Waffen aus der Luft und am Boden unter der Zivilbevölkerung anrichten. 

Das 91-minütige Werk der chinesisch-stämmigen Regisseurin Poh Si Teng folgt drei amerikanischen Ärzten, die 2025 als Freiwillige im Nasser Spital in Khan Younis praktiziert und später vergeblich versucht haben, den Kongress in Washington DC aufzuwecken, was das tödliche Geschehen in Gaza, das auch durch amerikanische Waffen ermöglicht wurde, betraf.

Die drei Medizinier haben unterschiedliche persönliche, kulturelle und religiöse Hintergründe: Dr. Thaer Ahmad ist Muslim und palästinensisch-amerikanischer Notfallarzt in Chicago, Dr. Mark Perlmutter ist Jude und orthopädischer Chirurg in North Carolina und Dr. Feroze Sidhwa, ist Zoroaster und Unfallchirurg in Kalifornien. 

Helfen, Leben zu retten 

Das Trio eint in Gaza ein gemeinsames Ziel: zu helfen, Leben zu retten. Filmkritiker Ed Rampall nennt Poh Si Tengs Werk im Magazin «Jacobin» «einen filmischen Eid des Hippocrates». Die preisgekrönte Regisseurin wurde auf das Thema aufmerksam, als sie gegen Ende 2024 am Fernsehen ein Interview mit Dr. Perlmutter sah. Ein Reporter fragte den Arzt, warum es in Gaza keine Waffenruhe geben, und der Interviewte statt ausflüchtig zu antworten sagte, das gebe es nicht, weil sich westliche Politiker von mächtigen Lobbys beeinflussen liessen.

Mark Perlmutter nimmt auch im Film kein Blatt vor den Mund. Als ihn Regisseurin Teng in den Eingangssequenzen des Films fragt, ob sie die schrecklichen Bilder von Kindern zeigen solle, die amerikanische Bomben zerfetzt hatten, oder ob sie ihre Würde bewahren solle, fragt er zurück, was sie eigentlich wolle, wenn sie sich weigere, die nackte Wahrheit zu zeigen. Es sei, so der orthopädische Chirurg, ihre Pflicht zu zeigen, was amerikanische Steuergelder anrichteten: «Du verleihst ihnen (toten Kindern) keine Würde, wenn du nicht die Erinnerungen an sie, nicht ihre Körper die Geschichte dieses Traumas, dieses Genozids erzählen lässt.»

 Von Schneeflocken zur Lawine

Mark habe gewusst, sagt Poh Si Teng, dass er aufgrund seiner Herkunft privilegiert sei und Dinge sagen könne, die seine beiden Kollegen Dr. Thaer Ahmad und Dr. Feroze Sidhwa vielleicht nicht sagen könnten. «Die Lawine der Wahrheit startet mit Schneeflocken», sagt Dr. Perlmutter: «Ich bin optimistisch, dass wir alle Schneeflocken in einer Lawine sind, die grösser und grösser wird.» 

Dr. Sidhwa, der im März und April 2024 sowie im April 2025 in Gaza war, durfte im November 2025 nicht mehr in den Küstenstreifen einreisen. Er argumentiert, dass es gelte, die abstrakte Sprache von Militärsprechern und Politikern zu entschlüsseln, um das Ausmass des Tötens und der Zerstörung im Kriegsgebiet zu verstehen. Der Arzt erinnert daran, dass Gaza flächenmässig kleiner ist als Kiew und eine kleinere Bevölkerung als die ukrainische Hauptstadt hat: «Wenn du die ganze Macht des amerikanischen und israelischen Militärs auf einen Ort dieser Grösse loslässt, dann zerstörst du ihn und das ist auch geschehen.» 

