Architektur in Zürich: herzzerreissend-schlecht

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Architektur in Zürich: herzzerreissend-schlecht

Von Max Winiger, 14.02.2013

Size matters: Damit hat es sich auch schon mit dem Zürcher Spirit in Sachen hervorragende Architektur. Hauptsache höher als Basel. Alles andere ist ein Trauerspiel. Unter dem Generationen leiden werden.

Ich bin Stadtzürcher. Ich lebe und arbeite in Zürich. Und ich finde Zürich eine wunderschöne Stadt. Solange ich das alte Zürich anschaue, die Postkartenidylle geniesse.

Oder im Bahnhof Stadelhofen auf die S-Bahn warte. Denn der ist ein architektonisches Meisterwerk. Oder das Schulhaus Leutschenbach bestaune. Aber da bin ich selten.

Ansonsten bin ich fast monatlich aufs Neue schockiert, wenn ich in Zürich herumkurve. denn in Zürich wird permanent gebaut. Die Stadt platzt aus allen Nähten. Was jedoch hingestellt wird, meist in atembereaubendem Tempo, ist in den seltensten Fällen eine Augenweide. Meistens ist es Reissbrettarchitektur, viereckig, kalt, aus Beton und Glas, manchmal auch aus einem dunklen Stein. Alles sieht mit Nuancen gleich aus, kalt, abweisend, städtebaulich furchtbar. Und langfristig grässlich. Da werden Kuben hingestellt, die das Stadtbild nachhaltig negativ prägen.

In Sachen mutige Architektur ist Zürich eine Verhindererstadt. Hier wird der Status Quo gepflegt. Geduldet wird einzig Chlötzliarchitektur bei der ich mich manchmal frage, ob dazu wirklich ein Architekturstudium nötig ist. Kein Dialog mit der Umgebung, kein Eingehen auf quartierspezifische Strukturen, kein Weiterführen imaginärer Linien, kein Spiel mit Materialien und vor allem keinerlei Eingehen auf die Tatsache, dass letztlich Menschen da mal arbeiten und/oder wohnen sollen. So werden Kasernen gebaut. Aber Wohnraum in der grössten und dynamischsten Stadt der Schweiz mit Weltruf?

«Bauten formen das Stadtbild. Sie geben ihm eine Identität und eine bestimmte Qualität. Gute Architektur hat in Zürich Tradition. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, fördert die Stadt die Diskussion über Architektur und Städtebau.» Das schreibt das Hochbaudepartement der Stadt Zürich auf seiner Website. Für mich ein Witz. Zumal das Hochbaudepartement ja auch nur die Diskussion fördert. Und wenn ich mir dann die Liste der ausgezeichneten Bauten 2006 bis 2010 anschauen will (aktueller ist diese Liste am 14. Februar 2013 nicht), dann finde ich da 11 ausgezeichnete Bauten, die obligate Tramhaltestelle inbegriffen (die am Limmatplatz, warum auch immer). Überhaupt glaube ich langsam, dass Zürich am liebsten Tramhaltestellen um- oder neu baut. Und vor allem da Geld und architektonisches Flair investiert.

Ganz anders Basel. Da wird jetzt der Neubau der Messe Basel eingeweiht. 22 Monate Bauzeit, 430 Millionen Kosten, beides (Timelines und Kostenrahmen) eingehalten, 89% der vergebenen Arbeiten gingen an Schweizer Unternehmen. Architektonisch herausragend. Mutig, innovativ und überhaupt. Und nur ein weiterer Meilenstein der Basler Architektur. Bravo, kann ich da nur sagen. Eine Visitenkarte für unser Land. Und mit Sicherheit nicht der letzte herausragende Bau in der Stadt am Rhein. Man sollte Architekten und zuständige Politikerinnen und Politiker aus Zürich zwingen, zu Fuss nach Basel zu marschieren und dort mal zu lernen, wie städtebaulich herausragende Architektur in der Schweiz realisiert werden kann.

In Zürich wird ein Projekt nach dem anderen für ein neues Kongresshaus abgeschossen, machen wir uns mit dem Kran an der Limmat international lächerlich und wird verzweifelt versucht, die 16 Meter hohe Kunstschleuder im Hardaupark doch noch irgendwie als Kinderschaukel ihrem künstlerischen oder wasauchimmer Zweck näher zu bringen. In Zürich West und in Neu-Oerlikon werden derweil ein Katastrophenklotz nach dem anderen hin gepflastert, quadratisch, praktisch, grässlich und kaum nach Bauabnahme schon so verwelkt wie ein Plattenbau in der alten DDR.

Ansonsten werden in Zürich oberirdisch Parkplätze penibel abgezählt und unterirdisch überteuerte Parkhäuser zu Museen ausgebaut oder deren Eingangsbereiche als Erlebnisparks gestaltet. Das sieht man zwar nicht, wenn man im Restaurant Clouds aus dem Fenster schaut. Aber man sitzt im höchsten Gebäude der Schweiz. Mein Gott, Zürich!

Kommentare

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Bauvorschriften und das Mehrheitsempfinden für gute Architektur sind historisch gewachsen und entsprechend konservativ. Visionäre Bauten kitzeln die Zukunft, und riskieren im Gegensatz zum bekannten Einerlei, dass man sich lange nicht damit abfindet. Und welcher Investor will sich schon an Visionen scheuern, wenn er das schnellstmöglich rentierende Klötzchen geschmeidiger durch die Ämter und durch das Volksempfinden bringt?

