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Das Grauen am Ground Zero wirkt bis heute nach

3. September 2026 , 25 Jahre 9/11
Thomas Burmeister
Thomas Burmeister
9/11 , Fernsehbild CNN
Dienstag 9. September 2001: Zwei Flugzeuge rasen kurz hintereinander in die beiden 110-stöckigen Türme des World Trade Center in New York und lösen ein Inferno von Explosionen und Feuer aus, beide Türme stürzen ein. Foto: Ein Fernsehbild vom damaligen Live-Bericht des Senders CNN (Keystone/CNN)

Überall in der Welt können Menschen heute noch sofort sagen, wo sie gerade waren, was sie gerade taten und was sie dachten, als sich vor 25 Jahren in New York ein freundlicher Spätsommermorgen in einziges Grauen verwandelte. Wer damals auf einen TV-Bildschirm schaute oder gar selbst vor Ort war, erlebte furchtbare Szenen von Tod und Zerstörung. Bis heute sind die Folgen der Terroranschläge des 11. September spürbar – und beeinflussen wohl auch Amerikas Vorgehen im Krieg gegen den Iran.

Mit Entsetzen in den Gesichtern fliehen Menschen aus den brennenden Zwillingstürmen des World Trade Center (WTC). Viele sind blutverschmiert. Asche bedeckt Haare, Gesichter, Hände und Kleidung. Hinter eilig errichteten Polizeisperren schauen Tausende fassungslos hinauf auf die oberen Stockwerke der WTC-Wolkenkratzer. Die weltbekannten Symbole der wirtschaftlichen Überlegenheit Amerikas stehen in Flammen.  

Was sich an diesem Dienstag, dem 11. September 2001, an der Südspitze Manhattans abspielt, wirkt wie ein wahr gewordenes Weltuntergangsszenario aus Hollywood. Zwei Passagierflugzeuge sind in die Türme des World Trade Center gerast, gesteuert von Selbstmord-Attentätern. 

Ein Angriff auf die führende Macht der freien Welt 

Es ist 08.46 Uhr (14.46 Uhr MESZ), als eine Boeing 676 der American Airlines mit 92 Fluggästen, 11 Crewmitgliedern und 5 Terroristen an Bord in den Nordturm des WTC einschlägt. Aus einem gewaltigen Loch zwischen dem 93. und 99. Stock dringen Flammen und Rauch in den Himmel. Wenig später, um 09.03 Uhr, rast eine weitere Boeing 676 - diesmal von United Airlines und mit 37 Passagieren, 7 Besatzungsmitgliedern sowie 4 Terroristen an Bord – mit der Wucht einer ballistischen Rakete in den WTC-Südturm. Spätestens jetzt ist klar: Das ist kein Unfall, das ist ein Angriff auf die führende Macht der freien Welt.

Millionen von Menschen erleben live mit, wie am Morgen des «9/11», wie die Amerikaner das Datum nennen, nach dem Aufprall der beiden Boeings alles noch viel, viel  schlimmer kommt. Die riesigen WTC-Türme, die bei der Fertigstellung 1973 mit jeweils mehr als 400 Metern die höchsten Gebäude der Welt waren, brechen im Abstand von rund 30 Minuten in sich zusammen. 

Osama bin Laden lacht zu infamen Gesten

Und die Welt schaut zu. Osama bin Laden allerdings nicht. Im bergigen Versteck des Auftraggebers der 9/11-Anschläge nahe Kandahar in Afghanistan wird kein Satellitensignal empfangen - obwohl er eigens angewiesen hat, eine Schüssel dafür zu installieren. Der Chef der Terrororganisation Al-Kaida verfolgt das Geschehen am Radio. Später ist auf Videos zu sehen, wie er im Kreis von Anhängern mit infamen Gesten seine Freude über die Anschläge zum Ausdruck bringt.  

Dazu gehören zwei weitere Massenmorde mit Passagierflugzeugen: Eine Boeing 757 prallt nahezu zeitgleich mit dem tragischen Geschehen in New York in den Westflügel des Pentagons bei Washington, eine ebensolche Maschine stürzt in der Nähe von Shanksville, Pennsylvania, ab - nachdem Passagiere und Crew das Cockpit gestürmt und so einen weiteren Anschlag im Raum Washington verhindert haben.  

Die bittere Opferbilanz: Insgesamt 2.977 Tote, die 19 Attentäter nicht mitgezählt. 

Ground Zero wird zum politischen Synonym für Apokalypse

In New York wird das apokalyptische Ausmaß der Terrorangriffe rasch auf einen Begriff gebracht, der aus der Sprache der Politik nicht mehr wegzudenken ist. Reporter nennen das verwüstete Areal des WTC Ground Zero. Bodennullpunkt. So bezeichneten Militärs bei der Entwicklung von Atomwaffen den Punkt am Boden direkt unter oder über einer nuklearen Explosion. 

