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Libanon

Bedrückende Erinnerungen an Gaza werden wach

24. April 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Beirut, Protest
Protest in Beirut gegen die am Mittwoch erfolgte Tötung der libanesischen Journalistin Amal Khalil durch einen israelischen Luftangriff (Foto: Keystone/AP Photo/Hussein Malla)

Im Rahmen ihrer Operation gegen die Hizbollah hat die israelische Armee (IDF) im Libanon seit Anfang Jahr neun Journalistinnen und Journalisten getötet. Das erinnert an das Vorgehen der IDF in Gaza nach dem Massaker der Hamas. Doch Sprecher dementieren, die Armee greife gezielt Medienschaffende an. Die NGO «Committee to Protect Journalists» (CPJ) bezweifelt das. 

Amal Khalil, eine Journalistin der libanesischen Tageszeitung «Al-Akhbar», die als der Hizbollah nahe stehend gilt, war Mitte Woche mit der freien Fotografin Zeinab Faraj im Süden des Libanon in einem Auto unterwegs, als ein israelischer Luftangriff das Fahrzeug vor ihnen traf und zwei Menschen tötete. Die beiden Frauen flohen aus ihrem Wagen in ein nahegelegenes Haus in Tayri, um dort Zuflucht zu suchen. 

Doch die IDF griff das Gebäude ebenfalls an und tötete Khalil, während Faraj schwer verletzt wurde. Hilfskräfte des libanesischen Roten Kreuzes, welche die Journalistin und die Fotografin evakuieren wollten, kamen ebenfalls unter Beschuss und mussten sich zurückziehen, nachdem es ihnen gelungen war, die am Kopf schwer verletze Fotografin aus dem zerstörten Haus und die beiden Leichen aus dem Auto zu bergen. Erst Stunden später gelang es ihnen, Amal Khalils Leiche unter den Trümmern des Hauses zu finden. 

«Ein skrupelloses Verbrechen»

«Journalisten anzugreifen, den Zugang für Helfer zu behindern und nach ihrer Ankunft sogar deren Standorte ins Visier zu nehmen, erfüllt die Definition von Kriegsverbrechen», sagte der libanesische Premier Nawaf Salam. Der Politiker beschuldigte Israel, im Süden des Landes wiederholt Medienschaffende anzugreifen, was er «ein erprobtes Vorgehen» nannte. 

Salam kondolierte Khalils Familie und versprach, «die Verbrechen vor kompetenten internationalen Foren» vorzubringen. Libanons Präsident Joseph Aoun derweil sprach von einem «skrupellosen Verbrechen», das elementarste Regeln des Völkerrechts verletze, weil es Reporterinnen und Reporter angreife, «die schliesslich Zivilisten sind, die ihre berufliche Aufgabe erfüllen».

Israel: «Eine unmittelbare Gefahr»

Die israelische Armee dementierte, Medienschaffende zu attackieren oder Hilfskräfte zu behindern. Sie handle, um den Schaden für sie zu mildern, während sie die Sicherheit und Geborgenheit ihrer Truppen aufrechterhalten wolle. Die beiden Autos, so die IDF, hätten sich am Mittwoch von «einer militärischen Struktur» der Hizbollah entfernt und ein Fahrzeug habe sich den israelischen Truppen in einer Art und Weise genähert, die nach dem Überqueren einer vorderen Verteidigungslinie eine «unmittelbare Gefahr» dargestellt und so das zehntägige Waffenstillstandsabkommen verletzt habe. Der Vorfall, hiess es wie gewohnt, werde untersucht. Israels Armee will im Süden des Libanon eine Pufferzone errichten, um den Norden des Landes besser vor Raketenangriffen der Hizbollah schützen zu können. Evakuationsbefehle der IDF betreffen 14 Prozent libanesischen Territoriums und über eine Million Menschen.

Die NGO «Committee to Protect Journalists» (CPJ) zeigte sich über Amal Khalils Tod «empört». Sara Qudah, die regionale Direktorin, teilte mit, die wiederholten Angriffe der IDF auf denselben Ort, das Anvisieren eines Ortes, wo die beiden Journalistinnen Zuflucht gesucht hatten und die Behinderung des Zugangs für medizinische und humanitäre Helfer sei «eine gravierende Verletzung des internationalen Völkerrechts».

