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Young Singers Project

Eine junge Stimme für Alte Musik

2. September 2026
Annette Freitag
Julian Schmidlin
Julian Schmidlin, Countertenor aus Basel (Foto © Boris Haberthür)

Der junge Schweizer Countertenor Julian Schmidlin hat es ins hochkarätige Salzburger «Young Singers Project» geschafft. Dies und zusätzlich die Rolle in einer der Festivalproduktionen hat ihm für seine Karriere entscheidende Impulse gegeben.

Der Blick über Salzburg ist wunderschön von hier oben: Aug in Aug mit den Kirchtürmen des Domquartiers, darüber die stolze Festung Hohensalzburg, grüne Hügel ringsum. Vom Verkehr und Fussgängergewusel der Innenstadt ist hier nichts zu spüren. Der ideale Ort, Julian Schmidlin zu treffen, einen jungen Basler, der im Rahmen der Salzburger Festspiele Teilnehmer am «Young Singers Project» ist.

Julian Schmidlin strahlt über das ganze Gesicht. Und er hat allen Grund dazu: Er ist einer von 14 jungen Sängerinnen und Sängern aus ebenso vielen Ländern, die aus mehr als tausend Bewerbern das Glück hatten, am «Young Singers Project» teilzunehmen. Dies allein darf schon als Auszeichnung angesehen werden. Denn das Young Singers Project ist so etwas wie ein Meisterkurs, eine Kaderschmiede für Nachwuchs-Sängerinnen und -Sänger.

Stimmfach: Countertenor

Julian Schmidlin ist Countertenor. «Dass ich Gesang studieren wollte, war ein Wunsch, den ich schon als Kind hatte», erzählt er. «Die Grossmutter war Pianistin, der Grossvater Gymnasiallehrer mit einer gossen Passion fürs Theater. Ich glaube, das war schon der Keim meiner Faszination für die Bühne, fürs Musikmachen, fürs Auftreten.» 

In Basel hat er bereits als Bub im Chor mitgesungen, anschliessend in der Knabenkantorei. Dann kam der Stimmbruch. «Ich habe kurz pausiert, dann direkt in der Männerstimme weitergesungen und zwar im Alt. Vieles musste ich aber neu entdecken. Meine Gesangslehrerin hat dann den Anstoss gegeben und mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, als Countertenor weiterzumachen, und ich habe mich darin sehr wohl gefühlt.»

Meisterklasse
Meisterklasse im «Young Singers Project»: Julian Schmidlin mit der Sopranistin Kate Lindsay (Foto © sf-marcoborelli)

Wobei: Countertenor ist nicht gleich Countertenor. «Man kann nicht alle über den gleichen Kamm scheren», sagt Schmidlin. «Da gibt es zum Beispiel den ‘Sopranisten’, das ist weniger mein Stimmfach, aber durch die Höhe total beeindruckend. Es gibt jedenfalls genauso viel Ausprägungen und Differenzierungen wie in anderen Stimmlagen». 

Basel hat sich als guter Boden für Julian Schmidlin erwiesen. «Gerade am Anfang einer Karriere ist es wichtig, dass es genug Gesangsensembles gibt, die auch Countertenöre aufnehmen und sich nicht nur in der Alten Musik spezialisieren, sondern auch weitere Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen wollen.» 

Schwerpunkt Alte Musik

Ein grosser Vorteil für Julian Schmidlin war der Umstand, dass Basel gerade auch dank der Schola Cantorum ein Zentrum für Alte Musik ist und dass Countertenöre hoch im Kurs stehen, seit die Alte Musik für viele wieder ganz neu ist und Hochkonjunktur hat. «Ja, da ist wohl ein enormes Potential vorhanden. Einerseits ist das Interesse vorhanden ist, andererseits gibt aber auch ganz schlicht Engagements und Arbeit. Das ist nicht zu unterschätzen.» Julian Schmidlin lacht, aber er hat natürlich recht mit dieser Bemerkung. 

«Gleichzeitig geniesse ich es, dass diese Entwicklung immer noch verhältnismässig jung ist, und dass man noch sehr viel suchen muss und darf, um eine Stimmfarbe zu entwickeln. Das Fach Countertenor ist noch nicht so kanonisiert, dass man ein ganz bestimmtes Repertoire haben muss. Ich sehe das zum Beispiel bei meinen Kolleginnen: Da ist man Sopranistin und muss schon relativ früh sagen: Ich bin lyrisch oder ich bin Soubrette. Das kann schon ein bisschen einengend wirken.»