Versuchslabor für TodAund Krankheit

Fast jedes Haus, jede Moschee und jedes Regierungsgebäude sei zerstört worden, berichtet Dr. Sidhwa, zusammen mit der Hälfte aller Spitäler. Jene Kliniken, die übrigblieben, hätten kein Zubehör mehr und könnten kaum noch funktionieren: «»Rund zehn Prozent des medizinischen Personals in Gaza ist tot oder geflohen. Das schlimmste Töten humanitärer Helfer, das es je gegeben hat, hat in den vergangenen drei Jahren im Gazastreifen stattgefunden. Dasselbe gilt für das Töten von Ärzten, von Pflegepersonal, von Journalisten und Kindern.» Uno-Angaben zufolge sind in den ersten beiden Jahren des Kriegs in Gaza nach dem Massaker der Hamas im Süden Israels mehr als 1'700 Angehörige des medizinischen Personals getötet worden.

Gazas Infrastruktur, so der Unfallchirurg, sei katastrophal zusammengebrochen: «Alle leben in Zelten, Nagetiere attackieren Kinder und nagen nachts buchstäblich an den Gesichtern von Säuglingen. Stell’ dir ihre eine in Panik geratene Mutter vor, die in einem völlig dunklen Zelt aufwacht und ihr schreiendes Kind nicht sehen kann und keine Möglichkeit hat, herauszufinden, was da geschieht.» Und: «Wenn es regnet, ist alles überflutet. Das ist ein Versuchslabor für Tod und Krankheit und das an einem Ort, wo zu 70 Prozent Flüchtlinge und Kinder leben.»

Keine Reaktion des Kongresses

Leute hätten das Gefühl, sie bräuchten einen Doktortitel, um dieses Thema (den Krieg in Gaza) zu verstehen oder vernünftig darüber diskutieren zu können, sagt Dr. Sidhwa: «Die Frage stellt sich nicht, wie gut du die arabisch-israelische Geschichte kennst. Die Frage stellt sich: Unterstützt du die Ermordung von Kindern oder nicht? Unterstützt du das Foltern von Ärzten oder nicht? Unterstützt du das Bombardieren von Spitälern oder nicht.» 

Doch am Ende des Tages, meint Feroze Sidhwa, sei es wichtig für die Menschen im Westen und besonders für Amerikanerinnen und Amerikaner, in sich selbst zu schauen: «Wollen wir Ratten, die an Kindergesichtern nagen? Wer ist dafür verantwortlich? Wir sind es und deshalb war es äusserst wichtig, der amerikanischen Psyche zu vermitteln, was in Gaza geschieht.» Auch wenn die drei Mediziner, als sie den amerikanischen Kongress besuchten, um mit Politikerinnen und Politikern zu sprechen, nicht auf offene Ohren stiessen – im Gegenteil. «Es war erbärmlich», sagt Regisseurin Poh Si Teng: «Alle Türen waren für sie (die Ärzte) verschlossen.»

Öffentlich diffamiert

Nicht nur das: Die drei Mediziner wurden in amerikanischen Medien teils auch als linke Aktivisten und Propagandisten der Hamas diffamiert. Inzwischen hat zumindest an der Basis der demokratischen Partei und unter einzelnen demokratischen Parlamentariern wie Senator Chris van Hollen (Maryland) ein Umdenken stattgefunden, was sich bei den jüngsten Vorwahlen für die nationalen Zwischenwahlen im Herbst und bei Vorstössen im Kongress zeigte. 

Es gebe gemeinhin diese Vorstellung von »gerechter» und «sauberer» Gewalt, sagt der Unfallchirurg aus Kalifornien: «Die Leute glauben nicht, dass unsere Bomben dasselbe machen wie russische Bomben, was äusserst seltsam ist: Es sind beides Bomben. Sie richten genau das Gleiche an, aber daran denken sie nicht. Ich weiss nicht, wieso nicht.»

