Der grösste noch lebende Komponist Ungarns, György Kurtág, bescherte Basel zu seinem 100. Geburtstag am 19. Februar 2026 die Chance, seine Oper «Fin de partie» nach dem Text von Samuel Becketts «Endspiel» als Schweizer Erstaufführung herauszubringen. Ein musikalisches wie szenisches Grossereignis!
Der Kontrast hätte kaum grösser sein können an diesem sonnenverwöhnten Tag in Basel: nachmittags Vogelgezwitscher und frohe Familien im ausgedehnten Waldpark am Stadtrand; doch abends, im Theater Basel, der hoffnungsloseste Ausdruck des ersehnten Endes von Lebenslast und innerer Einsamkeit: «Wir sind auf der Erde. Dagegen gibt es kein Mittel.» Diese Erkenntnis gibt einer der vier Protagonisten des Bühnenstücks weiter, hoffnungslos und untätig ergeben und doch von Zeit zu Zeit wie aus einem todesähnlichen Schlaf auffahrend und aufbegehrend. Doch von Anfang an.
Samuel Beckett und György Kurtág
Beide Autoren der Oper «Fin de partie» gehören zu den bedeutendsten und einflussreichsten Kunstschaffenden ihrer Zeit. Der irische Autor Samuel Beckett (1906–1989), einer der grössten Dramatiker des 20. Jahrhunderts, schrieb 1955/56 den Einakter «Fin de partie». Das Stück, ein Paradebeispiel des sogenannten absurden Theaters, wurde 1957 im Royal Court Theatre in London und später in Paris erfolgreich uraufgeführt.
György Kurtág (geboren 1926) gilt neben seinem Landsmann György Ligeti als der wichtigste Vertreter von Postmoderne und Neuer Musik Ungarns. Er erlebte 1957 im Pariser Studio des Champs-Elysées eine Aufführung des Beckett-Stückes und war sofort fasziniert. Die Kargheit und Ausdruckkraft des Werks, dessen Reduktion auf das Wesentliche, kam seinen eigenen kompositorischen Intentionen entgegen.
Versione non definitiva
Doch erst im Alter von 85 Jahren entschloss er sich nach langem Zögern, das Beckett-Werk zu vertonen, unterstützt von seiner Frau, der Pianistin Marta Kurtág. Nach siebenjähriger Arbeit und dem Tode seiner Frau gab er das Werk als «versione non definitiva» 2018 zur Uraufführung an der Mailänder Scala frei.
Die Schweizer Erstaufführung am Theater Basel profitiert auch in selten geglückter Weise von drei ungarischen Realisatoren, dem Dirigenten Gabor Kali, dem Regisseur David Marton und dem Bühnenbildner Marton Agh. Alle drei gehen dem Werk, seiner auskomponierten Stille und Hoffnungslosigkeit mit ausserordentlichem Einfühlungsvermögen nach.
Das durch einige östliche Instrumente verstärkte Sinfonieorchester Basel beweist unter der präzisen Stabführung von Gabor Kali hohe Ausdruckskraft – vom Pianissimo bis zu den wenigen Ausbrüchen. Kali gilt heute als der profilierteste Kurtág -Kenner. Wie er das Orchester unter seiner Stabführung aufblühen lässt, verstärkt das bohrende Gefühl von auf immer verlorener Schönheit in diesem Grab der Lebenden.
Die Erde ist erloschen
Die Gestaltung der Bühne von Marton Agh – in einer vom Beckett’schen Urtext abweichenden Version – liefert dem szenatorischen Impuls von David Marton viel Freiraum in all der erstickenden Unausweichlichkeit. Statt wie bei Beckett in einem fast lichtlosen Raum, befinden sich die drei Männer und eine Frau hier auf einer mit altem Müll vollgestopften Dachlandschaft, die in einen fahlen Schein getaucht und nur durch einige zuckende Lichter von einem undefinierten «Unten» her erhellt ist. Aber dort unten gibt’s nichts mehr, von dort kommt «kein Laut mehr ausser dem Knirschen im Sand durch die eigenen Schritte», denn: «Die Erde ist erloschen.»
Die vier Protagonisten, Familienoberhaupt Hamm (Nathan Berg), sein Diener und Ziehsohn Clov (Michayel Borth) sowie dessen Vater (Ronan Caillet) und Mutter (Ursula Hesse von den Steinen) beweisen in diesem eingeschränkten Lebens- und Spielraum, wie hohe Schauspielkunst auch Stille erfüllen kann. «Allein gegen die Stille und die Starre.»
Der 1975 in Budapest geborene Regisseur David Marton führt seine Schauspieler behutsam, nie forciert, durch dieses Spektakel der Agonie. Gegen die endgültige Aufgabe aller nachvollziehbaren Logik fleht Hamm in einem erstaunlichen Gefühlsausbruch um «ein bisschen Poesie!» und wirft seinen Gehstock weg. Nur noch einige Takte von Kurtágs wunderbarer Musik bleiben als fast überirdisches Aus für das Endspiel.
Theater Basel
nächste Vorstellungen: 26. April / 02., 15., 25. Mai / 01. Juni