Der Krieg gegen Iran zeigt mit ungewöhnlicher Deutlichkeit, wie wenig militärische Schlagkraft allein über den Ausgang eines Konflikts entscheidet. Die Vereinigten Staaten unter Donald Trump und Israel unter Benjamin Netanjahu haben ihre operative Überlegenheit mehrfach unter Beweis gestellt: präzise Schläge, tiefe Eingriffe in die Führungsstrukturen des Gegners, sichtbare Erfolge gegen strategische Infrastruktur.
Und doch entsteht aus dieser scheinbaren Klarheit eine eigentümliche Unschärfe. Denn je erfolgreicher die militärischen Operationen verlaufen, desto drängender stellt sich die Frage, worauf sie eigentlich hinauslaufen sollen. Der Krieg wirkt zunehmend wie ein Instrument ohne politischen Plan – wirkungsvoll in der Anwendung, aber unbestimmt im Ziel.
So stehen Washington und Jerusalem inzwischen vor einer Entscheidung, die sie erkennbar vermeiden wollten: entweder eine massive Ausweitung des Konflikts, womöglich in Form einer Bodenoffensive, ein monatelanger Abnutzungswettstreit oder ein militärischer Rückzug, der kaum anders denn als strategische Niederlage gelesen werden kann.
Ein Bündnis ohne gemeinsamen Endzustand
Der Kern des Problems liegt tiefer. Er betrifft nicht die Mittel, sondern die Zwecke. Zwischen den politischen Zielvorstellungen in den USA und in Israel besteht ein grundlegender Widerspruch.
Netanjahu setzt erkennbar auf eine nachhaltige Zerschlagung der bestehenden iranischen Ordnung. Die wiederholten Angriffe auf Führungspersonal und kritische Infrastruktur folgen der Logik, das System in eine Lage zu bringen, aus der es sich nicht mehr erholen kann. Dahinter steht die Vorstellung, dass aus dem Zusammenbruch heraus eine neue, weniger feindliche Ordnung entstehen könnte.
Trump hingegen scheint ein anderes Kalkül zu verfolgen. Sein Ziel ist weniger die Zerstörung als die Neujustierung: ein Iran, der militärisch eingehegt ist, sich geopolitisch neu orientiert und perspektivisch – zumindest theoretisch – in wirtschaftliche Arrangements eingebunden werden könnte. Zudem ist der Irankrieg für ihn unübersehbar die Projektionsfläche seines messianischen Cäsarismus.
Trumps und Netanjahus Ansätze schliessen einander weitgehend aus. Ein Staat, dessen Strukturen systematisch zertrümmert werden, lässt sich nicht zugleich als künftiger Partner stabilisieren. Umgekehrt setzt jede Form politischer Integration ein Mindestmass an funktionierender Staatlichkeit voraus. Was fehlt, ist ein gemeinsam gedachter Endzustand – eine Vorstellung davon, wie der Iran nach dem Krieg aussehen soll. Ohne diese Vorstellung aber bleibt auch der militärische Einsatz letztlich richtungslos.
Eskalation als strategische Option Teherans
Für die iranische Führung ergibt sich daraus ein unerwarteter Vorteil. Die strategische Unschärfe des Gegners eröffnet Spielräume, die in einem klar definierten Konflikt kaum bestünden. Eskalation wird damit nicht nur zur Reaktion, sondern zur strategischen Option.
Mohammad Bagher Ghalibaf hat dies in bemerkenswerter Offenheit formuliert: Eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor Kriegsbeginn komme nicht in Frage; ein Waffenstillstand sei nur dann denkbar, wenn er dauerhaft Sicherheit garantiere. Bis dahin sei man bereit, den Konflikt fortzuführen. Gleichzeitig signalisiert Teheran gegenüber den arabischen Nachbarn Gesprächsbereitschaft – ein Hinweis darauf, dass der Krieg auch als Mittel genutzt wird, die regionale Ordnung neu zu verhandeln.
