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Landwirtschaft II

Dem Braunkehlchen geht es schlecht

30. Mai 2026
Beat Bühlmann
Beat Bühlmann
Schachbrettfalter
So sieht Biodiversaität aus: Schachbrettfalter am Egolzwilersee (Foto: Vogelwarte Sempach)

Verschwindet die Feldlerche, der Baumpieper oder das Braunkehlchen aus unserer Kulturlandschaft? In Sachen Biodiversität verpasst die Schweiz ihre eigenen Ziele. Die Landwirtschaft ist nicht so nachhaltig wie sie gemäss Bundesverfassung sein müsste. Kann die kürzlich lancierte Bienen-Initiative für eine Umkehr sorgen? 

Wauwilermoos
So sieht Biodiversität in der Landschaft aus: eine extensiv bewirtschaftete Wiese im Wauwilermoos. (Bild: Vogelwarte Sempach)

Die Wasserfrösche sind nicht zu überhören, die farbenprächtige Kuckucks-Lichtnelke ist nicht zu übersehen. Rings um den kleinen Tümpel hinter dem Bürogebäude der Vogelwarte Sempach lebt die Natur wie im Bilderbuch. Mir gegenüber sitzt Matthias Kestenholz, der von 2008 bis 2025 in der Leitung der Stiftung war. Wir haben uns 2003, also vor über 20 Jahren, an der 3. Sempacher Fachtagung zum Thema «Agrarprodukt Biodiversität» kennengelernt. 40 Prozent der Brutvögel - 77 Arten - waren damals auf der Roten Liste. Und zwei Drittel der untersuchten Gebiete, so entnehme ich meinen damaligen Notizen für die Moderation der Veranstaltung, wiesen weniger als sieben Prozent naturnahe Landschaftselemente auf. «Sind 122 Millionen Franken Direktzahlungen für den ökologischen Ausgleich nicht etwas viel Geld mit für zu wenig Leistung?», lautete eine meiner damaligen Fragen. 

Noch immer wird zur Brutzeit gemäht 

Wie steht es heute mit dem Vogelschutz, mit der Biodiversität in der Schweiz? Matthias Kestenholz, der promovierte Biologe, nennt zuerst die positiven Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Den Wasservögeln geht es bedeutend besser als früher, das gilt auch für die Vögel im Wald, etwa für die Spechte oder die Drosseln. Der Bartgeier wurde erfolgreich ausgewildert, inzwischen leben 350 dieser Greifvögel in den Alpen. 

Doch Kestenholz sieht auch problematische Entwicklungen. «Beim Braunkehlchen, Feldlerche und anderen Wiesenbrütern, also bei den Vogelarten, die im Kulturland brüten, stehen wir immer noch schlecht da.» Noch immer seien in der Schweiz rund 40 Prozent aller Brutvögel bedroht. Beispielsweise wird, begünstigt durch den Klimawandel, zunehmend bereits im April und Mai gemäht, also mitten in der Brutzeit. Das sei verheerend für Jungvögel, aber auch für Hasen und Rehe. «Nach wie vor wird eine Landwirtschaft gefördert, die auf Kosten der Vogelwelt produziert statt im Einklang mit der Natur», sagt Kestenholz. «Es fehlt der politische Wille, eine nachhaltige Landwirtschaft umzusetzen.» 

Schweiz vernachlässigt Biodiversität 

In Sachen Biodiversität ist die Schweiz im internationalen Vergleich alles andere als ein Vorbild (siehe Grafik unten). «Für viele Lebensräume reicht weder die Menge, der aktuelle Zustand noch die Vernetzung aus, um den lebenswichtigen Funktionen und Leistungen der Biodiversität langfristig zu sichern», kritisierten die Umweltverbände BirdLife Schweiz, Pro Natura und WWF Schweiz (Februar 2026). Mit der biologischen Vielfalt ist es nicht weit her. Von 168 Lebensraumtypen der Schweiz sind 48 Prozent gefährdet und 13 Prozent potenziell bedroht. Nur 17 Prozent der national bedeutenden Biotope wie Moore, Auen, Trockenwiesen oder Amphibienlaichgebiete sind so geschützt und unterhalten, wie es gesetzlich vorgeschrieben wäre. 60 Prozent der Biotope bräuchten konkrete Massnahmen zur Wiederherstellung, wie aus der offiziellen Berichterstattung des Bundes zuhanden der Biodiversitätskonvention hervorgeht. 

Grafik
Anteil gefährdeter Arten in der Schweiz und in angrenzenden Ländern. (Grafik Bundesamt für Umwelt/BirdLife)

Von den eigenen zehn Zielen der Strategie Biodiversität Schweiz, so konstatierten die Umweltverbände, habe die Schweiz nur ein einziges erreicht (internationales Engagement) und bei einem weiteren sei sie auf Kurs (Monitoring). Die mangelnde Finanzierung sei das grösste Hindernis für eine wirkungsvolle Finanzierung der Biodiversität. Daran wird sich vorderhand nicht viel ändern, im Gegenteil: In der Frühjahrssession hat das Parlament im Rahmen des sogenannten Entlastungspakets die Beiträge für den Naturschutz sogar gekürzt. Dabei wären allein für den Schutz der nationalen Biotope jährlich rund 300 Millionen Franken zusätzlich nötig. 

