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Zum Tod Alexander Kluges

«Der unterschätzte Mensch»

26. März 2026
Urs Meier
Alexander Kluge
Alexander Kluge bei der Verleihung des Deutschen Nationalpreises am 6. Juli 2023 in Berlin (Keystone/DPA, Jens Kalaene)

Am 25. März 2026 ist der Literat und Filmemacher, Historiker und Gesellschaftstheoretiker, Rechtsanwalt und Fernsehproduzent Alexander Kluge im Alter von 94 Jahren verstorben. Kluge war ein vielseitiger Kulturschaffender und streitbarer Intellektueller.

Es war in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. Private Radio- und Fernsehsender hatten die Medienwelt umzupflügen begonnen. Erste öffentliche Bildschirmtext-Systeme (BTX in Deutschland, Videotex in der Schweiz) weckten eine Ahnung von der Revolution, die einige Jahre später in der Form des Internets Gestalt annehmen würde. Ich besuchte einen Kongress, der die grandiose Kommunikationszukunft ausmalte und entsprechende Ideen propagierte. Es herrschte eine Aufbruchs- und Gründerstimmung. Ins Grosse entworfene Strategien wurden präsentiert, Geschäftsmodelle mit kühnen Zahlen unterlegt. Als exotischen Tupfer im gleichförmigen Programm hatte man einen Denker eingeladen, von dem man sich einen querliegenden, vielleicht gar provozierenden Beitrag versprach: Alexander Kluge.

Kluge hatte sich einen bequemen Sessel auf das sonst leere Podium stellen lassen. Da sass er nun vor all den Managern in seinem Rollkragenpullover ohne auch nur ein Zettelchen mit Notizen, ohne Folienprojektion – und fing an zu erzählen in seinem mäandrierenden, assoziativen Stil. Das ging wohl eine Stunde lang von den Einzellern bis zur Astrophysik und kreiste immer um das Wunder des Kommunizierens. Die Dichte seiner Einfälle, das Überraschende der immer neuen Wendungen und Verbindungen erzeugten einen Sog, der die Kongressbesucher in dem vollbesetzten Saal in atemlose Aufmerksamkeit versetzte. Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören, niemand wühlte in Papieren oder verliess gar den Saal.

Erzählen und Dokumentieren

Das Erzählen und Dokumentieren war Kluges primäre Weise der Auseinandersetzung mit Zeitläuften und Gesellschaft. Sie kristallisierte sich literarisch in Kurz- und Kürzestgeschichten, führte ihn zur kinematographischen Ausdrucksform des Autorenfilms und schlug sich in seinen theoretischen Schriften und der wissenschaftlichen Arbeit nieder. 

Anders als viele seiner intellektuellen Zeitgenossen sah Kluge in der modernen Gesellschaft nicht primär Deformationen und Defizite. Dem Pessimismus seines philosophischen Lehrers Theodor Adorno folgt er nicht, obwohl er sich über die gesellschaftliche Dynamik des Kapitalismus und dessen erbarmungslose Logik keine Illusionen machte. Bezeichnend ist Kluges Reaktion auf das Aufkommen der Privatsender, das von manchen als Niedergang der Kultur beklagt wurde: Er gründete die dctp (Development Company for Television Program mbH), die den Privatsendern für deren Programmfenster, zu denen sie gesetzlich verpflichtet sind, das erforderliche Sendematerial wissenschaftlichen und kulturellen Inhalts liefert. Ende der achtziger Jahre war es Kluge selbst, der hierzu eine legendär gewordene TV-Gesprächsreihe realisierte.

Zusammen mit dem Soziologen Oskar Negt schrieb der Historiker Kluge eine Reihe gewichtiger Wälzer, so «Öffentlichkeit und Erfahrung» (1972) und «Gesellschaft und Eigensinn» (1981). Im Jahr 2001 gab er die Reihe gesammelt neu heraus unter einem Titel, der für Kluges ganzes Schaffen stehen könnte: «Der unterschätzte Mensch» – selbstverständlich eine Anspielung auf den vielzitierten Titel der Essaysammlung von Günter Anders «Die Antiquiertheit des Menschen», einer sehr pessimistischen Darstellung menschlicher Befindlichkeit im Zeitalter der Technik.

Dass Kluge trotzdem keinem platten Fortschrittsoptimismus frönte, kann man allein schon an Titeln seiner Filme ablesen. «Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos» wurde 1968 in Venedig uraufgeführt, ein Film, der mit seiner rätselhaft wirkenden Montage dokumentarischen Materials und seiner Vermeidung jeglicher Handlungslogik die Zuschauer zwar ratlos machen, aber auch mit seiner verqueren Poesie faszinieren konnte. Geradezu emblematisch dann der Titel des Kluge-Films von 1985: «Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit». Der verschlüsselte Episodenfilm verhandelte die Situation des Kinos, doch sein Titel weist über diese Thematik hinaus und erlaubt immer neue Deutungen. 

Freundschaft mit Habermas

Seit Jahrzehnten war Kluge mit dem drei Jahre älteren und kurz vor ihm verstorbenen Jürgen Habermas eng befreundet. Eine erstaunliche Verbindung! Hier der methodisch und nach allen Seiten abgestützt seine grossen Themen entwickelnde Soziologe und Philosoph, dort der spielerische Kulturmensch und Tausendsassa aller Sparten. Doch näher besehen gibt es manches, was die stabile Freundschaft plausibel erscheinen lässt. Beide hatten diesen unbedingten Willen, am positiven Kern des Humanen (an der «vernünftigen Freiheit» bei Habermas, am «unterschätzten Menschen» bei Kluge) festzuhalten und in ihren Arbeiten philosophischer und künstlerischer Natur darauf zu bauen.

Es war denn auch dieser humane Optimismus, der beide, Habermas und Kluge, veranlasst hatte, in ihren öffentlichen Positionen zum Ukrainekrieg auf einer Möglichkeit der Verständigung mit Russland zu insistieren und diplomatische Verhandlungen zu fordern. Das Ableben der beiden grossen Intellektuellen fällt in eine Zeit, in der wachsende Verhärtungen auf mehreren Kriegsschauplätzen – Ukraine, Iran, Sudan, Gaza, Libanon, Myanmar – die Verlässlichkeit einer optimistischen Grundhaltung, die buchstäblich alle gesellschaftlichen und historischen Belange umgreifen will, halt doch in Zweifel zieht. Aber vielleicht behält Alexander Kluge auf lange Sicht recht: Der Mensch als Spezies ist unterschätzt.

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