Seine unkontrollierten Wutausbrüche und seine Brutalität liessen selbst westliche Machthaber erzittern. Denn niemand vermochte mit Sicherheit vorherzusagen, ob der skrupellose Serbe bereit wäre, um den Preis eines Armageddons seine Ziele durchzusetzen.
Dass seine Drohungen ernst gemeint waren, hätte die UN spätestens dann realisieren müssen, als im Juli 1995 beim Überfall auf die ostbosnische, zur Schutzzone erklärte Stadt Srebrenica mehr als 8000 Muslime bestialisch ermordet wurden – im Beisein einer tatenlosen und paralysierten UN. Er lege Srebrenica den Serben «als Geschenk zu Füssen», hatte er das Massaker damals kommentiert.
Zwei Wochen später, am 25. Juli 1995, erfolgte eine erste Anklage des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag wegen Völkermords und Kriegsverbrechen. Das war ein Versuch, die Mitschuld der internationalen Gemeinschaft an diesem Verbrechen zu mildern. Im November 2017 wurde Mladić als Kriegsverbrecher und wegen des Genozids in Srebrenica nach 523 Verhandlungstagen und 592 Zeugen zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Urteil wurde 2021 von der Berufungskammer bestätigt. Am 27. August starb er im Gefängnis des Tribunals im Alter von 84 Jahren.
Doch wer war der Mann, der dreieinhalb Jahre lang versuchte, Bosnien-Herzegowina von Nicht-Serben zu säubern und sich bei den Muslimen, die er nur «Türken» nannte, für die 400-jährige türkische Herrschaft über Serbien zu rächen?
«Himmler seiner Generation»
Der britische Politiker Lord Owen nannte ihn einen Massenmörder, der ehemalige US-Botschafter in Jugoslawien, Warren Zimmermann, sah in ihm den «Himmler seiner Generation». Für viele Serben war und blieb er dagegen ein Held, der rücksichtslos das grossserbische Konzept verfolgte und sich keinem Diktat der internationalen Gemeinschaft beugte. Mladićs Credo, «er werde diese Schachfiguren auf dem Brett so bewegen, wie er dies selbst wünsche», war dabei nicht nur der Wunschgedanke eines mentalen Hochstaplers.
Auf die spätere nationalistische Besessenheit des am 12. März 1942 im bosnischen Dorf Božanovići, etwa 50 km südlich von Sarajevo, geborenen Mladić habe, so behaupten ehemalige Kameraden, zunächst nichts hingewiesen. Er sei zwar überzeugter Kommunist und immer Klassenbester gewesen, doch seine Leidenschaft habe vor allem dem Militär gegolten. Und hier ging es steil aufwärts. Nach kurzem Aufenthalt in Mazedonien und im Kosovo kommandierte er ab Juni 1991 bereits das Knin-Korps der aufständischen kroatischen Serben.
«Den Einwohnern Sarajevos Blut aus den Adern saugen»
Als Serbiens Präsident 1992 einen Vollstrecker für seine Kriegspolitik in Bosnien suchte, fiel seine Wahl auf den durchsetzungsstarken, damals 50-jährigen Mladić. Am 12. Mai 1992 wurde dieser Leiter des Generalstabs der bosnischen Serben und stempelte bereits auf der ersten Parlamentssitzung die Einwohner Sarajevos zu Todeskandidaten. Er wolle diesen das Blut aus den Adern saugen und die bosnische Metropole dem serbischen Volk als Trophäe überreichen. 40 Monate terrorisierte er für dieses Ziel die Einwohner der Stadt; seine Scharfschützen und Bomben töteten über 11’000 Menschen, darunter 1600 Kinder. Ende 1994 hatten seine Truppen bereits 70% Bosniens okkupiert.