Die Hälfte der Wildbienenarten ist gefährdet

Auch die Imker sind alarmiert. Sie haben kürzlich die Volksinitiative «Für die Sicherung der Bestäubung von Kultur- und Wildpflanzen durch Insekten» (Bienen-Initiative) lanciert. Fast die Hälfte der 600 Wildbienenarten ist gefährdet, rund zehn Prozent gelten als ausgestorben. Aufgrund des gewaltigen Insektensterbens der letzten 30 Jahre - Reduktion der Insektenmasse um drei Viertel - drohe auch das Summen der Bienen zu verstummen, sagte Claudia Eyer, Vizepräsidentin von BienenSchweiz. Trotz fünf Motionen und zwei Petitionen fehle der politische Wille, etwas zu unternehmen. Im Aktionsplan Biodiversität II seien für sechs Jahre lediglich drei Millionen Franken zur Bekämpfung des Bienensterbens vorgesehen. Das stehe in keinem Verhältnis zum Wert der Bestäubung, allein für die Landwirtschaft veranschlagt ihn der Bundesrat gemäss Initianten auf jährlich bis zu 479 Millionen Franken. 

Der Initiativtext zur Bienen-Initiative ist allerdings höchst unverbindlich verfasst. Der Bund anerkennt. Der Bund erlässt. Der Bund unterstützt. Die Landwirtschaft wird mit keinem Wort erwähnt, auch an der Medienorientierung der Initianten wurden die Versäumnisse im Kulturland kaum thematisiert. Dabei ist die intensive Landwirtschaft gemäss UVEK (Bundesamt für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation) der stärkste Treiber des Insektenschwundes. Wenn man verfolgt, wie das Parlament im starken Griff der Agrarlobby seit Jahren vor einschneidenden Massnahmen zurückschreckt oder gemachte Versprechen nicht einlöst, muss man sich fragen, ob das Volksbegehrens bei einem Ja wirksam umgesetzt wird – oder einfach ein neuer Subventionstopf geschaffen wird. Der Bauernverband selber hat vor zwei Jahren die Biodiversitäts-Initiative vehement bekämpft und teilweise verunglimpft; das Volk hat sie mit 63 Prozent Nein deutlich verworfen. Die Vogelwarte Sempach, die sich sonst politisch zurückhält, hatte für ein «Beherztes Ja zur Biodiversität» geworben. Das Aussterberisiko sei für viele Arten nach wie vor hoch, hiess es damals.

Grosse Defizite im Ackerbaugebiet 

Und heute? Bei den Brutvögeln im Kulturland gebe es seit den 1990er Jahren einige Verbesserungen, erklärt Simon Hohl, Leiter Lebensraum Kulturland bei der Vogelwarte Sempach. Doch dieses Bild könne trügerisch sein. Nach wie vor seien gemäss Roter Liste die Hälfte aller Vogelarten des Kulturlands gefährdet, ein Viertel steht auf der Vorwarnliste. «Besonders im Ackerland haben wir bezüglich Biodiversität noch immer grosse Defizite.» Der Druck auf die Landwirte, intensiv zu produzieren, sei nach wie vor hoch. 

Hochwertige Lebensräume verschwinden, Pestizideinsatz und Stickstoffeintrag sind vielerorts nicht nachhaltig. «Das agrarpolitischen Instrumentarium für eine biodiversitätsfördernde Landwirtschaft entfaltet nicht seine höchstmögliche Wirkung», konstatiert Simon Hohl, «einige Stellschrauben der Agrarpolitik drehen sich nicht zugunsten der Vogelwelt.» Die Landwirtschaft sei allerdings nicht alleine für die schwindende Biodiversität verantwortlich. Die Zersiedlung, die Emissionen des Verkehrs und das Konsumverhalten der Bevölkerung seien zusätzliche Faktoren, die sich auf die Biodiversität ungünstig auswirkten. 

Viel Sympathie für die Bienen

Zur Bienen-Initiative nimmt die Vogelwarte keine Stellung. Ob BirdLife Schweiz die Initiative aktiv unterstützt, ist offen. Positiv sei, dass die Biodiversitätskrise nun von BienenSchweiz aufgegriffen und die Gefährdung der Wildbienen erneut breit diskutiert werde, sagt Daniela Pauli, Leiterin Abteilung Lebensräume & Schutzgebiete von BirdLife. Entscheidend sei dann allerdings, dass Bundesrat und Parlament bei der allfälligen Umsetzung des Volksbegehrens griffige Massnahmen beschliessen und dafür auch die nötigen Kredite sprechen würden. Pro Natura Schweiz ist im Initiativkomitee nicht vertreten, wird aber die Sammelphase der Initiative unterstützen, wie der Delegiertenrat entschieden hat. «Wir setzen uns seit vielen Jahren für den Erhalt und die Förderung der Betäuberinsekten ein», sagt Stefan Kunz, Abteilungsleiter Politik und Internationales bei Pro Natura. Die Bieneninitiative nehme mit der Förderung aller Betäuberinsekten und der dafür notwendigen Förderung naturnaher Lebensräume wichtige Themen auf. «Die Bienen und speziell die Wildbienen geniessen eine hohe Sympathie. Wir sind überzeugt, dass die Initiative helfen kann, Massnahmen im Siedlungsgebiet, Kulturland und Gewässern zu finden, die den Bestäuberinsekten helfen.” 

Die Wasserfrösche im kleinen Tümpel der Vogelwarte Sempach geben keine Ruhe. «Wenn früher konsequent gehandelt worden wäre», sagt Matthias Kestenholz, das ehemalige Leitungsmitglied der Vogelwarte Sempach am Schluss des Gesprächs, «dann hätten wir mit weniger Aufwand Gegensteuer zugunsten der Biodiversität geben können.»

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