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Landwirtschaft/Teil 1

Ein trübes Kapitel

16. Mai 2026
Beat Bühlmann
Beat Bühlmann
Josef Blum
Josef Blum am Sempachersee: «Die seeexternen Massnahmen wurden auf Sparflamme zurückgefahren.» (Foto: Beat Bühlmann)

Seit über vierzig Jahren wird der Sempachersee künstlich belüftet. Doch der Phosphorgehalt ist nach wie vor zu hoch. Dafür ist vorwiegend die Landwirtschaft verantwortlich. Auch in Fliessgewässern und im Grundwasser wird die Qualität durch Nitrat und Pflanzenschutzmittel beeinträchtigt. Wo bleibt die ökologische Agrarpolitik?

Seit über vierzig Jahren wird der Sempachersee künstlich belüftet. Doch der Phosphorgehalt ist nach wie vor zu hoch. Dafür ist vorwiegend die Landwirtschaft verantwortlich. Auch in Fliessgewässern und im Grundwasser wird die Qualität durch Nitrat und Pflanzenschutzmittel beeinträchtigt. Wo bleibt die ökologische Agrarpolitik?

Nur leise kräuseln sich die Wellen. Der Sempachersee, ein Bijou in der Luzerner Landschaft, liegt im schönsten Frühlingslicht. Die Idylle trügt. Seit 1984 wird der überdüngte Mittellandsee künstlich belüftet und mit Sauerstoff versorgt. Der Langzeitpatient liegt nicht mehr auf der Notfallfallstation, doch ohne technische Hilfe würde der See früher oder später ersticken. Ich habe den kranken Sempachersees über Jahre journalistisch begleitet, die kursiv gesetzten Zitate sind Titel zu einigen meiner diversen Artikeln zu diesem Thema. Es ist eine Geschichte der Versäumnisse.  
 

 «Wir unternehmen alle Anstrengungen, die Seen zu retten.» LNN, 12. September 1979


Ich treffe Josef Blum in der Schlichti, am Südufer des Sempachersees. Der Gemeindeverband Sempachersee hat, zusammen mit Pro Sempachersee und der Fachstelle Ökologie, die zwei alten Pavillons und den Beobachtungsturm, die früher die Luftwaffe für Schiessübungen nutzte, als Lernort für den See eingerichtet. Josef Blum (76) kennt die Leidensgeschichte des Sempachersees wie kaum ein anderer. Er leitete von 1986 bis 2003 die kantonale Fachstelle für Ökologie in der Landwirtschaft, danach bis 2008 die Abteilung Landwirtschaft mit den Fachbereichen Ökologie, Direktzahlungen und Strukturverbesserungen. «Wir haben einige Verbesserungen bezüglich Wasserqualität erzielt, doch mit der heutigen Situation kann ich nicht zufrieden sein», sagt Blum, einigermassen ernüchtert. 

 Wir sitzen auf Holzbänken im offenen Schulzimmer. An der Wand hängen Plakate, die den Schülerinnen und Schülern in knappen Worten und mit Illustrationen die Seebelüftungsanlage Sempachersee erklären. Im Winter wird der See mit grobblasiger Druckluft zwangszirkuliert, im Sommer feinblasige Druckluft ins Tiefenwasser eingetragen. Die Seebelüftung läuft seit 1984, doch die Mittellandseen (dazu gehören auch der Baldegger- und der Hallwilersee) müssen weiterhin beatmet werden. «Trotz Verbesserungen liegen die Phosphorkonzentrationen in den Seen immer noch über den Zielwerten», heisst es im Zustandsbericht Mittellandseen der Kantone Luzern und Aargau von 2025. «Im Tiefenwasser der Seen herrscht im Sommerhalbjahr teilweise trotz Belüftung weiterhin Sauerstoffmangel. Aufgrund der sauerstoffarmen Bedingungen am Seegrund ist die Naturverlaichung der Felchen kaum möglich.» Fazit: Die drei Seen müssen weiterhin künstlich mit Reinsauerstoff oder Druckluft belüftet werden. 
 