Ob er alle Kommandos selbstständig traf, konnte nicht eindeutig geklärt werden. In vielen Fällen sei er – so das Fazit des Tribunals – laut Dokumenten und Zeugenaussagen aus Belgrad ferngesteuert worden. Denn dort hatte man nicht nur Mladićs Sold übernommen, auch die serbisch dominierte jugoslawische Armee war eng in die Befehlskette von Mladićs Armee integriert. Die Armee der Republik Srpska sei nur eine Zweigstelle der Jugoslawischen Armee, hatte Mladić die Aufrüstung seiner Armee aus den Waffenbeständen Belgrads begründet und damit die Farce der angeblichen Trennung beider Armeen im Mai 1992 bestätigt. Ohne die Waffennachschübe aus Belgrad, hatte er stets offen verkündet, hätte er weder Krieg führen noch seine Kriegspläne realisieren können. Hätten Washington und Brüssel die Waffen-Pipeline zwischen Belgrad und den bosnischen Serben rechtzeitig und entschieden gestoppt, müsste Bosnien heute vermutlich nicht mehr als 100’000 Kriegstote beklagen.
Wie Hannibal, wie Alexander der Grosse
Bei seiner Kriegstaktik berief sich der Kommandant der bosnischen Serben auf das intensive Studium historischer Feldherren wie des Karthagers Hannibal und Alexanders des Grossen. Hannibal hatte Karthagos Territorium erweitern und sich die keltiberischen Stämme unterwerfen wollen, äquivalent zu den Zielen Mladićs einer Vereinigung Serbiens mit einem Grossteil Bosniens und der Vertreibung der Muslime. Alexander der Grosse hatte die rebellierenden Stämme im Norden Mazedoniens unterjocht und war 332 v. Chr. in Ägypten sogar zum Pharao gekrönt worden.
Dass auch er eines Tages als Heldenstatue für seine Verdienste um die Renaissance serbischer Grossmacht ewigen Ruhm geniessen werde, davon war der sich von Sieg zu Sieg bombende General überzeugt.
Brötchen kaufen, joggen, tanzen, Fussballspiele besuchen
Die Anklage vor dem Kriegstribunal hatte er ignoriert. Wie er sich bis zu seiner Verhaftung 2011 einer Festsetzung entzog, war indes nicht nur Provokation und eine schallende Ohrfeige für all jene, die versuchten, mit Druck, Drohungen und Sanktionen seine Auslieferung zu erzwingen – es war auch ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie Serbien trotz Steckbrief und ausgeschriebenem Kopfgeld die so mächtigen Geheimdienste der internationalen Gemeinschaft 16 Jahre lang düpieren konnte.
Denn der General lebte dank des Schutzes von Polizei und einem Heer an Sicherheitsbeamten keineswegs im Untergrund und in weit abgelegenen Gebirgshöhlen, sondern jahrelang ungestört in seinem Belgrader Haus im Diplomatenviertel von Belgrad, an der Blagoja Parovića. Er kaufte beim Bäcker Miske allmorgendlich seine Brötchen, häufig in einer Reihe mit anderen Spitzenpolitikern, joggte durch die Strassen Belgrads, liess sich tanzend auf Hochzeitsfeiern filmen, verfolgte Fussballspiele der jugoslawischen Nationalmannschaft in der Ehrenloge des Partisan-Stadions und erholte sich in Montenegro am Fluss Reževića mit 15 Leibwächtern.
Wie musste sich Carla Del Ponte vorkommen!
Dreimal wurde er im Militärkrankenhaus in Belgrad behandelt und verliess das Spital jedes Mal durch den Haupteingang. Der Schutzschirm von Geheimdienst, Polizei und Armee funktionierte rund um die Uhr – bei seinen monatelangen Aufenthalten in Kasernen in Valjevo oder Kragujevac oder in sieben Appartements, die ihm in Belgrad zur Verfügung standen. Finanziert wurden die Fluchtquartiere von Geschäftsleuten und geheimen Fonds.
