Armes Mexiko

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Armes Mexiko

Von Armin Wertz, 27.01.2017

Seit seiner Unabhängigkeit kämpft Mexiko um seine Souveränität. Donald Trump ist nur eine weitere Episode in diesem Kampf.

Sie klingen verdächtig rassistisch, Donald Trumps Äusserungen über Mexiko und die Mexikaner. Als „Menschen, die viele Probleme haben“, hat er die südlichen Nachbarn beschrieben, als „Kriminelle und Vergewaltiger“. Die Regierung in Los Pinos versuchte, höflich zu bleiben und die Pauschalurteile zu überhören.

Die Provokation

Für kommenden Dienstag war der Besuch des mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto im Weissen Haus geplant. Doch dann wählte US-Präsident Donald Trump den vergangenen Mittwoch, just den Tag als sowohl der Aussen- als auch der Wirtschaftsminister Mexikos in Washington weilten, um den Bau der lange angekündigten Mauer entlang der gemeinsamen Grenze mit Mexiko offiziell per Dekret anzukündigen und von Mexiko zu verlangen, auch noch für die Kosten der Mauer zu „100 Prozent“ aufzukommen – auch wenn die USA das Geld zunächst vorschiessen müssten.

Vergangenes Jahr hatte er die Höhe der Kosten bei „wahrscheinlich acht Milliarden Dollar“ anberaumt. Andere Schätzungen gingen von 15 und einige sogar von 40 Milliarden Dollar aus. Als Mexikos Präsident die amerikanischen Forderungen zurückwies, twitterte der US-Präsident wenig diplomatisch: „Wenn Mexiko nicht für die dringend benötigte Mauer zahlen will, dann wäre es besser, das Treffen abzusagen.“

Berüchtigte Verbrecherkartelle aus den USA

Als Präsident Peña Nieto auf diese Provokation seinen Besuch in Washington abgesagt hatte, kündigte ein Sprecher Trumps an, zur Finanzierung der Grenzmauer solle ein Strafzoll von zwanzig Prozent auf Importe aus dem Nachbarland erhoben werden. Trump hatte zuvor davon gesprochen, eine Steuer auf die Auslandsüberweisungen mexikanischer Arbeiter in den USA zu erheben, um so die Kosten für den Bau der 3‘200 Kilometer langen Mauer zu decken.

Mit der Grenzmauer wolle er die illegale Einwanderung aus Mittelamerika und Mexiko und die Drogenkriminalität bekämpfen, begründete der US-Präsident seine Lust am Mauerbau. „Wir sind mitten in einer Krise an unserer südlichen Grenze“, sagte er. Die illegale Einwanderung aus Zentralamerika schade sowohl den USA als auch Mexiko. „Eine Nation ohne Grenzen ist keine Nation.“ Er wolle die Rechtstaatlichkeit in den USA wieder herstellen. Trump vermied es zu erwähnen, dass eines der berüchtigtsten und brutalsten Verbrecherkartelle, die in Mexiko und Mittelamerika operieren und dort die massive Fluchtbewegung nach Norden ausgelöst haben, die „Zetas“, eine Gründung ehemaliger amerikanischer Special Operations Forces ist, ein amerikanischer Export, der über U-Boote und Panzer verfügt.

Die Monroe-Doktrin

„Armes Mexiko, so fern von Gott und so nahe bei den Vereinigten Staaten“, hatte der langjährige Diktator Mexikos, Porfirio Díaz, schon vor über hundert Jahren geklagt. Tatsächlich hat Mexiko vermutlich am meisten unter der amerikanischen Vorstellung gelitten, Lateinamerika als seinen natürlichen Hinterhof zu sehen. Dazu war schon 1823 in Washington die Monroe-Doktrin geschrieben worden, die der mexikanische Präsident Venustiano Carranza 1919 ausdrücklich ablehnte. Er werde diese Doktrin nicht anerkennen, „weil sie gegen den Willen der Völker Amerikas eine Regelung begründet, zu der sie nicht befragt wurden ... Diese Doktrin greift die Souveränität und Unabhängigkeit Mexikos an und würde allen Nationen Amerikas die Vormundschaft (der USA) aufzwingen.“

