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Iran

Das Regime setzt auf Tian’anmen – und irrt sich

28. Januar 2026
Reinhard Schulze
Khamenei
Ayatollah Khamenei am 17. Januar 2026. (Keystone/EPA/LEADER'S OFFICE HANDOUT)

Die iranische Führung hofft, die blutigen Januarmassaker wie einst Peking das Tian’anmen-Gemetzel von 1989 einfach auszusitzen. Doch die Verhältnisse sind grundverschieden – und das macht die Lage für das Regime weitaus gefährlicher.

Die iranische Führung geht offenkundig davon aus, die Massaker vom 8. bis 10. Januar politisch «aussitzen» zu können – in Analogie zur chinesischen KP-Führung nach dem Tian’anmen-Massaker vom 3./4. Juni 1989. Sie weiss, dass die westlichen Reaktionen auf das Vorgehen Pekings zeitlich begrenzt blieben: Nach ein bis zwei Jahren setzte eine weitgehende Normalisierung ein, die dem KP-Regime nicht nur neue internationale Akzeptanz, sondern auch zusätzliche Legitimität verschaffte.

Ebenso ist der iranischen Führung bewusst, dass es der chinesischen KP gelang, die Ereignisse von 1989 weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis der chinesischen Gesellschaft zu verdrängen – zugunsten einer entpolitisierten, konsumorientierten Lebenshaltung. Auch die strategischen Lektionen im Umgang mit Opferzahlen und Verantwortungszuschreibungen sind bekannt: Leugnung, Umdeutung, Relativierung und Verfremdung.

Doch trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten ist das chinesische Modell nicht auf die iranischen Verhältnisse übertragbar.

Unterschiedliche Protestprofile: Reformversprechen versus Existenzkrise

Zwar war auch die chinesische Demokratiebewegung von 1989 gesellschaftlich breit verankert. Sie wurde am 15. April 1989 durch den Tod des als Reformer geltenden ehemaligen Generalsekretärs Hu Yaobang ausgelöst und richtete sich gegen Korruption, soziale Ungleichheit und das Ausbleiben politischer Reformen. Ihr zentrales Anliegen war jedoch die Einlösung eines bestehenden Reformversprechens, das mit der Parteiführung selbst – insbesondere mit Hu – verbunden wurde.

Die iranische Protestbewegung weist demgegenüber ein deutlich anderes Profil auf. Sie speist sich unmittelbar aus lebensweltlichen Erfahrungen: aus ökonomischer Not, sozialer Deprivation, institutionalisierter Korruption und dem fortschreitenden Kontrollverlust über die eigene Existenz. Sie ist deutlich stärker ideologie- und systemkritisch, zunehmend personalisiert und offensiv gegen zentrale Figuren der politischen Führung gerichtet. Während es in China um die Verteidigung eines Reformpfades ging, richtet sich der iranische Protest gegen das System als solches.

Machtkonstellationen und Reaktionslogiken der Regime

Ein weiterer zentraler Unterschied liegt in den inneren Machtkonstellationen. In China wurden die Proteste von offenen Strategiekonflikten innerhalb der KP begleitet. Reformer wie Zhao Ziyang setzten auf Dialog und politische Öffnung, während Hardliner wie Li Peng und der «überragende Führer» Deng Xiaoping eine militärische Lösung forderten. Letztere setzten sich durch und ordneten den Einsatz der Volksbefreiungsarmee an.

In Iran war ein vergleichbarer innerer Konflikt zum Zeitpunkt der Proteste faktisch nicht mehr vorhanden. Das reformorientierte Lager, für das nominell noch Präsident Masoud Pezeshkian stand, war bereits im Vorfeld durch die Revolutionsgarden (Pasdaran) weitgehend entmachtet worden. Die exekutive Gewalt lag faktisch nicht mehr bei der zivilen Regierung, sondern bei sicherheits- und militärischen Strukturen der Pasdaran und ihres Umfelds.

Damit war früh absehbar, dass auf die zunächst vom sozialkonservativen Bazar artikulierten Forderungen – und später auf die landesweite Protestbewegung – militärisch reagiert werden würde. Die Rolle des Hardliners übernahm der Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrats, Ali Larijani. Präsident Pezeshkian verzichtete bereits zu Beginn auf jede erkennbare reformpolitische Intervention.

Räumliche Dynamik und Gewaltintensität

Auch die räumliche Struktur der Proteste unterscheidet sich deutlich. In China konzentrierte sich die Bewegung trotz vereinzelter Aktionen in den Provinzen stark auf Peking und symbolisch auf den Tian’anmen-Platz. Entsprechend konzentriert war auch die Repression, die primär durch reguläre Einheiten der Volksbefreiungsarmee erfolgte.

In Iran hingegen entwickelte sich in den Provinzstädten ein eigenständiges Protestprofil. Lokale sozioökonomische Bedingungen, regionale Identitäten und häufig auch ethnisch codierte Konfliktlinien führten zu einer flächendeckenden Mobilisierung. Die Niederschlagung erfolgte zeitgleich in Metropolen und Provinzstädten durch hunderte Einheiten der Basij-Milizen – religiös-ideologisch motivierte Verbände, deren Gewaltbereitschaft sich aus einer Mischung aus Loyalität, Indoktrination und tiefsitzendem gegen alles als «feindlich» Markierte speist.

