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Gaza

«Instrumentalisierung humanitärer Hilfe»

11. Januar 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Gaza Nahrungsmittelverteilung
Gerangel um gespendete Nahrungsmittel in Nuseirat im zentralen Gazastreifen. Das Essen droht künftig gar noch knapper zu werden. (Bild vom 17. Dezember 2025, Keystone/AP Photo, Abdel Kareem Hana)

Israel untersagt 37 internationalen Hilfsorganisationen, sich weiterhin um die Menschen in Gaza zu kümmern. Es sei denn, sie halten sich an Auflagen, welche die NGOs jedoch als inakzeptabel betrachten. Betroffen ist auch Médecins sans Frontières. MSF wird in einem Bericht des zuständigen Ministeriums als «extrem hohes Risiko» für die Sicherheit des jüdischen Staates eingestuft.

Für internationale NGOs ist in Israel das Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten und Bekämpfung des Antisemitismus zuständig. In einem 25-seitigen Kommissionsbericht wirft das Ministerium der Organisation MSF «gravierendes Fehlverhalten» vor: Die Aktivitäten der NGO in Gaza seien bloss «der Vorwand von humanitärer Tätigkeit» und sie fördere «ein extrem anti-israelisches Narrativ». Auch sei das Büro von MSF in Gaza unter Umständen von palästinensischen Militanten infiltriert. 

Der Bericht nennt ein Mitglied des palästinensischen Islamischen Dschihad und einen anderen MSF-Angestellten, der, 2023 getötet, in den Sozialen Medien Unterstützung für die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) geäussert habe. Die Kommission sagt ferner, es habe sich in beiden Fällen «nicht nur um isolierte Vorkommnisse» gehandelt. Weitere Bespiele aber nennt sie keine.

Angeblich unzulässige Kritik

Deshalb verlangt Israel von den internationalen NGOs, die Namen und Identitäten ihrer palästinensischen Mitarbeitenden in Gaza preiszugeben. MSF will das nicht – mit Verweis auf die seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober über 500 getöteten Angehörigen des medizinischen Personals, unter ihnen 15 von MSF. Man verrate, heisst es, nicht die Namen von Leuten an jene, die solche getötet hätten. 

Der Ausschuss zitiert eine lange Liste von Beispielen, in denen MSF oder ihre Mitglieder Israels Krieg in Gaza als «Völkermord» charakterisiert, die «systematische Zerstörung in Gaza» kritisiert oder Aufrufe für ein Waffenembargo gegen Israel unterstützt hätten – für das Ministerium Gründe genug für «gravierende administrative Massnahmen» gemäss neuen Richtlinien.

«Empörender Übergriff»

Claire San Filippo, welche die Nothilfe von MSF in Gaza koordiniert, nennt das Vorgehen der israelischen Regierung «einen empörenden Übergriff». Sie verwehrt sich auch gegen eine Aussage jener Einheit der israelischen Armee (IDF), die dafür zuständig ist, die humanitäre Hilfe für Gaza zu erleichtern. Diese habe festgestellt, MSF sei in Sachen medizinischer Hilfe in Gaza gar nicht so wichtig. 

Die NGO, heisst es seitens der IDF, habe seit Inkrafttreten des Waffenstillstands am 10. Oktober 2025 lediglich 95 Lastwagenladungen mit Hilfsgütern ins Gebiet gebracht und betreibe nur «fünf von 220 medizinischen Kliniken in Gaza». MSF dagegen argumentiert, die israelische Armee habe eine Vielzahl von Lastwagen daran gehindert, ins Territorium zu fahren. 

MSF-Vertreterin San Filippo widerspricht der israelischen Einschätzung, was die Wichtigkeit ihrer Organisation in Gaza betrifft. MSF mit ihren 60 Ärztinnen, Ärzten und Pflegenden sowie 1’200 lokalen Mitarbeitenden betreibe oder unterstütze mehr als zwanzig Prozent der verbliebenen Spitalbetten, betreibe Kliniken für Menschen mit traumatischen Verletzungen und chronischen Krankheiten, behandle unterernährte Kinder sowie andere Patienten und habe im vergangenen Jahr 700 Millionen Liter Wasser verteilt: «Wenn wir nicht arbeiten können, wird das für Hunderttausende von Palästinenserinnen du Palästinensern gravierende Folgen haben.» 

Mehr Hilfe nötig 

In einem Interview mit Christiane Amanpour auf CNN hat MSF-Generalsekretär Christopher Lockyear vergangene Woche genauere Zahlen genannt, welche die Tätigkeit seiner NGO in Gaza illustrieren: MSF hat 2025 den Betrieb und das internationale Personal für sechs Spitäler finanziert, zwei Feldlazarette, acht Erste-Hilfe-Stationen und Kliniken sowie zwei von fünf Stabilisierungszentren unterhalten. Ihre Ärztinnen und Ärzte haben 100’000 Verwundete versorgt, mehr als 20’000 Patienten operiert und bei einem Drittel der Geburten in Gaza assistiert.

Angesichts der Verhältnisse in Gaza, sagte Lockyear, sei es notwendig, im Gebiet mehr humanitäre und medizinische Hilfe zu leisten – und nicht weniger. Nach wie vor litten 76 Prozent der Bevölkerung unter Nahrungsmittelknappheit. Israel, so sein Vorwurf, instrumentalisiere humanitäre Hilfe für politische Zwecke. MSF dagegen tue das nicht. 

