Zwischen Putins Ukraine-Krieg und Trumps Iran-Feldzug gibt es eine auffallende Parallele: Beide Machthaber rechneten mit einem schnellen, durchschlagenden Erfolg – und nun stecken beide in einer Pattsituation fest. Im seit über vier Jahren andauernden russischen Angriffskrieg zeichnen sich neuerdings gewisse Vorteile für die Ukraine ab. Weil Trump als Vermittler versagt hat, sollten die Europäer im Interesse Kiews Verhandlungen mit Moskau einleiten.
Wenn ein in der Wolle gefärbter Putin-Apologet wie der «Weltwoche»-Chef Köppel dieser Tage in einer seiner uferlosen Welterklärungen von einer heraufziehenden «Blamage» Putins im Krieg gegen das ukrainische Nachbarland spricht, dann fragt man sich, ob da ein Opportunist versucht, sich von seinen bisherigen gesammelten Fehlurteilen rechtzeitig abzusetzen. Doch es gibt neben solchen taktischen Meinungsmanövern auch glaubwürdige und sehr gut unterrichtete Stimmen, die Indizien dafür geltend machen, dass sich im Ukraine-Krieg das Blatt zugunsten Kiews zu wenden beginnt.
Im fünften Kriegsjahr
Dazu gehört die etwa vom britischen «Economist» zitierte und vom renommierten Washingtoner Institute for the Study of War (ISW) verbreitete Erkenntnis, dass die Ukraine zwischen Mitte April bis Mitte Mai 189 Quadratkilometer ihres Territoriums, das zuvor russisch besetzt war, zurückerobert hat – mehr als die russischen Truppen in diesem Zeitraum gewinnen konnten. Es ist laut dieser Quelle das erste Mal seit dem Herbst 2023, dass die ukrainische Armee grössere Teile russisch eroberten Gebiets zurückerobern konnte.
Wichtiger als solche bescheidenen Gebietsgewinne ist jedoch die auch von russischen Quellen bestätigte Tatsache, dass die konventionellen Kampffronten in diesem Krieg seit mehr als einem Jahr weitgehend erstarrt sind. Das heisst, dass die angreifenden russischen Truppen kaum mehr vorangekommen. In bald viereinhalb Jahren Krieg, der inzwischen länger dauert als Hitlers Angriffskrieg gegen die Sowjetunion und dessen Zurückschlagung unter Stalin, hat Putin nur rund 20 Prozent des ukrainischen Territoriums erobern können.
Drohnenkrieg als Gamechanger
Ein wesentlicher Faktor für diese für Putin blamable Bilanz sind die erstaunlichen Erfolge der ukrainischen Drohnenentwicklung. Diese Technik und deren Einsatz hat auch nach Ansicht westlicher Experten die moderne Kriegsführung tiefgreifend verändert. Fast täglich hören und lesen wir von ukrainischen Drohnenangriffen im russischen Hinterland, die sich vor allem gegen Einrichtungen der russischen Erdölproduktion und waffenproduzierende Fabriken richten. Rund ein Viertel der russischen Ölproduktion und deren Export-Einrichtungen soll inzwischen durch solche Angriffe ausser Betrieb gesetzt worden sein.
Noch entscheidender für den Kriegsverlauf dürfte indessen der massenhafte Einsatz von kleineren Kampfdrohnen über dem Niemandsland zwischen den Frontstellungen der konventionellen Truppen sein. Diese fern- und teilweise automatisch gesteuerten Flugkörper verhindern praktisch den Einsatz von gepanzerten Fahrzeugen im Kampfgebiet, weil die Drohnen diese Fahrzeuge innerhalb der rund 35 Kilometer breiten «Todeszone» zwischen den Streitkräften sofort erspähen und von allen Seiten unter Beschuss nehmen können. Der frühere CIA-Direktor und Armee-General David Petraeus sprach unlängst in einem Interview mit «Bloomberg TV» von gewaltigen Veränderungen in der modernen Kriegsführung, die bisher bei der Ausrüstung der US-Streitkräfte zu wenig berücksichtigt werden.
Kiew unter verschärftem Beschuss
Indessen hat in jüngster Zeit auch die russische Armee ihre Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Städte und vor allem auf die Kapitale Kiew massiv verstärkt. Seit Mitte Mai sind in mehreren nächtlichen Angriffswellen jeweils über 1000 Langstreckendrohnen und gegen 100 ballistische Raketen gegen Kiew und sein Umfeld, wo um die 2,5 Millionen Einwohner leben, lanciert worden. Bei einem dieser Angriffe ist auch die russische Überschallrakete Oreschnik zum Einsatz gekommen, die von der Kreml-Propaganda als «Wunderwaffe» apostrophiert wird und die auch mit atomaren Sprengköpfen ausgerüstet werden kann.
