Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Kino

Salvation – Variationen auf Kain und Abel

1. September 2026
Franz Derendinger
Emin Alper: Salvation
Bild: Trigon Film

Der neuste Film von Emin Alper erzählt von einer blutigen Clanfehde in den Bergen Anatoliens. Dabei gewähren sowohl die Archaik der Umgebung wie auch biblische Metaphern stets den Durchblick auf Prozesse, die ganz real das Leben in unserer Gegenwart vergiften.

Schon die Lage der beiden Dörfer in der bergigen Gegend mutet biblisch an. Das eine liegt auf einer kargen Hügelkuppe, das andere unten im Flachen. Im ersten leben die Hazaran, vorwiegend als Hirten, das zweite, wo Ackerbau möglich ist, gehört den Bezari. Die beiden Clans sind verfeindet, seit die Bezari das Oberdorf wirtschaftlich überflügelt und seine Bewohner in die Abhängigkeit gezwungen haben. 

Allerdings haben die Bezari schliesslich ihr Land verlassen, weil Terroristen die Gegend unsicher zu machen begannen und die Armee die Dörfler als Wehrbauern einsetzen wollte. Die Hazaran dagegen haben den Krieg gegen den Terror mitgemacht, konnten in der Folge die Felder der Konkurrenten übernehmen und brachten es dadurch zu einigem Wohlstand.

Inzwischen hat sich die Lage aber beruhigt, so dass die Bezari einer nach dem andern in ihr Dorf zurückkehren und die Äcker zurückfordern, die ihnen rechtlich ja immer noch gehören. Das kommt bei einigen Anführern der Hazaran gar nicht gut an, denn sie sehen sich um die Früchte ihrer Arbeit betrogen und fürchten, dass die früheren Zustände wiederkehren. Am besten sollte man die Rückkehr der alten Feinde verhindern – die Mittel dazu wären vorhanden: Als Wehrbauern sind die Hazaran nicht nur kampferprobt, sondern auch bis an die Zähne bewaffnet.

Archaischer Bruderzwist

Um verfeindete Brüder geht es aber auch im Oberdorf selber. Der legendäre Scheik Kamil, unter dem die Hazaran ihren Aufstieg erlebten, hat seinen Enkel Ferit als Nachfolger eingesetzt, dessen Bruder Mesut ist leer ausgegangen. Äusserlich lässt er sich nichts anmerken und zeigt sich loyal. Aber in ihm rumort es. Er kann nicht schlafen, wandert ruhelos durch die Nacht und verhält sich Frau und Kindern gegenüber paranoid. In den Gespenstern, die ihn umtreiben, äussert sich nicht nur eine ungestillte Begierde, sondern mehr und mehr auch offener Neid.

Emin Alper: Salvation
Bild: Trigon Film

Auf den ersten Blick wirkt das Leben im Oberdorf durchaus harmonisch, man folgt seinen Gewohnheiten: trifft sich zu Gesprächen auf dem Dorfplatz oder beim Ritual im Gebetshaus. Die Fassade ist dabei höflich, der Respekt gegenüber dem Scheik zunächst einmal gewahrt. Aber darunter brodelt es. Verschiedene Meinungsmacher haben weder vergessen noch vergeben und sind mit der versöhnlichen Haltung Ferits nicht einverstanden.

Sie beginnen zu murren und haben auch schon erste Anschläge gegen das Unterdorf unternommen. Diese Welle nutzt Mesut aus, er beginnt seine fiebrigen Träume als göttliche Visionen auszugeben und schart so eine zunehmend fanatisierte Gruppe um sich. Ferit wird schliesslich verjagt, die Lage eskaliert.

Mechanismen des Unfriedens

Unter den Hazaran kursiert ein abstruser Aberglaube. Der Zwilling kommt dadurch zustande. Dass der Scheitan neben das Geschöpf Allahs sein eigenes legt. Das wahrhaft Teuflische dabei: Man kann die beiden fast nicht unterscheiden. Aber eines ist trotzdem klar: Der verdorbene Zwilling muss weg, muss von der Erde vertilgt werden. Und so schreitet Mesut mit seiner Gefolgschaft zur finalen Befreiungstat (Kurtuluş, so der türkische Originaltitel, bedeutet Befreiung). Man kann ja das blutige Resultat bequem auf die Terroristen schieben. Aber der Plan geht nicht auf. Der Clanchef der Bezari hatte Zwillingstöchter, und eine davon hat das Massaker überlebt.

Emin Alper: Salvation
Bild: Trigon Film

Emin Alpers filmisches Epos beschreibt minutiös die Mechanismen, die eine Gemeinschaft in den Unfrieden treiben. Das verschafft dem Film deutlich parabelhafte Züge. Denn was sich da in der archaischen Landschaft Anatoliens abspielt, kennen wir bestens aus aktuellen Nachrichten: Etwa über die wirtschaftliche Übervorteilung der einen durch die andern – oder über Politiker, die auf der Welle von Frustration und Ressentiment zur Macht surfen, wobei sie verantwortungslos Konflikte anheizen und Spaltungen vertiefen. 

«Salvation» ist Gleichnis für so manche Ausweglosigkeit, etwa jene der ethnischen Zwillinge in Palästina, die sich seit über einem Jahrhundert gegenseitig beharken. Auch hier steht wechselseitig der eine dem Glück des andern im Weg, und so nehmen mittlerweile viele für den Traum von der eigenen Freiheit die Auslöschung des andern in Kauf. Damit bleibt die uralte Geschichte vom mörderischen Bruderzwist verteufelt aktuell.

Letzte Artikel

Ausgeschafft nach Zentralafrika

Erich Gysling 31. August 2026

«Pogrome gegen schutzlose Zivilisten»

Ignaz Staub 31. August 2026

Google knickt ein

30. August 2026

21 Jahre Haft

30. August 2026

Elgars Cellokonzert

Iso Camartin 30. August 2026

«Ecce homo», sagt die Maschine

Eduard Kaeser 30. August 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.