Die Welt ist aus den Fugen geraten. «Alles nicht so schlimm!», sagen viele. «Nun übertreibt mal nicht, Krisen gab es schon immer. Das geht vorbei. Keine Panikmache!» Also: Alles nicht so schlimm! Wirklich nicht?
Der Kreml-Diktator verfolgt ein klares Ziel. Fast hilflos schauen wir seinem Treiben zu. Er will die Nato in die Knie zwingen. In der Ukraine will er den totalen Sieg. Mit dem Donbass wird er sich nicht begnügen.
«Alles Unsinn», sagen die Putin-Versteher, die Salvinis und die Cinque Stelle mit Giuseppe Conte, die Weidels und Wagenknechts. Und auch weite Teile der Linken. Oder ein Blauäugiger wie Blocher. Er glaubt, die Schweizer müssten dem Kriegsverbrecher Putin nur zurufen «Hallo Wladimir, wir sind neutral!», dann würden die russischen Truppen vor der Schweizer Grenze Halt machen.
Der Westen sei es gewesen, der mit seiner Nato-Osterweiterung Putin provoziert habe. Jetzt würde Westeuropa die Zeche dafür bezahlen. So argumentieren die Russland-Versteher. Diese Sichtweise ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Namhafte Experten und Geheimdienstkreise rechnen damit, dass der Kreml die Nato und das zaudernde Westeuropa weiter provoziert – und testet.
«Ernsthafte Gefahr für die USA und Europa»
Eigentlich hat das schon begonnen: Der versuchte Drohnenanschlag auf dem Flughafen Leipzig/Halle gehört dazu. Ebenso die Flugkörper, die «so ganz zufällig» über Lettland, Litauen und Estland fliegen – oder über Polen und Finnland.
Russland tritt immer aggressiver auf. Der «Annual Threat Assessment 2026» des US-Geheimdienstes spricht ausdrücklich von einem «eskalierenden Konflikt mit möglicher direkter Konfrontation und sogar dem Einsatz von Atomwaffen».
Russland sei für Europa eine «ernsthafte militärische Bedrohung», sagen amerikanische Geheimdienstkreise. Das Washingtoner «Center for Strategic and International Studies» (CSIS) bezeichnet Russland als «eine ernsthafte langfristige Gefahr für die USA und Europa». Das Institut verweist nicht nur auf konventionelle Streitkräfte, sondern besonders auf Sabotage, Cyberangriffe, Angriffe auf Infrastruktur und andere Operationen unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges.
Vor einer neuen russischen Mobilisierung
Wie würde der Westen reagieren, wenn bald einmal einige russische Soldaten «so ganz kurz» nach Lettland oder Estland einmarschierten und sich dann wieder zurückzögen? Kleine Provokation. Es ist nicht auszudenken, wie der überforderte Westen auf diesen «Test» antworten würde. Sicher mit einem bösen Communiqué. Und einer Verstärkung der Sanktionen gegen Russland.
Man hört sie schon, die Putin-Versteher, die Pazifisten, die Idealisten, die Gutmenschen: Wir würden den Teufel an die Wand malen, heisst es, wir seien kalte Krieger. Man müsse Putin eben einbinden, nicht provozieren, Verhandlungen und Konzessionen anbieten. Aufrüstung bewirke das Gegenteil und drehe nur an der Kriegsspirale.
Nein, Putin lässt sich nicht einbinden, er will den Sieg und nur den Sieg. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass er einen Frieden in der Ukraine will. All seine entsprechenden Äusserungen sind nur dazu da, um Zeit zu gewinnen und den Krieg weiterzuführen. Zehntausende weitere russische Soldaten werden jetzt mobilisiert. Das deutet nicht darauf hin, dass er bald eine Lösung des Konflikts anstrebt.
Sehen wir die Zeichen der Zeit nicht? Schlittern wir blindlings in die Katastrophe?
Trump, die Maus
Bis zu den Wahlsiegen von Donald Trump hatte Putin einen ernst zu nehmenden Gegner in Washington. Der Kreml-Chef wusste, er kann sich nicht alles leisten. Das ist vorbei. Trump ist ein Egozentriker, den eigentlich kaum jemand mehr ernst nimmt. Sicher nicht Putin, der mit dem Mann im Weissen Haus spielt wie die Katze mit einer Maus.
Die Art und Weise, wie Trump die beiden grossen Konflikte unserer Zeit – die Ukraine und Iran – «managt», zeigt, dass der einstige Immobilienhändler kein Staatsmann ist – und ein weitsichtiger Politiker mit einer Vision und einem Konzept schon gar nicht. Unter seiner erratischen Führung sind beide Kriege aus dem Ruder gelaufen. Er ist verantwortlich dafür, dass der Nahe Osten in Flammen steht und dass Putin in der Ukraine fast freie Hand hat, ohne dass ihm wirklich Paroli geboten wird.
Putin reagiert nur auf Stärke. Eine solche liess Trump mit seinen halbherzigen Waffenlieferungen, seinem Auf und Ab und seinen Attacken auf Selenskyj vermissen. Damit stärkte er Putin.
Internationales Chaos
Doch Trump ist nicht nur verantwortlich für die Ausweitung der Kriege in der Ukraine und in Iran: Er tritt auch die nach dem Zweiten Weltkrieg mühsam aufgebaute Weltordnung mit Füssen. Dieses Regelwerk war sicher nicht perfekt, doch es verhalf einigen Grundwerten wie Demokratie, Menschenrechten, gegenseitigem Respekt und internationaler Hilfe zur Weiterverbreitung. Zudem brachte diese Weltordnung, die in Zehntausenden internationalen Konferenzen erstritten wurde, 80 Jahre lang eine gewisse Ruhe. Dann kam Trump, und jetzt herrscht ein internationales Chaos.
