Das Kunstmuseums des Kantons Thurgau lud Isabelle Krieg (*1971) zu einer Ausstellung. Herzstück ist die Installation «unendlich endlich» im Untergeschoss des ehemaligen Kartäuserklosters. Endlose Ketten von aneinander gereihten Strausseneiern ziehen sich durch den gewölbten Kellerraum, dessen Boden mit weisser Schafwolle ausgelegt ist.
In der Pinacoteca Brera in Mailand hängt, als Prunkstück der Sammlung, Piero della Francescas «Pala Montefeltro», gemalt um 1470 – eine «Sacra Conversazione», Maria im Kreis von sechs Heiligen und vier Engeln. Vor ihnen kniet Federico da Montefeltro, der Stifter des Gemäldes. Die Gruppe steht vor einer in genauester Perspektive gemalten Frührenaissance-Architektur. Das Besondere daran: Über dem Kopf der Maria schwebt ein Ei – nein, es schwebt nicht; es ist vielmehr wie eine seltene Kostbarkeit an einer goldenen Schnur befestigt und hängt mitten in der virtuos festgehaltenen Apsis-Kalotte, an prominentester Stelle also. Das Ei ist mehr als ein perfekt geformter Alltagsgegenstand. Das Ei, das Piero della Francesca nüchtern und ohne Pathos, wie beiläufig vorführt, ist von hohem und ganz unterschiedlich besetztem Symbolwert.
Es steht, gemäss ägyptischen und orientalischen Mythen, für den Ursprung aller Dinge. Seine Form ist perfekt – eine «Urform», die für den Beginn des Lebens steht. Seine Schale ist zart und brüchig und zugleich Schutz für das in seinem Innern aufkeimende Leben. Das Ei kann als kosmische Metapher gelten. In ihm spiegelt sich die grosse Welt. Es ist eine Welt im Kleinen. Und vielleicht hilft es uns so beim Erkennen der Welt im Grossen. Eier begegnen uns in der Kunstgeschichte häufig, ob im Eierstab als Ornament in der Architektur seit der Antike, in Tafelbildern wie der «Pala Montefeltro», skurril und gespenstisch wie bei Hieronymus Bosch, zerbrochen, weil eben die Dioskuren Castor und Pollux, die Söhne Ledas und Zeus‘, ausgeschlüpft sind (Malerei zu diesem Thema von Francesco Melzi, wahrscheinlich nach Leonardo, in den Uffizien in Florenz), reich verziert und oft als mit Dekorationen versehene Strausseneier in Kuriositätenkammern des 16. Jahrhunderts, als prunkvolle, auf Zaren-Geheiss gefertigte Kostbarkeiten aus Gold und Edelsteinen der Fabergé-Manufaktur in St. Petersburg um 1900. Eier und kein Ende...
«unendlich endlich»
Eier – wörtlich – ohne Ende auch in Isabelle Kriegs neuer Installation im Thurgauer Kunstmuseum in der Kartause Ittingen. «unendlich endlich» nennt sie ihre raumgreifende Arbeit in den unterirdischen Gewölben des 1848 aufgehobenen Kartäuserklosters: Eine unendlich lange Kette aus Strausseneiern zieht sich durch die Kellerräume, überspielt die Mauern und führt ins Freie, bildet Schlaufen und kehrt wieder zurück.
Die Oberflächen der Strausseneier reflektieren das durch die hochliegenden Kellerfenster sparsam in den gewölbten Raum einfallende Licht. Die Eierkette verbindet das Innere mit dem Äussern: Teile davon fallen den Besucherinnen und Besuchern schon auf, wenn sie sich dem Klostergebäude nähern. Ebenso sieht man in einem kleinen Innenhof des Klosters, welcher den Mönchen als Begräbnisstätte diente, Teile der Eierkette. Man hat allerdings, im Innern des Kellers und aussen, nie die ganzen geschwungenen Formen, die sich als «(f)liegende Acht» (so Isabelle Krieg) und damit als Unendlichkeitszeichen lesen lassen, im Blick. Die Unendlichkeit entzieht sich unserer Wahrnehmung: Wir können uns nichts Unendliches vorstellen, da wir stets Endlichkeit erleben. Wir sehen bloss Ansätze, die es weiterzudenken gilt. Isabelle Krieg sagt dazu: «Das ist eine Analogie zu den grossen Fragen, die wir Menschen uns stellen: Was war mit uns, bevor wir geboren wurden? Und was ist mit uns, wenn wir gestorben sind?» Die Künstlerin sagt damit, wie sie ihre Arbeit positionieren will – als ein Philosophieren mit visuell wahrnehmbaren Mitteln.
Dämpfende Schafwolle
Der Boden des gewölbten Kellerraumes, den der amerikanische Konzeptkünstler Joseph Kosuth im Jahr 1999 mit einer dauerhaften sprachlichen Konzeptarbeit versehen hat, ist mit Schafwolle ausgelegt – mit einem organischem Material, das den Schall dämpft und unter unseren Schritten ebenfalls dämpfend nachgibt. Dieses Material kann als Gegensatz einerseits zur präzisen Form der Eier empfunden werden, gibt aber andererseits dem kühlen und hart-steinernen Kellerraum (er diente dem Kloster, das im 18. Jahrhundert einen schwungvollen und weiträumigen Weinhandel betrieb, als Weinkeller) eine weiche und fast wohnliche Wärme.