In dieser doppelten Bewegung – Konfrontation nach aussen, Öffnung im regionalen Umfeld – liegt ein strategisches Kalkül, das auf Zeit spielt und die innere Widersprüchlichkeit der gegnerischen Allianz ausnutzt.
Die Risiken gezielter Tötungen
Die israelische Strategie, zentrale Figuren des Regimes gezielt auszuschalten, wirkt auf den ersten Blick bestechend. Sie ist präzise, vergleichsweise risikoarm und operativ erfolgreich. Doch ihre langfristigen Folgen sind schwerer abzusehen.
Die Tötung von Akteuren wie Ali Larijani, der innerhalb des Systems für eine gewisse institutionelle Balance stand, oder von Sicherheitsverantwortlichen wie dem Geheimdienstminister Esmail Khatib hat die Machtverhältnisse im Inneren Irans verschoben – allerdings nicht in Richtung desintegrierende Schwächung, sondern eher in Richtung konsolidierende Radikalisierung.
Mit der Ernennung von Said Jalili zum Nachfolger von Larijani zeigt sich, wie das Regime des IRGC die „Enthauptungsstrategie“ nutzt, um die Schlüsselstellungen des Regimes mit ihren ideologietreuen und systemradikalen Gefolgsleuten zu besetzen. Der sechzigjährige, im iranisch-irakischen Krieg schwer versehrte Jalili war ehedem Büroleiter von Ali Khamenei, wurde anfangs von Ahmadinejad als Diplomat protegiert, dominierte dabei zunächst das Atomverhandlungsparkett, wurde dann von Reformisten und „Konservativen“ (Larijani-Familie) ausgebootet und hatte gegen Pezeshkian die Präsidentschaftswahl verloren.
Nun ist er ins Zentrum der Macht vorgerückt und wird hier seine Stellung nutzen, um die verbliebenen Vertreter der „Reformisten“ einschliesslich Pezeshkian politisch kaltzustellen und das nationale Sicherheitsregime auszubauen.
Die Spielräume jener Kräfte, die auf Ausgleich oder zumindest auf taktische Flexibilität gesetzt haben, werden kleiner. Insofern trägt die „Enthauptungsstrategie“ dazu bei, genau jene Elemente zu marginalisieren, die für eine politische Lösung potenziell relevant wären.
Ein System ohne Zentrum: Die Mosaikstrategie
Hinzu kommt ein struktureller Faktor, der die Wirkung militärischer Schläge begrenzt: die Dezentralisierung der Macht im iranischen Sicherheitsapparat. Die sogenannte Mosaikstrategie der Revolutionsgarden ist darauf ausgelegt, den Ausfall der zentralen Führung zu kompensieren.
In den Provinzen existieren eigenständige Kommandostrukturen, die ideologisch gefestigt und organisatorisch vorbereitet sind. Sie verfügen über eigene Kommunikationswege und Handlungspläne, die es ihnen ermöglichen, auch ohne direkte Weisungen zu operieren. Das System ist weniger pyramidal als vielmehr netzwerkartig aufgebaut.
Das bedeutet: Selbst ein umfassender Schlag gegen die politische und militärische Spitze würde das System nicht notwendigerweise lähmen. Im Gegenteil, es könnte eine Phase auslösen, in der dezentral agierende Einheiten eigenständig und möglicherweise weniger kontrolliert handeln. Die Gewalt würde sich räumlich und funktional ausweiten.
Da direkte Angriffe auf Israel nur begrenzt möglich sind, dürfte sich ein solcher Druck vor allem auf Ziele in den Golfstaaten verlagern – auf Energieanlagen, Militärbasen und wirtschaftliche Infrastruktur. Der Konflikt würde damit noch stärker regionalisiert und zugleich schwerer einzuhegen.
Militarisierung nach innen
Parallel zu diesen Entwicklungen lässt sich im Inneren Irans eine zunehmende Konzentration von Macht in militärischen Strukturen beobachten. Ein neuer Führungszirkel um Mojtaba Khamenei bündelt zentrale Entscheidungsprozesse in den Händen von Vertretern der Revolutionsgarden.
