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PHANTASTISCHE TIERE

Der berühmte Seiwal von Freiburg an neuer Bleibe

3. September 2026
Christoph Egger
Wal, Fribourg, Bild 1
Der Wahl wird gründlich überholt und für den Transport vorbereitet. (Foto: Keystone/Cyril Zingaro)

Rund 130 Jahre hat ein Seiwal im Naturhistorischen Museum Freiburg Publikum und Wissenschaft fasziniert. Dieser Tage ist das weltweit wohl einzigartige Präparat mit seiner fabelhaften Geschichte an seinen neuen Bestimmungsort verbracht worden: das künftige Musée d’histoire naturelle im ehemaligen Zeughaus. 

Die Schweizer Naturhistorischen Museen haben durchaus auch die eine und andere marine Kostbarkeit vorzuweisen. Vor allem zwei Exponate dürfen Seltenheitswert beanspruchen. Prunkstück des Lausanner Musée cantonal de zoologie ist das im wahrsten Sinn sensationelle Präparat eines weiblichen Weisshais: nicht nur aus dem Mittelmeer, 1956 vor Sète einem Fischer ins Netz geraten, sondern eines der weltweit grössten je gemessenen Exemplare mit einer Länge von 5,83 (urspr. 5,89) Meter bei einem Gewicht von rund zwei Tonnen, wobei die Leber allein 360 Kilo wog. Das andere ist der Seiwal des Naturhistorischen Museums Freiburg, der dieser Tage als allererstes der Exponate von seinem alten Standort am Chemin du Musée mittels Tieflader in seine künftige Bleibe verbracht wurde, das erweiterte und renovierte ehemalige Zeughaus an der Route des Arsenaux. Die Eröffnung ist auf Ende 2028 geplant. 

Die «zwei Erzählungen» 

Seinen Namen hat der Seiwal in der norwegischen Finnmark erhalten, wo er zusammen mit dem sei oder Köhler (einer Dorschart, als Seelachs vermarktet) vor der Küste aufzutauchen pflegte. Allerdings scheint er sich bevorzugt von Krill zu ernähren. Auch in Japan, wo sein Name Sardinenwal (Iwashi kujira) bedeutet, wurden kaum Fische in den Mägen erlegter Tiere gefunden. Das Exemplar von Freiburg nun ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Nur schon Skelette von Seiwalen sind eher selten in Sammlungen anzutreffen. Nicht weil sie so rar gewesen wären, sondern weil es sich um eine Hochseeart mit entsprechend wenigen Strandungen handelt. Ausnahmen gibt es. Etwa 2015 die von zahlreichen Fragezeichen gesäumte unerhörte Strandung von mindestens 343 Tieren, hauptsächlich Seiwalen, in einer unwirtlichen Region Zentralpatagoniens in Chile. 

Als absolute Rarität muss jedoch ein in Gänze erhaltenes Exemplar wie das von Freiburg gelten. Insbesondere die Erhaltung der Haut ist womöglich weltweit einzigartig. Zwar ist der Name des Meisterpräparators bekannt, sein Rezept aber scheint er mit ins Grab genommen zu haben. Bis heute ist offenbar kein vergleichbar ingeniöses Verfahren entwickelt worden. Doch wann genau und wo ist dieser Wal präpariert worden? Hierzu gibt es kurioserweise zwei «Erzählungen», die, in Teilen einigermassen deckungsgleich, in wesentlichen Punkten weit auseinanderklaffen. 

Fribourg, Wal Bild 2
Unterwegs in den Strassen von Freiburg. (Foto: Keystone/Anthony Anexs)