Keine isolierten Vorfälle

Khalil, sagte Qudah ferner, habe 2024 «eine israelische Todesdrohung» erhalten, die sie aufforderte, den Südlibanon zu verlassen. Dieser Umstand nähre jetzt die Vermutung, dass sie sei gezielt getötet worden sein könnte. Die Journalistin stammte aus dem Südlibanon und hatte seit 2006 für «Al-Akhbar» aus dem umkämpften Gebiet berichtet. 

Es handle sich hier, sagte die CPJ-Vertreterin, nicht um isolierte Vorfälle, sondern diese verrieten ein systemisches Versagen, den grundlegendsten Schutz zu gewährleisten, der zivilen Journalistinnen und Journalisten unter dem Völkerrecht zustehe: «Medienschaffende werden in einem Tempo und in einem Ausmass getötet, die das Gewissen der Welt aufrütteln sollten.»

Hizbollah-Sender im Visier

Mit dem Tod Amal Khalils steigt die Zahl der Journalistinnen und Journalisten, welche die IDF dieses Jahr im Libanon getötet haben, auf neun. Ende März hatte ein israelischer Luftangriff im Südlibanon drei Medienschaffende getötet, unter ihnen Ali Shoeib, einen langjährigen Korrespondenten des Fernsehsenders Al-Manar, welcher der Hizbollah nahesteht. Shoeib sei ein Agent der Hizbollah gewesen, hiess es ohne nähere Angaben seitens der israelischen Armee. Wie die Hamas in Gaza unterhält die Hizbollah im Libanon sowohl einen militärischen wie einen politischen Flügel.

Dieselbe Attacke tötete auch die Reporterin Fatima Ftouni, die für den Fernsehsender Al-Mayadeen in Beirut gearbeitet hatte, sowie ihren Bruder, Kameramann Mohammed Ftouni. Der TV-Mann und Ali Shoeib, hiess es seitens der IDF, hätten als «Terroristen» dem militärischen Flügel der Hizbollah angehört. Tage zuvor hatte ein Luftangriff der IDF auf eine Wohnung im Zentrum Beiruts Mohammed Sherri und dessen Frau getötet. Sherrri war Programmchef bei Al-Manar TV.

2475 Tote in Libanon seit Anfang März 

Die getöteten Medienschaffenden sind ein Bruchteil jener mindestens 2’475 Menschen, unter ihnen 274 Frauen und 177 Kinder, welche die IDF gemäss libanesischen Behörden seit Kriegsbeginn Anfang März im Libanon getötet haben. Mehr als 7’000 Menschen sind verwundet worden. Gleichzeitig wurden im Land mehr als 130 Attacken der israelischen Armee auf Krankenwagen und medizinische Einrichtungen registriert, bei denen mindestens 100 medizinische Fachkräfte starben. Währenddessen hat die Hizbollah laut israelischen Angaben im selben Zeitraum in Israel zwei Zivilisten und bei Kämpfen im Libanon 13 Armeeangehörige getötet. 

Die Attacken der israelischen Armee auf Journalistinnen und Journalisten im Libanon erinnern an ihr Vorgehen in Gaza, wo die IDF dem CPJ zufolge zwei Drittel jener 129 Medienschaffenden getötet haben, die 2025 weltweit ums Leben gekommen sind. Die NGO unterscheidet drei Kategorien, wie Journalistinnen und Journalisten ums Leben kommen können: «Es gibt Fälle, in denen wir ein Vergeltungsmotiv feststellen, was wir als Morde einstufen, Todesfälle in Kriegsgebieten und Todesfälle aufgrund gefährlicher Einsätze.» 

Eine «Gazafizierung»

Das CPJ ordnet drei Viertel der Todesfälle in Gaza der Kategorie «Kriegsgebiet» zu, wobei laut Carlos Martinez de la Serna immer häufiger Kampfdrohnen zum Einsatz kommen: «Wir sehen einen zunehmenden Trend, ausgeklügelte Technik einzusetzen, um Medienschaffende zu töten.» Im Palästinensergebiet traf dies der NGO zufolge auf 28 Fälle zu. Zum Vergleich: In der Ukraine haben russische Drohnen im vergangenen Jahr vier Medienschaffende getötet – die höchste Zahl seit 2022, als 15 ums Leben kamen. 