Und „nach dem (2. Welt-)Krieg“ wurde die westliche Hemisphäre in Washington „als natürliche Einflusssphäre der USA und ausserhalb der Reichweite der Vereinten Nationen“ angesehen, schrieb der amerikanische Historiker Walter LeFaber. Donald Trumps rüpelhaftes Vorgehen scheint nur eine neue Episode im nun bereits zweihundert Jahre währenden Ringen Mexikos um die eigene Souveränität zu sein.

Amerikanischer Landraub: erst Texas ...

Das Land hatte sich kaum die Unabhängigkeit von Spanien erkämpft (1821), als es schon lernen musste, wie begrenzt seine Souveränität tatsächlich war. Durch seinen Botschafter in Mexiko-Stadt übte Präsident James Monroe Druck auf die dortige Regierung aus, das Gebiet zwischen den Flüssen Mississippi, Río Bravo (amerikanisch: Rio Grande) und Colorado für 1,5 Millionen Dollar zu verkaufen.

Nur ein Jahr später, 1926, erlaubte Mexikos Regierung amerikanischen Einwanderern, in seiner Provinz Tejas zu siedeln – eine Grosszügigkeit, die Mexiko noch bitter bereuen sollte. Kaum hatten sich die Amerikaner dort niedergelassen, drängten sie auch in die angrenzenden Provinzen und riefen im Gebiet zwischen dem Golf von Mexiko und dem Red River (in etwa das Gebiet des heutigen mexikanischen Bundesstaates Tamaulipas) die unabhängige Fredonian Republic aus.

Ungeachtet des Verbots der Sklaverei brachten die weissen Amerikaner Sklaven mit in die Provinz und kümmerten sich wenig um die Gesetze ihres Gastlandes. Trotz der folgenden Bemühungen der Regierung in Mexiko-Stadt, eine weitere Einwanderung zu unterbinden, lebten 1835 schon 30‘000 Amerikaner in Texas, sechsmal mehr als einheimische Mexikaner. Mit Präsident Andrew Jacksons Zusicherung auf militärischen Beistand begann Sam Houston, was in der amerikanischen Folklore heute noch als „der texanische Unabhängigkeitskrieg“ gefeiert wird. Zehn Jahre später erklärte Präsident James Polk offiziell die Annexion von Texas.

... dann ein halbes Land

Als daraufhin Mexiko die Beziehungen zu den USA abbrach, entsandte Präsident Polk einen Sonderbeauftragten, John Slidell, zu Verhandlungen nach Mexiko-Stadt. Slidell sollte das Gebiet von Neu-Mexiko für fünf und Kalifornien für 25 Millionen Dollar kaufen. Als die Mexikaner ablehnten, Slidell auch nur zu empfangen, sah Polk darin einen „klaren Kriegsgrund“ und befahl seinen Militärs, weiteres mexikanisches Gebiet am Río Bravo zu besetzen. Daraufhin griffen mexikanische Truppen die Invasoren an. Mit der Begründung, Mexiko „ist in unser Territorium einmarschiert und hat amerikanisches Blut auf amerikanischem Boden vergossen“, erklärte Polk Mexiko den Krieg. Unter dem Druck der amerikanischen Übermacht unterzeichnete Mexiko am 2. Februar 1848 den von Washington diktierten Vertrag von Guadelupe Hidalgo, in dem es 1,3 Millionen Quadratkilometer verlor. Damit vergrösserte Polk das US-Territorium um die späteren Bundesstaaten Neu-Mexiko, Utah, Nevada, Arizona, Kalifornien sowie Teile von Colorado und Wyoming.