Diese Militarisierung ist nicht nur institutionell, sondern auch personell sichtbar. Figuren mit klarer sicherheitspolitischer Prägung dominieren zunehmend die politische Landschaft. Der Spielraum ziviler oder klerikaler Akteure wird enger.
Gleichzeitig verliert das System mit dem Tod von Ali Larijani eine Figur, die zumindest symbolisch für eine Verbindung zwischen religiöser Legitimation und staatlicher Rationalität stand. Die inneren Brüche treten deutlicher hervor – zwischen Militär und Klerus, zwischen ideologischer Härte und pragmatischer Anpassung. Doch auch hier gilt: Sichtbare Spannungen bedeuten nicht zwangsläufig Schwäche. Sie können ebenso gut in eine weitere Konsolidierung der Hardliner münden.
Mobilisierung durch Mythos
Bemerkenswert ist, wie das Regime diese Phase nutzt, um gesellschaftliche Mobilisierung zu erzeugen. Die Gleichzeitigkeit von Nowruz, dem Neujahrsfest, und dem Ende des Ramadans wird nicht nur als religiöses Ereignis begangen, sondern politisch aufgeladen. Die Anspielung auf Kerbela – das Martyrium von Husain ibn Ali – ist dabei mehr als Symbolik. Sie schafft einen Deutungsrahmen, in dem der gegenwärtige Konflikt als Fortsetzung einer historischen Mission erscheint.
Die regelmässig organisierten Demonstrationen in den Städten wirken in diesem Kontext weniger wie spontane Kundgebungen als wie ritualisierte Akte der Selbstvergewisserung. Der Staat inszeniert sich als Träger eines kollektiven Schicksals – und gewinnt daraus eine Form von Legitimation, die über rein politische Argumente hinausgeht.
Ein Krieg mit wachsender Reichweite
Während die strategischen Fragen ungelöst bleiben, sind die praktischen Folgen des Krieges längst spürbar. Die Energieversorgung Irans ist weiter unter Druck geraten, Stromausfälle beeinträchtigen grosse Teile der Wirtschaft. Zugleich treiben Angriffe auf Energieinfrastruktur die globalen Ölpreise nach oben – ein Effekt, der weit über die Region hinausreicht. Auch die materiellen Kosten steigen rasant. Um allein die in den ersten vier Tagen verschossenen Abfang- und Angriffsraketen der USA zu ersetzen, sind bis zu 26 Mrd. US-Dollar nötig. Allerdings wächst die Sorge, dass die Rüstungsindustrie den Bedarf kaum mehr decken kann. Die US-Streitkräfte sollen in den ersten Kriegstagen allein 300 Tomahawk-Flugkörper verschossen haben, doch ist bislang im US-Militärhaushalt nur die Beschaffung von 57 neuen Tomahawk vorgesehen.
Der Konflikt beginnt damit, sich aus seinem ursprünglichen geografischen Rahmen zu lösen. Er wirkt in Märkte, in politische Beziehungen und in gesellschaftliche Dynamiken hinein, die nur noch indirekt mit seinem Ausgang verbunden sind.
Ein offenes Ende
Was bleibt, ist das Bild eines Krieges, der militärisch geführt wird, ohne politisch klar gefasst zu sein. Eine überlegene Koalition, die nicht genau weiss, wie ihr Erfolg aussehen soll. Und ein Regime, das unter Druck gerät – und gerade daraus neue Handlungsspielräume gewinnt.
Der vielleicht beunruhigendste Befund ist daher nicht die Intensität der Kämpfe, sondern die fehlende strategische Klammer. Solange unklar bleibt, welches Ziel dieser Krieg verfolgt, wird er sich weiter entlang seiner eigenen Dynamik entfalten. Und diese Dynamik kennt, wie die Geschichte lehrt, selten einen geordneten Ausgang.