«Lieber Israel glauben» 

«American Doctor», in Gaza von palästinensischen Kameraleuten gedreht, illustriert das, wenn der Film zeigt, wie sich Feroze Sidhwa und Amos Perlmutter über CNN-Interviewer ärgern, die sie aufgrund von Behauptungen der israelischen Armee wiederholt fragen, was sie von den geheimen Tunnels der Hamas unter den Spitälern in Gaza hielten. Solche hätten sie nie gesehen, antworteten die Ärzte. In der Tat haben sich Aufnahmen solchen angeblichen Tunnels, die das israelische Fernsehen zeigte, gemäss Poh Si Teng als KI-generiert erwiesen. Dr. Mark Perlmutter vermutet, Medienschaffende würden offenbar «lieber Israel glauben», als was ihnen Augenzeugen berichteten. 

 Filmkritiker Ed Rampell hat Regisseurin Teng in einem Interview gefragt, ob sie angesichts ihres Engagements für die Menschen in Gaza je Albträume habe. Das habe es wohl gegeben, antwortete sie: «Ich sage aber auch: Was immer ich durchmache, erlebe ich nicht direkt. Ich bin nicht dort. Ja, es gab Zeiten, als es für mich äusserst hart war. Es gibt vieles, was wir gedreht haben, im Film aber nie unterbringen können.» 

«Wir sind mitschuldig»

Warum? «ich sage nur, dass ich gewisse Sachen nicht mehr essen kann, weil sie gewissen Körperteilen ähneln. (…) Ich will wirklich nicht, dass Leute denken, was in Gaza geschieht, ist dort drüben und dass dort drüben ist, was im Westjordanland, im Libanon und im Iran geschieht. Wir sind direkt damit verbunden. Wir sind auf vielfältige Weise mitschuldig, wenn nicht sogar mitverantwortlich.»

Ähnliche Bilder wie «American Doctor» zeigt der 93-minütige Dokumentarfilm «Life Support» des italienischen Regisseurs Daniele Rugo. Das Werk hält die Freiwilligenarbeit von zehn ausländischen Ärztinnen und Ärzten in Gaza fest, die 2024 und 2025 wiederholt kürzer oder länger  im Küstenstreifen praktiziert haben, bis ihnen Israel die weitere Einreise ohne nähere Begründung zunehmend verbot, wie der jüdische Staat zuvor schon ihre Möglichkeit eingeschränkt hatte, Vorräte wie etwa Babymilch-Pulver mitzubringen. Ein Arzt argumentiert im Film, Krebspatienten Schmerzmedikamente vorzuenthalten, sei «Folter».

Das schlechte Gewissen

Basis des Films sind Videos, die einige Ärztinnen und Ärzte mit Kameras oder Handys zwischen 2023 und 2025 vor Ort gedreht haben und die laut Regisseur Daniele Rugo ihre Erfahrungen so akkurat wie möglich dokumentieren sollen – angereichert mit Studio-Interviews: «Die Augenzeugenberichte der Medizinerinnen und Mediziner waren Teil jener äusserst raren Erzählungen internationaler Beobachter, die nach Gaza einreisen durften.» Gleichzeitig erinnert das Werk daran, wie Gaza vor dem 7. Oktober 2023 ausgesehen hat, bevor willkürlicher Tod und massive Zerstörung das Gebiet heimsuchten.

Eine Augenzeugin in «Life Support» ist Dr. Ana Jeelani, eine Kinderchirurgin aus Liverpool. Wie ihre Kolleginnen und Kollegen spricht auch sie vom schlechten Gewissen, das sie plagt, wenn sie weggehen, und von der Furcht davor, was sie antreffen, wenn sie zurückkehren: «Wenn du einmal in Gaza gewesen bist, dann willst um jeden Preis zurück.» Sie wisse bis heute nicht, sagt die Ärztin, was ihr Kraft gegeben habe: «Ich habe nie geglaubt, dass ich mutig bin.  Ich habe auch zu keinem Zeitpunkt daran gedacht, wie gefährlich es war. Ich hatte einfach das Gefühl, es zu tun, sei das Richtige.»