Bei Countertenören denkt man automatisch an Alte Musik. Dabei ist diese Stimmlage gerade auch für moderne, zeitgenössischen Kompositionen geeignet. «Da bin ich gern dabei, wenn sich die Möglichkeit bietet, an Uraufführungen mitzuwirken. Ich glaube, gerade in der zeitgenössischen Musik ist das Stimmfach fast doppelt so interessant, gerade auch vor dem Hintergrund des Gender-Diskurses: Man sucht das Androgyne, Changierende dieser Stimme und inszeniert es auch bewusst.»

Alte Musik im Mainstream

Warum aber sind Countertenöre in neuerer Zeit so richtig in Mode gekommen? «Sicher, weil die historisch informierte Aufführungspraxis längere Zeit ein Nischendasein gefristet hat und jetzt definitiv im Mainstream angekommen ist. Das sieht man auch in Salzburg, wo die Alte Musik keinen eigenen Schwerpunkt hat. Aber gestern zum Beispiel, das Konzert von Lea Desandre in der Felsenreitschule: Musik aus dem Barock oder der Renaissance! Das gehört heute einfach dazu. Und es herrscht Konsens, dass es historisch informiert aufgeführt wird. Im Zuge dieser Entwicklung sind Countertenöre ein wesentlicher Faktor. Wobei: Ein Grossteil der Stücke, die ich singe, sind Kastratenliteratur. Gerade bei Händel-Opern wäre die Besetzung mit einer Frauenstimme – historisch gesehen – die korrektere als mit einem Falsettisten. Das hat sich erst im 20. Jahrhundert ergeben, dass man Countertenöre jetzt als übliche Besetzung für die Kastratenliteratur wählt.»

Da passt, dass Julian Schmidlin seine Ausbildung zweispurig angelegt hat. «Ich war so eine Art Zwischenreisender: Angefangen habe ich im Institut für klassische Musik, um meine eigene Stimme zu entdecken und weil ich mir eine technische Basis erarbeiten wollte, die noch nicht allzu spezifiziert in eine bestimmte Richtung gehen sollte. Mit diesem Fundament bin ich dann an die Schola Cantorum gegangen. Das war ein Privileg.»

Julian Schmidlin in King Arthur
Julian Schmidlin (rechts) in Henry Purcells «King Arthur» , der Jugend-Produktion der Salzburger Festspiele (Foto: © marco-borelli)

Dann erfuhr Julian Schmidlin vom «Young Singers Project» der Salzburger Festspiele und bewarb sich. Von mehr als tausend Interessenten sind am Schluss 14 angenommen worden. «Das ist ein enormes Privileg», sagt Schmidlin. «Ich war der einzige Schweizer, die anderen sind aus Europa, USA und Korea.»

Weiter geht’s auch mit Zeitgenössischem

Zwei Monate Unterricht, zudem die Teilnahme an einer Produktion. Für Schmidlin war es Henry Purcells «King Arthur». «Ausserdem durften wir in jede Generalprobe gehen, das ist sehr inspirierend, die grossen Künstler live zu erleben.» Und was hat ihn am meisten beeindruckt unter den Produktionen, die er besuchen durfte? «Die konzertante Produktion des ‘Werther’ mit Benjamin Bernheim. Das war einfach phantastisch! Bernheim lebt diese Rolle! Diese Transparenz, diese Liebe zur Sprache!»

Und wie geht es nun für Julian Schmidlin weiter? «In Basel geht es einerseits mit den Madrigalisten, einem Vokalensemble, weiter und andererseits mit zeitgenössischer klassischer Musik in einem Projekt am Theater Basel. Im Frühling folgt Händels «Orest» im Theater Biel/Solothurn. «Und ich darf die Hauptrolle singen!» Na dann: toi toi toi»

Im Durchschnitt überdurchschnittlich

(A.F.) Seit bald zwanzig Jahren wird bei den Salzburger Festspielen der Nachwuchs stark gefördert. Das gilt für junge, hochtalentierte Dirigenten und Dirigentinnen mit dem «Herbert von Karajan Young Conductors Award». Junge Sängerinnen und Sänger nehmen am «Young Singers Project» (YSP) teil. Dieses Jahr war mit Julian Schmidlin auch ein junger Schweizer Sänger unter den 14 Auserwählten.  Angemeldet hatten sich über 1000 Interessenten.

Neben Evamaria Wieser, der Leiterin des YSP, kümmert sich Kai Röhrig als Coach um die Absolventen des YSP. Röhrig ist Dirigent und Professor an der Universität Mozarteum Salzburg. Mit Ihm hat Annette Freitag in Salzburg gesprochen.

            *          *          *

Wie war der diesjährige Jahrgang der jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim «Young Singers Project» qualitativ?

