Archäologie fürs Ohr

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Archäologie fürs Ohr

Von Alex Bänninger, 23.11.2015

Das hervorragend besetzte "Tritonus"-Oktett erforscht die volksmusikalische Vergangenheit und macht uns jetzt zu Ohrenzeugen des 16. Jahrhunderts.

Volksmusik im "Bären" in Hundwil ist eine stimmige Verbindung von Programm und Ort. Das Restaurant strahlt Gemütlichkeit aus, besitzt kulinarisch und kulturell einen Namen und verfügt über einen ländlich-vornehmen Saal, den Kerzen in silbernen Leuchtern erhellen. Der stilvoll echte Rahmen erhöhte am vergangenen Wochenende den Genuss, mit dem "Tritonus"-Oktett einen ungewöhnlichen volksmusikalischen Stadtrundgang zu unternehmen.

Volksmusik als Sozialgeschichte

Wir können uns lesend ins 16. Jahrhundert vertiefen und anhand von Wandgemälden und Stichen eine Vorstellung der von Reformation und Gegenreformation zerrissenen Epoche gewinnen. Eine einmalige Ahnung dessen, wie die Volksmusik in der städtischen Schweiz vor fünfhundert Jahren klang, vermittelt "Tritonus".

Seit dreissig Jahren ist das Ensemble darauf spezialisiert, alte Volksmusik zu erforschen und den neben den Ländlern bestehenden Reichtum hörbar zu machen. Hierfür muss eine doppelte Schwierigkeit überwunden werden. Zum einen gibt es kaum schriftliche Überlieferungen, zum andern wurden heute nicht mehr gespielte Instrumente benutzt.

"Tritonus" mit seinem spiritus rector Urs Klauser, Musikhistoriker und Instrumentenbauer, rekonstruiert Lieder, Balladen und Tänze anhand von Lautentabulatoren, zeitgeschichtlichen Darstellungen musizierender Gruppen und von Gerichtsakten, in denen es mit teils sehr genauen Beschreibungen ums unerlaubte Aufspielen ging. Die Geschichte der Volksmusik ist auch eine Sozialgeschichte.

Kreativer Umgang mit dem Erbe

Die verdienstvolle und anerkannte "archäologische Arbeit fürs Ohr" ermöglichte die neue CD "urbanus" mit alter Volksmusik aus Schweizer Städten. Mit den Funden pflegen die virtuosen Musikerinnen und Musiker einen kreativ souveränen Umgang.

Sie kombinieren alte, teils nachgebaute Instrumente wie die Sackpfeife, die Schalmei, die Drehleier, das Hackbrett, die grosse und kleine Violone und die Viola d'amore mit modernen Instrumenten wie Sopransaxophon und Bassklarinette.

"Tritonus" nimmt sich auch, bei allem Respekt fürs volksmusikalische Erbe, die Freiheit, die Lieder und Balladen mit neuen Melodien und aktualitätsbezogenen Texten zu ergänzen. Die archaische Musik gewinnt an Lebendigkeit.

Zu viel der Erklärungen

Die CD bestimmte das Programm im Hundwiler "Bären". Viermal riefen Nachtwächterlieder die Stunden aus, denen musikalische Begegnungen mit Liebenden, Zechenden und Lichtscheuenden folgten. Hinhörend entstanden heitere, ausgelassene und melancholische Szenen der urbanen Schweiz im 16. Jahrhundert. Beinahe so, als hätte es bereits damals Tonaufzeichnungen gegeben.

Was auf der CD als spannende Dichte überzeugt, wirkte als Live-Konzert interpretatorisch zwar ebenfalls meisterhaft, aber dramaturgisch schwerfällig. Das lag einerseits daran, dass das Publikum auch nach kürzesten Stücken applaudierte. Sie waren zahlreich, weshalb die Sympathiebekundungen den Ablauf eher störten als ihn beschwingten.

Anderseits war es "Tritonus" ein Bedürfnis, das Programm immer wieder zu erklären. Das Konzert rückte zeitweilig in die Nähe eines Seminars. Der Funke wollte nicht richtig springen. Live blieb das 16. Jahrhundert ferner als auf der CD, der so etwas wie eine packende Direktschaltung gelingt.

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