«Der kranke See. Der Sempachersee muss mit künstlicher Belüftung wieder belebt  werden, wenn er nicht eine tote Kloake werden soll.» Die Region, November 1982


Die Fischer hatten seit dreissig Jahren vor der drohenden Umweltkatastrophe gewarnt. Die Phosphorfracht war auf 15 Tonnen pro Jahr gestiegen, das war viermal mehr als für den Sempachersee zuträglich ist. Die massive Überdüngung durch die intensive Landwirtschaft sowie die mit Waschmitteln verseuchten Abwässer aus privaten Haushalten führten am 9. August 1984 zum Kollaps: «zum grössten Fischsterben in der Schweiz», wie eine der Schlagzeilen damals lautete. 360’000 Fische verendeten. «Das Fischsterben hat damals die Politik aufgeweckt», erinnert sich Josef Blum. Die intensive Tierhaltung rings um den See, die überschüssige Gülle und die viel zu hohen Phosphorfrachten zwangen zu Sofortmassnahmen in der Landwirtschaft, einem Liebkind der Luzerner Politik. «Dank dem Druck der Öffentlichkeit konnten wir endlich konkrete Massnahmen für eine ökologischere Agrarpolitik an die Hand nehmen.» 
 

Auf der politischen Agenda

Die Landwirtschaft bleibt im Brennpunkt der Politik. In diesem Monat lancieren die Imker die Eidgenössische Volksinitiative «Für die Sicherung der Bestäubung der Kultur- und Wildpflanzen», die sogenannten Bienen-Initiative. Im Herbst folgt voraussichtlich die Abstimmung über die Ernährungsinitiative. Und schliesslich folgt mit der AP30+ eine weitere Agrarvorlage. Bis jetzt hat sich die Agrarlobby, mit Rückendeckung der Wirtschaftsverbände, gegen strengere ökologische Auflagen wehren können. Pestizid- und Trinkwasser-Initiativen wurden vom Volk deutlich abgelehnt, auch die Initiative für mehr Biodiversität fand keine Zustimmung. 


Der Reformeifer ist weitgehend erlahmt. «Kanton und Gemeinden haben die seeexternen Massnahmen auf Sparflamme zurückgefahren», sagt Josef Blum. «Es herrscht Stillstand, einschneidende Reformen sind nicht gefragt.» Wirtschaftliche Interessen werden stärker gewichtet als eine nachhaltige Landwirtschaft. So wurde unter anderem die Beratung der Bauern und Bäuerinnen im Bereich der Seesanierung eingestellt. Die Gemeinden, die früher pro Jahr bis zu einer Million Franken für den künstlichen Sauerstoffeintrag zu zahlen hatten, kommen heute viel billiger weg – mit der normalen Luftzufuhr, die kaum 100 000 Franken pro Jahr ausmacht. Für das Phosphorprojekt 1995-2024 wurden von der öffentlichen Hand 84 Millionen Franken aufgewendet, doch die Gesundung der Mittellandseen wird noch Jahrzehnte auf sich warten lassen – wenn nicht einschneidende Massnahmen in der Landwirtschaft getroffen werden. «Wir wissen, was zu tun wäre», sagt Josef Blum, «doch die Seesanierung wird verwaltet statt grundlegend angegangen.»
 

«Luzerner Grossmästereien. Viel Schwein, viel Geld, viel Gülle. Schweinerei auf Kosten der Natur», Beobachter, 10.4.1987


Nirgends werden so viele Schweine gemästet wie im Kanton Luzern. Innert vier Jahrzehnten wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg der Schweinebestand um das Achtfache, allein von 1978 bis 1983 von 400'000 auf 470'000 Stück. Es kam zu Aufstockungen auch auf Betrieben mit wenig Land, und der «Güllentourismus» florierte. Die gröbsten Missstände und Rechtsverletzungen wurden inzwischen beseitigt, doch der Tierbestand ist immer noch hoch: 2025 wurden im Kanton Luzern 428’361 Schweine registriert – fast so viele wie Einwohnerinnen und Einwohner. Der Einsatz von Hofdünger wurde zwar im Einzugsgebiet des Sempachersees auf 90 Prozent des Pflanzenbedarfs reduziert. Doch im Landwirtschaftsboden ist aus früherer Zeit so viel Phosphor angereichert, dass der Sempachersee mit dieser sanften Kur kaum gesunden kann. SP-Kantonsrat Marc Horat hat deshalb vorgeschlagen, ein Bodenmonitoring einzuführen, damit transparent werde, ob «wirklich nachhaltiger gewirtschaftet wird». Noch immer laufe das bestehende System, das einseitig auf Tierproduktion setzt, auf vollen Touren, kritisiert Josef Blum. Davon profitierten nicht zuletzt die Futtermittellieferanten, die Abnehmer und die Stallbauer. «Eigentlich dürften wir auf den stark belasteten Böden nur die Hälfte des Bedarfs an Dünger ausbringen, wenn der See mittelfristig ohne künstliche Massnahmen überleben soll.» Stattdessen werden nun die Seebelüftungsanlagen erneuert.
 

