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Literatur

Das Remarque-Erbe: Im Westen was Neues

22. August 2026
Gastbeitrag
Gastbeitrag
Remarque, Goddard
Die Filmschauspielerin Paulette Goddard (1911-1990) und ihr Ehemann, der Schriftsteller Erich Maria Remarque (1898-1970), aufgenommen am 1. Oktober 1965 in Rom. (KEYSTONE/Str)

Erich Maria Remarque hat mit dem Roman «Im Westen nichts Neues» vor bald 100 Jahren literarische Massstäbe gesetzt. 1933 ging der gebürtige Osnabrücker ins Exil, zur dauerhaften Rückkehr nach Deutschland kam es nicht mehr. Wie wird sein literarischer Nachlass verwaltet? Ein Gastbeitrag von Oliver Schulz, Oldenburg.

Als Remo Rossi am 25. September 1970 in der Clinica Sant' Agnese in Muralto am Lago Maggiore eintraf, wurde er sich allmählich der Aufgabe bewusst, der Nachwelt einen Weltdichter zu erhalten. Gewiss, der Künstler selbst war eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Tessiner Bildhauerei und kulturpolitisch aktiv. Er hatte Reliefs und Plastiken für öffentliche Gebäude entworfen wie die «Minerva» in der Kantonsbibliothek Lugano und das Denkmal für Giuseppe Motta am Bahnhofplatz von Bellinzona. Lange Zeit von der Klassik eines Rodin und Maillol inspiriert und im Spätwerk künstlerisch geprägt von expressiven Deformationen, sah er sich nun Erich Maria Remarque auf dem Totenbett gegenüber. 

Wahlheimat Ronco, Tessin

Sakrale Kunst nimmt einen bedeutenden Bereich ein im Œuvre des 1982 verstorbenen Bildhauers mit Ausstellungen im Kunstmuseum Luzern, Kunsthaus Zürich und Musée Rodin. Im Tessin lernten sie einander kennen: Der Kunstsammler Remarque hatte viel Lebenszeit in seiner Wahlheimat verbracht, wo auch Rossi lebte und arbeitete. 

Der im September 1970 einem Aortenaneurysma erlegene Schriftsteller, der eigentlich Erich Paul Remark hiess und gebürtig aus der norddeutschen Stadt Osnabrück stammte, wurde am Friedhof von Ronco sopra Ascona beigesetzt. Hier ruht seither der Autor von «Im Westen nichts Neues», «Arc de Triomphe» und «Die Nacht von Lissabon». Seine als pazifistisch eingestuften Romane, in denen er die Grausamkeit von Krieg und Flucht thematisiert, gehören bis heute zum Literaturkanon und in Deutschland zur Schullektüre.

Antikriegs-Buch von den Nazis verbrannt

Seine Frau Paulette Goddard, die rund 20 Jahre später starb, wurde neben ihm bestattet. Auch die letzte Ruhestätte ihrer Mutter Alta Goddard befindet sich dort. Ein schmuckes Grabmal, von Remo Rossi gestaltet, verbindet die drei Gräber. Der Friedhof wie auch Remarques ehemalige Villa, traumhaft gelegen an der schmalen Küstenstrasse auf der Westseite des Lago Maggiore, ziehen Jahr für Jahr Touristen aus aller Welt an. Vor Ort geblieben ist den Literatur-Fans allerdings nur der berühmte Name auf der Grabplatte sowie das Klingelschild «Casa Monte Tabor - Villa Remarque»; zwar privat bewohnt und kaum einsehbar - aber immerhin nicht abgerissen.

Im Drunter und Drüber von Liebesleid und Leidenschaft der Zwanziger- und Dreißigerjahre war der oft melancholisch wirkende Remarque kein Kind von Traurigkeit. So verband ihn Anfang 1930, frisch geschieden von Ilse Jutta Zambona, eine enge Beziehung mit Ruth Albu, eine verheiratete Schauspielerin aus Berlin-Schmargendorf. Sie verbrachten den Sommer 1931 in der Schweiz. Auf ihre Anregung hin erwarb er eine Villa in Ronco sopra Ascona. Die geschäftstüchtige Berlinerin war es auch, die dem im Alltag oft zögerlich-phlegmatischen Weltliteraten empfahl, sein Vermögen in Kunstwerke zu investieren. 

Und auch der weise Ratschlag, den Lebensmittelpunkt schnellstmöglich in die neutrale Schweiz zu verlegen, stammte von ihr. Am Vorabend von Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 schliesslich setzte sich Remarque in seinen Lancia-Zweisitzer und raste mit kleinem Gepäck aus dem taumelnden Berlin ins rund 1000 Kilometer entfernte Exil. Keine vier Monate später wurde sein Roman «Im Westen nichts Neues» von den Nazis als «schädliches und unerwünschtes Schrifttum» ins Feuer geworfen. 

„Weltbürger wider Willen“

Sein Bruch mit Deutschland - oder das, was nach 1945 davon übriggeblieben war - schien endgültig. 1938 war Remarque nach dem Reichsbürgergesetz die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden. Ende August 1939 verliess er Europa als Schiffspassagier an Bord der «Queen Mary»; vom Aufbruch des Zweiten Weltkriegs erfuhr er auf dem Atlantik. Bis 1947 lebte er in den USA - erst in Los Angeles, später in New York. Im August 1947 schließlich wurde er amerikanischer Staatsbürger. 

