Eine Idee geistert durch die KI-Kreise, vor allem in den USA. Sie nennt sich «Akzelerationismus» und tritt auf mit dem revolutionären Appell, bestehende – vor allem demokratische - Ordnungen ihrem Zusammenbruch entgegenzutreiben – und zwar möglichst rasch.[1]
Dunkle Aufklärung
Die Idee entstammt dem Projekt der «dunklen Aufklärung», einer seltsamen Mischung aus Gesellschaftsanalyse und Science-Fiction-Halluzination. Die Metapher ist Ambition und Provokation zugleich. Aufklärung weckt in uns traditionell die Vorstellung des «natürlichen Lichts», das die Vernunft ins Dunkel des Irrationalen bringt. Dunkle Aufklärung vollzieht eine Umwertung der Werte – sie verklärt das Irrationale.
Mit dem Begriff verbindet sich vor allem der Name des britischen Philosophen Nick Land.[2] Ihn umgibt die Aura des Verrufenen. Er lehnt die liberal-demokratische Ordnung radikal ab, weil sie den unaufhaltsamen Fortschritt des techno-kapitalistischen Systems – des «Technokapitals» – bremse.[3] Es befindet sich gerade dank künstlicher Intelligenz in einer entfesselten – positiv rückgekoppelten – Entwicklungsschlaufe. Kein politischer «Thermostat» reguliert es. «Je stärker sich dieser Kreislauf schliesst und intensiviert, desto grösser wird seine Autonomie beziehungsweise Automatisierung (…) Weil dieser Prozess auf nichts ausserhalb seiner selbst verweist, ist er seinem Wesen nach nihilistisch. Er besitzt keinen denkbaren Sinn ausser seiner eigenen Verstärkung. Er wächst, um weiter zu wachsen.»
Kybernetik und Kabbalistik
Der Stil ist typisch für ein bestimmtes Genre der Technikphilosophie. Man borgt sich aus der Wissenschaft ein Konzept – Rückkopplung – und bastelt aus dem Modell technischer Regelkreise eine metaphysische Theorie der Weltgeschichte. Land tut dies bedenkenlos, da in seiner cyberdelischen Imagination wissenschaftliche Modelle und mystische Spekulation ununterscheidbar werden – er ist der Druide des technischen Zeitalters, der Kybernetik und Kabbalistik zu einem Zaubertrank verrührt.
Dabei inszeniert sich Land in der Pose des Magus und grossen Desillusionierers mit unbeirrbarem Durchblick: «Wo die progressive Aufklärung politische Ideale sieht, da sieht die dunkle Aufklärung Begierden. Sie erkennt, dass Regierungen aus Menschen bestehen und Menschen gut essen wollen. Und indem (die dunkle Aufklärung) ihre Erwartungen so niedrig wie möglich ansetzt, sucht sie die Zivilisation vor einem frenetischen, ruinösen und zügellosen Exzess zu bewahren.»
Apologie der Stärke und Rücksichtslosigkeit
Der Mensch als von Eigeninteressen und Begierden getriebenes Lebewesen. Land tut so, als kläre er uns endlich auf über unsere «Natur» und entlarve mit einer Raubtier-Anthropologie den «Exzess» des «vorherrschenden universalistisch-demokratisch-egalitären Kults, der mit epidemischer Virulenz ausgebrochen ist». Im Grunde aber liefert er die Vorlage für eine vulgärdarwinistische Apologie der Stärke und Rücksichtslosigkeit, wie sie heute aus Technokreisen in Silicon Valley ertönt.
2023 verfasste der Risikokapitalist Marc Andreessen ein «techno-optimistisches Manifest», in dem er zur «bewussten und gezielten Beschleunigung technologischer Entwicklung» aufrief, um sicherzustellen, «dass die aufwärtsgerichtete Spirale des Technokapitals für immer weiterläuft»: «Wir können zu einer viel höheren Lebens- und Daseinsweise fortschreiten. Wir haben die Werkzeuge, die Systeme, den Willen. (…) Wir glauben an die Grösse. Wir glauben an den Ehrgeiz, an die Aggression, die Hartnäckigkeit, die Unbarmherzigkeit, die Stärke.»
Autistische Nerds und der Rest
Aber wer ist eigentlich dieses «Wir»? Schon 2013 gab Land eine aufschlussreiche Antwort: «Zunehmend existieren nur noch zwei Arten von Menschen auf diesem Planeten. Auf der einen Seite die autistischen Nerds, die als Einzige in der Lage sind, produktiv an den hochentwickelten technologischen Prozessen mitzuwirken (…) Auf der anderen Seite alle übrigen. Für sie ist diese Entwicklung alles andere als angenehm.»