Wer die qualmenden Schuttberge mit eigenen Augen sieht, kann diesen Anblick nie wieder vergessen: Bizarr verformt ragen verkohlte Stahlträger wie zur Anklage gen Himmel, die geschwärzten Reste von Häuserwänden, die zerstörten Autos, die Asche überall, wie ein graues Lavafeld.  

«Stimmen aus der Hölle»

Fieberhaft arbeiten sich am Ground Zero Rettungsmannschaften vor, unterstützt von Kränen und Baggern, von Wärme- und Schallsensoren und von Suchhunden. Es seien «Stimmen aus der Hölle» zu hören gewesen, heißt es. Anrufe über Handys. «Holt uns doch raus hier, wir atmen kaum noch.» 

Zwei Mal können Verschüttete sogar beschreiben, wo in etwa sie sich befinden. Tatsächlich werden noch einige Menschen lebend geborgen. Doch am Vormittag des 12. September kommt kein Handy-Anruf mehr an, Rückrufe werden nicht beantwortet. Erst nach Monaten werden die meisten Toten - oder das, was die einstürzenden Beton-, Glas- und Stahlmassen von ihnen übrig ließen - geborgen sein.  

Eine Welle des Mitgefühls und der Hilfsbereitschaft

Die Stadt, die angeblich niemals schläft, hat einen Albtraum erlebt, den furchtbarsten in ihrer mehr als 300-jährigen Geschichte. Man muss in die Gesichter sehen, um zu erfassen, wie viele New Yorker bis ins Herz getroffen sind. Sie blicken ernst, ja verbittert. Doch sie kämpfen gegen die Demütigung und die Mutlosigkeit an, vor allem mit Hilfsbereitschaft. 

Durch die Acht-Millionen-Metropole geht eine Welle des Mitgefühls. Restaurants und Fast Food-Ketten bieten Ground-Zero-Helfern kostenlos Essen an. Privatleute stehen mit Decken und Wasserflaschen auf den Straßen, nur für den Fall, dass sie jemand brauchen könnte. In langen Schlangen warten Freiwillige vor Blutspendezentralen. 

Die Zeichen stehen auf Krieg

Die Schlagzeilen am Morgen danach lassen ahnen, welche Folgen 9/11 in den nächsten Monaten und Jahren haben wird. «It's War!», titelt die «Daily News», «Act of War», ruft die «New York Post» ihren Lesern entgegen. US-Präsident George W. Bush habe eine strenge Bestrafung für «das Böse» angekündigt, das über Amerika gekommen sei, berichten alle Medien. 

Die «New York Times» beschreibt die Gemütslage der Nation so: «Das Gefühl der Sicherheit und des Selbstvertrauens, das die Amerikaner als ihr angeborenes Recht betrachten, hat einen schweren Schlag erlitten, von dem sie sich nur langsam erholen werden.»

Wie zur Illustration rennen am Tag nach der Zerstörung des WTC plötzlich Passanten in Panik auseinander, als über dem Platz vor der New York Library unweit der Fifth Avenue Kampfflugzeuge auftauchen. «Das sind doch unsere, ihr Idioten», ruft ein alter Schwarzer. Er reckt einen Krückstock nach oben und brüllt so laut er kann: «Go to Afghanistan, bomb the motherfuckers!» 

Feldzug gegen den Terror in Afghanistan

Tatsächlich sollte es nicht mehr lange dauern, bis die USA ihren Feldzug in Afghanistan mit dem erklärten Ziel begannen, die Hintermänner des Terrors zu bestrafen. Osama bin Laden und die anderen Al-Kaida-Verbrecher, die mit ihm bei den radikalislamischen Taliban im Land am Hindukusch Unterschlupf gefunden hatten. 

Doch es sollten noch Jahre vergehen, ehe Bin Laden schließlich in Pakistan aufgespürt und am 2. Mai 2011 von US-Spezialeinheiten getötet wurde. Da war längst klar geworden, dass Amerikas Antwort auf 9/11 weit umfangreicher und folgenschwerer sein würde als allein eine unerbittliche Jagd auf die Attentäter. 

Zehn Tage nach der für die USA zutiefst demütigenden Zerstörung der WTC-Türme hatte Präsident George W. Bush in einer Rede vor dem Kongress den «War on Terror» ausgerufen. 

Eine neue Ära der «endlosen Kriege»

Nur wenige erkannten bereits damals, dass damit eine neue Ära der amerikanischen «Forever Wars» beginnen würde, der «endlosen Kriege». Mit Unterstützung der Nato starteten die USA im Oktober 2001 eine großangelegte Offensive gegen die Taliban. Daraus wurde ein Krieg, der nach 20 Jahren mit der erneuten Machtergreifung durch die Islamextremisten in Kabul und dem Abzug der Amerikaner und ihrer Verbündeten, darunter Deutschland, aus Afghanistan endete.

