Mit Herbert Blomstedt ist in Göteborg einer der grössten und sicherlich der älteste unter den Dirigenten mit 99 Jahren im Kreise seiner Familie gestorben. Die Musik war sein Leben, das hat man auch in der Schweiz erleben können, wo er lange gelebt hat. Die Musik – und die Religion, in der er tief verwurzelt war.
Ein letztes Mal hat die Musikkritikerin Julia Spinola ihn 2025 in Leipzig getroffen, mit ihm für eine erweiterte Neuauflage ihres Buchs «Herbert Blomstedt – Mission Musik» über Beethoven, Bach und Bruckner gesprochen. Und übers Altwerden. Der 98-jährige Dirigent sagte da: «Ich fühle mich sehr gut – fast so, als würde ich mit den Jahren jünger statt älter. Ich bin beweglich, gesund und dafür bin ich dankbar.» Zwar nehme er inzwischen den Lift, «früher bin ich im Gewandhaus die Treppen hinaufgestürmt», er dirigiere im Sitzen, und mache am Pult weniger «Physik» als je zuvor. Die politische Lage beschäftige ihn sehr, manchmal habe er schlaflose Nächte, aber wenn er musiziere, vergesse er alles. «Die Musik hilft. Und natürlich die Religion, der Gedanke, dass die letzten Entscheidungen nicht hier gefällt werden. Die letzten Entscheidungen werden woanders gefällt.»
«An Ende ist glasklar, was er will»
Jetzt ist eine letzte Entscheidung für den ebenso berühmten wie bescheidenen Dirigenten gefallen: Herbert Blomstedt ist 99-jährig in Göteborg, wo er 2024 von Luzern hin gezogen war, im Kreise seiner Familie gestorben. Ein reiches, mit sehr viel Freude gelebtes Leben hat sein Ende gefunden. Und wer sich eine Vorstellung machen will, was Blomstedt geleistet hat mit den ihm ergebenen Orchestern, nimmt vielleicht die Aufnahme von Anton Bruckners neunter Sinfonie zur Hand, aufgenommen am 3. Dezember 2014 in der Tonhalle Zürich und Teil einer CD-Box zum 150. Geburtstag des Tonhalle-Orchesters. Hier hört man, wie souverän Blomstedt die grossen Bögen der Bruckner’schen Klangkunst aufbaut, und wie er im zweiten Satz, dem Scherzo, einen wahren Hexenkessel entfesselt.
«Blomstedt arbeitet das Scharfkantige heraus, und das Tonhalle-Orchester stürzt sich willig in Bruckners Abgründe», heisst es in der Kritik. Mit älteren Dirigenten werde die Zusammenarbeit stärker zum Miteinander, sagt der Tonhalle-Klarinettist Florian Walser. «Sie regieren gelassener und lassen uns spielen.» Und: «Herbert Blomstedt fasziniert uns mit seiner enormen Freude am Detail. Und am Ende ist glasklar, was er will.»
Ein schwedischer Aussenseiter in Finnland
Herbet Blomstedt wird am 11. Juli 1927 als Sohn einer Konzertpianistin und eines Pastors der Freikirche der Sieben-Tage-Adventisten in Springfield, Massachusetts, geboren, zieht aber schon 1929 mit seiner Familie in deren Heimat Schweden. In Finnland und Schweden verbringt er an den wechselnden Arbeitsorten des Vaters seine Kindheit. Und weil Schweden, die lange Finnland beherrschten, dort wenig beliebt sind, vermittelt ihm dies das Gefühl, fremd zu sein, ein Aussenseiter. Er sei daran gewachsen, sagt er im Rückblick: «Wenn man nur als angepasster Mitläufer lebt, entwickelt man kein eigenes Profil.»
In Helsinki erhält er mit sechs Jahren den ersten Klavierunterricht. Weil ihn dieses Instrument aber nicht sonderlich interessiert, wechselt er zur Geige und entwickelt zusammen mit seinem Bruder einen wahren Musikhunger. Der Vater ist anders als die Mutter, strenger, stärker von der Welt abgewandt. «Er wollte seine Söhne vor der Welt bewahren», sagt Blomstedt, erklärt aber auch, der Vater habe seine Söhne nie daran gehindert, ins Konzert zu gehen. «Was ich umso leidenschaftlicher tat, je älter ich wurde.»
Daraus wird dann ein Beruf. Am 3. Februar 1954 debütiert Herbert Blomstedt mit den Stockholmer Philharmonikern, im Jahr darauf heiratet er. 1957 kommt die Tochter Cecilia zur Welt, 1959 die Tochter Maria. Um ihnen die vielen Umzüge zu ersparen, unter denen er als Kind gelitten hat, zieht er 1984 nach Luzern. Langsam breiten sich die Kreise seiner Dirigiertätigkeit aus, prägend werden dabei die zehn Jahre als Dirigent der Staatskapelle Dresden.
Er lernt viel, für die Arbeit, aber zugleich fürs Leben. Und beschäftigt sich mit grosser Geduld und Freude bis ins hohe Alter immer wieder mit den selben grossen Werken. Er habe sich schon immer viele Notizen in seine Partituren gemacht, erzählt er Julia Spinola. «Wenn ich dann nach einem oder mehreren Jahren zu dem gleichen Werk zurückkomme, wundere ich mich oft darüber, was ich damals notiert habe. Vieles sehe ich dann ganz anders, aber ich denke dann nicht, dass das Alte ganz falsch war. Ich hoffe, das geht so ein bisschen zickzackförmig, aber letztlich doch bergauf.» Und er erinnert an den wütenden Ausruf Toscaninis: «Tradition? Die letzte schlechte Aufführung nennt man Tradition.»
Die Linie in den Interpretationen
Wenn er versuche, eine Linie in seinen Interpretationen zu entdecken, dann denke er, dass er «selbstständiger und werkbezogener geworden» sei, erklärt Blomstedt. Man werde waghalsiger – wie bei Bruckners Neunter, die in seinem Zürcher Dirigat in ihrer Schroffheit ausserordentlich modern anmutet. Wie andere spielen, werde mit dem Alter immer unwichtiger und umso wichtiger die Musiker. «Es hat keinen Sinn, das Orchester mit einer fertigen Konzeption zu konfrontieren. Man kann die Interpretation nur mit ihm zusammen gestalten.» Dabei gehe die Angst, nicht gut genug vorbereitet zu sein, nie weg, «die habe ich immer».
Und wie mit den Partituren ergehe es ihm mit der Bibel: Er lese sie immer wieder, und immer wieder neu, «ich erkenne andere Nuancen und Zusammenhänge». Da wird ein zweites wichtiges Element sichtbar neben Herbert Blomstedts tiefer Musikalität: Seine tiefe, von grosser Bescheidenheit durchdrungene Religiosität.
Julia Spinola: Herbert Blomstedt – Mission Musik. Henschel Verlag Leipzig, dritte, erweiterte Auflage 2025