Hier wird die Aufklärung nun wirklich dunkel. Zugehörigkeit zur Elite definiert sich über die technischen Skills der «Autisten» – und natürlich über die Verknüpfung mit den Plutokraten. «Alles andere als angenehm» ist ein fieser Euphemismus und meint für Land den Überlebenskampf der Restmenschheit, der für die Aussonderung der weniger Tüchtigen sorgt.
Politisch expliziter – auch wirrer als Land – beherrscht zurzeit ein Bruder im Geist die Szene. Der Blogger Curtis Yarvin ist sozusagen die Rampensau der dunklen Aufklärung. Er bezeichnet sich als «neo-reaktionär», nennt die USA ein «communist country», träumt von einer Gesellschaft, die sich von der Demokratie «erholt» hat wie die osteuropäischen Staaten vom Kommunismus. Das Ideal wäre eine stark hierarchische Regierungsform, die eher an Monarchien, Unternehmensführungen oder technokratische Elitenherrschaft erinnert. Yarvin findet offene Ohren, auch in der Politik. Der amerikanische Vizepräsident zitiert ihn. Die HSG hat sich nicht entblödet, ihn kürzlich als Referenten einzuladen.
Das Ende der Menschheit ist vorbestimmt
Land erwartet die endgültige Abkopplung der künstlichen Intelligenz von demokratischer Regulierung und Kontrolle. «Es mag noch einige Jahrzehnte dauern, bis künstliche Intelligenzen den Horizont biologischer überschreiten, aber es ist schlechterdings Aberglauben, dass die menschliche Vorherrschaft über die irdische Kultur noch in Jahrhunderten bemessen ist – geschweige denn in irgendeiner metaphysischen Ewigkeit. Der Königsweg des Denkens führt (…) durch eine Entmenschlichung der Kognition, eine Wanderung der Kognition hinaus in entmenschlichte Landschaften … geleerte Räume, in denen die menschliche Kultur aufgelöst werden wird.»
Trockenen Auges dem Ende des Humanismus entgegensehen: Die Attitüde übt gerade heute eine eigentümliche Faszinationskraft aus – nicht nur auf nerdige Autisten, sondern auch auf KI-Technoplutokraten. Sie bietet eine verführerische Entlastungsfunktion an. Wer akzeptiert, dass der Technokapitalismus einem unaufhaltsamen Gesetz folgt, muss keine moralischen Entscheidungen mehr treffen und keine Kompromisse aushandeln. Nach uns die Sintflut! rufen die Technoplutokraten – darauf hoffend, dass sie die Sintflut als «neue Menschheit» überleben werden, in künstlich errichteten autoritären Inselstaaten auf offener See oder in Kolonien auf dem Mars.
Despotische Prophetie
Soll man Land ernst nehmen? Kurze Antwort: nein – weniger kurze Antwort: nein, aber. Die Entwicklung des Technokapitals droht der politischen Kontrolle zu enteilen – dieser nüchternen Diagnose des Akzelerationismus kann man zustimmen. Ernst zu nehmen ist nicht das theoretische Delirium, sondern die Denkhaltung. Ich nenne sie despotische Prophetie: So läuft nun mal die Welt, also schickt euch drein, Dummköpfe! Wollt ihr Naturgesetze kritisieren?
Wir kennen die Denkhaltung zur Genüge aus der Geschichte der Moderne. Wir wissen um ihre politischen Folgen. Genau deswegen sollte man die Propheten der dunklen Aufklärung als das anprangern, was sie sind: Rhapsoden der Unvermeidlichkeit am Rand des Verstands. Sie tun so, als hätten sie die Gabe des zweiten Gesichts und beschrieben einen Lauf der Geschichte, der nicht aufzuhalten ist. Dabei wollen sie uns nur eins eintrichtern: Widerstand ist zwecklos und ein fröhliches Einverständnis mit dem Untergang die einzig vernünftige Haltung.
Karl Popper brandmarkte diesen Voraussagedespotismus schon in der Mitte des letzten Jahrhunderts als «Elend des Historizismus». Wer behauptet, die Zukunft richte sich nach einem «transzendenten» Fahrplan, verwechselt Prognose mit Offenbarung. Das eigentliche Elend liegt also in einem Denken, das aus Möglichkeiten Schicksale macht und aus Menschen Statisten eines bereits geschriebenen Drehbuchs – oder vielmehr: Das Elend liegt darin, dass wir immer wieder in die selbstverschuldete Unmündigkeit zurückfallen.
[1] https://ia800800.us.archive.org/29/items/nick_land_writings/LAND%2C%20Nick%20-%20A%20Quick%20and%20Dirty%20Introduction%20to%20Accelerationism.pdf
[2] https://www.thedarkenlightenment.com/the-dark-enlightenment-by-nick-land/
[3] https://www.newyorker.com/culture/the-lede/silicon-valleys-favorite-doomsaying-philosopher