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Sprach-Akrobatik

Alles in einem Wort

17. Juli 2020
Urs Meier
Die Vokabel «Welt» zeigt, worauf wir uns mit der Sprache einlassen.

Eigentlich sieht es ja nach einem einfachen Wort aus, dieses «Welt». Es mag zwar etwas ungenau und pauschal sein, da es alles um uns herum in eine einzige Silbe fasst. Doch aufgepasst: Der Artikel «Welt» ist im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm 66 eng bedruckte, mit komprimierter lexikalischer Information aufwartende Spalten lang. 

Es ist schon mal ein himmelweiter Unterschied, ob es um «die Welt» oder «eine Welt» geht. Der unbestimmte Artikel weist auf einen Wortsinn, der etwas Überschaubares meint: Die Welt der Fliegenfischerei kommt jener der Philatelie ebenso wenig ins Gehege wie die des Frühmittelalters mit unserer modernen Welt kollidiert. «Welten» lassen sich offensichtlich beliebig abteilen und eingrenzen, und es bereitet keine grosse Mühe, sich von den jeweiligen Ensembles an Bedeutungen wenigstens eine ungefähre Vorstellung zu machen.

Geht es aber um «die Welt», die «alles» meint, wird es mit dem Vorstellen schwierig. Dennoch steht das Welt-Wort (ohne explizite Eingrenzungen) durchaus hoch im Kurs. So heisst es etwa, ein Kind sei auf die Welt gekommen, eine Erfindung verändere die Welt oder die Welt sei unsicherer geworden. Wir verstehen, was jeweils gemeint ist und hätten auch kein besseres Wort, das dieses weitgefasste «die Welt» ersetzen könnte.

Der Totalitätsbegriff «die Welt» hat zwei Wurzeln. In sich aufgenommen hat er den Sinn von «Äon» – Zeitalter, Weltalter – und von «Kosmos» – sinnverwandt mit «Schöpfung» –, von Begriffen also, die als weltliche Gegenstücke zu Gott und Ewigkeit mit diesen zusammen einst das mittelalterlich-christliche Weltbild umrissen haben.

Philosophisch ist «die Welt» ein metaphysischer Begriff. Wer ihn benützt, stellt strenggenommen auf ein vergangenes Weltbild ab. Es war einst die Voraussetzung dafür, systematisch in Begriffen von Welt und Gott, Zeit und Ewigkeit denken zu können – Gegebenheiten also, die in ihrer Totalität über den Horizont des Vorstell- und Erkennbaren hinausgehen. Nichts anderes ist gemeint mit dem Fachterminus «Metaphysik».

Ob ein metaphysisches Denken im heutigen Erfahrungskontext noch plausibel sei, ist in der Philosophie der Gegenwart zumindest umstritten. Für die meisten Vertreterinnen und Vertreter der Zunft steht jedenfalls fest, dass wir in nachmetaphysischen Zeiten leben. Immanuel Kant hat die Welt- und Gottesbilder zertrümmert sowie die Gewissheit menschlichen Zugriffs auf die Realität aufgelöst. In unseren Tagen entzieht die moderne Physik dem Mikro- und Makrokosmos jede Anschaulichkeit. Hinter diese Stationen der philosophischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnis führt kein Weg zurück. Die vertrauten Totalitätsbegriffe sind, streng genommen, obsolet geworden. 

Selbstverständlich aber bleibt der Ausdruck «die Welt» trotzdem unersetzlich. Alltagssprache kommt nicht aus ohne diesen Ausgriff auf «alles», so illusionär er auch sein mag. Alltagsidiome, so zeigt dieser kleine Rundblick, führen alles mit sich, was jemals gegolten hat. Sie sind Spiegel der Gegenwart und Archive des Vergangenen in Einem. Das sollten sich Puristinnen und Sprachwächter zu Herzen nehmen, die dem Korpus des Geschriebenen und Gesprochenen mit jakobinischem Furor zu Leibe rücken, um es ins Korsett aktuell dominanter Richtigkeiten zu zwängen.

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