Said Arikat, Bürochef der palästinensischen Zeitung «Al-Quds» in Washington DC und Professor der American University, schreibt in einer Kolumne von einer «Gazafizierung» des Libanon: «Israel scheint auf den Südlibanon dasselbe System der Kontrolle, der Vertreibung und der Zerstörung auszudehnen, das es in Gaza verfeinert. Es findet im Libanon eine ‘Gazification’ statt.» 

Einzelne israelische Politiker wie Finanzminister Bezalel Smotrich haben sich in eine ähnliche Richtung geäussert. «Dahiyeh (die südlichen Vororte Beiruts) wird wie Khan Younis (die weitgehend zerstörte Stadt im Süden Gazas) aussehen», sagte der rechtsextreme Politiker Anfang März an der Grenze zum Libanon. Verteidigungsminister Israel Katz sprach davon, dass «Modell Gaza» auch auf das Nachbarland im Norden anzuwenden.   

Die neue «Gelbe Linie» 

Das deutlichste Indiz einer «Gazafizierung», so Arikat, sei die Errichtung einer «Gelben Linie», einer militärischen Demarkationszone, die den südlichen Libanon durchschneidet und grössere Gebiete unter direkte israelische Zwangsgewalt stellt: «In Gaza haben ähnliche Linien Gemeinschaften zerstückelt, vertriebene Zivilisten daran gehindert, nach Hause zurückzukehren und grosse Gebiete in Zonen verwandelt, in denen das Motto ‘Feuer frei’ ohne Rechenschaft galt.» 

Solche Zonen, unter dem Vorwand der Sicherheit errichtet, seien keine militärische Notwendigkeit, sondern würden lediglich das Trauma einer Nation vertiefen, die unter ökonomischem Ruin, politischer Lähmung, zerfallenden Institutionen und den Narben wiederholter Kriege leidet: «Gemeinschaften im Süden (des Libanon) haben sich nur oberflächlich von früheren Konflikten erholt. Für viele Familien ist Vertreibung nicht eine Ausnahme, sondern ein wiederkehrender Lebensumstand.»

«Von den USA gelehrt»

Verteidiger Israels, analysiert Said Arikat, führten regelmässig die Präsenz der Hizbollah an der Grenze zu Israel an, um praktisch jede Gewaltanwendung zu rechtfertigen, so als würde die Existenz eines bewaffneten Feindes kollektive Bestrafung rechtfertigen: «Aber das Bombardieren von Städten, das Zerstören von Häusern und das Schaffen unbegrenzter Zonen sind keine Sicherheitsmassnahmen. Es sind Instrumente der Beherrschung. Eine solche Politik bestraft ganze Bevölkerungen für Realitäten, für die sie nichts können, verhindert Aussichten auf Mässigung und garantiert künftige Gewaltausbrüche. Das sollte Gaza die Welt gelehrt haben.»

Das grundsätzlichere Thema, schliesst Said Arikat, sei nichts allein Israels Verhalten, sondern die Straflosigkeit, die es stütze: «Israel hat gelernt, dass es Grenzen mit Gewalt neu ziehen, Abkommen einseitig interpretieren und zivile Infrastruktur ohne grosse Folgen zerstören kann. Diese Lektion ist von den Vereinigten Staaten gelehrt, finanziert und wiederholt bekräftigt worden.»

Ernsthafte Diplomatie gefragt

Ein wirklicher Waffenstillstand würde dem Palästinenser zufolge einen unverzüglichen Stopp von Angriffen aller Parteien, einen Rückzug aus einseitig deklarierten militärischen Zonen, ein internationales Monitoring, eine Unterstützung beim Wiederbau sowie eine ernsthafte Diplomatie erfordern, die auf gegenseitige Sicherheit statt auf Gewaltausübung setzt: «Die Gazafizierung des Libanon ist nicht unvermeidlich. Es ist ein politischer Entscheid – an Israel liegt es, ihn umzusetzen, an Amerika, ihn abzusichern, und an der Welt, ihn anzunehmen oder abzulehnen. Wie immer wird der Preis dafür nicht von jenen bezahlt werden, die den Entscheid fällen, sondern von Zivilisten, die damit leben müssen.» 

Quellen: Reuters, AFP, BBC, CNN, The New York Times, The Guardian, Haaretz, Al Quds 

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