Zwischen Drohkulisse und Diplomatie verdichten sich die Anzeichen einer Entscheidung im Schatten der Verhandlungen. Washington setzt auf maximale Einschüchterung, Teheran auf strategische Ungewissheit. Doch wer die Geschichte «begrenzter» militärischer Schläge kennt, weiss: Der Weg von der Demonstration zur Eskalation ist kurz – und selten kontrollierbar.
«Ich glaube, dass es so etwas wie einen begrenzten Angriff nicht gibt.» Mit dieser kategorischen Formel hat der Sprecher des iranischen Aussenministeriums Ka’aji die semantische Grauzone geschlossen, in der Washington operiert. Was im amerikanischen Vokabular als chirurgischer Schlag firmiert, gilt in Teheran als existenzielle Aggression. Jeder Angriff, so die Botschaft, werde als solcher behandelt und «mit aller Kraft» beantwortet.
Die Worte fallen nicht im luftleeren Raum. Für den 26. Februar ist in Genf eine dritte Runde indirekter Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und der Islamischen Republik anberaumt. Auf amerikanischer Seite führt der Sondergesandte Steve Witkoff die Verhandlungen, auf iranischer Seite dürfte Aussenminister Abbas Araghchi die Delegation leiten. Es ist eine Diplomatie im Wartesaal – oder im Vorraum des Krieges.
Diplomatie unter militärischem Donner
Präsident Donald Trump, so heisst es aus seinem Umfeld, sei darüber «verwirrt», dass Teheran den amerikanischen Forderungen nicht nachkomme: vollständige Einstellung der Urananreicherung, lückenlose Inspektionen – ein umfassendes Abkommen, das über die Regelungen des 2015 geschlossenen Joint Comprehensive Plan of Action hinausgeht.
Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten umfangreiche Seestreitkräfte in der Region konzentriert. Flugzeugträgerverbände im Persischen Golf, verstärkte Luftwaffenpräsenz auf regionalen Basen, koordinierte Manöver mit Verbündeten – all dies soll Entschlossenheit demonstrieren. Diplomatie unter dem Donnerhall der Triebwerke ist die Choreographie dieser Tage.
Witkoff verschärfte die Tonlage, als er erklärte, Iran könne binnen einer Woche über eine einsatzfähige Atombombe verfügen. Eine solche Behauptung verändert den politischen Zeithorizont. Aus einem strukturellen Problem wird ein akuter Notstand. Wenn die Bombe als greifbar gilt, schrumpft das Zeitfenster für Verhandlungen auf Tage. Der Druck, präventiv zu handeln, steigt exponentiell.
Die trügerische Logik schneller Schläge
Doch die Erwartung schneller militärischer Erfolge ist historisch belastet. Ob in Afghanistan, im Irak oder in Libyen – die Annahme, durch gezielte Luftschläge politische Systeme in die Knie zu zwingen, hat sich wiederholt als Fehleinschätzung erwiesen. Militärische Überlegenheit garantiert keine strategische Kontrolle über die Folgedynamik.
Im Falle Irans käme hinzu, dass die nuklearen Anlagen über das Land verteilt, teils tief verbunkert und redundant ausgelegt sind. Ein Erstschlag könnte Programme verzögern, aber kaum eliminieren. Er würde vielmehr die Hardliner stärken, die seit jeher argumentieren, nur eine glaubhafte nukleare Abschreckung sichere das Überleben der Republik.
In Teheran dominiert daher eine gegenteilige Kalkulation: Lieber ein begrenztes militärisches Zwischenspiel riskieren, das das Regime nicht stürzt, als in Verhandlungen zu kapitulieren – und damit die eigene ideologische Substanz preiszugeben. Ein Angriff von aussen könnte sogar innenpolitisch stabilisierend wirken, indem er die Reihen schliesst.
Das Lockangebot aus Teheran
Gleichzeitig spielt die Führung auf Zeit – und mit ökonomischen Anreizen. Im Vorfeld der Gespräche wird signalisiert, man könne amerikanische Investitionen im Erdgas- und Erdölsektor zulassen, den Zugang zu Edelmetallen erleichtern und bei Boeing Flugzeuge zur Modernisierung der veralteten Zivilluftflotte bestellen.
Ein solches Arrangement liefe faktisch auf eine schrittweise Normalisierung der Beziehungen zu den USA hinaus. Im Gegenzug erwartet Teheran substanzielle Sanktionserleichterungen, die Anerkennung einer zivilen Urananreicherung und Spielräume im Raketenprogramm sowie in der Regionalpolitik. Es ist ein Angebot, das wirtschaftliche Interessen mit sicherheitspolitischen Ambitionen verknüpft.
Die Erinnerung an das Scheitern des Joint Comprehensive Plan of Action wirkt jedoch nach. Nachdem die Vereinigten Staaten 2018 einseitig aus dem Abkommen ausgestiegen waren, wuchs in Teheran das Misstrauen gegenüber langfristigen Garantien aus Washington. Jede neue Vereinbarung müsste belastbarer erscheinen als die alte.
Der Preis des Paradigmenwechsels
Ein umfassendes Abkommen mit den Vereinigten Staaten wäre innenpolitisch und ideologisch ein Einschnitt. Seit 1979 gelten die USA im offiziellen Diskurs als «grosser Satan», ein Verdikt, das auf Ruhollah Khomeinis Setzung aus dem Herbst 1979 zurückgeht. Die ideologische Abgrenzung bildet einen Kernbestand der revolutionären Identität.