Intensiv betriebene Landwirtschaft verhindert Gesundung des Sempachersees. Sie blockt Düngebeschränkungen wegen zu hohen Tierbeständen ab. Tages-Anzeiger, 7.1. 1988

Nicht alle Bauern sind einsichtig. So wehrten sich 145 Bäuerinnen und Bauern gegen die vom Kanton Luzern erlassene Phosphorverordnung, die für das Einzugsgebiet der Mittellandseen verlangte, weniger Gülle auszutragen und die Tierbestände nicht weiter zu erhöhen. Sie seien nicht allein verantwortlich für die kranken Seen, klagten sie. Doch das Bundesgericht liess die Bauern 2024 in letzter Instanz abblitzen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse wiesen darauf hin, dass «der Handlungsbedarf heute hauptsächlich bei der Landwirtschaft liegt». Die hohe Phosphorbelastung sei hauptverantwortlich für die übermässige Algenproduktion und den zu tiefen Sauerstoffgehalt auf dem Seegrund.

Auch andernorts ist die Ignoranz in Teilen der Landwirtschaft offenkundig. Obschon der Zugersee mit 80mg/m3 massiv überdüngt ist und der Zielwert von 30 Mikrogramm laut Experten ohne Belüftung auf Jahrzehnte hinaus nicht zu erreichen ist, wurde diese Notmassnahme im Kantonsparlament teilweise in Frage gestellt: Der Phosphorgehalt werde sich bis ins Jahr 2100 sowieso normalisieren, hiess es. Im Schwyzer Kantonsrat wurde das interkantonale Projekt zur Sanierung des Zugersees als «Bläterliprojekt» sogar verworfen.  
 

Kanton Luzern: Jeder dritte Bauer düngt zu viel. Die Umstellung auf umweltschonende Landwirtschaft am Sempachersee kommt nur harzig voran. Tages-Anzeiger, 26. Juli 1994


Nicht nur die Wasserqualität der Mittellandseen ist problematisch. Neue Messdaten des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel zeigten auf, dass nur sieben von 36 Fliessgewässern, in denen Schadstoffe gemessen wurden, einen positiven Trend aufweisen. Bei einzelnen Wirkstoffen hätten die Überschreitungen wieder deutlich zugenommen. Das liegt nicht zuletzt an der Landwirtschaft, wie Christoph Moschet, Leiter des Interkantonalen Labors der beiden Appenzell und Schaffhausen, in einem WOZ-Interview kritisierte. Im Mittelland sei die Qualität des Grundwassers durch Nitrat und durch Abbauprodukte der Pflanzenschutzmittel stark beeinträchtigt, erklärte Moschet. «Manches, das versprochen wurde, wird verzögert oder gar umgestossen.» Diese Politik führt Bundesrat Albert Rösti weiter. Für verschiedene besonders problematische Wirkstoffe will er keine Grenzwerte einführen, weil deren Festlegung die landwirtschaftliche Produktion zu stark beeinträchtige. «Diese Argumentation stellt agrarpolitische Interessen über den gesetzlich verankerten Schutz der Gewässer», kritisierte die Grüne Partei. Selbst das Bundesamt für Justiz hatte dieses Vorgehen als rechtswidrig eingestuft. Die «Allianz Sauberes Wasser», der 19 Naturschutz- und Umweltorganisationen angehören, hat kürzlich eine Petition mit 32'000 Unterschriften eingereicht, mit der sie Bundesrat und Parlament auffordert, den Schutz unserer Gewässer und des Trinkwassers nicht weiter zu schwächen.

Nach dem Gespräch bitte ich Josef Blum zu einem kurzen Fototermin auf den Holzsteg, der auf den See hinausführt. Das Wasser ist ziemlich trübe. Die warmen Temperaturen der letzten Tage haben das Algenwachstum stark gefördert. «Der Klimawandel wird die leidige Situation zusätzlich verschlechtern», sagt Josef Blum. Die Klimaerwärmung führe bei den Mittellandseen zu einer Veränderung der Mischungsdynamik, gepaart mit negativen Folgen für die Sauerstoffversorgung, heisst es im Zustandsbericht der Kantone Luzern und Aargau zur Situation der Mittellandseen. Jedenfalls «dürfte mit fortschreitendem Klimawandel das Erreichen der Sanierungsziele bezüglich Sauerstoffkonzentration erschwert werden». 

Demnächst: Folge 2: Die Biodiversität leidet, nun wehren sich die Imker mit der «Bienen-Initiative» gegen den Verlust der Artenvielfalt. 

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