Offenbar sind diese verschärften Luftangriffe eine Reaktion Moskaus auf die aufsehenerregenden ukrainischen Erfolge gegen Industrieanlagen im russischen Hinterland, die Blockierung bei den Bodentruppen und der partiell in der eigenen Bevölkerung sich regende Unmut und Überdruss über die sich endlos und ohne erkennbare Perspektiven hinziehende «militärische Spezialoperation» gegen das benachbarte «Brudervolk». Russlands Aussenminister Lawrow hat dieser Tage in einem Telefongespräch mit seinem US-Amtskollegen Rubio warnend in Aussicht gestellt, dass Moskau seine Angriffe auf ukrainische Städte und alle Gebäude mit militärischen Funktionen künftig drastisch ausweiten werde. Lawrows Ministerium forderte in diesem Zusammenhang die ausländischen Diplomaten in Kiew auf, im Interesse ihrer Sicherheit die Stadt zu verlassen.
Vieles spricht dafür, dass diese Drohgebärden in erster Linie als Ausdruck von Frust und Ratlosigkeit auf Seiten des Kremls über die Sackgasse zu verstehen sind, in die sich Putins «Spezialoperation» nach vier Jahren Krieg verfahren hat und aus der anscheinend niemand im Umkreis der Moskauer Machthaber einen gangbaren Ausweg weiss.
Moskaus atomare Einschüchterungspropaganda
Ein zusätzliches Indiz über diese Ratlosigkeit im russischen Führungskreis hat übrigens auch der eingangs erwähnte helvetische Putin-Anbiederer Köppel beigetragen. Dieser ist kurz nach seiner eher kleinlauten Blamage-Diagnose zur Entwicklung des russischen Angriffskrieges nach Moskau gejettet und hat dort den altgedienten Kreml-Propagandisten Sergei Karaganow zuhanden seiner Zuhörergemeinde interviewt. Karaganow verkündete bei dieser Gelegenheit mit apokalyptischem Duktus, auf russischer Seite verliere man allmählich die Geduld mit den europäischen Nato-Mitgliedern. Diese sollten schleunigst ihre Unterstützung für die Ukraine aufgeben. Falls sie das nicht begreifen sollten, drohe ihnen am Ende Angriffe mit taktischen Atomwaffen.
Der atemlose Welterklärer aus Zürich stellte dazu keine einzige kritische Frage, etwa über den russischen Beitrag zu einer Friedenslösung mit der Ukraine. Er tat vielmehr so, als sei Karaganows düstere Ansage todernst zu nehmen und die Europäer sollten schleunigst auf Moskaus Wünsche eingehen. Auch kein Wort darüber, dass Putin schon zu Beginn des Ukraine-Krieges und sein Wasserträger Karaganow ein Jahr später solche atomaren Einschüchterungs-Sprüche vom Stapel gelassen hatten.
Europäischer Ersatz für Trumps Verhandlungsversagen?
Dennoch sind die inzwischen in Europa kursierenden Überlegungen zu einer Gesprächsaufnahme mit Moskau über eine Lösung des Ukraine-Krieges naheliegend und richtig. Dies vor allem deshalb, weil US-Präsident Trump bei dieser Aufgabe, die er ursprünglich, grossspurig wie immer, in 24 Stunden erledigen wollte, völlig versagt hat. Wegen der selbst inszenierten Verstrickung im Iran-Krieg scheint ihn das Thema überhaupt nicht mehr zu interessieren. Doch solche Gespräche sollten nur nach sorgfältigen EU-internen Beratungen und in enger Abstimmung mit der Ukraine eingeleitet werden.
Ob Putin überhaupt ernsthaft an Ukraine-Verhandlungen mit den Europäern interessiert ist, nachdem sich seine Hoffnungen, mit Trump zusammen einen Deal gegen Kiew durchzudrücken, verflüchtigt haben, ist noch keineswegs klar. Seine Anregung vor ein paar Wochen, dass er Verhandlungen am liebsten mit seinem alten Kumpel und Gesinnungsfreund Gerard Schröder führen würde, kann man ja wohl nur als schlechten Witz verstehen.
Wer sich über Putin und seinen gewissenlosen Machtwillen keine Illusionen macht, muss darauf gefasst sein, dass er erst dann zu einer Beendigung des Krieges mit akzeptablen Bedingungen und glaubwürdigen Sicherheitsklauseln bereit sein wird, wenn er die Erkenntnis nicht mehr verdrängen kann, dass die unbegrenzte Fortsetzung dieser blutigen Aggression für ihn tatsächlich zur grossen Blamage – wenn nicht Schlimmerem – mutieren könnte. Ob und wie weit Putin sich dieser Einsicht im fünften Kriegsjahr angenähert hat, können auch seine schwärmerischen Apologeten ausserhalb der Kremlmauern nicht näher beantworten.