Wie und warum werden Menschen zu Unmenschen – zu Vergewaltigern, Terroristen, Sadisten, Inzesttätern? Der Psychologe Israel W. Charny betitelte sein Buch über den Genozid mit der Frage «Wie können wir das Undenkbare verüben?». Meine Antwort darauf lautet lapidar: Weil wir es denken können. Weil das Unmenschliche einem Denkdispositiv entstammt, das uns allen eigen ist.
Es lässt sich am eingängigsten anhand einer Szene aus der Fernsehserie «Black Mirror» veranschaulichen. Die Serie schildert dystopische Zukunftsvisionen einer völlig technisierten Gesellschaft. In einer dieser Visionen ist die menschliche Spezies von monströsen humanoiden Wesen bedroht. Ein spezieller Trupp von Monsterjägern verfolgt und vernichtet sie. Wie sich allerdings herausstellt, ist den Monsterjägern ein Modul ins Gehirn implantiert worden, das sie andere Menschen als Monster wahrnehmen lässt. Beim Helden der Geschichte funktioniert dieses Modul nicht, weshalb er entdeckt, dass er kein tapferer Verteidiger der menschlichen Spezies ist, sondern am Vernichtungsfeldzug einer verachteten Bevölkerungsgruppe teilnimmt.
Das ist Science Fiction. Aber wir brauchen gar keine fiktiven Gehirnimplantate, um in anderen Menschen Monster zu sehen. Tatsächlich genügt ein Denkdispositiv, um uns blind für die Mitmenschlichkeit von Artgenossen zu machen. Entmenschlichung beginnt im Kopf, im Denken über andere, nicht im Behandeln anderer, obwohl beide untrennbar verbunden sind. Und dies erscheint mir als zwingender Grund, das Unmenschliche in den Horizont des Menschenmöglichen hereinzuholen. Eine Erweiterung zur Conditio inhumana sozusagen. Betrachten wir ein paar Komponenten im Denkdispositiv der Entmenschlichung.
Die «schreckliche» Verallgemeinerung
Alles beginnt mit der unschuldigen Verallgemeinerung. Wir beobachten, dass die Personen A,B,C, … bestimmte Merkmale a,b,c … gemeinsam haben. Wir fassen sie zu einer Gruppe X zusammen und sagen «Alle X sind a,b,c …». Wir stellen unsere Entscheidungen häufig auf solche Abstraktionen ab. Wir benötigen sie zum «schnellen» Denken. Aber darin steckt auch der Ansatz zum Stereotyp, Klischee, Vorurteil, Stigma. Die Verallgemeinerung verliert ihre Unschuld, wenn man «Alle X sind a,b,c …» zum Anlass nimmt, eine Gruppe von Menschen in den Sack von «Gleichen» zu stecken und wacker draufzuhauen. Draufhauen bleibt oft nicht bloss rhetorisch, sondern kippt ins Physische, knöpft sich ganz handfest den menschlichen Körper vor.
Hier assistiert meist eine dämonisierende Rhetorik. Sie gehört zu jedem Vademecum der Demagogie. Sie bedient sich einer Logik – eigentlich einer Unlogik –, die vom Einzelfall auf den allgemeinen Fall schliesst. Sie sagt: «Diese jungen Nordafrikaner belästigen Frauen – also belästigen alle jungen Nordafrikaner Frauen.»
Schlimmstenfalls betrachtet man solche Eigenschaften und Verhaltensweisen als «wesentliche» Merkmale einer Bevölkerungsgruppe. Der Einzelfall genügt, um alle abzustempeln. Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Auch wenn dieser besondere Nordafrikaner keine Frauen belästigt, bedeutet das nicht, dass er nicht die Anlage dazu in sich trägt. Diese unterstellende essenzialistische Verallgemeinerung ist eines der tückischsten Hilfsmittel im Denkdispositiv der Entmenschlichung.
Mensch – Untermensch – Unmensch
Eine der ältesten Komponenten der Conditio inhumana ist die Idee einer vertikalen Ordnung der Gesellschaft. Und hier assistiert eine fiese Kategorie, jene des Anderen. Die vertikale Ordnung lädt die Kategorie des Anderen mit einer moralischen Wertung auf und bereitet die Entmenschlichung vor. Der Andere ist nicht nur anders als «wir», er ist auch weniger wert. Und diese Minderwertigkeit beruht meist auf unhinterfragten Selbstverständlichkeiten.
Traditionell errichtete man eine solche wertbeladene Hierarchie anhand des Konzepts der Rasse. Es sollte nicht nur auf den horizontalen Unterschied – die Diversität – der Menschen hinweisen, sondern auch auf ihre vertikale Differenz, ihren «intrinsischen» Wert. Andere Menschen zu rassifizieren bedeutet, ihnen einen «niedrigeren» Rang innerhalb der menschlichen Gemeinschaft zuzuschreiben.
Ein zusätzlicher Schritt besteht darin, dass wir bestimmte Gruppen aus der Gemeinschaft der Menschen ausschliessen. Derartiges Ausschliessen erfolgt nicht notwendig abrupt, sondern häufig fliessend. Das heisst, es gibt die Übergangskategorie des Untermenschen. Sie definiert eine «fluide» Menschenart, die man wahlweise wie «uns», aber auch nicht wie «uns» behandeln kann: ausbeuten, vergewaltigen, töten, je nach Bedarf und Ziel. Untermenschen sind nicht essenziell, nur kontingent menschlich. Sie kommen uns unter bestimmen Umständen vor wie Menschen.