Dieser ideologisch aufgeladene Furor dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Opferzahlen in Iran nach Schätzungen um ein Fünf- bis Zehnfaches höher lagen als beim Tian’anmen-Massaker.

Wachstumsperspektive versus Systembankrott

Ein weiterer fundamentaler Unterschied betrifft die ökonomischen Rahmenbedingungen. In China hatte Deng Xiaopings 1978 eingeleitete «Reform- und Öffnungspolitik» innerhalb eines Jahrzehnts spürbare Wohlstandsgewinne erzeugt und massive Zukunftserwartungen geweckt. Zwar wurde der Reformprozess nach 1989 kurzzeitig gebremst, doch ab 1991/92 mit erhöhtem Tempo fortgesetzt – und bildete fortan die materielle Basis der politischen Stabilisierung.

Iran befindet sich in einer diametral entgegengesetzten Situation. Die Schattenwirtschaft der «Islamischen Revolution», dominiert von den Pasdaran, hat zur faktischen Aushöhlung der formellen Wirtschaft und des Bankensystems geführt. Zum Jahreswechsel 2025/26 stand das Land am Rand des ökonomischen Ruins; eine Zahlungsunfähigkeit des Staates erscheint mittelfristig realistisch.

Sollten angekündigte US-amerikanische Pläne zu einer umfassenden Wirtschaftsblockade umgesetzt werden, droht selbst die bislang funktionale Schattenwirtschaft der Pasdaran ihre Grundlage zu verlieren. Damit würde auch das Korruptionssystem kollabieren, das die Wirtschaft bislang notdürftig zusammenhält.

Globale Kontexte und kommunikative Bedingungen

Schliesslich unterliegen beide Prozesse grundlegend unterschiedlichen politischen und globalen Rahmenbedingungen. Der KP Chinas ging es nach 1989 primär darum, wirtschaftliche Öffnung strikt von gesellschaftlicher Politisierung zu trennen. Es entstand ein umfassendes Überwachungs- und Kontrollsystem, das politische Artikulation systematisch unterband und den Parteiapparat zu einer eigenständigen ökonomisch-sozialen Ordnung verfestigte, gestützt auf eine einheitliche Repressionsgewalt von Militär und Polizei.

Die Repression von 1989 fiel zwar in eine Phase globaler Demokratisierungsbewegungen, doch die Globalisierung der Kommunikationsnetzwerke steckte noch in den Anfängen. In Iran hingegen waren die Proteste von Beginn an in einen globalen Deutungsrahmen eingebettet. Soziale Netzwerke spielten eine zentrale Rolle – weshalb das Regime am 8. Januar mit der vollständigen Unterbrechung der Internetverbindungen reagierte.

Der globale Kontext des Jahres 2026 unterscheidet sich jedoch grundlegend von jenem von 1989. Heute dominiert eine weltweite Auseinandersetzung zwischen neuen Formen von illiberalem, meist rechts verortetem Autoritarismus und politischen Ordnungsvorstellungen liberal-demokratischer Rechtsstaatlichkeit. Die iranische Protestbewegung ist damit unmittelbar in einen Konflikt eingebunden, der auch den Westen selbst strukturell betrifft.

Politische Unschärfe und restaurative Optionen

Diese Konstellation trägt jedoch dazu bei, dass die politische Programmatik der iranischen Protestbewegung unscharf bleibt. Sie oszilliert zwischen radikaler Systemkritik, sozialen Forderungen und diffusen Vorstellungen politischer Neuordnung. Von dieser Unschärfe profitiert insbesondere jenes Lager, das eine Restauration der kaiserlichen Ordnung unter Reza Pahlavi anstrebt – eine Option, die weniger aus innergesellschaftlicher Dynamik als aus symbolischer Projektionsfläche und externer Unterstützung gespeist wird.

Gerade darin liegt das Paradox der iranischen Situation: Das Regime verfügt über eine immense Repressionsfähigkeit, aber über keinerlei tragfähige Zukunftsressource. Anders als China nach 1989 kann Iran weder Wohlstand versprechen, noch politische Kontrolle dauerhaft von gesellschaftlicher Erfahrung abkoppeln. Die Führung mag auf das Vergessen setzen – doch sie operiert in einer Gesellschaft, deren Protest aus existenzieller Not geboren ist und sich nicht aus dem kollektiven Gedächtnis löschen lässt. Ob aus dieser Bewegung eine kohärente politische Alternative erwächst, ist offen. Es kann sein, dass der Kollaps erfolgt, ohne dass sich neue tragfähige politische Strukturen gebildet haben. Sicher ist nur eines: Das chinesische Modell des Vergessens durch Wohlstand ist für Iran keine Option – und genau das macht die Lage für das Regime so prekär wie nie zuvor.

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