Ein Abkommen, das den Weg zu einer Normalisierung eröffnete, käme daher einer symbolischen Entwaffnung gleich. Es würde die Revolutionsgarden schwächen, deren wirtschaftliche und politische Macht nicht zuletzt auf der Sanktionsökonomie beruht, und jene marktliberalen Technokraten stärken, die seit Jahren für eine vorsichtige Öffnung plädieren.
Ob der Revolutionsführer Ali Khamenei zu einem solchen Paradigmenwechsel bereit wäre, ist mehr als ungewiss. Khamenei versteht sich als Bewahrer der revolutionären Orthodoxie. Wollte er das Gründungsnarrativ relativieren, müsste er dies religiös legitimieren und machtpolitisch absichern – ein riskantes Unterfangen in einem System, dessen Stabilität auf ideologischer Geschlossenheit beruht.
Machtkonsolidierung im Innern
Iran befindet sich zugleich in einer akuten innenpolitischen Krise. Die Januar-Revolte hat die Distanz zwischen Regime und Gesellschaft vertieft. Die Regierung von Präsident Mas’ud Pezeshkian wurde auf administrative Aufgaben reduziert; Aussen- und Sicherheitspolitik liegen faktisch beim Stab des Revolutionsführers. Reformorientierte Stimmen wurden marginalisiert, teils kriminalisiert.
Ali Larijani, langjähriger Funktionsträger und Machttechnokrat, fungiert als Krisenmanager und als Hoffnungsträger der Establishments der Revolutionsordnung. Er koordiniert sicherheitspolitische Massnahmen, reist als Sondergesandter nach Moskau, Damaskus oder Beirut und signalisiert Kontinuität nach aussen wie nach innen. Stabilität, nicht Reform, ist das Leitmotiv.
Khameneis Präventionsmassnahmen zielen auf die Sicherung der Kommandostrukturen, insbesondere der Revolutionsgarden (Sepah). Im Ernstfall müsste sich das Regime auf deren Loyalität sowie auf die regulären Streitkräfte (Artesh) verlassen. Die gesellschaftliche Spaltung würde sich im Kriegsfall vertiefen; zugleich aber könnte ein externer Feind temporär integrierend wirken.
Regionale Verflechtungen und asymmetrische Optionen
Ein militärischer Konflikt bliebe kaum bilateral. Iran verfügt über ein Netzwerk regionaler Partner und Milizen von der Hisbollah im Libanon bis zu schiitischen Gruppen im Irak. Angriffe auf amerikanische Einrichtungen in der Region, Störungen der Schifffahrtsrouten im Persischen Golf oder Cyberoperationen gegen kritische Infrastruktur wären denkbare Reaktionen.
Die strategische Lage erinnert an ein Schachbrett mit vielen Figuren. Ein amerikanischer Schlag gegen iranische Nuklearanlagen könnte Gegenreaktionen auslösen, die weit über das unmittelbare Ziel hinausreichen. Israel, die Golfstaaten, Russland, sie alle wären in unterschiedlicher Weise betroffen. Die Ungewissheit über die Eskalationsstufen wirkt als Abschreckung zweiter Ordnung.
Revolution in Permanenz
Die Kader der Islamischen Republik sind vom Trauma des iranisch-irakischen Krieges (1980–88) geprägt. Hunderttausende Tote haben das Selbstverständnis der Führung geformt. Ein Nachgeben gegenüber amerikanischem Druck erschiene vielen als Entwertung jener Opfer.
Das Regime deutet sich als Hüter einer Revolution in Permanenz: von 1979 bis zur ersehnten endzeitlichen Vollendung durch die Wiederkehr des verborgenen Imams. Ein erfolgreicher Angriff auf die Republik wäre in dieser Lesart nicht nur eine militärische Niederlage, sondern eine metaphysische. Zugleich weiss die Führung, dass ein Grossteil der Bevölkerung dem ideologischen Messianismus entfremdet ist. Zwischen Revolutionsrhetorik und Alltagsrealität klafft eine Lücke.
Krieg oder Verhandlungserfolg?
Kurzfristig spricht vieles für eine Fortsetzung des riskanten Spiels. Washington erhöht den Druck, um die Verhandlungsposition zu verbessern; Teheran reagiert mit minimalen Zugeständnissen und strategischer Ambiguität. Ein unmittelbarer Grosskrieg wäre für beide Seiten mit enormen Kosten verbunden – militärisch, ökonomisch, politisch.
Wahrscheinlicher als ein rascher Verhandlungserfolg ist daher ein prolongiertes Patt: Drohungen, begrenzte Zwischenfälle, zähe Gespräche. Doch je stärker die Rhetorik der Dringlichkeit – «eine Woche bis zur Bombe» – das Denken bestimmt, desto grösser wird die Gefahr einer Fehlkalkulation.
Die Alternative «Krieg oder Verhandlungserfolg» ist weniger dichotom, als sie scheint. Zwischen beidem liegt ein breites Spektrum kontrollierter Eskalation. Gleichwohl bleibt die zentrale Frage bestehen, ob die Akteure ihre eigenen Drohungen noch als Instrument begreifen – oder bereits als Verpflichtung. Zwischen Wartestand und Countdown liegt oft nur ein Missverständnis. Und manchmal genügt ein Funke, um aus strategischer Kalkulation eine unbeherrschbare Dynamik werden zu lassen.