Ich wohne seit Jahrzehnten in Zürich und stelle fest, dass diese Stadt sehr umsichtig geplant weiter verschönert wird. Es werden schöne Plätze errichtet, breite Trottoirs mit Bäumen erstellt, ein Juwel von einem Prime-Tower gebaut...... Ich weiss nicht, was Sie sehen, sitzen Sie im falschen Film ?

Sie kritisieren die zeitgenössische Architektur, u.a. weil sie sich als Solitär gebärdere und sie sich nicht einfüge in das Bestehende. Und sie loben den neuen Basler Messebau.

Aber gerade dieser Bau wehrt sich mit Händen und Füssen gegen seine Umgebung. Er ist mit seinen Spitzen aggressiv wie damals an der Expo in Lausanne der Wehrpavillon. Und er ist megaloman: rund 220 Meter lang, 90 Meter tief und über 30 Meter hoch mit keiner Fassadengliederung ausser den modischen wellenschlagenden Alu-Verformungen.

Und - und dies ist sowohl eine städtebauliche wie architektonische Sünde - er überquert und überdeckt einen öffentlichen Platz und privatisiert in so. Er bildet einen Riegel und zerschneidet die Achse Clarastrasse - Badischer Bahnhof. Würde in Paris eines der Boulevard so überbaut, ein Aufschrei ginge um die Welt. Ein grosses Loch soll Tageslicht unter dieses städtebauliche Schande bringen. Doch diese genügt nicht. Licht ins Dunkle muss daher mit Kunstlicht gebracht werden und dies in einer Stadt, die sich der 2000 Watt Gesellschaft verpflichtet fühlt.

Zuvor hat dieser Platz gelebt, ohne dass eine "künstliche" Belebung mit Restaurants usw. für teueres Geld organisiert werden muss.

Dieser Riegel trennt zudem mit den anderen Messebauten - zusammen sind diese Bauten rund 1 km lang - ein vorderes Kleinbasel von einem hinteren. Der hintere Teil wird so der langsamen verslumung anheim gegeben.

Nein, dies ist keine vorbildliche Architektur.

Was Klötze betrifft, stimme ich vollkommen zu und denke auch, warum man dafür Architektur studieren muss. Und es stimmt, dass es das ganze Mittelland betrifft - schaut mal bei uns im Glatttal. Es ist traurig, wie wenig städtebauliches Gefühl vorhanden ist. Da lob ich mir die ewige Stadt Rom, wo uraltes, halbaltes und ganz Neues einträchtig nebeneinander stehen.

Was Klötze betrifft, stimme ich vollkommen zu und denke auch, warum man dafür Architektur studieren muss. Und es stimmt, dass es das ganze Mittelland betrifft - schaut mal bei uns im Glatttal. Es ist traurig, wie wenig städtebauliches Gefühl vorhanden ist. Da lob ich mir die ewige Stadt Rom, wo uraltes, halbaltes und ganz Neues einträchtig nebeneinander stehen.

Auch mir sprechen Sie aus der Seele! Die Bauten, die in Zürich nicht ausschliesslich auf einfachsten rechteckigen Rastern aufgebaut sind und diese in der Fassade noch deutlich zeigen (was ich unter Reissbrettarchitektur verstehe) sind sehr selten. Ich frage mich seit Jahren, woran das liegen mag, dass es in dieser Stadt keinen architektonischen Mut - was heisst schon Mut: wenigstens mal eine Rundung oder eine überraschende Kombination von alt und neu zum Beispiel - und damit auch keine ästhetische Vielfalt gibt. Wie erklären Sie sich das?

de gustibus non est disputandum.............. Da lob ich mir die einheitliche, grosszügige sowjetische Architektur 1935 bis 1992, ebenso die chinesische 1954 bis 1995. Die hatten noch zentral gelenkte Bauästheten! Ich plädiere für ein Bundesamt für Einheitliche, nicht-bünzlige Architektur. Dazu müssen einige Rechte abgeschaft werden, was ja einfach zu machen ist, siehe Abschaffung des Bankkunden geheimnisses.

Pauschaler Rundumschlag. Und wer die Qualitäten des Limmatplatzes nicht sieht und den Monsterschlitten der Messe Basel im Gegensatz dafür toll findet, weil er gross ist und glänzt, ist einfach nur blind.

Aus Ihrem Leitbild: "Ganz bewusst betreiben wir keinen reisserischen Journalismus. Wir richten uns an Leserinnen und Leser, die bereit sind, anspruchsvolle Texte zu konsumieren."

Dies ist die wohl schwammigste städtebauliche Kritik die ich je gelesen habe. Oberflächlicher ist nicht mal ein Gespräch übers Wetter.

Welche Bauten, in Zürich, meinen Sie denn damit Herr Winiger?

Sie sprechen mir aus der Seele! Allerdings wird nicht nur Zürich so verschandelt, sondern die ganze Schweiz — fahren Sie einmal durch die Städte und Dörfer des Mittellandes... Ein— und Mehrfamilien—Klötzchen, soweit das Auge blickt! Dieser "Stil" ist das betongewordene Bünzlitum und dieses offensichtlich die vorherrschende Geisteshaltung unter den Bauherren.

Ich weiss nicht warum, soll der grosse italienische Architekt Nervi gesagt haben, aber alles, was technisch richtig ist, ist auch schön. Über die von den heutigen 'Star-' Architekten erzeugten mutigen Scheuhsale, die nur dem Zweck dienen aufzufallen und damit die ganze Anwohnerschaft beleidigen soll er nichts gesagt haben. Sollte Architektur nicht eher auch nützlich und behaglich und dadurch auch menschenfreundlich sein?

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