Für Isabelle Krieg ist die Wahl der Materialien, die sie für ihre Kunst beizieht, entscheidend, denn diese Materialien transportieren Bedeutungen. Die Eierschale ist hart und stark und gleichzeitig zerbrechlich und schwach, sodass ein Küken sie leicht zu sprengen vermag, um ins Freie auszuschlüpfen. Schafwolle steht für Isolation und Wärme. Auf dem Boden des Kellerraumes ausgelegt, signalisiert sie Amorphes, das sich weich bis an die seitlichen Mauern des steinernen Raumes ausbreitet und sich an der harten Begrenzung staut.
In ihrer präzisen Auswahl der vielseitig interpretierbaren Materialien, die Isabelle Krieg verwendet, ist die Künstlerin der italienischen Arte-Povera-Kunst der 1970er Jahre und auch ihrem Naturbezug verwandt. Auch in anderen Arbeiten greift die Künstlerin zu Materialien von ähnlich archaisch anmutender Ausdruckskraft: Ein Zelt als schlichte Urform der schützenden Behausung, das Isabelle Krieg «Hope Tent» (2023) nennt, setzt sie aus dünnen, lichtdurchlässigen, isolierenden und auf Chiffonseide aufgenähten Glimmer-Lamellen – Schichtsilikate – zusammen; sie verwendet damit ein Material, das glänzende Schönheit ausstrahlt, dem aber auch ein mehrdeutiger Symbolcharakter zukommen kann.
Direkt aus dem Alltag gegriffen ist das meist aus verschiedenen ebenfalls isolierenden Kunststoffen hergestellte und wasserabstossende Material der skulpturalen Arbeit «Life Jacket (Health)» von 2023. Isabelle Krieg legt zahlreiche geöffnete Jacken – beginnend mit den kleinsten, die sich für Babys eignen, bis zur grössten für stattliche Männerkörper – so übereinander, dass sie einem kleinen zeltartigen Hohlraum Schutz bieten.
Das Kellergewölbe des ehemaligen Kartäuserklosters hat Isabelle Krieg mit ihrer Installation zu einem Raum der Besinnung und Meditation werden lassen, der eine harmonische Ruhe ausstrahlt und das Publikum zum Verweilen einlädt. Der darf – wenn man die Schuhe ausgezogen hat – betreten und durchmessen werden. Man darf sich hinsetzen und auch hinlegen, um die gleichzeitig befreiende und konzentrierte Atmosphäre mit allen Sinnen wahrzunehmen. Sie selbst, sagt Isabelle Krieg, fühle sich glücklich in diesem Raum.
Autobiographisches
Isabelle Krieg begleitet diese Hauptinstallation der Ausstellung «unendlich endlich» mit weiteren Werken, die etwa ab 2000 entstanden sind, denen meist ein enger Naturbezug eigen ist, und die oft eng mit der Biographie der Künstlerin und ihrer Einbindung in die Dimension der Zeit und mit ihrem Alltag verbunden sind. So notiert sie zum Beispiel seit 1994 ihre bisher gelebten Tage (z.B. am 19. Juli 2018: 17'048 Tage) auf ein Papierband und rolle es fortlaufend zu einem spitzen Kegel auf. Je älter sie wird, desto höher wird der Kegel, und desto kleiner wird sie selbst als natürliche Folge des Alterns.
Das langsame Wachsen und gleichzeitige Abnehmen dokumentiert sie in einer Reihe Fotos. 2004 deponierte sie in einer Ausstellung in Moutier ihren ganzen Hausrat und gab der Installation den Titel «Curriculum». Eine Ausstellung im Kunstmuseum Bern im Jahr 2007 beendete sie mit der Performance «Ich erzähle Ihnen mein Leben». Sie verarbeitet auch Brotrinde zu Skulpturen und fotografierte oder malte in hyperrealistischer Manier eine Scheibe Brot – ähnlich wie das Ei ein emotional hoch aufgeladenes und metaphernreiches Alltagsmaterial. Unter den Werken, welche die zentrale Installation «unendlich endlich» begleiteten, finden sich auch manche Skulpturen aus ausgeblasenen Eiern, in denen Isabelle Krieg das von blendendem Weiss bis zu dunklem Inkarnat verlaufende natürliche Kolorit der Eierschalen zur Geltung bringt.
Isabelle Krieg wurde 1971 in Freiburg i.Ü geboren. Nach einem Sommer als Alphirtin und einer Tournee mit dem Kinderzirkus Pipistrello besuchte sie die Scuola Dimitri in Verscio und die Hochschule für Design & Kunst Luzern. Sie lebte in Rom, Berlin Dresden und liess sich 2019 in Kreuzlingen nieder. Einzelausstellungen u.a. im Haus für Kunst Uri Altdorf, im Musée d’Art et d’Histoire Freiburg, im Kunstmuseum Solothurn, in der Kunsthalle Arbon, im CentrePasquArt in Biel, Teilnahme an zahlreichen Gruppenausstellungen. Zahlreiche Projekte Kunst am Bau (zum Beispiel Rathaus Freiburg, Pflegi Muri AG, Kantonsspital Obwalden Sarnen, Alterszentrum Maienfeld).
Kunstmuseum des Kantons Thurgau, Warth (Kartause Ittingen) Bis 26.4. Katalog 35 Franken (Verlag Vexer, St. Gallen)