Auch die Uno, die in San Francisco aus der Taufe gehoben wurde, ist alles andere als makellos, und doch hat sie dazu beigetragen, dass die Staaten zusammengerückt sind und sich besser verstehen. Trotz allem gelang es ihr, einige Konflikte zu lösen. Ihre Unterorganisationen haben viel dazu beigetragen, das Elend in der Welt zu lindern. Jetzt, am Dienstag, fand Trump sogar einige nette Worte für die Weltorganisation. Ein paar Tage später wird er sie wieder zur Hölle schicken.
Doch Trump macht nicht nur die Uno lächerlich und stutzt ihren Einfluss. Er trat aus der Weltgesundheitsorganisation WHO aus, kündigte Rüstungsverträge wie den INF-Vertrag oder den Open-Skies-Vertrag, trat aus dem Pariser Klimaabkommen und dem Uno-Menschenrechtsrat aus, kündigte den Austritt aus der Unesco an und stellte die Finanzierung der UNWRA ein. Und vor allem: Er annullierte das Iran-Abkommen (JCPOA). Dieses sollte das iranische Atomprogramm im Austausch gegen den Abbau wirtschaftlicher Sanktionen begrenzen. Diese Kündigung legte den Grundstein für das jetzige Desaster.
Ganz Iran in die Luft jagen?
Nicht genug: Trump setzt sich ins gleiche Bett wie Diktatoren, Rechtsextreme und Kriminelle. Vom Nordkoreaner Kim Jong-un lässt er sich an der Nase herumführen und beglückwünscht die AfD zu ihrem Sieg. Er unterstützt den rechtsextremen brasilianischen Bolsonaro-Clan und hofierte Viktor Orbán. Den Chinesen Xi Jinping bewundert er und trägt damit zur wachsenden Stärke Chinas bei. Und eigentlich bewundert Trump auch Putin. Jetzt will der amerikanische Präsident den Kreml-Chef, der als Kriegsverbrecher festgenommen werden müsste, zum G20-Gipfel nach Miami einladen.
In Israel sass Trump einer Regierung auf, die nicht nur das begeht, was viele Kriegsverbrechen nennen, sondern rechtsextreme Minister unterhält, die daran arbeiten, ein ganzes Volk zu vertreiben.
Die einst treuen Verbündeten der USA verachtet Trump. Er bringt den Nachbarn Kanada gegen sich auf, ändert täglich seine Meinung und schwatzt irres Zeug. Am Wochenende fragte er bei Fox News, ob er «ganz Iran in die Luft jagen» solle. Vor der Uno doppelte er diese Woche nach: Soll ich Iran «in die Hölle treiben»? Innenpolitisch treibt er die Spaltung des Landes voran und zerstört den fast hundertjährigen parteiübergreifenden Konsens zwischen Republikanern und Demokraten.
«Gesetz des Dschungels»
Anstatt Putin etwas entgegenzusetzen, wendet er seine Kraft auf, um den Golf von Mexiko, den Ontario-See und Neu-Mexiko umzubenennen und in Washington einen Arc de Trump und einen Ballsaal zu bauen. Medien, die ihm nicht genehm sind, knebelt er: Pressefreiheit à la Putin. Nun prahlt er damit, ein Grönland-Abkommen geschlossen zu haben, obwohl er faktisch nichts Neues erreicht hat – jedenfalls nicht das, was er zuerst wollte.
Jetzt, da die Weltordnung immer mehr zur Welt-Unordnung wird, jetzt, da völkerrechtliche Prinzipien der Lächerlichkeit preisgegeben werden, jetzt, da das «Gesetz des Dschungels» herrscht, «la loi de la jungle», wie Macron sagt – jetzt können Diktatoren und Kriminelle wie Putin wüten. Instabilität und Streit ebnen ihnen den Weg für ihr verbrecherisches Tun. Putin hat das schnell begriffen.
Was hat das für Folgen: Auch wenn die Gefahr einer nuklearen Eskalation von den Geheimdiensten als gering eingeschätzt wird, verstärken solche alarmistischen Meldungen bei Regierungen und in der Bevölkerung die Unsicherheit – und spielen so Putin in die Hände.
Testosteron-gedopt
Und da Unordnung herrscht, kann Putin seine Mission weitertreiben. Die Medien berichten flächendeckend über jede Regung, jeden Flatus des amerikanischen Präsidenten. Er sonnt sich in seiner Omnipräsenz und prahlt mit einer ihm eigenen Überheblichkeit. Und während die Medien über Trump, Trump und nochmals Trump berichten, verfolgt Putin seine Mission. Die Musik spielt heute nicht in Washington, sie spielt vor allem in Russland und Europa. Alles nicht so schlimm! Wirklich nicht?
Ja, es stimmt, Europa hat sich während Jahrzehnten allzu sehr auf die USA verlassen und sich unter deren Schutzschirm gestellt. Jetzt wird zaghaft an europäischer Aufrüstung gebastelt, doch den eigentlichen Ernst der Lage haben viele noch nicht erkannt.
Doch einen Trost gibt es. Der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth – der Mann, der sich Kriegsminister nennt und sich ein Kreuzfahrerkreuz auf seine Brust tätowieren liess –, er verordnete seinen Soldaten eine Testosteron-Kur – damit sie stark werden.
So sind sie jetzt in der Lage, Europa gegen Putin zu verteidigen …