Kai Röhrig: «Ich habe in all den Jahren als Coach beim «Young Singers Project», YSP, noch keinen schwachen Jahrgang erlebt. Manchmal sind wirkliche Ausnahmetalente dabei, wie man sie nur alle paar Jahre mal entdeckt. Aber der Durchschnitt ist bereits überdurchschnittlich. Interessant finde ich, dass gerade in diesem Jahr in den Festspielproduktionen allerhand ehemalige YSP-Teilnehmer in Hauptrollen dabei waren: Philippe Sly, der «François d’Assise», war im YSP, ebenso Andrè Schuen in «Cosi fan tutte», Martina Russomano in «Lucio Silla», Lilith Davtyan ebenfalls in «Lucio Silla», um nur ein paar zu nennen. Es ist schön zu sehen, wenn sich die Karrieren nach dem Sommer beim YSP auf der Bühne fortsetzen. Das Potential war also früh vorhanden, aber die Kontinuität der Entwicklung ist nochmal eine andere Sache».

Was muss jemand mitbringen, um im «Young Singers Project» aufgenommen zu werden?

Kai Röhrig: «Natürlich geht es hier zu allererst um die Stimme und deren Profil und im Detail um die Intonation, um Klangfarben, um die Technik, um die Legato-Kultur, aber daneben auch um den Umgang mit Sprachen, um stilistische Aspekte, um die Präsenz, um die Glaubwürdigkeit in der entsprechenden Arie oder Partie. Es ist immer ein Gesamtpaket und am Ende natürlich eine Sache der Persönlichkeit. Da gilt es vielleicht auch oft abzuwägen und so oder so zu gewichten, also je nach Fach oder nach vorgesehener Rolle. Aber am Ende nützt die schönste Stimme nichts, wenn ansonsten wenig vorhanden ist. Es ist halt so eine Mischung aus vielen Parametern und am Ende zählt der Gesamteindruck, und nicht zu vergessen: der persönliche Geschmack. Es ist vielleicht nicht so schwer, zunächst die fünfzig Besten aus den tausend Bewerbungen herauszufiltern, aber von den fünfzig dann auf die 15 zu kommen, die aufgenommen werden, dafür braucht es eben Erfahrung, Geschmackssicherheit und Instinkt. Aber auch Evamaria Wieser, die Leiterin des YSP, hat mal gesagt, sie höre ständig viele gute und vielversprechende junge Stimmen, aber doch nur alle paar Jahre jemanden, bei dem man schon nach den ersten zwei Gesangsphrasen absolut sicher sei, dass sie oder er das Potential zur Weltkarriere und zum ‘Star’ besitzt.»

Und wie erfolgreich sind die jungen Leuten nach zwei Monaten im YSP bei der Suche nach einem Engagement?

Kai Röhrig: «Das YSP ist schon eine Art Ritterschlag. Damit meine ich: Man wird auf jemanden aufmerksam, weil sie oder er hier im YSP dabei waren. Das gilt für die grossen Opernstudios, für erste Engagements und vor allem für Agenturen. Die Selektion für das YSP ist so streng, dass man anschliessend die Bewerbung eines Sängers vom YSP einfach ernst nimmt. Umgekehrt gilt das natürlich auch: wenn jemand bereits im Opernstudio an der Bastille ist, ist er vielleicht auch für Salzburg interessant. Es ist einfach ein Netzwerk von Scouts und Agenten, die immer auf der Suche nach Talenten sind und diese dann auch gezielt platzieren. Insofern sind die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer hier beim YSP karrieremässig nicht mehr bei null, sondern oft schon auf gutem Weg.

Aus meiner langjährigen Erfahrung mit den Teilnehmern des YSP eint sie vor allem eines: die Demut vor der Aufgabe und die Bereitschaft zu lernen und weiterzukommen. Damit meine ich nicht die Lust auf Karriere, sondern wirklich die Begeisterung für die Arbeit an der Stimme und an den anstehenden Arien und Partien. Dieser Faktor ist bei vielen sehr ausgeprägt und deshalb kommen einige eben auch sehr weit – von nichts kommt halt nichts. Die Stimme ist das persönlichste Instrument. Es sitzt einfach im Körper. Deshalb ist gerade dieser künstlerische Beruf von so vielen persönlichen Faktoren abhängig. Die stimmliche Begabung ist die Voraussetzung, aber es gibt so viele andere Aspekte. Sänger haben nie wirklich ausgelernt, sondern sind immer auf dem Weg. Diese Energie muss man kontinuierlich aufbringen können und man kann sich kaum auf irgendetwas ausruhen. Gleichzeitig sind die zwei Stimmbänder sehr fragil und auch die mentale Gesundheit ist gar nicht zu unterschätzen. Die YSP-Teilnehmer stehen unter erhöhtem Erwartungsdruck und müssen lernen, damit umzugehen».

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