Rechtschaffene Unmenschlichkeit
Dabei ist die Haltung gegenüber jenen, die man entmenschlicht, nicht notwendig moralisch indifferent. Im Gegenteil. Es gibt die moralische Absegnung von Gewalt. Sie kann nachgerade als moralischer Triumphalismus auftreten, und in dieser Hinsicht ist sie eine Ausgeburt der hierarchischen Mentalität. Sie wird dann zu einer «Pflicht», die einen dazu ermächtigt, im Namen des Guten das Böse auszumerzen, andere Menschen unmenschlich zu behandeln, weil sie es «verdienen». Menschen, die andere unterdrücken, diskriminieren, quälen, verletzen, töten, verteidigen ihre Taten oft geradezu obsessiv als «gut» und «tugendhaft», und ihr «gerechter» moralischer Furor vertilgt alles, was in ihren Augen minderwertig und schlecht erscheint. Die schrecklichsten Untaten geschehen oft im Namen einer erbarmungslosen Rechtschaffenheit, im Sendungswahn einer Säuberung der Welt von Schmutz, Übeln, Krankheitskeimen. Die Rhetorik nimmt das Gepräge von hygienischen oder sanitären Sanktionen an, die nach technischen Lösungen der Vernichtung rufen.
«Spektakuläre» Unmenschlichkeit
Wir erleben heute eine Form des Terrorismus, der Unmenschlichkeit als Spektakel inszeniert. Er sucht Aufmerksamkeit durch das Gemetzel. Aber erst auf dem Video wird das Gemetzel bedeutungsvoll. Die Bedeutung der Tat ist ebenso wichtig wie die Tat. Das zeigt gerade Gaza. Die massive israelische Attacke mag die Hamas minimieren oder gar zerschlagen. Im Bedeutungskampf aber kann sich die Hamas längst beglückwünschen. Es ist ihr gelungen, sich unter dem Deckmantel Palästinas zu verkriechen, und Israel als alleinigen Bösewicht auf die Weltbühne zu stellen. Wenn die Hamas Minderjährige rekrutiert, und diese getötet werden, heisst es: Israel tötet palästinensische Kinder.
Diesem Terrorismus eignet etwas Theatralisches. Er rechnet damit, dass die Welt zusieht. Im Zentrum von Salman Rushdies Buch «Knife» steht die Messerattacke, die ein islamistischer Fanatiker auf ihn ausübte. Befragt in einem Interview, warum er den Namen seines Angreifers nicht nennen wolle, antwortete der Schriftsteller: «Der Typ hatte seine 27 Sekunden Ruhm, jetzt aber sollte er wieder zu einem Niemand werden. – Ich will seinen Namen nicht in meinem Buch. Deshalb nannte ich ihn ‹A›, denn in meinen Augen ist er viele Dinge auf einmal. Ein verhinderter Attentäter, ein Angreifer, ein Antagonist, ein Arsch – aber ich wollte diskret sein, deshalb habe ich ihn einfach ‹A› genannt.»
Unmenschlichkeit auf dem Weg zum besseren Menschen
Es gibt Ideen mit grosser Unmenschlichkeitskapazität. Zum Beispiel die Idee der Reinheit und die Idee eines besseren, neuen Menschen. Sie verleihen den unmenschlichsten Schandtaten die infame Dignität des Befugten, ja, Heroischen. Um einen besseren Menschen zu schaffen, muss man zuerst den schlechten abschaffen. Für Leo Trotzki zum Beispiel führt der Mensch im Zuge seiner «Weiterentwicklung» eine «Säuberung von oben nach unten durch: Zuerst säubert er sich von Gott, dann säubert er die Grundlagen des Staatswesens vom Zaren, dann die Wirtschaft von Chaos und Konkurrenz und schliesslich seine Innenwelt von allem Unbewussten und Finsteren».
Der Flirt der Menschenverbesserer mit dem «unvermeidlichen» Massenmord ist notorisch. «Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerschlagen», lautete die Lenin zugeschriebene revolutionäre Devise. Viele, sehr viele Eier, dafür sorgte Stalin. Auch Mao oder Pol Pot. Der gleiche giftige Gedankensud findet sich bei islamischen Hardlinern, etwa dem 2021 verstorbenen iranischen Ayatollah Mesbah Yazdi, der die Aufopferung des Individuums zur Märtyrerpflicht erhob, wenn es um die Verwirklichung der Vervollkommnung aller (Muslime) geht. Die schlimmsten Menschenverächter sind die Menschenverbesserer.
Das Unmenschliche akzeptieren bedeutet moralisch reifen
Conditio inhumana betont die Normalität des Unmenschlichen. Eine solche Perspektive kann zu einer gewissen moralischen Reife durch Desillusionierung verhelfen, wie sie Susan Sontag eindringlich beschrieben hat: «Wer sich ständig davon überraschen lässt, dass es Verderbtheit gibt, wer immer wieder mit erstaunter Enttäuschung (oder gar Unglauben) reagiert, wenn ihm vor Augen geführt wird, welche Grausamkeiten Menschen einander antun können, der ist moralisch oder psychologisch nicht erwachsen geworden. Von einem gewissen Alter an hat niemand mehr ein Recht auf solche Unschuld oder Oberflächlichkeit, auf soviel Unwissenheit oder Vergesslichkeit.»
Wir sollten also Humanität auch, nein, gerade von ihrem entgegengesetzten Pol – der Inhumanität – her denken. Adorno nannte diesen Pol «Auschwitz» und schrieb: «Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.» Aber zu dieser Erziehung gehört notwendig das Memento, dass der Genozid immer denkbar bleibt. Das Monster gehört in den Horizont des Menschenmöglichen. Darin wird es zum Spiegel.