Wie genarrt mag sich wohl die Chefanklägerin des Kriegstribunals, Carla Del Ponte, gefühlt haben, als sie erfuhr, dass Mladić am 21. Oktober 2002 im Belgrader Restaurant Milosev Konak gespeist hatte, nur fünf Minuten von der Schweizer Botschaft entfernt, in der sie zum selben Zeitpunkt mit serbischen Politikern Gespräche führte und diese zu einer energischeren Suche nach Mladić aufforderte.
Kein Interesse der Regierung an seiner Festnahme
Doch während Belgrads Politiker Ahnungslosigkeit simulierten, hinterfragten immer mehr Serben den legendären Mut des Verfolgten, der lieber das Volk in Geiselhaft sah, als sich vor dem Tribunal zu verteidigen. Die wenigen Politiker, die sich zur Zusammenarbeit mit dem Tribunal bereit erklärt hatten, resignierten allerdings schnell, wenn die ersten Morddrohungen gegenüber ihren Familien vor weiteren Suchaktionen warnten. Der spätere Premier Zoran Đinđić war nicht zuletzt auch wegen seiner Kooperation mit dem Tribunal 2003 ermordet worden.
Das Ende der Odyssee kam so überraschend wie ernüchternd. Serbiens Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen, Vladimir Vukčević, erinnert sich an den alles entscheidenden Tag:
«Jahrelang hatten uns Behörden und Mitarbeiter des Geheimdienstes an der Nase herumgeführt. Oft hatten wir nahezu Tuchkontakt mit Mladić, doch dann waren die Ermittlungen stets mit fadenscheinigen Gründen gestoppt worden. An diesem 26. Mai 2011 waren wir einem vertraulichen Hinweis im Dorf Lazarevo in der Vojvodina nachgegangen. Alles war konspirativ, wir hatten niemanden im Vorhinein von unserer Aktion informiert. Als die Ermittler zu dem gesuchten Haus kamen und dessen Türe aufstiessen, bemerkten sie plötzlich, dass jemand dahinter stand. ‹Warum versteckst du dich?›, fragten sie den alten Mann. Der schwieg. Schliesslich entdeckte einer der Polizisten einen Personalausweis mit dem Namen Ratko Mladić. ‹Wer ist Ratko Mladić?›, fragte der Polizist. ‹Ich›, habe der abgemagerte Mann mit der Basketballkappe geantwortet. Sie hatten ihn nicht erkannt.»
Sein Vermächtnis: Die «Republik Srpska»
Am 31. Mai 2011 landete Mladić am Rotterdamer Flughafen und wurde mit einem Helikopter der holländischen Regierung dem Haager Kriegstribunal überstellt. Das Verfahren gegen ihn begann am 16. Mai 2012, dauerte über vier Jahre und endete nach einem erfolglosen Berufungsverfahren 2021 mit lebenslänglicher Haft.
Zu Mladićs Vermächtnis zählt zweifellos die im Friedensabkommen von Dayton bestätigte «Republik Srpska» in Bosnien, die heute nahezu die Rechte eines «Staates im Staat» besitzt. Für den Rest der Welt wird er als «der Schlächter vom Balkan» in Erinnerung bleiben, der mit seiner Brutalität laut dem bosnischen Verteidigungsminister Zukan Helez eine blutige Spur des Verbrechens gezogen hat.
Doch kein Staatsbegräbnis
Mladićs letzter Wunsch sei, so sein Sohn Darko, die Beerdigung auf dem Belgrader Friedhof Topčider neben seiner Tochter Ana, die im März 1994 mit der Pistole ihres Vaters Selbstmord beging. Die zunächst von den Medien verbreitete Nachricht, Mladić werde mit einem Staatsbegräbnis und allen militärischen Ehren bestattet, wird mittlerweile allerdings von Serbiens Präsident Vučić negiert. Dies würde, nur zwei Monate vor den angekündigten Parlamentswahlen, mehr als eindeutig demonstrieren, dass in Serbien Kriegsverbrecher immer noch zu Helden stilisiert werden – egal, ob bei ihrer Rückkehr nach Strafverbüssung oder post mortem.