Die eine geht so: Im Jahr 1878 erwirbt Professor Maurice Musy, Konservator des Naturhistorischen Museums, eine Afrikanische Zwergmaus. Diesem Winzling will er einen Wal gegenüberstellen, das grösste aller Säugetiere. Damit beginnt eine langwierige Suche nach einem toten Tier und nach einem Tierpräparator, der dieses konservieren würde. Musy schreibt die Küstenverwaltungen Frankreichs, Italiens, Deutschlands und der Niederlande an. Gleichzeitig sondiert er die Lage bei den ihm bekannten Präparatoren. Am 20. November 1880 hat er endlich Glück: Er erhält ein Telegramm, dass in der Nähe von Dünkirchen ein junger Seiwal gestrandet sei, den das Museum übernehmen könne. Otto Berchtold, «ein abenteuerlustiger Berner Tierpräparator», macht sich auf den Weg. Er ist «gut vorbereitet», denn seit er von Musys Projekt erfahren hat, hat er «Nachforschungen betrieben». So präpariert er den Seiwal mit einer Konservierungsflüssigkeit, deren Zusammensetzung heute nicht mehr bekannt ist. Der Wal «ist bereit und muss nur noch nach Freiburg befördert werden». Technische Probleme, schlechte Strassen und Verzögerungen am Zoll führen dazu, dass die Reise mehr als ein Jahr dauert. Doch am 7.April 1882 kommt der Wal in Freiburg an, «und Musy kann seine Idee, ihn neben der Afrikanischen Zwergmaus auszustellen, endlich Wirklichkeit werden lassen». 

Jahrzehntelang durch Europa getingelt  

Dies die eine Lesart der Geschichte, wie sie bis vor kurzem in Unterlagen des Museums zu finden war. Die nunmehrige «offizielle» Version mutet dem Wal allerdings erheblich mehr zu. Danach ist der junge Seiwal 1852 bei Le Havre gestrandet, wo er «mithilfe einer experimentellen Methode» einbalsamiert wurde, die der Apotheker und Forscher Jean-Nicolas Gannal für die Erhaltung menschlicher Leichname entwickelt hatte. Die Haut wurde dabei abgelöst und auf ein Holzgerüst gespannt. Weitere Konservierungsschritte scheinen nicht dokumentiert worden zu sein. Noch im selben Jahr wird er zur Publikumsattraktion – angeblich unter dem Namen Marlène –, indem er als Hauptattraktion einer Wanderausstellung des Namens «Musée Maritime» auf einem von Pferden gezogenen Wagen erst durch Frankreich, hierauf durch weite Teile Europas reist. 

Während fast dreissig Jahren gastiert er so in mindestens acht Ländern, kommt auch mehrmals in die Schweiz. Bei seinem dritten Aufenthalt in Freiburg, beim Eidgenössischen Schützenfest 1881, macht sein Besitzer Konkurs, flieht vor seinen Gläubigern und lässt den Wal «mitsamt einer Sammlung von anderen maritimen Objekten» zurück. 1882 kauft der Staat Freiburg diese Sammlung für 2000 Franken (entsprechend rund 24'000 Franken) und vertraut sie dem Naturhistorischen Museum an. Nebst dem Walpräparat gehören dazu «das Skelett eines Pottwals, ein präparierter Delfin, präparierte Haie, Kiefer von Meerestieren und Geräte für den Walfang». 

Fribourg, Wal, Bild 3
Als erster am neuen Ort, dem alten Zeughaus (Foto: Keystone/Anthony Anex)

1897 konnte das stattliche, inzwischen zu eng gewordene Gebäude auf dem Plateau von Pérolles bezogen werden, wo Sei- und Pottwal über hundert Jahre Publikum und Wissenschaft fasziniert haben, Ersterer bei gedämmt-blauem «Meereslicht» in einem eigenen Kabinett. Der Umzug nun hat Gelegenheit geboten, das Exponat gründlich zu überholen und zu vermessen. Es wiegt, bei gut elf Metern Länge, noch 1650 Kilogramm. Adulte Seiwale werden in der Regel um die 18, selten bis zu 21 Meter lang und bis zu dreissig Tonnen schwer. Er gilt als schnellster Schwimmer unter den grossen Walen, charakteristisch sind die schwarzen Barten, «von einer Weichheit, Seidenähnlichkeit und Feinheit, wie sie bei keinem anderen Furchenwal gefunden werden». Perfekt für den Fang von Krill. In der nördlichen Hemisphäre scheinen die Bestände stabil, die südliche Unterart wird von der IUCN auf ihrer Roten Liste als «endangered» geführt, stark gefährdet. 

 

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