„Ich glaube nicht, dass es jemals einen bösartigeren Krieg gab als jenen Krieg, den die Vereinigten Staaten gegen Mexiko führten“, sagte US-Präsident Ulysses Grant mehr als 30 Jahre, nachdem er als junger Leutnant in diesem Krieg gedient hatte. „Es war einer der am wenigsten gerechtfertigten Kriege, die je von einer stärkeren gegen eine schwächere Nation geführt wurden.“

Doch Washington hatte noch nicht genug. Nur fünf Jahre später wies Präsident Franklin Pierce seinen Botschafter in Mexiko-Stadt an, mit der mexikanischen Regierung über den Kauf weiteren mexikanischen Landes zu verhandeln. Die Mexikaner, noch immer unter dem Schock der schweren Niederlage und dem Verlust nahezu der Hälfte ihres Territoriums, wagten nicht, es erneut auf einen Machtkampf mit dem übermächtigen Nachbarn ankommen zu lassen, und verkauften schliesslich für zehn Millionen Dollar zusätzliche 30‘000 Quadratmeilen ihres Landes an die USA.

Massive US-Präsenz in Mexiko

Vier Jahre später versuchte US-Präsident James Buchanan, die mexikanische Regierung zur Abtretung Baja Californias zu zwingen. Die damals (1858) wachsenden innenpolitischen Spannungen zwischen den Nord- und Südstaaten der USA veranlassten Buchanan schliesslich, das Ziel nicht weiter zu verfolgen und retteten die Mexikaner vor weiteren Gebietsverlusten. Als die Mexikaner 1911 nach dreissig Jahren Militärdiktatur unter General Porfirio Díaz und erst nach den Rebellionen des Bauernführers Emiliano Zapata und des ehemaligen Banditen Francisco „Pancho“ Villa den General endlich losgeworden waren, sandten die USA Kriegsschiffe in die Häfen von Veracruz, Tampico, Acapulco und Mazatlán, und Washingtons Botschafter in Mexiko-Stadt, Henry Lane, organisierte den Sturz des gewählten und populären Präsidenten Francisco Madero, verhalf einem weiteren General an die Macht und löste so die mexikanische Revolution aus, die zehn Jahre dauern und zehn Prozent der Bevölkerung das Leben kosten sollte.

Neueren Datums muss Mexiko andere Einmischungen des Nachbarn akzeptieren. In den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts sassen in den Büros des mexikanischen Finanzministeriums amerikanische Experten und bestimmten die Finanzpolitik des Landes. Doch als 1992 der Peso abstürzte, gaben die USA Mexiko die Schuld an dem Disaster. Um den Flüchtlingsstrom aus Mittelamerika einzudämmen, begann die US-Navy unter Präsident Barack Obama, zwölf Stützpunkte entlang der mexikanischen Grenzflüsse anzulegen, während die Armee in Zusammenarbeit mit der NSA, CIA, DEA und dem FBI entlang der Grenze Mexikos zu Guatemala drei Sicherheitscordons einrichtete. Und derzeit organisiert Mexikos sozialdemokratische Opposition der Partei der Demokratischen Revolution Demonstrationen gegen den Bau eines US-Militärstützpunktes in Puebla.

Und nun also die Mauer? Angesichts der Erfahrungen, die Mexiko in der Vergangenheit mit den USA gemacht hat, stellt man sich unwillkürlich die Frage: Wer profitiert mehr von einer solchen Mauer?

Kommentare

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D. Trumps "Make America great again" ist so auffassen, dass er sagt, was er will, nämlich Eigennutz für die USA.
Er ist eben ein Geschäftsmann durch und durch. Die "Grösse" wird also in Form von Umsatz und Gewinn gemessen.
Die Macht der USA bestand insbesondere darin, dass die kleineren westlichen Staaten hoffen konnten, im Ernstfall auf militärische Hilfe durch die USA zurückgreifen zu können. Wenn das nun wegfällt, weil D. Trump dafür kassieren will, werden diese Staaten sich umorientieren und gegebenenfalls neue Koalitionen eingehen müssen. Europa hat da wenigstens die EU. Anderswo sieht es weniger stabil aus.

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