Für den Sturz der Taliban und die Zerschlagung terroristischer Netzwerke konnte Washington mit großer internationaler Zustimmung rechnen. Ganz anders sah es aus, als Präsident Bush danach Kurs auf den Sturz des Regimes von Saddam Hussein im Irak nahm. Selbst enge Nato-Verbündete wie Deutschland und Frankreich lehnten eine Beteiligung ab; sie hielten - völlig zu Recht, wie sich bald zeigte - die Bedrohung der Welt durch Massenvernichtungswaffen in den Händen des irakischen Diktators für eine amerikanische Chimäre. 

Vielmehr waren Bush und seine Leute wohl der Vorstellung erlegen, Amerika könne den Nahen Osten und die Welt mit einem «Regime Change» beglücken. Auch die Aussicht, Kontrolle über Iraks Öl zu erlangen, könnte nach Ansicht einiger Analysten eine Rolle gespielt haben.

George W. Bush: «Entweder ihr seid mit uns oder ihr seid belanglos.» 

Als US-Außenminister Colin Powell im Februar 2003 bei einer Sitzung des Uno-Sicherheitsrates, die turnusmäßig unter dem Vorsitz Deutschlands stattfand, «Beweise» für ein illegales Waffenprogramm des Irak vorlegte, wurde er selbst von westlichen Diplomaten mehr oder weniger offen ausgelacht. Ein Uno-Mandat für einen Angriff auf den Irak kam nicht in Frage. Bush reagierte so trotzig, wie die Welt es heute immer wieder bei Donald Trump erlebt: «Entweder ihr seid mit uns oder ihr seid belanglos.»

So nahm der Irak-Krieg seinen Lauf, mit Unterstützung Großbritanniens, aber ohne Deutschland und Frankreich. Die USA hatten die Vereinten Nationen, die unmittelbar nach 9/11 auf ihrer Seite standen, an einen Scheideweg geführt. Nicht allein «Schurkenstaaten» pfiffen auf die UN, sondern nun auch die Führungsmacht der westlichen Demokratien.

Erfahrungen aus Afghanistan und Irak engen Trumps Spielraum ein

Zudem endeten die Kriege in Afghanistan und im Irak für die USA auf eine Art, die viele Amerikaner an Vietnam denken ließ - sieglos trotz hoher Opferzahlen und Milliardenkosten. Die Folgen sind bis heute spürbar und engen den Aktionsradius und die Eskalationsmöglichkeiten für Präsident Donald Trump im Krieg gegen den Iran offenkundig ein. 

«Durch die amerikanische Öffentlichkeit geistert das Gespenst des nicht enden wollenden “forever war”», konstatierte der Historiker und Außenpolitik-Experte Ulrich Speck in einer Analyse für die «Neue Zürcher Zeitung». «Die Amerikaner fürchten sich davor, dass der Iran-Krieg so wird wie die Kriege im Irak und in Afghanistan.»

Trump bleibe damit in Sachen Iran, so schlussfolgert Speck, nur «die schwächste aller Optionen: Luftkrieg auf der einen Seite, wirtschaftlicher Druck auf der anderen». Die Entsendung von Bodentruppen in großer Zahl - wie noch in Afghanistan und im Irak - komme auch angesichts der Stimmungslage in der Bevölkerung und im Kongress nicht in Frage. 

Ganz abgesehen davon, dass sich Trump selbst immer wieder gegen Amerikas «forever wars» ausgesprochen und damit seine Maga-Bewegung mobilisiert hatte, wären die Kosten einer solchen Eskalation wohl in jeder Hinsicht viel zu hoch. Nicht nur mit Blick auf die Möglichkeit einer schweren Niederlage der Republikaner bei den Zwischenwahlen im November, sondern auch hinsichtlich der Kosten in ganz realen Dollars. 

Warnung vor der Milliarden-Falle

In welchen Dimensionen sie sich bewegen könnten, macht eine Analyse deutlich, die zehn Jahre nach 9/11 von der «New York Times» zu den unmittelbaren materiellen Schäden der Terroranschläge und den Folgekosten veröffentlicht wurde: Al-Kaida habe schätzungsweise eine halbe Million Dollar ausgegeben, um das World Trade Center zu zerstören und das Pentagon schwer zu beschädigen, rechnete die Zeitung vor. Die Kosten für die USA - einschließlich der später als Folge von 9/11 geführten Kriege - würden sich (allein bis 2011) auf 3,3 Billionen Dollar belaufen. Das bedeute «etwa 7 Millionen Dollar pro Dollar, den Al-Kaida für die Planung und Durchführung der Anschläge ausgegeben hat».  

 

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