Die Sehnsucht nach einem festen Ort der Ruhe hatte ihn, den «Weltbürger wider Willen», wie das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» titelte, nie losgelassen. 1948 kehrte er in der Gewissheit seiner neuen Heimat, nach neun Jahren im amerikanischen Exil, erstmals wieder nach Europa zurück; in die leerstehende Villa am Lago Maggiore, wo ihn sein Vater Peter Franz Remark besuchte. 

Die Beziehung zwischen Remarque und seinem Heimatland blieb bis zu seinem Tod kompliziert. Für die Rückkehr ins Osnabrücker Land brauchte er noch eine Weile. Vor seiner Flucht ins Schweizer Exil hatte er 1929 und 1930 einige Wochen dort verbracht, um im ländlichen Idyll seinen zweiten Roman «Der Weg zurück» zu beenden. Mit der Flucht im Januar 1933 nahm er vorübergehend Abschied von Deutschland. Briefe und Tagebucheinträge belegen Remarques Anteilnahme am Geschehen an den verbliebenen Angehörigen und Bekannten. 

Später Frieden mit der Heimatstadt Osnabrück

Mitte 1952 adressierte er schriftlich einen Besuch bei Erna Rudolph, geborene Remark, in Bad Rothenfelde, und er fragt in dem Brief seine zwei Jahre jüngere Schwester: «Ich kann nicht lange bleiben, da ich weiter muss nach Berlin. Von wo kann man fliegen nach Berlin? Von Osnabrück? Oder Hannover?» An Öffentlichkeit nach 20 Jahren Abstinenz dagegen war er indes nicht interessiert. «Ich bitte euch, niemand etwas über meine Ankunft zu sagen. Sage das doch auch zu Vater.» 

Im Juni 1954 nahm er an der Beerdigung seines Vaters Peter Franz Remark in Bad Rothenfelde teil. Noch zehn Jahre später indes, zur Verleihung der Justus-Möser-Medaille, höchste Auszeichnung der Stadt Osnabrück, musste eine elfköpfige Delegation des Rates 1964 bei ihm in Porto Ronco antreten. Nach einem erlittenen Herzanfall und angesichts einer Depression war er nicht reisewillig. Die schwindende Gesundheit schränkte ihn immer stärker ein. In Bern wurde ihm 1967 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland durch den deutschen Botschafter verliehen. 

Die Benennung einer Strasse im Osnabrücker Stadtwesten nach seiner Schwester Elfriede Scholz 1968 liess ihn endgültig Frieden mit der Heimatstadt schließen. Am 25. September 1970 erlag er einem Aortenaneurysma. Im folgenden Juni beschloss der Rat der Stadt den Karlsring entlang des Flusses Hase in «Erich Maria Remarque-Ring» umzubenennen.

Remaque-Gesellschaft und Friedenszentrum 

Und doch dauerte es weitere 15 Jahre, bis der Weltbürger aus Osnabrück in seiner Heimatstadt auf institutioneller Ebene gewürdigt werden sollte. 1986 wurde die Erich Maria Remarque-Gesellschaft gegründet. Der Verein mit derzeit 180 Mitgliedern im In- und Ausland publiziert das Remarque-Jahrbuch/Yearbook, in dem aktuelle Beiträge zur internationalen Remarque-Forschung enthalten sind.

Alle zwei Jahre wird von der Stadt Osnabrück der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis verliehen. Und wo könnte dies authentischer geschehen, als in der Stadt, in der 1648 nach fünfjährigen Verhandlungen der Dreißigjährige Krieg in Deutschland endete und wo, wie kurz darauf im benachbarten Münster, der Westfälische Frieden geschlossen wurde. 

Seit 1996 kümmert sich das Erich Maria Remarque-Friedenszentrum in Osnabrück um das Erbe in der Tradition seiner humanistischen und pazifistischen Position. Die von der Stadt betriebene und mit Projektmitteln der Stiftung Niedersachsen geförderte Forschungsstelle beherbergt das Archiv mit der angeschlossenen Arbeitsstelle «Krieg und Literatur» sowie eine Dauerausstellung zu Leben und Werk des Schriftstellers. Das in der pittoresken Innenstadt gelegene Friedenszentrum ist zudem Gründungsmitglied des Netzwerkes «Orte der Demokratiegeschichte». Hier ist übrigens ein Gipsabdruck der Totenmaske von Erich Maria Remarque zu sehen.

Gegen Radikalisierung

2028 jährt sich die Erstveröffentlichung des Romandebüts «Im Westen nichts Neues» zum einhundertsten Mal. Das wird weltweit medial stark beachtet und gefeiert werden. Der Vorabdruck war im Herbst 1928 in Fortsetzungen in der Vossischen Zeitung zu lesen, Ende 1929 erschien eine starke veränderte Fassung im Berliner Propyläen-Verlag. Zu diesem Anlass soll das sperrig formulierte Projekt «Revitalisierung des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums in Osnabrück» abgeschlossen sein. Aus Fördermitteln der EU und des Landes Niedersachsen in Höhe von knapp 1,3 Millionen Euro soll der Lern- und Erinnerungsort «als Kulturanker der Osnabrücker Innenstadt» positioniert werden. 

Konkret sollen bis Ende 2028 das historische Gebäude, die Ausstellungsflächen und die Vermittlungsangebote so weiterentwickelt werden, dass das Zentrum noch sichtbarer, zugänglicher und zukunftsfähiger wird. Angesichts dauerhafter Kriege und Konflikte in der Welt sowie eines erstarkenden Radikalismus und der Etablierung extremistischer Parteien in deutschen Parlamenten scheint die pazifistische Haltung von Erich Maria Remarque so aktuell wie vor 100 Jahren.                                                               

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