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Anmkerungen zur WM

Der Fussball und seine Mythen

19. Juni 2026
Detlev Hartlap
Detlef Hartlap
Alfredo di Stefano, Statue
Der vielleicht weltbeste Fussballspieler aller Zeiten, der gebürtiger Argentinier Alfredo die Stefano, war nie an einer WM im Einsatz. Hier sieht man ihn im Bild (dritter von links, neben Sepp Blatter) bei der Einweihung einer Statue zu seinen Ehren im Club von Real Madrid, 2008. (Foto: Keystone/AP Photo/Paul White)

Nicht nur die aktuelle Weltmeisterschaft in Nordamerika wirft die Frage auf: Wo verlaufen die Trennungslinien zwischen Spiel und Realität, zwischen Kindlichkeit und Erwachsensein?

Wenn es im und zum Fussball ein Wort von zeitloser Gültigkeit gibt, dann hat es Éric Cantona, damals ein französischer Mittelstürmer im Dienst von Manchester United, am 31. März 1995 formuliert. 

«Wenn die Möwen», sagte Cantona vor gespannt lauschenden Sportjournalisten und nahm einen Schluck Wasser, «wenn die Möwen den Fischkuttern nachfliegen, ist das, weil sie glauben, dass gleich Sardinen ins Meer geworfen werden.»

Sprach’s und empfahl sich mit einem «thank you». 

Mit Kung-Fu gegen Zuschauer 

Bei der Fussballweltmeisterschaft, die sich noch zum Finale am 19. Juli hinzieht, sind die Möwen wieder scharenweise unterwegs und, ja, die eine oder andere Sardine werden sie wohl aufschnappen. Der Fussball lebt von der Dramatik des Schauspiels und den Emotionen, die es auslöst, wer wüsste das nicht. Kaum minder aber lebt er von den zahllosen Mythen, die sich in seiner 150-jährigen Geschichte angesammelt haben.

Éric Cantona wurde zu einem Mythos, weil ihn sein Affektmanagement für einen Moment im Stich liess. Bei einem Meisterschaftsspiel in England hatte ihn ein Zuschauer auf einem spielfeldnahen Rang lauthals als «French bastard» beschimpft und – sozusagen als Brexiteer «avant le mot»  – zum «verpiss dich nach Frankreich» aufgefordert. 

Woraufhin Cantona den Rasen kurz verliess, um den Zuschauer mit einem gekonnten Kung-Fu-Tritt niederzustrecken. 

Als nun alle Welt auf die Erklärung, um nicht zu sagen die Entschuldigung eines zerknirschten Éric Cantona wartete, beschied er sie mit seinem Möwengleichnis. Der spanische Romancier Javier Marías war davon so begeistert, dass er Cantonas Verhalten als «einen Akt der Auflehnung» pries.

Verdienter Sieg?

Andere Fussballmythen mögen weniger rabiat sein, doch entführen sie allemal in eine eigentümliche Welt, die den Paradoxien der Politik nicht unähnlich ist. Ein harmloses Beispiel ist der verdiente Sieg. Seit Fussball unter den Augen der Öffentlichkeit gespielt wird, gibt es den verdienten Sieg als eine Wertungskategorie, die in der Realität nicht existiert. Im Fussball zählen Tore, was nicht zählt, ist ihre Entstehungsweise. Manche fallen aus purem Slapstick, andere mithilfe der «Hand Gottes», wie bei Diego Maradonas WM-Tor 1986. 

Zu Beginn der aktuellen Weltmeisterschaft war Ecuador seinem Gegner von der Elfenbeinküste in vielen Belangen überlegen, traf zweimal die Querlatte und einmal den Pfosten. Doch als die Afrikaner dank eines «lucky punch» (der Begriff kommt vom Boxen) in letzter Sekunde 1:0 gewannen, war sich die Presse einig: ein «alles in allem verdienter Sieg». 

«Rubbish!», sagt der renommierte englische Sportjournalist Kevin Pullein, «das Resultat macht eine Farce aus dem Spiel.» 

Ja, er kann ungerecht sein, der Fussball. 

Fussballzeit ist Leidenszeit

Und er kann richtig wehtun. Fussball, ein Quell der Freude? Das ist ein Mythos. Wer nicht zur beneidenswerten Minderheit der Zuschauer gehört, die ein Spiel vornehmlich aus ästhetischen Gründen geniessen (die Kunstfertigkeit einiger Spieler am Ball, die Eleganz ihrer Finten, die Gesänge der Fans, die bunten Trikots etc.), wird Fussball als andauernde Qual mit seltener Belohnung empfinden. 

Zu 95 Prozent der Spieldauer besteht Fussball aus Fehlpässen und Tollpatschigkeiten, aus verlorenen Zweikämpfen, lahmen Querpässen, hässlichen Fouls (immer vom Gegner!), aus Torschüssen, die grotesk («high and wide», sagt man im Englischen) danebengehen. Und er besteht aus ernüchternden Gegentoren, die schwer zu akzeptieren sind. 

