Die Zahl der Menschen, die durch die US-Behörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) festgenommen wurden, hat in diesem Sommer einen Höchststand erreicht: 49 571 im Verlauf des Monats Juli. Wie viele von ihnen wohin deportiert wurden, ist nicht bekannt – Donald Trump hat verfügt, dass dazu keine Statistiken veröffentlicht werden.
Über einige Fälle gab es dennoch Informationen: ein Dutzend wurde in das wohl unsicherste Land der Welt geflogen, in die Zentralafrikanische Republik. Unter diesen Fällen wurde einer dank der Recherche des Journalistenteams des Nachrichtensenders CNN bekannt.
Eine Iranerin, die gegenüber den Reportern den Decknamen Nika verwendet, schildert ihre Geschichte so: weil sie an Protesten gegen ihr Regime teilgenommen hatte, flüchtete sie vor gut einem Jahr in die USA. Da wurde sie schon bei der Einreise von Beamten der ICE festgenommen, aber nach kurzer Zeit erhielt sie eine nicht befristete Erlaubnis, sich frei zu bewegen. Im Juni dieses Jahrs bekam sie Post vom Department of Homeland Security. Sie sollte in einem der Büros dieser Behörde vorbeischauen. Nika ging davon aus, es handle sich um ein Routine-Gespräch – doch sie wurde sogleich festgenommen und in Handschellen abgeführt. Am 11. Juni wurde sie, zusammen mit Migranten aus Afghanistan, Irak und Georgien, in ein Flugzeug gesetzt. Die Maschine startete, und erst jetzt erfuhr sie, wohin die Reise gehen sollte: nach Bangui, in die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik (RCA, République Centrafricaine).
Eines der gefährlichsten Länder
Die RCA gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Sämtliche westlichen Regierungen, auch die USA, raten dringend von Reisen in dieses Land ab. Seit 2013 steckt die Zentralafrikanische Republik in einem Bürgerkrieg mit 14 Rebellengruppen, die sich gegenseitig bekämpfen und deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie auch mit der ineffizienten und durch und durch korrupten Regierung auf Kriegsfuss stehen. 700 000 Menschen sollen innerhalb des Landes zu Binnenflüchtlingen geworden sein, etwa ebenso viele flüchteten in eines der Nachbarländer. In der Armutsstatistik steht die RCA von 190 Staaten auf dem drittletzten Platz; 70 Prozent der Bevölkerung von 5,5 Millionen leben unterhalb der Armutsgrenze.
Was Armut und Elend bedeuten, kann jeder auf den ersten Blick erkennen – ich selbst unternahm vor Jahren eine Reise in die Zentralafrikanische Republik. Und wenn ich die spärlichen aktuellen Berichte über das Land durchlese, stelle ich fest: Da hat sich nichts zum Besseren gewendet. Im Ubangi-Fluss, der die Hauptstadt Bangui durchfliesst, schieben Menschen, bis zur Brust im Wasser stehend, Lastkähne gegen die Strömung. Menschliche Kraft kostet fast nichts, die Schiffe mit Dieselmotoren zu bewegen, kostet Geld. Fährt man aus Bangui hinaus, begegnet man auf Distanzen von mindestens fünfzig Kilometern Männern, die zu Fuss auf klapprigen Karren Brennholz transportieren. Um zu ihren Lieferanten zu gelangen, müssen sie oft zwei Tage lang hin (und ebenso lange wieder zurück) marschieren. Öffentlichen Verkehr gibt es kaum – wer sich von einer Stadt zur anderen bewegen will, muss das Glück haben, einen Viehtransporter zu finden, der dann, weil die Mehrheit der Strassen mehr aus Löchern als aus gestampfter Oberfläche besteht, meistens nur im Schritttempo vorankommt. Die Kriminalität ist allgegenwärtig, die Mordrate hoch und wird von keiner Behörde erfasst.
Weitere Deportationen geplant
Nika, die Iranerin, sagte gegenüber den CNN-Reportern, sie vermeide es nach Möglichkeit, ihre karge Behausung zu verlassen – kaum sei sie draussen, kämen Polizisten, die Geld verlangten. Über all dem aber schwebe die Angst, nochmals deportiert zu werden, denn ihre Aufenthaltserlaubnis laufe in knapp drei Monaten ab; dann drohe ihr das Risiko, nach Teheran ausgeschafft zu werden. Und das wäre dann noch schlimmer, denn dort, so Nika, drohe ihr wegen ihres politischen Engagements gegen das iranische Regime die Inhaftierung oder sogar die Todesstrafe.
Dass die USA es nicht dabei bewenden lassen wollen, ein paar wenige Migranten nach Bangui zu deportieren, lässt sich aus Zahlen ablesen: Die Trump-Regierung hat eben 85 Millionen Dollar zugunsten der UNO-Organisation IOM (International Organization for Migration) in der Zentralafrikanischen Republik überwiesen und weitere 50 Millionen für eine sogenannte humanitäre Stiftung in Bangui. Das kann man nur so interpretieren, dass die USA weitere Deportationen in dieses Hochrisiko-Land in Afrika planen. Wohl auch für Iranerinnen und Iraner, denen Präsident Trump noch im Januar grosszügige Hilfe für ihren Widerstand gegen ihr Regime versprochen hatte. Ein Flug mit 31 Migranten von den USA nach Bangui habe bereits am 31. Juli stattgefunden, berichtet CNN.
Über die Zentralafrikanische Republik gibt es in den internationalen Medien kaum Berichte, stellt die internationale Hilfsorganisation «Care» fest. Sie verglich 350 000 Onlinemedien in fünf Sprachen und kam zum Schluss: Die RCA steht am Schluss von 190 Ländern.
Allerdings: Im August fand die Zentralafrikanische Republik doch wieder einmal den Weg in die Schlagzeilen – weil zwei Schweizer ermordet wurden. Einer von ihnen kam durch den Überfall auf einen Konvoi ums Leben, der andere, als Geologe tätig für das Unternehmen ADMOG Gold, wurde entführt und danach erschossen.