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Mojtaba Khamenei

Der Mann der Revolutionsgarden

9. März 2026
Reinhard Schulze
Teheran
Tausende Iraner und Iranerinnen bekunden am Montag auf dem Enqelab-Platz in Teheran ihre Solidarität mit dem neuen Obersten Führer Mojtaba Khamenei. (KeystoneEPA/Abedin Taherkenareh)

Die Debatte um die Nachfolge des verstorbenen Revolutionsführers Ali Khamenei ist weit mehr als ein Machtkampf um die Spitze des Staates. Sie ist ein Grundsatzstreit um das Erbe jener religiös-ideologischen Ordnung, die Ruhollah Khomeini in den 1960er und 1970er Jahren konzipierte und 1979 in der Verfassung der Islamischen Republik verankerte. 

Im Kern geht es um die Frage, ob das Prinzip der «Herrschaft des Rechtsgelehrten» (Velayat‑e Faqih) fortgeschrieben, umgedeutet oder schrittweise entkernt werden soll. Die Wahl von Mojtaba Khamenei zum dritten Revolutionsführer der Islamischen Republik ist eine Zäsur.

Ein Thronfolger ohne Rang

Im Zentrum der Kontroverse stand Khameneis Sohn Mojtaba Khamenei. Schon seit zwei Jahren wurde er von Angehörigen der Hausmacht seines Vaters als Revolutionsführer im Wartestand aufgebaut. Sie hatten seinen Namen geschickt in der Öffentlichkeit platziert und bereits im Januar 2026 erreicht, dass sein wichtigster Kontrahent, Hassan Khomeini, Enkel des Revolutionsgründers, nicht zum Zuge kam. Dies, obwohl Khomeini nach den Ereignissen vom 8.–10. Januar plötzlich den Hardliner gab und so versuchte, sein Image als potenzieller Reformer abzustreifen.

Mojtaba Khamenei trägt den schwarzen Turban eines Sayyids, reklamiert wie sein Vater eine Abstammung vom Propheten und bewegt sich seit Jahren im innersten Machtzirkel der Islamischen Revolutionsgarden. Doch was ihm an genealogischer und politischer Nähe zur Macht zugutekommt, fehlt ihm an religiöser Legitimation. In den schiitischen Lehrstätten von Qom wird er weder als anerkannter Rechtsgelehrter noch als ernsthafte theologische Autorität wahrgenommen.

Der Schattenmann

Mojtaba Hosseini Khamenei, geboren 1969 in Maschhad, ist der zweite Sohn des iranischen Revolutionsführers Ali Khamenei. Trotz fehlender offizieller Ämter gilt er als einer der einflussreichsten Akteure innerhalb des Machtapparates der Islamischen Republik. Seine theologische Ausbildung in Qom – unter anderem bei konservativen Geistlichen wie Mohammad‑Taqi Mesbah‑Yazdi und Lotfollah Safi Golpayegani – sowie seine enge Verbindung zu den Revolutionsgarden und zur Basij-Miliz verschafften ihm ein Netzwerk, das politisch weit über seine formale Position hinausreicht.

Seit den Protesten von 2009 wird er von Oppositionellen als Schlüsselfigur im repressiven Machtapparat gesehen, während westliche Sanktionen ihn ausdrücklich als strategischen Koordinator des sicherheitsstaatlichen Kerns benennen. Offizielle Belege fehlen zwar; dennoch festigt die Wahrnehmung eines «Machtverwalters im Schatten» sein Image.

Im Kontext der möglichen Nachfolge seines Vaters markiert Mojtaba Khamenei einen offensichtlichen Bruch mit dem anti-dynastischen Anspruch, auf dem die Islamische Republik einst gegründet wurde. Seine wachsende Machtfülle wirkt weniger wie das Resultat religiöser Autorität als vielmehr eines familiären, sicherheits- und wirtschaftsbezogenen Patronagesystems. Vorwürfe persönlicher Bereicherung und undurchsichtiger Wirtschaftsnetzwerke vertiefen den Eindruck eines verschlossenen Machtzirkels. In der Debatte über die Zukunft des iranischen Systems steht Mojtaba damit sinnbildlich für die Spannung zwischen revolutionärem Anspruch und faktischer Machtvererbung.