«Die letzten ausländischen Zeugen»

Die palästinensisch-kanadische Juristin Diana Butt, in Haifa domiziliert, nennt Israels Vorgehen gegen internationale Hilfsorganisationen, diese «letzten ausländischen Zeugen» in Gaza, einen «Tod durch tausend Schnitte». Es sei der langsame, methodische, bürokratische Weg, etwas zu töten oder zu zerstören, den die israelische Regierung seit Jahrzehnten perfektioniert habe: «Der Weg beinhaltet stets ein falsches Sicherheitsargument, aber die wirkliche Gund ist, das palästinensische Leben zu kontrollieren, den Alltag unmöglich zu machen, uns mit der Zeit auszulöschen.» 

Es sei, so Diana Butt, ein Muster. Es äussere sich nicht nur darin, dass Israel versuche, Land zu stehlen, Checkpoints zu errichten oder Häuser zu zerstören, sondern auch in der Art und Weise, wie der Staat versuche, die Arbeit von palästinensischen und internationalen NGOs zu kontrollieren. 

Nur «ernsthafte Bedenken»

Das Vorgehen gegen die internationalen NGOs sei geplant und vorhersehbar gewesen: «Trotzdem ist die Empörung der Regierungen jener Länder, aus denen diese wichtigen Hilfsorganisationen stammen, im besten Fall minim ausgefallen.» Einige Aussenministerien, unter ihnen jene Frankreichs, Norwegens und der Schweiz, hätten nur «ernsthafte Bedenken» geäussert und von einem «inakzeptablen» Schritt gesprochen: «Wow. Das wird die Israelis das Fürchten lernen.»

In der Tat ist seit Inkrafttreten des Waffenstillstands in Gaza, der auch als «Friedensplan» verkauft worden ist, die internationale Kritik an der Politik der israelischen Regierung weitgehend verstummt, auch wenn die IDF das Abkommen fast täglich verletzt und die Blockade von Hilfsgütern weitgehend fortsetzt. Auch die Hamas bleibt nicht untätig. In der Öffentlichkeit, sagt Tarik Keeney Shawa, Mitarbeiter des palästinensischen Polit-Netzwerks Al-Shabaka, herrsche offenbar der Eindruck vor, mit der Waffenruhe sei alles in Gaza auf guten Wegen.

«Pure Propaganda»

Doch der Politologe zweifelt daran, dass Israel, zumindest was die USA betrifft, dieses Narrativ längerfristig wird aufrechterhalten können: «Es wird ihnen nicht gelingen, Israels Stellung in der amerikanischen Politik erneut unangreifbar zu machen – dieser Zug ist abgefahren.» Umfragen zeigen, dass in den Staaten, vor allem unter Jungen, die Unterstützung Israels im Sinken begriffen ist. Dies, obwohl Ex-Aussenministerin Hillary Clinton an einer Konferenz von rechten Unterstützern des Staates Israels davon gesprochen hat, junge Amerikanerinnen und Amerikaner machten sich aufgrund des Konsums Sozialer Medien zu viele Sorgen um Gaza. Videos eines brutalen Krieges, so Clinton, seien «pure Propaganda» und «eine Bedrohung für die Demokratie». 

Für die zornige Juristin Diana Butt ist es am Ende kein Zufall, dass sich das Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten und Bekämpfung des Antisemitismus um internationale NGOs kümmert: «Israel zufolge kommt jegliche Kritik des (…) Staates Antisemitismus gleich und so ist es nur folgerichtig, dass ein mit dem Kampf dagegen beauftragtes Ministerium sich kurzsichtig darauf fokussiert, Organisationen zu zerstören, die sauberes Wasser für Familien in Gaza verteilen (…) oder jene, die Bäckereien Mehl liefern (…) oder jene, die medizinische Hilfe leisten und Ärztinnen und Ärzte schicken oder jene, die sicherstellen, dass Kinder weiter zur Schule gehen können; oder jene Gruppen, die einen Grossteil der Unterkünfte im Küstenstreifen bereitstellen (nachdem Israel über 90 Prozent aller Wohngebäude systematisch bombardiert und demoliert hat): Falls man Israels Logik folgt, macht es Sinn, Kindern in Gaza Prothesen vorzuenthalten, weil das heisst, Antisemitismus zu bekämpfen.»

Zur Erinnerung: Vergangene Woche hat die israelische Armee in Gaza laut Al-Jazeera innert 24 Stunden an mehreren Orten mindestens 13 Menschen, unter ihnen fünf Kinder, getötet. Die Angriffe galten der IDF zufolge der Hamas und ihrer terroristischen Infrastruktur, nachdem Militante eine Rakete abgefeuert hatten, die kein israelisches Ziel traf.

Unter den am Donnerstag Getöteten ist die elfjährige Hamsa Housou, die in einer angeblich sicheren Zone Gazas im Parterre des Hauses ihrer Familie in Jabalya im Schlaf von Kugeln getroffen wurde. Sie lebte noch, als ihr Onkel Aouni ihren blutigen, kleinen Körper fand, aber es dauerte eine halbe Stunde, bis ein Krankenwagen eintraf. Das Mädchen war tot, als es ins Spital eingeliefert wurde. Seit Beginn der Waffenruhe am 10. Oktober hat die israelische Armee in Gaza mindestens 425 Menschen, unter ihnen – Unicef zufolge – mindestens 82 Kinder, getötet und rund 1’200 Personen verletzt. Im selben Zeitraum haben Militante drei israelische Soldaten getötet.

Quellen: New York Times, Washington Post, Guardian, Haaretz, CNN, AFP, Drop Site News

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