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UBS

Der arme Herr Ospel

30. April 2020
Emanuel La Roche
Nihil nisi bene (nichts, ausser das Gute) soll man Verstorbenen nachsagen, wussten schon die Römer.

Und genauso liest sich heute, was Wirtschaftsjournalisten als Würdigung dem gescheiterten Bankier Marcel Ospel in Form von Interviews oder Nachrufen hinterherschicken. Er war ja so „feinfühlig“, die Kritik nach dem UBS-Debakel „traf ihn hart“, denn „er war ein sensibler Mensch“, bilanziert Ospels einstiger Konkurrent und Nachfolger als UBS-Chef Oswald Grübel im TA.

Ja, es muss hart gewesen sein für den abgestürzten Bankier, dass er in der Zürcher Kronenhalle auf lautstarken Missmut stiess und selbst als Pfyffer seiner Basler Fasnachtsclique nicht mehr gar so beliebt war wie ehedem. „Kein anderer ist so tief gefallen“, stellt die NZZ fest, das alles müsse „starker Tobak gewesen sein“ für den eben erst noch allseits hoch Gelobten.

Wenn es nach dem hiesigen Wirtschaftsjournalismus geht: der arme Herr Ospel. Wichtiger scheint aus dieser Perspektive seine Rolle als angeblicher Zerstörer des Nationalsymbols Swissair (2001) nachzuhallen als das Grounding der grössten Schweizer Bank, die nur dank dem Eingriff des Staates gerettet werden konnte. Dass dieses Grounding im wesentlichen auf Gier beruhte, nämlich der Gier Ospels, via Investmentbank zur grössten Bank weltweit aufzusteigen, wird zwar angedeutet oder sogar klar ausgesprochen, aber eigentlich sind das halt die normalen Risiken, die eine Bank halt, dann und wann, eingeht, ja eingehen muss. Wenig wird an die bis heute nachhallenden Folgen dieses Groundings erinnert.

Freilich: persönlich ging Herr Ospel keine Risiken ein. Im Gegenteil: Sein Gewinnstreben, das dem Menschen gemäss liberaler Weltanschauung inhärent ist, zahlte sich aus. Und wie! 2002 erhielt er 12,5 Mio Fr. Jahresgehalt. 2007 waren es 26,6 Mio Fr. Von Verantwortung, die jedem Arzt, jeder KMU-Unternehmerin abgefordert wird, keine Rede. Herr Ospel trat einfach zurück. Seine sechs Kinder (und deren Kinder), die dafür nichts können, werden von seinem in einem Dutzend Jahren angehäuften Vermögen gut leben können, eine Erbschaftssteuer gibt es ja nicht mehr. Es sei ihnen gegönnt, aber man verschone uns bitte mit einfühlsamen Porträts und Würdigungen eines so unerhört tief gefallenen Menschen.

Viele andere in der Schweiz sind ebenso tief gefallen, nur mussten sie von einer weit tieferen Etage starten. Es wäre schön, wenn sich der schweizerische Wirtschaftsjournalismus auch dieser Leute mit gleicher Empathie annehmen würde wie dem armen Herrn Ospel.

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