Die Revolutionäre und «ihr» Führer

Zwar durfte Mojtaba Khamenei 2022 erstmals ein juristisches Kolloquium im grossen theologischen Seminar von Qom abhalten – ein Format, das normalerweise Geistlichen vorbehalten ist, die zumindest den Rang eines Ayatollah tragen. In gelehrten Kreisen jedoch wird ihm nicht einmal der Status eines Hojjat-ol-Islam vorbehaltlos zugestanden. Übertragen auf die Logik säkularer Universitäten sässe hier jemand mit einem Masterabschluss auf einem Lehrstuhl, der eigentlich eine ordentliche Professur voraussetzt.

Genau dieser Bruch mit der innerklerikalen Standesordnung macht Mojtabas Kandidatur so umstritten. Eine Wahl zum Revolutionsführer entwertet die Hierarchie der Gelehrten, ersetzt das Prinzip der Selbstrekrutierung durch dynastische Geltungsansprüche und beschädigt nachhaltig das ohnehin fragile Bündnis zwischen Klerus und den ideologischen Trägern der «Islamischen Revolution».

Für die Revolutionsgarden, die seit Jahren zum zentralen Machtfaktor im Iran geworden sind, liegt der Reiz eines Kandidaten wie Mojtaba auf der Hand. Er verdankt seinen Aufstieg weniger eigener theologisch-juristischer Autorität als seiner Rolle im Netz aus Sicherheitsapparat, Geheimdiensten und wirtschaftlichen Beteiligungen der Garden. Als Revolutionsführer wäre er zwar formell Oberbefehlshaber aller Streitkräfte – politisch aber vor allem «ihr Mann».

Genau darin liegt für die Gardeführung eine Art Versicherungspolice: Ein Revolutionsführer ohne starke religiöse Eigenlegitimation ist stärker auf seine Sicherheitsapparate angewiesen als auf die Anerkennung der Hawza, also des grossen theologischen Seminars in Qom. Wer seine Autorität nicht aus dem Rang eines Grossgelehrten beziehen kann, ist leichter in den Griff zu bekommen – und kaum in der Lage, eine Politik zu entfalten, die die Macht der Garden begrenzen würde.

Die Gegenwehr der Puristen

Hier setzen die Puristen des khomeinistischen Systems an. Für sie ist die Allianz zwischen Amtsklerus und revolutionärem Staat keine Option, sondern Dogma. Die Legitimität des Staates leite sich – in ihrer Lesart – aus der Beauftragung der Rechtsgelehrten ab, nicht aus Abstammung, charismatischer Führung oder militärischer Macht.

Besonders die Grossayatollahs, die als «Quellen der Nachahmung» über eine eigene, vom Staat nur begrenzt kontrollierbare Gefolgschaft verfügen, pochen auf diesen Punkt. Wenn schon ein politischer Führer religiöse Letztinstanz sein soll, dann müsse er ihrem Stand entstammen. Ein Geistlicher, dessen Rang und Werk bestenfalls dem Mittelfeld des Klerus zugerechnet wird, könne die metaphysisch aufgeladene Rolle des Velayat-e Faqih nicht glaubwürdig verkörpern.

Hinter dieser Kritik steht nicht nur Standesdünkel, sondern auch Selbstschutz. Ein Revolutionsführer, der den etablierten Rangordnungen offen widerspricht, könnte das gesamte klerikale System funktionalisieren – oder gar überflüssig machen.

Angst vor dem eigenen Untergang

Gleichzeitig befinden sich viele der rund ein Dutzend massgeblichen Grossayatollahs in einer paradoxen Lage. Sie profitieren von der Islamischen Republik, deren Institutionen ihre wirtschaftliche, soziale und symbolische Stellung sichern. Zugleich fürchten sie, dass ein Kollaps des Systems oder eine Eskalation der Machtkämpfe auch das fein austarierte Gefüge ihrer religiösen Autorität zerstören könnte.

In dieser Logik erscheinen Reformideen, die lange als Tabu galten, plötzlich als Rettungsversuch. Selbst systemtreue Theologen wie Hossein Kaʿbi sprachen offen darüber, das Amt des Revolutionsführers zu relativieren oder durch eine kollektive Führung zu ersetzen. Sie erinnerten daran, dass Khomeini in der ursprünglichen Verfassung für den Fall ausbleibender Einigung eine kollegiale Revolutionsführung vorgesehen hatte – eine Art Kollektivpräsidium von Geistlichen.