«Wir sind nicht die Story»

Sie habe, so Ana Jeelani, im Film mitgewirkt, um sicherzustellen, dass ihre Geschichte korrekt erzählt werde. «Life Support» zeigt, wie die Chirurgin im Spital Videoaufnahmen macht, während im Hintergrund israelische Drohnen zu hören sind: «Der Umstand, dass wir sehen konnten, dass unsere Patientinnen und Patienten nicht die nötige Pflege erhielten, die sie aufgrund ihrer Würde verdienten, war wirklich schwierig zu ertragen.»

Wobei Dr. Jeelani daran erinnert, dass die ausländischen Ärztinnen und Ärzte lediglich Botschafter für ihre palästinensischen Kolleginnen und Kollegen gewesen sind: «Wir sind nicht die Story. Ich weiss, dass hier westliche Ärztinnen und Ärzte ihre Geschichten erzählen, aber wir sprechen auch über unsere Freundinnen und Freunde, unsere Kolleginnen und Kollegen, unsere Patientinnen und Patienten in Gaza.» 

«Nur wenig Hilfe für Gaza»

Währenddessen will Regisseur Daniele Rugo am Ende seines Films vor allem eine Botschaft vermitteln: «Dies war nicht nur ein Krieg, um zu zerstören, was Gaza heute ist, sondern in Realität ein Versuch, jegliche Möglichkeit einer Entwicklung dieses Gebiets und einer Zukunft für die palästinensische Bevölkerung auszulöschen. Man hat uns die Idee verkauft, dass es jetzt ein Friedensgremium, einen Wiederaufbauprozess und eine Neubesiedelung gibt, aber in Wirklichkeit gibt es (für Gaza) nur wenig Hilfe.» 

Das Ganze, argumentiert Rugo, sei ein Narrativ, dass seit 40 Jahren oder schon länger mehrheitlich erzählt worden sei: «Die Absicht war es, zu versuchen, was heute geschieht, zu verbinden mit der Nakba und die Kontinuität der Strategien, der Talking Points, der Propaganda, des Diskurses und des Narrativs zu betonen.»  

«Life Support» endet mit Bildern der Zerstörung in Gaza und einem Zitat des einheimischen Schriftstellers Alaa Alqaisi: «Und auch wenn die Welt weggeschaut, erinnern wir uns zumindest daran: Wir haben den Hunger benannt, wir haben ihn ertragen, wir haben ihn ausgehalten. Möge das bleiben.»

Ein tödlicher Waffenstillstand

Indes geht das Töten in Gaza ungestraft weiter: Die israelische Armee (IDF) tötete am Freitag bei drei Angriffen fünf Menschen, unter ihnen in Khan Yunis drei Angehörige der Familie Abdeen und verletzte mehrere Personen. Auch wurden im Südosten des Gebiets grossflächig Gebäude zerstört. Tags zuvor hatten die IDF in separaten Attacken in Gaza City zwei angebliche Kommandanten der Hamas und des Islamischen Dschihad getötet. Ebenfalls am Freitag tötete Israels Armee in der Stadt Jenin im Westjordanland drei Menschen, unter ihnen einen angeblichen Kämpfer der Hamas.

Bereits Anfang Woche hatten die Israelis mindestens fünf Menschen getötet, unter ihnen durch einen Rückenschuss die zehnjährige Amal Abu Khater im Zelt ihrer Familie in Khan Yunis und den vierjährigen Hassan al-Qatrawi bei einem Luftangriff auf das Flüchtlingslager Bureij, für das es den IDF zufolge einen Evakuationsbefehl gab. Die Attacke habe einem Waffenlager der Hamas gegolten. Seit Inkrafttreten des Waffenstillstands zwischen Israel und der Hamas im vergangenen Oktober hat die israelische Armee in Gaza mindestens 1’296 Palästinenserinnen und Palästinenser, unter ihnen 300 Kinder, getötet. Gleichzeitig starben in Gaza vier israelische Soldaten.  

Quellen: The Guardian, The New Arab, Hyphen, Jacobin, The Film Review, Screen Daily, The Skinny, AFP, BBC, Roger Ebert   

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