Welch eine Erlösung, wenn der Mannschaft des Herzens endlich doch ein Tor gelingt und den Vulkan der Begeisterung ausbrechen lässt. Dann zerreisst es die Physiognomie zu ekstatischer Grimasse, ballen sich Fäuste zu Lufthämmern, erleben Tausende im Stadion (und Millionen vor dem Bildschirm) in ein- und demselben Augenblick einen «Orgasmus in E-Dur», wie Radiomoderator Jörg Lengersdorf so schön sagte, nur dass er kein Fussballtor, sondern Wagners «Tristan und Isolde» meinte. 

Merkmale eines Jungbrunnens

Und spätestens, wenn die Fernsehkamera den veitstanzenden Trainer am Spielfeldrand einfängt, könnte sich die Frage stellen, ob das Spiel, um das es sich hier handelt, ein Erwachsenensport ist oder eine besonders hartnäckige Fortsetzung der Kindheit. 

Der Mythos will es – Jean-Jacques Rousseau hat ihn im 18. Jahrhundert aufgebracht –, dass im Kind (und nur im Kind!) der wahre Mensch zutage träte, der «junge Wilde» als ganz und gar authentisches Wesen, wohingegen das sogenannte Erwachsenwerden dem Beginn einer schleichenden Zerstörung gleichkäme. 

Unter diesem Aspekt gewinnt das Spiel (und zwar jegliches Spiel; es gibt überraschenderweise nicht nur Fussball) in seiner Loslösung von den Schrecknissen des real existierenden Alltags starke Merkmale eines Jungbrunnens: Hier bin ich Kind, hier darf ich’s sein!

Paradox daran ist, dass Realität und Irrealität zusehends schwer zu unterscheiden sind. Während das vermeintlich erwachsene politische Weltgeschehen und seine Protagonisten immer unwahrscheinlicher werden, birgt eine vermeintlich kindsköpfige Fussballweltmeisterschaft mit ihren konkreten Ergebnissen und kameraüberwachten Toren eine Anmutung von wirklicher Wirklichkeit. 

Turnier der weltbesten Spieler?

Der amerikanische Präsident feiert seinen 80. Geburtstag mit brachialen Käfigkämpfen. Russlands Präsident ergötzt sich an – Gott zum Grusse – paradierenden Panzern und Raketen. Nordkoreas Atom-Diktator Kim sah man nie so fröhlich wie auf der Rutsche eines neuen Spassbades. In den Vorstellungen führender AfD-Funktionäre wesen nur minimale Spuren von realer Hochkultur.

Die Welt verkindlicht. Die Freizeitindustrien, voran die amerikanischen, haben das Ihre beigetragen. Unter dem Dauerbeschuss von «Game of Thrones» und «Herr der Ringe», von «Star Wars»-Kitsch und Super-Superhelden im Dutzend blieb der Realität keine andere Wahl, als gefügig zu werden. Am Ende war der Boden gedüngt für neue Autoritäten. Der Fussball, der selbst nie frei war von Korruption und überkandidelten Führungspersönlichkeiten, hat sein Alleinstellungsmerkmal verloren.  

Odo Marquard, 2015 verstorbener Philosoph, hat den Charakter zunehmender Realitätsunmündigkeit schon vor Jahrzehnten (und lange vor KI) offenbart. 

«Vielleicht stimmt es gar nicht», schreibt er in seinem Essay «Zeitalter der Weltfremdheit» (1984), «dass die modernen Erwachsenen zu viel erwachsen und zu wenig Kind sind, vielleicht stimmt eher das Gegenteil, dass sie zu wenig erwachsen und zu viel Kind sind und durch das Lob des Kindes nur die eigene Schwäche loben: die Neigung zu Infantilismen, zu Verkindlichungen und Kindlichkeiten, ihre Unfähigkeit zum Erwachsensein, ihren Hang zur Weltfremdheit.» 

Alfredo Di Stefano war nie an einer WM

Ein sehr schlichter Mythos des Fussballs – dies zum Abschluss – besteht in der Behauptung, eine Weltmeisterschaft würde die besten Spieler in einem Turnier versammeln. Wie so viele Mythen ist er im Handumdrehen widerlegt. 

Der vielleicht beste Fussballer aller Zeiten, Alfredo di Stefano (zugegeben, das ist subjektiv, aber es hilft, ihn spielen gesehen zu haben), war so lange zwischen seinen Staatsangehörigkeiten (Argentinien, Kolumbien, Spanien) hin- und hergerissen, bis er die letzte Chance auf eine WM-Teilnahme verpasst hatte. 

Grosse Torjäger wie Ian Rush und George Weah gehörten wiederum Staaten an, die sich allzu selten für eine Weltmeisterschaft qualifizieren, Wales im Fall Rush, Liberia bei Weah.

Der immer noch weltweit verehrte Georgie Best (gestorben 2005) war, wenn sein Heimatverband Nordirland teilnehmen durfte, entweder zu jung (1958) oder jenseits seiner begnadeten Fähigkeiten (1982). «Ich habe», sah er ein, «viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.»

Und Éric Cantona? Nach dem Zwischenfall vom März 1995 wurde er aus der «Équipe Tricolore», der französischen Nationalmannschaft, verbannt. Sein Pech: Drei Jahre danach gewann Frankreich den Weltmeistertitel.

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