Andere Stimmen gingen weiter und stellten das Amt als solches infrage. In ihrer Lesart war die Aufgabe des Revolutionsführers im Kern die Gründung, Stabilisierung und ideologische Rahmung der Islamischen Republik – ein historisch begrenzter Auftrag. Damit verschob sich der Fokus: weg von der messianischen Zwischenlösung, hin zu der nüchternen Frage, ob das Amt politisch noch funktional ist oder vor allem Blockaden erzeugt.

Ein beschädigter Kompromisskandidat

Während der Expertenrat mit seinen 88 Mitgliedern hinter verschlossenen Türen sondierte, mehrten sich die Hinweise, dass Mojtaba Khamenei zwar lange als Favorit galt, sein Name aber inzwischen so inflationär kursierte, dass gerade dies Zweifel an seiner tatsächlichen Durchsetzungskraft weckte.

Doch geopfert wurde nicht Khamenei, sondern Hassan Khomeini. In diesem Kontext rückte ein anderer Name in den Vordergrund: Sadegh Larijani. Er stammt aus einer angesehenen Gelehrtenfamilie, verfügt über solide theologische Referenzen, war Chef der Justiz, Mitglied des Wächterrats und steht dem Rat zur Feststellung der Systeminteressen vor.

Doch seine Biografie ist zugleich sein grösstes Problem. Larijani steht für eine Justiz, die mit politischer Repression, Todesurteilen gegen Minderjährige und systematischen Rechtsverletzungen in Verbindung gebracht wird. Korruptionsaffären um enge Vertraute und der Skandal um persönliche Bankkonten der Justiz haben sein Image schwer beschädigt. Als Kompromissfigur hätte er den Übergang verwalten können – ob er das System stabilisiert hätte, bleibt zweifelhaft.

Der Expertenrat hatte vier Optionen: erstens der Hausmacht der Revolutionsgarden Geltung zu verschaffen; zweitens die Balance zwischen Amtsklerus und Revolutionssystem zu wahren; drittens das Amt des Revolutionsführers als Hebel einer Staatsreform zu nutzen; und viertens das Amt ruhen zu lassen und die politische Macht institutionell neu zu ordnen.

Die Optionen drei und vier wurden rasch verworfen. Um die Varianten eins und zwei entbrannte offenbar ein heftiger Streit. Doch der neue starke Mann der politischen Machtordnung, Ali Larijani, konnte sich nicht durchsetzen. Er hatte vehement dafür geworben, dass sein jüngerer Bruder Sadegh Ardashir mit der Nachfolge betraut würde.

Auch sein Gegenspieler, der Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf, versuchte von aussen Einfluss zu nehmen und profilierte sich als politischer Fürsprecher Mojtaba Khameneis. Als ehemaliger Kommandeur der Revolutionsgarden und früherer Bürgermeister von Teheran verkörpert Ghalibaf einen militarisierten Konservativismus, der die Macht der Revolution vor allem in ihren Sicherheitsorganen verankert sieht.

Mit der Wahl des 56-jährigen Mojtaba Khamenei zum neuen Revolutionsführer demonstrieren die Revolutionsgarden ihren totalitären Machtanspruch. Die Entscheidung ist eine Niederlage des regimetreuen Amtsklerus, der die khomeinistischen Prinzipien nicht verteidigen konnte; eine Niederlage der Machtpragmatiker, die das System stabilisieren wollten; und eine Niederlage der Regierung, der damit jeder politische Spielraum für eine Krisenstrategie genommen wird. Sie ist zugleich ein Sieg des Schattenstaates über den öffentlichen Staat.

Was auf dem Spiel steht

Die Nachfolgeregelung für Ali Khamenei ist damit nicht nur die Personalentscheidung einer alternden Revolution, sondern eine Weichenstellung für das Verhältnis von Religion, Staat und Gewaltmonopol im Iran.

Wenn ein Revolutionsführer ohne religiöse Autorität von einem militärisch-ökonomischen Machtblock ins Amt getragen wird, verschiebt sich der Kern der Islamischen Republik: von der Herrschaft der Rechtsgelehrten zur Herrschaft derjenigen, die über Waffen, Geld und Geheimdienste verfügen.

Damit könnte sich die Paradoxie der iranischen Revolution vollenden: Ein Staat, der einst im Namen der Religion gegründet wurde, überlebt – aber nur noch als Sicherheitsregime, das seine religiöse Begründung längst hinter sich gelassen hat.

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